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Ein Beitrag von Dr. Helmut Bansa, München

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Inhalt:

  Hintergrund
  Problembewusstsein
  Frühe Massenmethoden
  Definition
  Die Suche nach gasförmigen Methoden
  Die Anlage in Ottawa
  Die Französische MMC-Anlage
  Die Battelle Methode
  Die MG3-Methode
  Diäthylzink
  Die Evaluierungen
  Ausblick
  Anmerkungen
 

Hintergrund zum Inhalt

Im Jahre 1807 veröffentlichte der Uhrmacher - heute würden wir sagen: der Feinmechaniker - Moritz Friedrich Illig, ein Arbeitsloser im damaligen unter der Depression nach den Napoleonischen Kriegen leidenden Deutschland, der in der Papiermühle seines Vaters in Erbach im Odenwald herumlungerte, ein Büchlein mit dem Titel "Anleitung auf eine sichere, einfache und wohlfeile Art Papier in der Masse zu leimen [1]." Er schlug darin vor, der Fasersuspension, dem "Stoff", wie die Papiermacher sagen, Alaun zuzugeben, damit das Harz, das nach Illigs Erfindung die Leimung bewirken und, in gelöster Form, ebenfalls den Fasern zuzugeben war, sich auf diesen niederschlägt.

Diese neue Leimungsmethode passte gut zu der neuen Papiermaschine, die einige Jahre zuvor erfunden worden war. Die Papiermacher übernahmen sehr bald diese neue Methode; sie industrialisierten ihre Kunst und änderten die Konditionen des Papiermachens von alkalisch - Hadern, die einige Tage in Kalkwasser lagen, bevor sie geschlagen oder gemahlen wurden - zur sauer - Alaun, Salz der Schwefelsäure, um die Leimung zu fällen.

England, das zu dieser Zeit am weitesten wirtschaftlich entwickelt war, scheint bei die führende Rolle bei dieser Entwicklung gespielt zu haben. Von dort hören wir jedenfalls die ersten Beschwerde über die geringe Alterungsbeständigkeit dieses modernen Papiers [2]. Sie stammt aus dem neunten Jahre nach Illigs Erfindung und lautet - übersetzt - wie folgt: Ich besitze eine Ausgabe der Bibel in Königsoktav, gedruckt in Oxford, im Jahre 1816, die buchstäblich zu Staub zerfällt - literally crumbling into dust - und die teilweise in diesem Zustand war, bevor das Buch jemals benützt wurde. Der Autor diskutiert dann verschiedene Gründe für diesen Zerfall, und unter ihnen ist auch Alaun, das bei der Leimung verwendet wurde.

Es gab damals keine andere Möglichkeit, weder die Entwicklung der Papierherstellung vom Handwerk zur industriellen Produktion aufzuhalten noch die industrielle Leimungsmethode von sauer auf alkalisch umzustellen und Alaun zu vermeiden. Im Gegenteil: die Situation bezüglich der Alterungsbeständigkeit von Papier wurde eher schlechter durch eine andere Erfindung, die Papier von einem relativ teueren Material, das ausschließlich zum Schreiben oder Drucken benutzt wurde, zu einem allgegenwärtigen Massenartikel machte und den Pro-Kopf-Verbrauch von weniger als einem Kilogramm im Jahr zu Illigs Zeiten auf fast 200 kg in unseren Tagen ansteigen ließ. Diese Entdeckung war Holzschliff, erstmals 1845 in einer kleinen Stadt in Sachsen hergestellt von einem Mann namens Friedrich Gottlob Keller, und ca. 20 Jahre danach in den USA in industrieller Weise als Massenprodukt. Weiter wurde die Situation im Hinblick auf die Alterungsbeständigkeit verschlechtert durch die rasche Entwicklung der Papierproduktion, vor allem den Durchbruch der Chemie in dieser Industrie. Im späten 19. Jh. wurde beispielsweise Schwefelsäure als Ersatz für ihr Salz - Alaun - eingesetzt. Es war erst in den späten Fünfzigern unseres Jahrhunderts möglich, Papier industriell unter alkalischen Bedingungen herzustellen und dadurch selbst Holzschliffpapier mit einer akzeptablen Alterungsbeständigkeit auszustatten.

Übrigens: nicht alles Papier, das seit dem Durchbruch der Harzleimung mit Alaun und des Holzschliffs produziert wurde, wird innerhalb einiger Jahrzehnte brüchig, wie manche Voraussagen wollen. Der Ausdruck literally crumbling into dust ist insgesamt übertrieben, und diese Übertreibung bräuchte es gar nicht, denn die wirkliche Situation ist schlimm genug. Sie besteht darin, dass das Papier im Falz brüchig wird und dass einzelne Blätter ausbrechen, Das genügt, um das Buch für den normalen Bibliotheksbetrieb unbrauchbar zu machen. Kopieren aber kann man es in diesem finalen Zustand immer noch. Das Wissen der Welt geht nicht verloren durch den sauren Papierzerfall. Aber der Betrieb der Bibliothek wird erheblich gestört.
 

Problembewusstsein zum Inhalt

Die bibliothekarische Welt nahm erst in der Mitte unseres Jahrhunderts das Problem der zerfallenden Büchern richtig wahr. Den Hauptanstoß dazu gaben die Veröffentlichungen von William James Barrow [3] [4] , einem amerikanischen Buchbinder und Chemiker, der seit 1932 eine Restaurierungswerkstatt unterhielt und später ein bedeutendes Labor in dem Gebäude der Virginia State Library in Richmond. Es war Barrow, der seit den 40er Jahren dieses Jahrhunderts mit Erfolg eine Idee testete, die bereits einige Jahre früher [5] aufgekommen war, nämlich Papier zu stabilisieren, indem man es in Wasser tauchte, das künstlich mit Erdalkalicarbonat angereichert worden war (oder mit Hydroxyd, das sich, sobald es ins Papier eingedrungen ist, in Carbonat umwandelt). Barrows Erfindung dürfte auf der zu seiner Zeit bereits allgemeinen Erfahrungen der Papierrestauratoren beruht haben, dass jede wässrige Behandlung die Dauerhaftigkeit des Papiers verbessert, und dies umso stärker, je härter das Wasser ist. Sehr hartes Wasser ist nichts anderes als wässrige Neutralisierungslösung nach Barrow.
 

Frühe Massenmethoden zum Inhalt

Schon Barrow war klar, dass es hoffnungslos ist, alle vom Zerfall bedrohten Bücher mit Wasser zu entsäuern. Seine Antwort auf das Problem war, die Bücher mit Entsäuerungsmittel einzusprühen, und er experimentierte auch bereits mit in erdalkalihaltigen Chemikalien, die sich in nichtwässrigen Flüssigkeiten lösen und die sich , sobald sie in Papier eingebracht sind, durch das Kohlendioxid der Umluft zu den entsprechenden Erdalkalicarbonaten umsetzen. Barrow testete sogar schon die Entsäuerung mit Gasen. Seine Versuche mit Ammoniak blieben aber unbefriedigend, da sich dessen Salze bald wieder in Säure und Ammoniak zersetzten.

In der Nachfolge von Barrows Versuchen wurden zahlreiche lösungsmittellösliche und gasförmige alkalische Verbindungen auf ihre Fähigkeit hin getestet, Papier zu entsäuern und einen alkalischen Puffer einzubringen [6]. Unter ihnen war auch die, auf welcher später, in modifizierter Form, die erste Technologie einer wirklichen Massenentsäuerung aufbaute. Und mehr: alle Methoden der Massenentsäuerung - mit einer Ausnahme - die bisher zum praktischen Einsatz entwickelt werden konnten, beruhen auf der chemische zu definierenden Gruppe, zu der diese Substanz gehört. Die Substanz heißt Magnesiummethylat [7]; die Gruppe, zu der sie gehört, sind die metallorganischen Verbindungen.
 

Definition zum Inhalt

Bevor wir uns die weitere Entwicklung der Massenentsäuerung anschauen, muss etwas über diesen Begriff gesagt werden. Er ist abgeleitet von einem anderen mit allgemeinerer Bedeutung: Massenbehandlung - geschaffen von Bibliothekaren und Archivaren, die konfrontiert sind auf der einen Seite mit Millionen von Büchern und Akten, die zerstört oder vom sauren Zerfall und anderen Schäden bedroht sind, und auf der anderen mit der Tatsache, daß ein Restaurator nur einige wenige in angemessener Weise behandeln kann: abhängig von dem Schaden und dem intrinsischen Wert zwischen einem pro Woche und einigen hundert pro Tag, aber jedenfalls nicht genug, um Licht am Ende des Tunnels zu sehen: das heißt den Tag an dem alle geschädigten und bedrohten Blätter gefestigt und restauriert sind. Die Vorstellung hinter dem Begriff "Massenrestaurierung" ist weder spezifisch noch einheitlich. Für einige beinhaltete es eher eine Haltung als bestimmte Techniken: nicht die Sorge um das einzelne Stück, sondern um die ganze Sammlung. Andere denken beim dem Wort "Massenbehandlung" einfach daran, dass die Restauratoren schneller arbeiten müssen, was bedeutet, dass vereinfachte Methoden in gleichartiger Weise auf eine große Menge geschädigter Stücke anzuwenden sind: auf Stücke, versteht sich, die den gleichen Schaden haben. Wieder andere denken darüber nach, wie die Arbeit schneller getan werden kann und meinen, dass der Ausdruck "Massenkonservierung" den Einsatz von Maschinen statt von Werkzeuge und Händen bedeutet. Für eine vierte Gruppe - Bibliothekare - liegt das Wesen der "Massenbehandlung" darin, dass ein Verfahren sich nicht einzelnen Blättern, sondern ganzen, unzerlegten Büchern gilt.

Soweit es die Massenentsäuerung betrifft, so ist diese letztere Definition die nützlichste: Massenentsäuerung bedeutet Behandlung von ganzen, unzerlegten Büchern.

Für manche ist auch diese Definition nicht restriktiv genug; sie denken, das Hauptkriterium müssten die Kosten sein. Wenn eine bestimmte Behandlung mehr als, sagen wir 10 Mark pro Buch kosten, dann - so diese Meinung - dürfe man nicht von "Massenbehandlung" sprechen. Das scheint doch zu eng gedacht. Die Beschränkung des Begriffes auf ganze, nicht zerlegte Bücher hat eine ganz wesentliche Bedeutung für die Kosten: man muß das Buch nicht zerlegen und nach der Behandlung neu binden, was in jedem Falle um ein Mehrfaches teurer ist als 10 Mark.

Im Kontext dieser Definition müssen zwei Methode der Entsäuerung, die in Veröffentlichungen und Vorträgen als "Massenverfahren" bezeichnet werden, mit anderen Augen gesehen werden. Das sind die sogenannte "Wiener Methode" und das "Bückeburger Verfahren", beides wässrige Entsäuerungen, wie sie von Barrow zuerst entwickelt, heute Standard in jeder Werkstatt zur Papierrestaurierung sind. In Wien und Bückeburg geschieht das hoch mechanisiert und damit stark beschleunigt und unter Einsatz von spezieller Technik zum Entfernen der kritischen Substanz nach vollzogener Behandlung, nämlich des Wassers. In Wien müssen die Einbände von den Büchern abgenommen werden, in Bückeburg, dessen Verfahren in erster Linie für Archivalien bestimmt ist, werden einzelne Blätter auf ein Fließband gelegt. Beide Verfahren sollen hier, gemäß der Einschränkung, dass "Massenneutralisierung" im Kontext der Bibliothek die Behandlung ganzer, unzerlegter Bücher bedeutet, nicht näher besprochen werden.
 

Die Suche nach gasförmigen Methoden zum Inhalt

Wasser, das flüssige Medium, das in Bückeburg und Wien das Neutralisierungsmittel in das Papier bringt, ist das für diesen Zweck erfolgreichste; es hat aber auch die schwersten negativen Nebenwirkungen auf Bucheinbände. Eine Methode der Massenentsäuerung nach der Definition "geeignet für ganze gebundene Bücher" muss also Wasser vermeiden. Auch andere Flüssigkeiten - Lösemittel - können negative Nebenwirkungen vor allem auf Einbände haben. Die konservierungskundliche Forschung suchte deshalb nach gasförmigen Substanzen. Das nächstliegende alkalische Gas - Ammoniak - war bereits von Barrow getestet und verworfen worden. Später wurden andere getestet: Cyclohexylamin, Diisopropylamin, Morpholin, Hexamethylentetramin, Diethanolamin und andere Namen findet man in der entsprechenden technischen Literatur [8] finden. Alle Versuche, diese Substanzen zum Neutralisieren von Büchern einzusetzen, hatten keinen dauerhaften Erfolg. Es wurden mit ihnen wohl ein- oder auch mehrere Male eine größere Mengen - einige tausend - Bücher behandelt. Die dazu benutzten Vakuumkammern waren eigentlich für andere Zwecke bestimmt; die anbietenden Firmen - ausschließlich in den USA - betrieben die Buchentsäuerung nur nebenbei. Spezielle Anlagen für diese Verfahren entstanden nicht. Nur eine einziger gasförmige Einsäuerungsmethode wurde bis zum routinemäßigen, professionellen Einsatz fortentwickelt, und diese beruht auf der Chemie der metallorganischen Verbindungen wie die mit Lösemitteln, von denen zunächst gesprochen werden soll.
 

Die Anlage in Ottawa zum Inhalt

Magnesiummethylat war wie gesagt unter den ersten lösungsmittellöslichen metallorganischen Verbindungen, die zum Entsäuern von Papier getestet wurden. Es hat aber die Tendenz auf dem Papier fettig aussehende Rückstände zu hinterlassen. Sie gehen auf eine Reaktion des Methylats mit Wasser zurück, das im Papier inkludiert ist. Die Methode wurde deshalb durch Einleiten von CO2 in das Lösemittel - Methanol - modifiziert; die dabei entstehende Substanz nannte ihr Erfinder Methyl-Magnesium-Carbonat (MMC). Die Patentrechte [9] wurde von R.D. Smith erworben. Smith hat seine ganze berufliche Aktivität auf das Entsäuern von Papier konzentriert und eine eigene Firma, die Wei T'o [10] Associates Incorporated in Matteson (Illinois, nahe Chicago) gegründete. Sie bietet heute diverse Sprays und kleinere Anlagen zur Papierentsäuerung an. Smith verbesserte des MMC-Verfahren [11] und war der Partner der Kanadischen Nationalbibliothek in Ottawa, als diese, als erste der Welt, eine Massenentsäuerungsanlage baute. Diese Anlage wurde im Dezember 1981 eingeweiht [12] und arbeitet seither ohne größere Unterbrechungen. Da das Lösungsmittel für MMC, wie gesagt Methanol, manche Kunststoffe und manche Farben, vor allem Stempelfarben angreifen kann und weil es auch nicht ratsam ist, Leder diesem fettlösenden Mittel auszusetzen, können nicht alle Bücher, wie sie im Magazin stehen behandelt werden; es muss ausgewählt werden. Außerdem wird das Mittel in Verbindung mit einer inerten Transportflüssigkeit benutzt, nämlich einem FCKW. Ich will Sie und mich nicht aufhalten mit einer näheren Schilderung des Verfahrens; in den großen Zügen, im grundsätzlichen Ablauf sind alle gasförmigen und Lösemittel-Entsäuerungsverfahren gleich: Die Bücher werden in eine Vakuumkammer gegeben; Luft und Wasser werden aus der Kammer und aus den Büchern abgesaugt, Temperatur und Feuchtigkeit werden so eingestellt, dass sie den angestrebten chemischen Prozess begünstigten; das Entsäuerungssubstanz oder die Proto-Substanz, aus der Entsäuerungssubstanz entstehen soll, wird eingebracht. Nach einiger Zeit, wenn, verfahrensspezifisch verschieden lang - von einigen Minuten bis zu mehreren Stunden - die Durchdringung der Bücher und die Reaktion zur Neutralisierungssubstanz stattgefunden hat, werden überschüssige Chemikalien und Nebenprodukte der Reaktion abgesaugt, die Behandlungskammer und die Bücher werden durch eingeblasene Luft oder Stickstoff wiederholt gereinigt, und abschließend werden die Büchern wurden wieder auf eine Temperatur und einen Wassergehalt gebracht, die dem Aufbewahrungsklima im Magazin entsprechen. Das Entziehen von Wasser, um in den Büchern Platz für die Entsäuerungschemikalie zu schaffen, erfordert bei den meisten Verfahren den größten Aufwand und die längste Zeit. In Kanada waren es 1986 36 h; ich weiß nicht, ob diese Zeit bis heute verkürzt werden konnte. Die kanadische Anlage ist darauf angelegt, die gesamte kanadische Buchproduktion zu behandeln; diese beläuft sich auf ca. 80.000 Bände pro Jahr. Dieses Ziel wurde, soviel ich weiß, nie erreicht, aber das liegt nicht an der Anlage, sondern am Mangel an Arbeitskräften. Die Anlage in Ottawa läuft nur 5 x 8 Stunden in der Woche.
 

Die Französische MMC-Anlage zum Inhalt

Frankreich war, nach Kanada, das zweite Land in der Welt, das eine tatsächlich und täglich arbeitende Massenentsäuerungsanlage installierte. Möglicherweise fühlte sich Frankreich angeregt durch den Erfolg der Anlage in Ottawa, gelegen an der Grenze zum frankophonen Teil des Landes, wo traditionell enge Beziehungen zum "Mutterland" bestehen. Ende der 70er Jahre hatte die Bibliothèque National in Paris - heute Bibliothèque National de France -einen Plan de Sauvegarde entwickelt. In dessen Rahmen [13] erging an das berühmte Centre de Recherche sur la Conservation des Documents Graphiques der Auftrag, das kanadische System zu modifizieren. Das war im Jahre 1982. Zwei Jahre später waren die Forschungen abgeschlossen, und 1987 war man so weit, die Pläne im neu entstandenen Konservierungszentrum der Bibliothek Nationale in Sablé-sur-Sarthe (200 km südwestlich von Paris) in die Praxis umzusetzen.

Die Massenentsäuerungsanlage in Sablé-sur-Sarthe arbeitet genau so wie die in Ottawa, nicht nur im Allgemeinen (was, wie oben gesagt, eigentlich auf jede derartige Anlage zutrifft, mit einer Ausnahme, von der wir noch sprechen werden) sondern auch in vielen Einzelheiten. Über die Arbeit der Anlage in Sablé erschien 1993 ein Erfahrungsbericht [14], und in diesem ist zum ersten Mal ausführlich von den negativen Nebe, Druck- und Stempelfarben und sogar den ganzen Druck, wenn das Papier sehr stark harzgeleimt ist, wie es manchmal im 19 Jh. der Fall war. FCKW, die Transportlösung ist umweltschädlich.
 

Die Battelle Methode zum Inhalt

Die französischen Anstrengungen das nationale Kulturerbe, soweit es in Büchern besteht, zu "retten" indem man eine spezielle Anlage dafür baut, animierte dann offenbar die deutsche Regierung, Hauptpartner Frankreichs innerhalb der EU, zur gleichen Aktivität. 1986 erhielten die beiden großen bundeseigenen deutschen Bibliotheken, die Staatsbibliothek in Berlin und die Deutsche Bibliothek in Frankfurt, (jetzt Frankfurt und Leipzig) den Wink, dass entsprechende Bemühungen eine gute Chance hätte gefördert zu werden. Frankfurt ergriff die Initiative. Andere Bibliotheken mit Erfahrung in der Restaurierung wurden um Mithilfe ersucht. Es wurde eine Beirat berufen und es wurde ein Vertrag geschlossen mit einem Unternehmen, dass auf dem Gebiet der technologischen Entwicklung Erfahrung hatte, nämlich dem Bartel-Institut in Frankfurt, später umfirmiert zu Battelle Ingenieurtechnik GmbH in Eschborn bei Ffm.

Angesichts der vielen Jahren der Forschung, hauptsächlich in den USA, nach so vielen Misserfolgen und angesichts der Tatsache, dass alle Systeme zur Entsäuerung, die aus dem Teststadium heraus zum wirklichen Einsatz entwickelt worden waren, auf der gleichen oder einer sehr ähnlichen chemischen Technologie beruhten, hielt es die Beirat des Forschungsprojektes der Deutschen Bibliothek bei Battelle für unwahrscheinlich, dass eine wirklich neue Methode der Massenentsäuerung gefunden werden könnte, und gab den Rat, dass die Ingenieure von Battelle nicht bei Adam und Eva anfangen, sondern dass sie die vorhandenen Methoden weiterentwickeln und sich dabei auf deren Nachteile bzw. deren Beseitigung konzentrieren sollten. Weiterhin wurde den Ingenieuren von Battelle geraten, sich nicht mit dem DEZ-System zu beschäftigen. Das DEZ-System befand sich damals, 1986/87, im Übergang vom Labor in die Technikumphase, wie der Ingenieurjargon lautet: Großversuche unter Bedingungen, die bereits nahe am praktischen industriellen Einsatz sind. Es zeichneten sich dabei große technologische Probleme ab, und die Library of Congress investierte in die Entwicklung viel mehr Geld als die deutsche Regierung je aufbringen könnte.

Die Ingenieure von Battelle machten ihre Arbeit sehr gut. Nachdem sie die bestehenden Massenentsäuerungsanlagen in Ottawa und Sablé gründlich studiert hatten [15], erstellten sie eine beträchtlich verbesserte Version. Die erste deutsche oder Battelle Anlage - eine Pilotanlage - nahm ihren Betrieb im November 1990 auf dem Battelle-Gelände in Frankfurt auf.

Zu dieser Zeit setzte sich in der Öffentlichen Meinung die Erkenntnis durch, dass die FCKW, die sowohl in Ottawa als auch in Sablé eine entscheidender Rolle spielten, die Ozonschicht in der Stratosphäre zerstören. Es entstanden Initiativen, die FCKW auf längere Sicht vollständig zu bannen. Da auch die andere in Ottawa und Sablé verwendete Flüssigkeit, Methanol, mittlerweile kritisch gesehen wurde, fühlten sich die Ingenieure bei Battelle herausgefordert, nach anderen Lösemittelsystemen zu suchen, und das bedeutete auch die Suche nach anderen Chemikalien zur Entsäuerung - innerhalb der metallorganischen Verbindungen; was anderes kam kaum in Frage. Bei einer Untergruppe derselben wurden die Battelle-Ingenieure fündig: bei den Metall-Alkoxyden oder den Doppel-Alkoxyden [16], beide löslich in niedrigsiedenden Siliconölen, wie sind in der Pharmaindustrie benutzt werden. Die Battelle-Leute gründeten ihre weitere Arbeit auf Magnesium-Titan-Alkoxyd als Entsäuerungsmittel bzw. als Proto-Substanz, aus der, wenn sie in das Papier eingebracht ist, MgCO3 und, als unschädliches Nebenprodukt, TiO2 entsteht. Das Lösemittel ist Hexamethyldisiloxan (HMDO). Im Gegensatz zu FCKW ist HMDO leicht entflammbar: ein Nachteil, der den Umbau der Anlage auf Explosionssicherheit erforderlich machte. Diese technische Entwicklung fiel zeitlich zusammen mit einem politischen Ereignis: mit der deutsche Vereinigung im Jahre 1990. In deren Gefolge ging die bibliothekarische Aufgabe der Bestandserhaltung vom Frankfurter Zweig der neu entstandenen Deutschen Bibliothek - oder vom Frankfurter Zweig der Die Deutsche Bibliothek, wie Der Neue Name wohl grammatisch behandelt werden muss - nach Leipzig über. Dort wurde 1993 in den Räumen der Deutschen Bücherei eine neue Anlage aufgestellt [17], wo bis zum Frühjahr 1998 arbeitete. Seit kurzem ist sie, der allgemeinen Tendenz zur Privatisierung von Dienstleistungen folgend, aus der Bibliothek aus- und einer Privatfirma [18] angegliedert, die die Massenneutralisierung als Dienstleistung allen Interessenten anbietet. Battelle [19], inzwischen ebenfalls von einem Forschungsinstitut zu einem Wirtschaftsbetrieb umgestaltet, errichtete eine eigene Anlage in seinen Räumlichkeiten in Eschborn und bietet die Massenentsäuerung ebenfalls als Dienstleistung an.
 

Die MG3-Methode zum Inhalt

Es wurde mehrfach betont, dass alle Methoden der Massenentsäuerung, die bisher entwickelt wurden - mit einer Ausnahme; auch das wurde schon gesagt - auf derselben chemischen Stoffgruppe beruhen, nämlich auf den metallorganischen Verbindungen. Im Laufe der Entwicklung der Entwicklung erschienen Veröffentlichungen darüber nicht nur in speziellen Bibliotheks-, Archiv- und Restaurierungszeitschriften, sondern auch in allgemeinen Medien, im Feuilleton von Tageszeitungen, im Fernsehen, u.s.w. Solche Berichte erregten die Aufmerksamkeit von Managern der chemischen Industrie. Eine entsprechende Firma, die FMC Corporation, mit ihrer Lithium-Division weltweit führend in der metallorganischen Chemie, sagte sich, dass, wenn auf diesem Gebiet etwas Neues und Besseres gefunden werden könnte, sie die besten Voraussetzungen dafür hätte, weil bei ihr das größte Know-how über metallorganische Verbindungen verfügbar wäre. 1988 begann FMC mit den Forschungsarbeiten und konzentrierte sich dabei auf eine von Bibliothekaren und Archivaren, immer wieder vorgebrachte Forderung, dass nämlich eine bestandserhaltende Maßnahme die Bücher und Akten nicht nur entsäuern, sondern das Papier auch festigen müsse, wie es in Bückeburg [20] und Wien auch geschieht, nur eben zu Lasten von Einschränkungen, die diese beiden Systeme nicht als "Massenbehandlungen" in der für Bibliotheken wesentlichen Definition erscheinen lassen. Die Forscher bei FMC hatten die Idee, das Festigen mit einem Nebenprodukt des chemischen Vorgangs zu verbinden, das die entsäuernde Substanz - Erdalkalicarbonat - entstehen lässt. In Ottawa, Sablé, Leipzig und Eschborn ist dieses Nebenprodukt leicht flüchtiger Alkohol - Methanol oder Äthanol. Der organische Teil der FMC-Chemikalie - sie heißt Magnesium Butoxy Trigloycolat: MC-3 [21] - ist ein höherer Alkohol: Butoxy Tri-Ethoxy Glycol, eine kettenförmige Verbindung mit größeren Molekülen. Die Hypothese der FMC-Chemiker ist, dass diese kettenförmige Verbindung oder auch das MG-3 selbst, eine Molekularkette zwischen den Cellulose-Molekülen bildet und so deren Festigung bewirkt [22]. Die FMC baute eine Entsäuerungsanlage in Bessemer City (Nord Carolina, USA) und entwickelte ein Dienstleistungssystem für Bibliotheken, das auch Verpackung und Transport der Bücher beinhaltete. Es scheint, als ob die bibliothekarische Welt diese Dienstleistung nicht in einem kommerziell lohnenden Ausmaß in Anspruch nahm. Diese Situation wurde verstärkt durch die Gerüchte, die sich aus den Aktivitäten zur Bewertung der Entsäuerungsverfahren ergeben haben, von denen ich gleich berichten werde. Das FMC-Verfahren wurde im Zuge dieser Vorgänge verbessert. Ob die Anlage in Bessemer City noch läuft ist mir nicht bekannt. Man hört nichts mehr von ihr. Die in den späten 80er Jahren verfolgten Bemühungen, in Deutschland eine MG-3-Anlage zu bauen sind jedenfalls aufgegeben.
 

Diäthylzink zum Inhalt

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass die Forschung zur Massenentsäuerung von Anfang an nach gasförmigen Methoden suchte, weil mit ihnen die negativen Nebenwirkungen der Lösungsmittelmethoden vermieden werden können, und ebenfalls wurde schon gesagt, dass die einzige gasförmige Verfahren, das bis zum Großeinsatz fortentwickelt werden konnte, die DEZ-Methode ist. 1974 wurde sie in der Literatur zum ersten Mal erwähnt [23], 1977 wurde sie patentiert [24] und seit 1979 in technischem Maßstab getestet. DEZ ist wie gesagt, bei atmosphärischem Druck und Zimmertemperatur ein Gas. Es zerfällt zu Zinkoxid oder einem Zinksalz, wenn es mit Wasser, mit Sauerstoff oder einer Säure in Kontakt kommt. Die Säure wird dabei neutralisiert; das Zinkoxid ist ein Puffer gegen künftige. Die Befürchtung, dass Zinkoxid und andere Zinksalze Papier schädigen könnten - der Papierrestaurator kennt das Phänomen, dass Papier in Bereichen, die Zinkloxid als Weißpigment tragen, stark vergilbt [25] - hat sich für die sehr geringen Mengen an Zinkverbindung, die das DEZ-Verfahren ins Papier bringt, als unbegründet erwiesen. Das Problem mit DEZ ist seine hohe Reaktivität. Die umrissenen Reaktionen sind in hohem Maße exotherm. Wenn man das, was geschieht wenn DEZ mit einer Säure, mit Wasser oder Sauerstoff in Berührung kommt, als "Explosion" bezeichnet, so ist das nicht übertrieben.

Die Entwicklung der Idee DEZ zur Massenneutralisierung zu nutzen, war nur in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen möglich, das Erfahrung mit Hoch-Vakuum-Kammern hatte, und die Kosten für eine derartige Entwicklung war so hoch, dass nur eine Bibliothek mit dem Budget wie die Amerikanische Library of Congress so etwas in Angriff nehmen konnte. Partner der LC war anfangs eine Firma namens Northrop Services Inc.: die Tests wurden in einer Vakuumkammer beim General Electric Space Center in Valley Forge in Pennsylvania durchgeführt und später in einer Raumfahrtsimulationskammer beim Goddard Space Flight Center der NASA bei Washington [26].

Für das DEZ-Verfahren muss den Büchern sehr präzise alles Wasser bis auf einen kleinen, genau bestimmten Rest entzogen werden: gerade soviel um die gewünschte Menge Zinkoxid (1,5% waren angestrebt) zu erzielen. Wenn mehr Wasser vorhanden ist, verbrennt das Papier; wenn es Wassereinschlüsse oder Stellen mit Säurekonzentration aufweist - Papier, jedenfalls altes, historisches - kann ein durchaus ungleiches Material sein - entsteht ein Brandfleck. Wahrend der Reaktion des DEZ mit Wasser und Säure muss die Kammer gekühlt werden, damit sich das neben Zinkoxid entstehende Äthan nicht entzündet. Nach dem Vorgang muss die Kammer sehr gründlich mit inertem Gas gespült werden. Da den Büchern auf chemischem Wege alles Wasser entzogen wurde, muss ihnen dieses anschließend wieder zugeführt werden.

Bis zum Dezember 1983 wurden mehrere Tests gefahren, mit und ohne Bücher, und nicht alle waren erfolgreich. Am 5. Dezember 1983, nach einem Testlauf ohne Bücher nach Reparaturarbeiten der Anlage im Goddard Space Flight Center, verblieb etwa DEZ in der Kammer, möglicherweise weil einige Leitungen einer Temperatur ausgesetzt waren - es war Winter - bei der das DEZ kondensiert und somit anders auf das Abpumpen reagierte als ein gasförmiger Stoff, für den das Pumpsystem konzipiert war. Beim Öffnen der Tür zur Behandlungskammer entstand ein Feuer, das die Sprinkleranlage in dem Raum auslöste, in dem die Kammer stand. Das Wasser unterbrach die automatische Steuerung, welche restliches DEZ aus allen Zuleitungen hätte entfernen sollen. Es war nicht möglich, den Prozess wieder in Gang zu bringen, und es war auch nicht möglich festzustellen, ob sich noch DEZ in der stillliegenden Anlage befand. Nachzuschauen hätte bedeutet, eine Explosion zu riskieren. Es rückte eine Spezialeinheit der Armee an und prüfte aus der Ferne, ob noch DEZ vorhanden sei, und zwar tat sie das dadurch, dass sie in die Rohre schoss. Es war noch DEZ vorhanden, und es brach ein Feuer aus. Das Abbruchteam bekam es zwar unter Kontrolle aber die Anlage war irreparabel zerstört . Das war am 21. Februar 1986.

Dieser Unfall löste eine gründliche Untersuchung aus, die von heftigen Diskussionen begleitet waren ob das DEZ-System wirklich ein geeignetes Massenneutralisierungsmethoden sei. Das Office of Technology Assessment, eine Institution zur Beratung des Amerikanischen Kongresses in technischen Fragen, führte sie durch. Zwei Jahre nach dem Unfall lag der Abschlußbericht [27] vor. Hauptergebnis war: rein chemisch gesehen ist das DEZ-Verfahren sehr wohl geeignet für die Massenentsäuerung, und wenn man die Richtlinien der LC zugrunde legt, nämlich das 1 Mio. Bücher pro Jahr zu bearbeiten seien, das einzig aussichtsreiche. Der Grund für den Unfall lag im Handling. Die LC übertrug daraufhin die weitere Entwicklung des DEZ Systems dem Hersteller der entscheidenden Chemikalie; diese Firma hieß Texas Alkyls; sie baute eine neue Anlage in Deer Park bei Houston in Texas. Das geschah in eigener Regie der Firma; die LC zahlte nur mehr die Kosten. Im Jahre 1989 wurde Texas Alkyls von der Firma Akzo übernommen, einem der großen chemischen Weltkonzerne mit Heimat in Holland. 1990/91 benutzte die Gesellschaft die DEZ-Methode zur Imagewerbung: in verschiedenen Zeitschriften, Air-Line Journals und so, erschienen Artikel mit dem Tenor: Akzo rettet das Kulturerbe der Welt. In den frühen 90ern war das DEZ-Verfahren neben dem von Battelle entwickelten dasjenige, in das Bibliotheken und Archive weltweit die größten Hoffnungen setzten. 1994 gab Akzo das System auf: Warum? Das ist nicht ganz klar. Von einem Grund, der wohl stark zu dieser Entscheidung beitrug, der aber nicht der entscheidende gewesen sein kann, wird gleich gesprochen. In den Niederlanden, Akzo's Heimat, und auch bei Nostalgikern der LC gibt es Bemühungen, das DEZ-Verfahren wieder zu beleben [28] [29].
 

Die Evaluierungen zum Inhalt

Im Jahre 1990 waren fünf verschiedene Verfahren zur Massenentsäuerung verfügbar bzw. standen kurz vor diesem Stadium: vier davon arbeiteten auf der Basis von metallorganischen Verbindungen, über das fünfte wird noch gesprochen. Nachdem sich die LC aus der Entwicklung von DEZ zurückgezogen hatte und sie Texas Alkyls bzw. Akzo übergeben hatte, waren vier Verfahren, nämlich Wei T'o, Lithco, Akzo und das noch zu nennende, kommerziell als Dienstleistung für jeden Interessenten verfügbar, der es bezahlen konnte. Das fünfte (Battelle) war auf dem Weg dorthin. In dieser Situation veranlassten bzw. veranstalteten die LC und kurz darauf auch das Canadian Conservation Institute in Ottawa eine Untersuchung zum Vergleich der verschiedenen Verfahren. Die LC tat das in Form eines Wettbewerbs. Sie gab verschiedene Bedingungen vor, die für eine zufriedenstellenden Massenentsäuerung zu erfüllen waren. Die Firmen, die meinten diese Bedingungen erfüllen zu können, bekamen eine Auswahl an Büchern zur Behandlung, und ein unabhängiges Testinstitut untersuchte dann, ob die vorgegebenen Bedingungen erfüllt wurden. Die Ergebnisse wurden in vier dicken Bänden [30] veröffentlicht, jeder einige hundert Seiten stark, und da in den USA bei öffentlichen Institutionen wie der LC das Prinzip der Unparteilichkeit streng bis zur Groteske beachtet wird, standen in den Bänden nur Zahlen, Diagramme und andere reine Fakten, ohne jegliche Interpretation. Aus ihnen konnte abgelesen werden, dass keine der Firmen, die an diesem Wettbewerb teilgenommen hatten - das waren Akzo, die Wei T'o Ass. von R.D.Smith und FMC - die Vorgaben der LC voll erreicht hatte. Die vier Berichte waren viel zu umfangreich, um von Entscheidungsträgern in Bibliotheken oder sonst wo gelesen und ausgewertet zu werden, und so ging in der bibliothekarischen Welt bald das Gerücht um: die Massenneutralisierungsmethoden taugen alle nichts! Später erschien, geschrieben von einer Privatperson in einer Zeitschrift, eine differenzierende und die reinen Fakten der Erstberichte beurteilende Studie [31]; deren Tenor war: jede Methode hat ihre speziellen Nachteile und negativen Nebenwirkungen habe und keine erlaubt alle Bücher wahllos zu bearbeiten.

Parallel, etwas später, lief die vergleichende Evaluierung des Canadian Conservation Institute. Sie galt den gleichen Verfahren wie die LC- Aktivität, wurde aber vom Institut selbst durchgeführt. Der interne (vorläufige) Abschlußbericht [32] reiht nicht einfach Zahlen und Diagramme aneinander, sondern zieht Schlussfolgerungen, und in ihnen finden sich wohlüberlegte und fundierte Aussagen, die hier nicht in extenso zitiert werden sollen. Sie laufen auf das Gleiche hinaus wie die wesentliche Aussage in dem Zeitschriftenaufsatz über die LC-Studie: jedes Verfahren hat seine spezifischen Vor- und Nachteile; keines ist ideal, aber es ist auch keines unbrauchbar. Einen Satz aus dem kanadischem Bericht soll doch wörtlich zitiert: In any way it is better to deacidify than to do nothing at all.

Übrigens: bereits vor den amerikanischen und der kanadischen Initiative und besonders intensiv danach gab es noch weitere Untersuchungen, die die verschiedenen in den 90er Jahren verfügbaren Methoden der Massenentsäuerung verglichen und analysierten, eine von Battelle zur Vorbereitung der eigenen Entwicklungsarbeit; eine andere in Frankreich, eine dritte in Holland für die Europäische Union. Alle diese Berichte [33] - sie beruhten nur zum Teil auf eigenen Tests und größerenteils auf Angaben aus der Fachliteratur - kamen zu Schlüssen, die eher den kanadischen als den US-amerikanischen glichen. und die dem Rückschlag, den die LC ausgelöst hatte, abmilderten. Wieweit dieser Rückschlag dazu beitrug, dass eine Methode der Massenneutralisierung, und zwar gerade das vielfach als am aussichtsreichsten beurteilte DEZ-Verfahren, 1994 aufgegeben wurde, können wohl nur die verantwortlichen Manager von Akzo sagen. Dieses Aufgeben bedeutet jedenfalls das Eingeständnis, dass viele Millionen Dollar Entwicklungsaufwand in den Sand gesetzt sind.

Es ist jetzt noch von einer Massenentsäuerungsmethode zu sprechen, welche die Fachwelt - die Papierrestauratoren - nicht recht ernstgenommen, als sie 1980 zuerst präsentiert wurde, die aber im Zuge der Evaluierungen in den 90er Jahren überraschend gute Beurteilungen erfahren hatte. Das ist die Bookkeeper-Methode und ihre deutsche Variante: das Libertec-System in Nürnberg. Sie ist die einzige, die nicht mit metallorganischen Verbindungen arbeitet. Sie verwendet Magnesiumoxid, das in das Buch, auf die Oberfläche des Papiers als ultrafeiner Staub eingebracht wird, dispergiert in Luft, gleichsam in einer Wolke (Libertec) oder in einer inerten Flüssigkeit (Bookkeeper). Das Eindringen von MgO von der Papieroberfläche in das Innere wird in Nürnberg dadurch erreicht, daß die Bücher vor der Behandlung getrocknet und anschließend indirekt gefeuchtet werden. Die Vorstellung, daß das Neutralisierungsmittel nicht in das Papier, wo es gebraucht wird, sondern oben darauf ebracht wird, war der Grund für die falsche Einschätzung dieser Methode durch die Restauratoren. Tatsächlich aber dringt es von der Oberfläche naturgesetzlich sukzessive in das Innere. Das kann sehr lange dauern, und es ist nicht zu erwarten - auch nicht nötig - dass es vollständig geschieht. Es bleibt wohl für sehr lange oder für immer, wenn er nicht mechanisch entfernt wird, ein feiner Staub auf der Papieroberfläche. Angesichts der Rückschläge bei den anderen Entsäuerungsmethoden und besonders angesichts der Tatsache, dass auch die lösungsmittellöslichen Protoverbindungen einen staubigen Belag auf Buch- und Papieroberfläche hinterlassen können, sind die Restauratoren jetzt eher geneigt, über Neutralisierungsstaub auf dem Papier hinwegzusehen.

Die Bookkeepermethode war wie gesagt bereits 1980 von Richard Spartz [34] entwickelt worden. In den 90ern zog sie nähere Aufmerksamkeit auf sich und die einschlägigen Forschungsinstitute in den USA und Kanada unterzogen sie einer intensiven Untersuchungen [35]: mit positivem Ergebnis, wie schon gesagt, positiv jedenfalls auf dem Hintergrund der gedämpften Erwartungen nach den Evaluierungen bezüglich der anderen Verfahren. Es kam zu Kontakten zwischen der Firma, welche seit 1995 in Cranberry (Pennsylvania) eine entsprechende Anlage betreibt, - sie heißt Preservation Technologies, Inc. - und Partnern in Europa um. Einer davon, der mit dem deutschen Ingenieur Oswald Bell, führte, auf Umwegen, die ich hier nicht auszuführen sind, zu der Libertec Variante und einer Anlage auf dem Gelände dieser Firma in Nürnberg [36]. Beide Methoden sind verfügbar und werden von Kunden, d.h. Bibliotheken und Archiven in den USA und in Deutschland genutzt. Als neueste Nachricht ist zu vermelden, dass die LC, ursprünglich Propagator und reicher Investor für das DEZ-Verfahren, mit Preservation Technologies, Inc. einen Vierjahresvertrag zur Behandlung von 250000 Büchern, aufzustocken auf 275000. Von einer Million pro Jahr ist nicht mehr die Rede.
 

Ausblick zum Inhalt

Was wird die Zukunft der Massenneutralisierung sein? Der Rückschlag von 1991 brachte ins allgemeine bibliothekarische Bewusstsein eine Tatsache, die unter Fachleuten nie zweifelhaft war, nämlich dass die Massenneutralisierung kein Allheilmittel für die konservatorischen Probleme ist, die durch die Erfindungen von Illig und Keller entstanden sind. Auch die Wunschvorstellung von Bibliotheksmanagern ist irrig, dass man in einer Großaktion alle Bücher neutralisieren kann und dann seine Ruhe vor der Preservation hat und sich wieder der Elektronisierung und der aktiven Informationsverbreitung widmen kann. Andererseits ist die Massenneutralisierung ein sinnvolles, ein vernünftiges Mittel gegen die säurekatalysierte Hydrolyse. Um mit dem kanadischen Bericht zu sprechen: es ist besser zu entsäuern als nichts zu tun.

Fragen wir nach der Zukunft und den gegenwärtigen Anstrengungen für die Zukunft, d.h. von der Forschung, so ist zu sagen: es wird weiter geforscht werden, wenn auch weniger intensiv als bisher. Ein Thema von Forschungsanstrengungen sollten die negativen Nebenwirkungen sein: ihre qualitative und quantitative Beurteilung: ob man sie tolerieren kann oder muss und wie man sie vermeiden oder wenigsten minimieren kann. Eine andere Richtung zukünftiger Forschung wird von dem Traum der Bibliothekare und Archivare ausgehen, die Bücher und Akten nicht nur zu entsäuern, sondern ihr Papier auch zu festigen wenn es bereits durch die säurekatalysierte Hydrolyse angegriffen worden ist. In Anbetracht der bisherigen einschlägigen Forschung ist eine Prognose über den möglichen Erfolg wenig positiv. Es gibt Gründe anzunehmen, dass alle Methoden, die man auch bei ganzen Büchern anwenden kann, also nicht nur bei Einzelblättern, nur ein geringes Maß an Festigung geben können; in provokativer Formulierung: eine Zuwachs an Festigkeit, der nur an Papier messbar ist, das diesen Zuwachs nicht bräuchte [37].

Es wird, es gibt sogar zur Zeit Forschungen zu neuen Entsäuerungsmethoden. Dreißig und mehr Jahre solcher Forschung an verschiedenen Orten, die vielen Fehlschläge und die Tatsache, dass die erfolgreichen Verfahren - wieder mit der einen Ausnahme von Bookkeeper/Libertec - chemisch und technisch sehr eng verwandt sind, warnen vor der Hoffnung, dass etwas wirklich Neues gefunden werden kann. Ein Motiv für weitere Forschung ist der Kostenfaktor der derzeitigen Methoden: er liegt bei über zehn, bis hin zu fünfzig Mark pro Buch, abhängig von dessen Größe und der Größe der Charge. Es muss gefragt werden, ob es überhaupt möglich ist, die Kosten erheblich zu reduzieren. Die wesentlichen Kostenfaktoren liegen in der Natur der Sache: aus den Büchern müssen Wasser und Luft entfernt werden, um Platz für das wirksame Agens zu schaffen. Das kostet Zeit und Energie und damit Geld, und es gilt für alle denkbaren Verfahren. Die Kosten für die neutralisierungswirksamen Chemikalien hängen von deren Verwendung außerhalb der Massenneutralisierung ab, und hier wiederum ist zu überlegen, dass das Gängige, dem Chemiker Geläufige doch wohl längst auf seine Eignung zur Massenneutralisierung untersucht ist, dass etwas Neues also wohl nur unter seltenen und damit speziell herzustellenden Chemikalien gefunden werden kann. Ein weiterer Kostenfaktor ist der Personalaufwand. Für alle denkbaren System müssen die Bücher müssen in eine Anlage gebracht und nach der Behandlung herausgenommen werden. Das kosten immer dasselbe Geld. Ein letzter Kostenfaktor ist das Gefährdungspotential der Behandlungschemikalien - giftig, brennbar, explosiv oder was immer - bzw. die Schutzmaßnahmen dagegen. Beim Libertec-Verfahren handelt es sich um Luft: etwas weniger Gefährliches wird man kaum finden können. - Alles in allem - weiteres Forschen nach neuen Entsäuerungsmethode ist wenig erfolgversprechend. Die Bibliotheken und Archive müssen mit denen leben, die wir haben. Die bis zum praktischen Einsatz entwickelten Verfahren zu verbessern, d.h. die negativen Nebenwirkungen zu verhindern oder zu vermindern, ist Sache der Anbieter. Sie alle in Deutschland sind kommerziell organisiert und orientiert. Wichtige Voraussetzung dafür, dass diese Forschung stattfindet, dass die vorhandenen Anlagen überhaupt arbeiten, ist, dass auch genutzt werden, auch in Zeiten geringerer Mittel. Sonst wird die gesamte Technologie der Massenneutralisierung das Schicksal der DEZ Anlage von Akzo erleiden.

 

 
Anmerkungen zum Inhalt
[1] Illig, M.F.: Anleitung auf eine sichere, einfache und wohlfeile Art Papier in der Masse zu leimen. 1807. zum Text
[2] Murray, J.: Practical remarks on modern paper. Edinburgh, London 1829: 80sq. zum Text
[3] Barrow, W.J.: Manuscripts and Documents: Their Deterioration and Restoration. Charlottesville 1955. zum Text
[4] Barrow, W.J.: Permanence/Durability of the Book. 1-6. Richmond VA 1963-69. zum Text
[5] US Patent 2.033.452; March 10, 1936; O.J. Schierholtz. zum Text
[6] Baynes-Cope, A.D.: Entsäuern ohne Wasser. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderheft 31 (1980): 55-67. zum Text
[7] Smith, R.D.: Paper Deacidification: a Preliminary Report. In: Library Quarterly 36 (1966): 273-292. zum Text
[8] Auswahlen aus der gwaltigen Corpuzs einschlägiger Titel bieten: Mihram. D.: Paper Deacidification: A Bibliographic Survey. In: Restaurator 7 (1986): 81-118. - Cunha, G.M.: Mass Deacidification for Libraries. In: Library Technology Reports 23 (1987): 362-472. ... 1989 Update. In: Library Technology Reports 25 (1989): 11-81. - Lienardy, A.: A Bibliographical Survey of Mass Deacidification Methods: Restaurator 12 (1991): 100-103. - Lienardy, A., & Ph. Van Damme: La Désacidification de Masse des Livres et Documents. Bruxelles: Institut Royal du Patrimoine Artistique 1992.: 73-80. - Brandt, A.Ch.: Mass Deacidification of Paper. Paris : Bibl. Nat. 1992: 88-92. - Porck, H.J.: Mass Deacidification. Amsterdam: ECPA & Washington: CPA 1996: 46-51. zum Text
[9] US Patent 3.939.091; February 17, 1976; G.B. Kelly. zum Text
[10] Wei T'o ist eine Buddhistische (ursprünglich Hindu-) Gottheit, die Tempel, Klöster, die Religion, das Gesetz und, hiervon abgeleitet, auch die Bücher beschützt. Vgl. z.B. Werner. E.T.C.: A Dictionary of Chinese Mythology. Shang Hai 1932: 553sq. zum Text
[11] US Patent 4.318.963; 1983; R.D.Smith. zum Text
[12] Scott, M.: Mass Deacidification at the National Library of Canada. In: Restaurator 8 (1987): 94-99.  zum Text
[13] Das Folgende beruht überwiegend auf: Arnoult, J.-M.: Mass Deacidification in France. In: Restaurator 8 (1987): 100-105. zum Text
[14] Vallas, P.: Mass Deacidification at the Bibliothèque Nationale. In: Restaurator 14 (1993): 1-10. zum Text
[15] Massenkonservierung für Archive und Bibliotheken. Ergebnisse einer im Auftrag der Deutschen Bibliothek vom Battelle-Institut durchgeführten Untersuchung. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderheft 49 (1989). Auch das DEZ-Verfahren wird dort beschrieben. zum Text
[16] Wittekind, J.: The Battelle Mass Deacidification Process: a New Method for Deacidifying Books and Archival Materials. In: Restaurator 15 (1994): 189-207. zum Text
[17] Liers, J., & P.Schwerdt : The Battelle Mass Deacidification Process Equipment and Technology. In: Restaurator 16 (1995): 1-9. zum Text
[18] ZFB Zentrum für Bucherhaltung, Mommsenstraße 7, 04329 Leipzig. zum Text
[19] Battelle Ingenieurtechnik GmbH, Düsseldorfer Straße 9, 65760 Eschborn zum Text
[20] Da die Leistung des "Bückeburger Systems" kommerziell angeboten wird, sei die Adresse hier genannt, auch wenn die Palette einerseits das hier gewählten Kriterium der "Massenbehandlung" nicht trifft, andererseits (Festigung von Schreibstoff und Papier) über sie hinausgeht: Archivcenter AG, Windmühlenstraße 6, 31675 Bückeburg. zum Text
[21] Wedinger, R.S.: The FMC Mass Preservation System. In: Restaurator 12 (1991): 1-17. zum Text
[22] Wedinger, R.S.: The FMC Mass Preservation System. In: Restaurator 12 (1991): S. 1 zum Text
[23] Kelly, G.B.: Research on Mass Treatment in Conservation. In: Bulletin of the American Institute for Conservation 14 (1974) no.2. zum Text
[24] US Patent 4.051.276; September 27, 1977; J.C. Williams, G.B. Kelly. zum Text
[25] Daniels, V.: Discoloration of Paper Induced by Pigments Containing Zinc. In: Restaurator 11 (1990): 236?243. zum Text
[26] Das Folgende beruht teils auf Angaben in der zitierten Literatur, teils auf Berichten in bibliothekarischen Zeitschriften und teils auf mündlichen Berichten von Personen, die die Ereignisse aus der Nähe verfolgt haben. zum Text
[27] Book Preservation Technologies. Washington: Congress of the United Stated Office of Technology Assessment 1988. zum Text
[28] Harris, K.E., & C.J. Shahani: Mass Deacidification: an Initiative to Refine the Diethyl Zinc Process. Washington: LC 1994. zum Text
[29] Porck (Anm. 8): p.28; Havermans, J., & R. Van Deventer: Mass Deacidifivation of Archival Materials Using Diethyl Zinc. In: Restaurator 16 (1995): 123?142. zum Text
[30] Physical Properties of Library Books, ... (Deacidified by FMC Corporation ... Deacidified by Akzo Chemicals Inc. ... Deacidified by Wei T'o Associates Inc. ... Untreated Control Books). Report to the Library of Congress Contracts & Logistics Services. In Response to Solicitation No. RFP90?32. Atlanta: Institute of Paper Science and Technology 1991. zum Text
[31] Brandis, L.: Summary and Evaluation of the Testing Sponsored by the Library of Congress of Books Deacidified by FMC, Akzo and Wei T'o Mass Deacidification Processes. Restaurator 15 (1994): 109?127. zum Text
[32] Dem Autor dieser Zeilen liegen zwei Berichte aus Kanada vor: 1. Burgess, H., & E. Kaminska: Evaluation and Comparison of Commercial Mass?Deacidification Processes: Part 1 ? Project Planning and Selection of Materials. Progress Report # 1 submitted to Chairman's Committee for Preserving Documentary Heritage. November 1991. ? 2. A PC?gesvchriebener Bericht ohne Titelblatt, 52 S., 25 Abb.n 1992 or 1993. zum Text
[33] Vgl. Anm 8 (Cunha, Lienardy, Brandt, Porck) and ref. 15. zum Text
[34] Eine recht detaillierte Beschreibung der Entwicklung des Verfahrens gibt H. Porck (Anm. 8) S. 16. zum Text
[35] An Evaluation of the Bookkeeper Mass Deacidification Process. Technical Evaluation Report For the Preservation Directorate, Library of Congress. Pittsburgh, PA: 1994.  zum Text
[36] Libertec Bibliotheksdienst GmbH, Parkstaße 3, 90409 Nürnberg zum Text
[37] Bansa, H.: The Effect of Different Strengthening Methods on Different Kinds of Paper. In: Restaurator 18 (1997): 51 zum Text

 

Zum Autor:
Dr. Helmut Bansa, Herausgeber der Zeitschrift RESTAURATOR, ehemaliger Leiter des IBR (Institut für Handschriften- und Buchrestaurierung) und der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren in München, langjähriges Mitglied der DBI-Kommission für Bestandserhaltung.
E-mail: Bansa-hul@arcor.de
Zum Artikel:
Der Beitrag erschien erstmals in der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 46 (1999), S. 127-146

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