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Ein Beitrag von Reinhard Feldmann, Münster

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Die Restaurierung stellt (neben den allgemeinen Fragen der Bestandserhaltung) in Bibliotheken und Archiven ein enorm wichtiges Arbeitsfeld dar. Die Bedeutung dürfte kaum zu überschätzen sein und sollte deshalb entsprechende Aufmerksamkeit erfahren. Das Kulturgut Buch wird neu verstanden: Auch der materielle Teil wird mehr und mehr Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Bei einer Restaurierung geht es folglich um weit mehr als um Textsicherung, d.h. auch der intrinsische Wert der Bücher muss beachtet werden.

Um Restaurierungsaufträge vergeben zu können, müssen auch die verantwortlichen Bibliothekare und Archivare über mögliche Maßnahmen, Techniken, Wirkungen, Nebenwirkungen und die verwandten Werkstoffe, Materialien und Chemikalien informiert sein. Während sich die Ausbildung der Restauratoren in den letzten Jahren immer weiter verbessert hat, muss in vielen Bibliotheken und Archiven in dieser Hinsicht noch enorme Aufklärungsarbeit geleistet werden. Aber nur mit einem soliden fachlichen Wissen um die Restaurierung können Restauratoren und andere Dienstleister ausgewählt, ihnen bestimmte Objekte übergeben und Vorstellungen über Art und Ergebnis der Restaurierung präzise formuliert werden.

Der Bibliothekar oder der Archivar sollte sich intensiv mit dem zu restaurierenden Objekt auseinandergesetzt haben, einzelne Restaurierungsschritte durchdacht haben und in der Lage sein, dem Restaurator genaue Hinweise zu dem zu restaurierenden Objekt zu geben. Neben der Auswahl eines Restaurators (Differenzierung nach Spezialgebieten) und einem ausführlichem Gespräch über das zu restaurierende Objekt im Vorfeld der Vergabe (Vergleich der Vorstellungen einzelner Restauratoren), ist der ständige Kontakt auch während der Bearbeitung sinnvoll. Wenn im Zuge der Behandlung ungeklärte Sachverhalte auftauchen, sollten sich Restaurator und Bibliothekar / Archivar unbedingt in Verbindung setzen, um die Lage erneut zu erörtern.

Bibliothekare und Archivare sollten bei jeder sich bietenden Gelegenheit das fachliche Gespräch mit Restauratoren suchen, deren Vorschläge (die ja nicht unbedingt immer auf eine Vollrestaurierung zielen) kritisch hinterfragen und nach Ablieferung der Restaurierung auch prüfen. Da jedes Objekt als Einzelfall ausgiebig durchgesprochen werden muss und es nicht möglich ist, ein für alle Werke zutreffendes Konzept aufzustellen, ist auch die Vergabe von Restaurierungsarbeiten sehr zeitaufwendig - es verbietet sich somit eine pauschale Auftragsvergabe.
 

Vorstellungen von Restaurierung aus bibliothekarischer Sicht:

Eine Vollrestaurierung stellt immer einen enormen Eingriff in das Gefüge des Buches dar. Daher können Teilrestaurierungen (beispielsweise Einbandarbeiten) oder konservierende Maßnahmen ("Boxing") manchmal besser für das Kulturgut Buch sein.
Falls eine Vollrestaurierung erforderlich ist, muss die Frage nach der Originalität gestellt und für jedes Buch einzeln beantwortet werden. Auch die Geschichte und der Alterungsprozess des Buches gehören dazu und somit zur originalen Substanz, so dass es unangemessen wäre, alle Alterungs- und Verschleißerscheinungen, wenn sie nicht die Stabilität gefährden, zu entfernen. Das Buch hat Spuren gesammelt, die Aufschluss über seine Geschichte geben. Problematisch ist es in den Fällen, wo die Spuren sich in Form von Schäden äußern, hier ist dann besondere Sensibilität gefordert.
Neben den historischen Spuren und dem Inhalt des Buches liefern Einband, Papier, Druckfarbe oder Tinte, Hefttechnik, Kapital etc. Aufschluss über die Entstehungszusammenhänge des Buches. Auch bei der Behandlung dieser non-textuellen Informationen ist also höchste Vorsicht geboten. Es sollte möglichst nichts entfernt, ausgetauscht oder hinzugefügt werden, damit auch in späteren Zeiten noch auf diese Informationen zurückgegriffen werden kann.
Ästhetik und Ethik sind zwei Faktoren, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Zugunsten der Ästhetik dürfen keinerlei auch noch so unwichtig erscheinende Details abhanden kommen, ansonsten könnte eine Restaurierung der Zerstörung des historischen Buches mit seiner originalen Substanz zugunsten der Schaffung eines neuen, dem originalen nachempfundenen Werk gleichkommen. Während textuelle Informationen reproduziert werden können, sind die non-textuellen Informationen bei einer falsch verstandenen Restaurierung unwiederbringlich verloren.
Das restaurierte Buch soll nicht "wie neu" aussehen. Dies ist Geldgebern und Sponsoren nicht immer leicht zu vermitteln. Ein gut restauriertes Buch ist eines, dem man sowohl sein Alter als auch seine Geschichte ansieht. Beides gehört zum Charakter und liefert dem Buchwissenschaftler viele Informationen über Technikgeschichte, Werkstattstrukturen, Materialien, Lesegewohnheiten etc. Diese Spuren sollten durch die Restaurierung nicht verwischt werden.

Wenn man also unter Restaurierung die Wiederherstellung des ursprünglichen Objektes unter weitgehender Erhaltung der historischen Substanz versteht, muss man sich im Vorfeld der Vergabe eingehend mit der Frage beschäftigen, welchem der beiden Aspekte man im Zweifelsfall mehr Bedeutung beimisst. Die Gratwanderung zwischen Ethik und Ästhetik muss bei jedem Objekt aufs Neue gewagt werden.
 

Forderungen an den Restaurator:

Das Buch soll "funktionieren". Dies bedeutet, dass sich das Buch zum Lesen öffnen lassen muss. Dies bedeutet nicht, dass das Buch plan aufliegen muss oder auf einen Kopierer passen muss!
Vorhandenes Material soll weitestgehend verarbeitet werden und höchstens aus technischen, nicht jedoch aus ästhetischen Gründen ersetzt werden.
Die verwendeten Chemikalien und Materialien sollen reversibel sein und über eine lange Lebensdauer verfügen.
Die Behandlungsschritte sollen dokumentiert und begründet werden.
Keinerlei Information darf vernichtet werden. Sollte es nötig sein, gewisse Teile auszutauschen, so sind die historischen Fragmente dem restaurierten Buch beizulegen.
Der chemische und mechanische Zustand sollte nach der Restaurierung stabil sein.
Das Buch als geschlossenes, eigenständiges Objekt sollte während der gesamten Restaurierung respektiert werden, das subjektiven Empfinden des Restaurators sollte erst an zweiter Stelle kommen.
Handwerkliche Kenntnisse sollten im Zweifelsfall durch Erkenntnisse aus den Geistes- und Naturwissenschaften ergänzt werden, hier wäre Rücksprache oder Hinzuziehung externer Fachkräfte angebracht.
Die Risiken, etwas vom Originalbestand zu gefährden, sollen so gering wie möglich gehalten werden.

 

 

Zum Autor:
Reinhard Feldmann, Universitäts- und Landesbibliothek Münster
E-mail: feldmre@uni-muenster.de
Zum Artikel:
Stand: Januar 2002
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de