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Konservierung, Restaurierung, Renovierung, Rekonstruktion und Replik
Zur Begriffserklärung und zu den Grundsätzen
Ein Beitrag von Dr. Gerd Brinkhus, Tübingen

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Kulturgut in Archiven und Bibliotheken

Bei den Überlegungen zur Erhaltung von Kulturgut in Archiven und Bibliotheken müssen wir, um es einmal abstrakt auszudrücken, ausgehen von dem Objekt als Informationsträger in seiner Gesamtheit. Das heißt z. B. beim Buch, dass nicht allein der Inhalt des Buches - also der Text - die Archivwürdigkeit, den ausschließlichen Wert ausmacht, sondern dass weitere museale Komponenten eine wesentliche Rolle spielen.

Dies trifft insbesondere für den Einband zu:

als Ergebnis kunsthandwerklicher Tätigkeit und typisches Erzeugnis einer bestimmten Zeit und Region,
die Ausführung und Ausstattung des Bandes allgemein als Beitrag zur Kulturgeschichte,
die Einbettung des Einzelstücks in einen größeren Bestand (Provenienzhinweise) als wesentliches Zeugnis zur Bibliotheksgeschichte,
die vielfältigen Gebrauchsspuren als Zeichen für die Alterung, Verwendung, Wertschätzung oder Nichtachtung des Bandes bzw. seines Inhalts.

Wir haben es also mit drei Schichten zu tun, die den Informationsgehalt eines Buches ausmachen:

1. Inhalt (Text),
2. Informationen zur Kunstgeschichte, Buchgeschichte, Bibliotheksgeschichte, Buchhandelsgeschichte,
3. Geschichte des Objektes (Buches), Alterung, Schicksal (Patina).

Wenn es um Bestandserhaltung bzw. um die Erhaltung von Kulturgut geht, müssen diese Informationskomponenten zunächst als gleichrangig angesehen und gleichmäßig erhalten werden. Das ist am besten möglich, wenn Vorsorge getroffen wird dadurch, dass z. B. weder durch Umwelteinflüsse noch durch unsachgemäßes Handeln Schäden entstehen.

Die erste Stufe der Bestandserhaltung muss also Vorsorge (Preservation) sein. Preservation heißt:
Optimierung der Aufbewahrungsbedingungen (Klima, Lagerung, Pflege) aber auch:
Benutzungsbeschränkungen (Sondersammlungen, Schutzverfilmung, Ausnahme vom Fernleihversand u. a.).

Man kann meiner Ansicht nach aber keine generellen Anweisungen geben. Jedes Stück, das als schützenswert angesehen wird, muss individuell geprüft und auf seinen gesamten Informationsgehalt hin betrachtet werden. Erst wenn geklärt ist, was an Informationen in einem Objekt enthalten ist, kann man Maßnahmen zur Erhaltung dieser Informationen überlegen oder Überlegungen anstellen darüber, auf welche Informationen möglicherweise verzichtet werden kann oder muss, wenn eine Instandsetzung unumgänglich ist.

Darüber hinaus ist abzuwägen, was in Anbetracht der großen Mengen erhaltenswerten Gutes eventuell zugunsten anderer wichtigerer Aspekte verloren gegeben werden muss. Oberster Grundsatz sollte dabei sein: Konservieren statt Restaurieren.

Es ist selbstverständlich, dass man nicht untätig bleiben darf, wenn Schäden drohen oder eingetreten sind, aber man sollte jeder Behandlung eine individuelle Diagnose vorausschicken, um die richtige Behandlungsmethode zu finden.

 

Definitionen aus der Denkmalpflege

Bevor ich auf das "Wie" und die Gesichtspunkte einer Schadensanalyse näher eingehe, möchte ich Definitionen der Instandsetzungstermini vortragen, wie sie in der Denkmalpflege allgemein eingeführt und üblich sind.

Ausgehend von dem neutraleren und weiteren Begriff "Instandsetzung" möchte ich zunächst kurze Definitionen der verschiedenen Vorgehensweisen vorstellen, wie sie in der Denkmalpflege allgemein bereits eingeführt sind, um dadurch deutlich zu machen, welchen Stellenwert die Restaurierung unter den Maßnahmen zur Instandsetzung und Bestandserhaltung in Archiven hat und um zu zeigen, warum Ethik in der Restaurierung und das Bemühen um Ästhetik und "Schönheit" bei der Restaurierung sich mindestens streckenweise ausschließen.

 

Instandsetzung

Mit dem Sammelbegriff "Instandsetzung" werden alle Maßnahmen bezeichnet, die notwendig werden, wenn ein Objekt durch Schäden gefährdet oder in seinem Erscheinungsbild entstellt bzw. gestört ist. Die Methoden, nach denen eine Instandsetzung durchgeführt werden kann, sind: Konservierung, Restaurierung, Renovierung und Rekonstruktion. Hinzu kommt in den Fällen, in denen das Objekt nicht mehr funktionsfähig und/oder ausstellungsfähig ist, die Kopie oder Replik.

 

Konservierung

Die Konservierung ist eine Maßnahme, bei der der durch nichts zu ersetzende originale Bestand eines Kunstwerks gesichert wird. Mit der Konservierung verbunden sind in der Regel auch vorbeugende Maßnahmen. Konservierungs- und Vorsorgemaßnahmen haben immer absoluten Vorrang, weil durch sie Substanzverluste verhindert werden können.

Zu den konservatorischen Maßnahmen bei Einbänden zählen:
Reinigungs- und Pflegearbeiten (Lederpflege, Festigung, Beseitigung früherer Eingriffe, wenn sie substanzgefährdend sind, Anfertigen von Kassetten und Schubern).

Ziel der Konservierung ist die Bewahrung des originalen Erscheinungsbildes zum Zeitpunkt der Behandlung.

 

Restaurierung

Die Restaurierung setzt ein, wenn bereits Schäden eingetreten sind. Restaurieren heißt: einem Objekt die ursprüngliche Festigkeit und Gebrauchsfähigkeit wiederzugeben, wobei die kostbare originale Substanz erhalten werden muss.

Eine Restaurierung hat die charakteristischen Alterungsspuren zu erhalten und muss unter Umständen auch im Laufe der Geschichte eingetretene Veränderungen berücksichtigen.

Zu den restauratorischen Eingriffen bei Einbänden zählen z. B:
Ergänzen von Fehlstellen, Befestigung von losem Einbandmaterial, Festigung von zerbrochenen Holzdeckeln.

 

Renovierung

Die Renovierung ist eine Erneuerung des Erscheinungsbildes eines Objektes. Sie kommt nur dann in Betracht, wenn die konservatorischen und restauratorischen Möglichkeiten nicht ausreichen, um krasse Entstellungen des Originals rückgängig zu machen, oder sich der Zerfall des Objektes auf andere Weise nicht rückgängig machen lässt.

Bei allen Renovierungen ist vom historischen Befund auszugehen, und es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass keine originale Substanz reduziert wird. Das Ersetzen von Teilen des Originals muss sich auf das unbedingt notwendige Maß beschränken.

Renovierungen am Einband betreffen z. B. Erneuerung des Rückens, Unterlegen des Einbandbezuges, Ergänzung von Schließen, Erneuerung von Holzdeckeln.

 

Rekonstruktion

Die Rekonstruktion ist das Erschließen und gegebenenfalls das Wiederherstellen der Ganzheit eines Objektes aus einzelnen nachgewiesenen oder noch erhaltenen Teilstücken. Je nach Art und Umfang der vorhandenen Unterlagen (Dokumentation) bewegt sich eine Rekonstruktion bis zu einem gewissen Grad im Bereich der Hypothese. Rekonstruktion ist vor allem ein handwerklich technischer Vorgang, der aber bei Verwendung noch erhaltener originaler Substanz unter Mitwirkung eines Restaurators, wenn nicht sogar vom Restaurator allein, durchgeführt werden muss.

Rekonstruktionen am Einband sind immer dann erforderlich, wenn ein Buch für die Papier- bzw. Pergamentinstandsetzung in seine Bestandteile zerlegt werden muss. Geopfert werden müssen in solchen Fällen immer die originale Heftung und manche Eigenheiten des Einbandes, die durch eine Rekonstruktion immer nur ein Abbild sein können. Wenn nicht ein ausgesprochen desolater Zustand des Buchblocks eine Restaurierung von Grund auf erforderlich macht, sollte ein Zerlegen von Einbänden mit anschließender Rekonstruktion nach Möglichkeit vermieden werden.

 

Replik

Als Replik wird eine detailgerechte, maßstabsgerechte und materialgerechte vom Aussehen her möglichst originalgetreue Nachschöpfung eines Objektes unter Verwendung neuen Materials bezeichnet. Originalsubstanz ist bei einer Replik nicht vorhanden; auch dürfen bei einer Replik oder einem Faksimile keine natürlich gealterten, dem Originalmaterial vom Alter her ähnlichen Materialien verwendet werden, weil dann die Grenze zur Fälschung überschritten wird.

Replik und Faksimile treten neben das Original und bewahren das Erscheinungsbild des Objektes zum Zeitpunkt der Nachschöpfung.

 

Das Verhältnis der Instandsetzungsmaßnahmen zueinander

Diese Definitionen müssen bei der Benennung der eigenen Tätigkeiten zugrunde gelegt werden, damit man nicht in Versuchung gerät, Instandsetzungsmaßnahmen an einem Objekt vorzunehmen, die das Original stärker beeinträchtigen als notwendig bzw. vertretbar, und um zu verhindern, dass diese Maßnahmen dann als Restaurierungen bezeichnet werden.

Wenn die richtige Bezeichnung für die vorgeschlagenen Maßnahmen gewählt wird, ist es leichter, die geplanten Maßnahmen auch richtig einzustufen und sich klarzumachen, wie viel von der Originalsubstanz einer geplanten Instandsetzung gegebenenfalls geopfert werden muss, wenn man nicht von vornherein bei den Maßnahmen zurücksteckt.

Ein Beispiel mag zur Verdeutlichung dienen:
Ein Band des 15. Jahrhunderts, Buchblock aus Papier mit starken Schäden durch mikrobiologischen Befall (Schimmel), der originale Schweinslederband ist noch leidlich erhalten.

Die wichtigste Maßnahme ist eine grundlegende Behandlung des Papiers, d. h. Schimmelbekämpfung, Ergänzung der Fehlstellen, Festigung der durch Schimmel geschwächten Bereiche des Papiers. Ein Zerlegen des Bandes ist unumgänglich, weil die Behandlung der Papierschäden nur an Einzelblättern vorgenommen werden kann. Folgerungen:

1. Die Papierrestaurierung hat Vorrang, um das Objekt insgesamt in seiner Erscheinungsform erhalten zu können.
2. Für den Einband bedeutet diese Entscheidung aber,
a) dass die Originalheftung aufgelöst werden muss,
b) dass der ganze Einband zerlegt werden muss,
c) dass eine Rekonstruktion der Heftung und eine Renovierung des Einbandes notwendig wird, damit das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederhergestellt " werden kann.

Eine solche - notwendige - Grundinstandsetzung eines Bandes bedeutet aber einen gravierenden Eingriff in die Originalsubstanz, der durch eine sorgfältige Dokumentation abgesichert werden muss. Aufgrund der Dokumentation kann dann die Rekonstruktion des Einbandes erfolgen.

Ein weiteres Beispiel:
Ein Band, bei dem die Hanfbünde gebrochen sind, Vorder- und Rückdeckel sind defekt, das Papier des Buchblocks ist bis auf Gebrauchsspuren in Ordnung.

Zur Instandsetzung bieten sich drei Möglichkeiten:

1. Man könnte diesen Band instandsetzen, indem man die Heftung löst, den Band zerlegt, eine Neuheftung auf Hanfbünde vornimmt, die Deckel ansetzt, einen neuen Rücken anfertigt und die Deckelbezüge und den alten Rücken aufklebt. Das Ergebnis ist eine Rekonstruktion unter Verwendung alter Teile.
2. Man kann versuchen, soviel wie möglich vom Original zu erhalten, d. h. die Heftung erhalten, das Kapital erhalten, die gebrochenen Bünde ansetzen oder neue Bünde durchziehen, Deckel ansetzen, den neuen Rücken unter das vorhandene Deckelleder unterarbeiten, den alten Rücken eventuell aufkleben. Das Ergebnis ist eine Restaurierung, bei der die Funktionsfähigkeit des Bandes wieder hergestellt wurde, ohne dass ein tiefergehender Eingriff in die originale Heftung vorgenommen wurde.
3. Man nimmt eine Renovierung vor, bei der die Funktionsfähigkeit des Buches Vorrang hat. Die alte Einbandsubstanz wird dem Inhalt und der Funktionsfähigkeit des Bandes untergeordnet. Die Originalsubstanz der Heftung bzw. des Einbandes wird gesondert aufgehoben, um noch einen Anhaltspunkt für das Aussehen des Originals zu erhalten. Ansonsten wird ein Neuband - eventuell im Stil der Zeit - angefertigt.

Eine pauschale Lösung ist bei der Instandsetzung von Bibliotheks- oder Archivgut nicht möglich. Die einzige generelle Anweisung, die gegeben werden kann, ist die, möglichst viel in die Vorsorge und Konservierung zu investieren.

 

Analyse und Beschreibung

Darüber hinaus aber gilt: jedes Objekt, das in seinem Bestand gefährdet erscheint, muss individuell betrachtet und auf seinen gesamten Informationsgehalt hin abgeklopft werden.

Stichworte dazu sind folgende:

Einbandschmuck:
Stempel, Prägungen
Streicheisen, Blindlinien
Lederschnitt
Sprenkelung, Bemalung, Intarsie
Kapital
Beschläge

Einbandtechnik:
Heftung
Bünde
Verwendete Materialien
Deckelbefestigung
Schließen
Rücken
Einbandmaterial

Fragmente:
Vorsatz
Flügelfalz
Rückenbeklebung
Klebepappen
(Bedeutung der Fragmente für die Textüberlieferung und/oder als Hilfsmittel zur Werkstattidentifikation)

Provenienzhinweise:
Titel (im Schnitt, auf dem Rücken oder Vorderdeckel)
Handschriftliche Einträge
Namen
Signaturen (im Fußschnitt, auf dem Rücken, auf dem Vorsatz, auf dem Titelblatt)
Bemalungen, Einfärbungen (gleichförmige Rücken aus Saalbibliotheken)
Blattweiser
alte Reparaturen.

 

Entscheidungskriterien

Dieser Erhebung des Informationsgehaltes bzw. des "Bestandes" des Objektes sind die Ziele einer geplanten Instandsetzung gegenüberzustellen. Dabei sind die folgenden Fragen zu berücksichtigen:

1. Liegt eine Gefährdung des Objektes vor?
Buchblock: z. B. Schimmel, starke Fraßschäden, starker Tinten- oder Farbfraß. Heftung: z. B. Heftfäden gerissen, Bünde gebrochen, Lagen getrennt, Blätter lose.
Einband: Deckel gebrochen, Bezüge eingerissen, Schließen und Beschläge gelockert bzw. defekt.
2. Liegt eine Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit vor? Buchblock: z. B. Risse.
Heftung: z. B. Heftung gelockert, einzelne Lagen lose, Bünde am Deckel abgerissen.
Einband: Schließen defekt, Bezug eingerissen, Rücken gelockert.
3. Liegt eine Beeinträchtigung der Ästhetik vor?
Buchblock: z. B. Gebrauchsspuren, Schmutz, Wasserränder.
Heftung: Rundung defekt, Block herausgeschoben, Lagen vorstehend. Einband: z. B. Bezug beschabt, Fraßstellen, Schließen und Beschläge fehlen, Vorsatz gelockert.

Im Dialog mit dem Restaurator sollte nun versucht werden, eine angemessene Instandsetzungsmöglichkeit zu finden, die möglichst wenig in die Originalsubstanz des Objektes eingreift.

Wenn das Objekt in seinem Bestand gefährdet ist, lässt sich eine Grundinstandsetzung mit Rekonstruktion der Heftung und Renovierung des Einbandes vertreten, dabei dürfen und sollen durchaus auch ästhetische Gesichtspunkte einfließen, wenn es um die Gestaltung des gesamten Objektes geht.

Ist die Gebrauchsfähigkeit eingeschränkt, ist sehr gründlich zu überlegen, welche Eingriffe nötig und vertretbar sind. Der Restaurator kann in diesen Fällen sehr genau angeben, was an Originalsubstanz einer Instandsetzung geopfert werden muss. In Zweifelsfällen sollte zusätzlich der Einbandforscher konsultiert werden, ob wirklich alte Heftungen, z.B. bei unscheinbar wirkenden Bänden, geopfert werden dürfen.

Der Konservator (Bibliothekar/Archivar) muss sich seiner Verantwortung bewusst sein, er hat die Maßnahmen letztlich zu vertreten, die zur Instandsetzung eines Objektes getroffen werden. Er hat die Pflicht, sich sachkundig zu machen über die Möglichkeiten, aber auch über die Folgen, die eine umfassende Instandsetzung für den Informationsgehalt des Objektes hat.

Man darf allerdings bei der Beurteilung früherer Restaurierungen nicht vergessen, dass es bei der Konservierung und Restaurierung von Büchern und Archivalien seit Jahren ständig neue Erkenntnisse, Weiterentwicklungen von Methoden und neue Ansprüche gibt. Der Restaurator muss sich ständig neu orientieren, um auf dem laufenden zu bleiben. Diese Entwicklungen haben es mit sich gebracht, dass wir heute nur noch mit Kopfschütteln manche Instandsetzungen, Restaurierungen oder Reparaturen betrachten können. Nicht die Tatsache, dass Fehler gemacht wurden, ist das Entscheidende, sondern die Feststellung, wann diese Fehler gemacht wurden. War die Entwicklung über die angewendete Methode bereits hinausgegangen, ist das Festhalten an alten Zöpfen nicht zu entschuldigen. Ich erinnere an Einbettungen und Laminierungen z. B. bei Tintenfraß.

 

Grundsätze für die Restaurierung

Es gibt häufig mehrere Möglichkeiten und Behandlungsmethoden. Restaurator, Archivar oder Bibliothekar müssen gemeinsam nach der dem jeweiligen Objekt angemessenen Methode suchen. Wichtig ist dabei, dass die Grundregeln für Restaurierungen allgemein berücksichtigt werden.

1. Die Originalsubstanz möglichst wenig antasten.
2. Nur bewährte und natürliche Materialien verwenden.
3. Eine Restaurierung so durchzuführen, dass sie in ihren wesentlichen Punkten reversibel ist.

 

Berufsbild und Selbstverständnis des Restaurators

In der Definition des Berufes Restaurator, die vom Internationalen Museumsrat (ICOM) 1986 erarbeitet wurde, wird die Kooperation zwischen Restaurator und Wissenschaftler besonders betont. Was für Gebiete wie Archäologie oder Ethnologie gilt, hat seine Bedeutung sicher auch für die Buch- und Bibliotheksgeschichte, die ja ein wesentlicher Teil der Kulturgeschichte ist. Der betreffende Abschnitt lautet:

"Der Restaurator trägt deshalb eine besondere Verantwortung, weil unersetzbare Originale behandelt werden, die häufig von großem künstlerischem, religiösem, historischem, wissenschaftlichem, kulturellem, sozialem oder ökonomischem Wert sind. Der Wert solcher Objekte liegt in der Art ihrer Herstellung, in ihrer Bedeutung als historische Dokumente und folglich in ihrer Authentizität. Die Objekte sind ein wichtiger Ausdruck des geistigen, religiösen und künstlerischen Lebens der Vergangenheit, häufig Dokumente einer historischen Situation, ob sie ein Erzeugnis ersten Ranges oder einfache Objekte des täglichen Lebens sind. ...

Die dokumentarische Qualität des historischen Gegenstandes ist die Basis für die Forschung in Kunstgeschichte, Ethnographie, Archäologie und in anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Daher die Bedeutung des Bewahrens ihrer "körperlichen" Unversehrtheit.

Wegen des Risikos schädlicher Verfahren oder Veränderungen des Gegenstandes erfordert jede Konservierungs- oder Restaurierungsmaßnahme, dass der Restaurator mit dem Kustos oder einem einschlägigen Wissenschaftler sehr eng zusammenarbeitet. Gemeinsam müssen sie unterscheiden zwischen dem Nötigen und Überflüssigen, dem Möglichen und Unmöglichen, dem Eingriff, der die Eigenschaften des Gegenstandes steigert, und jenem, der für seine Integrität schädlich ist. ...

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist von höchster Bedeutung, denn heute muss der Restaurator als Teil eines Teams arbeiten. Wie der Chirurg nicht gleichzeitig Röntgenologe, Pathologe und Psychologe sein kann, kann der Restaurator kein Experte in Kunst- oder Kulturgeschichte, in Chemie und/oder in anderen Natur- oder Geisteswissenschaften sein. Wie die Arbeit des Chirurgen kann und sollte das Tun des Restaurators ergänzt werden durch analytische und Forschungsbefunde der Wissenschaftler."

 

Organisatorische Konsequenzen

In den Bibliotheken und Archiven muss dafür gesorgt sein, dass die notwendigen Konsultationen sichergestellt sind. Einige Grundregeln müssen dafür unbedingt beachtet werden:

1. Der Geschäftsgang muss so organisiert sein, dass die Bände mit besonderen Eigenschaften und Informationen nicht in die Buchbinderroutine gelangen, sondern dass unbedingt beim zuständigen Referenten rückgefragt wird, ehe Instandsetzungsaufträge erteilt werden.
2. Ratsam ist der Aufbau von Sondersammlungen bzw. die besondere Kennzeichnung aller Bände mit buchhistorischen Besonderheiten, damit solche Bände nicht in die Buchbinderroutine geraten.
3. In allen Fällen, in denen eine Instandsetzung erforderlich ist, muss geprüft werden (im Dialog mit dem Restaurator):
a) Was ist unbedingt nötig zur Sicherung des Objektes?
b) Was ist möglich, ohne dass größere Eingriffe in die Originalsubstanz nötig werden?
c) Was ist machbar und welche Folgen haben diese Maßnahmen für den Gesamtinformationsgehalt des Objektes?

 

Ziele der Instandsetzung

Ein nur ästhetisch zufriedenstellend wiederhergestelltes Objekt kann ebenso wenig Ziel einer Restaurierung sein wie ein handwerklich gut rekonstruiertes Objekt, dem die Originalsubstanz - in Ermangelung anderer Aufbewahrungsmöglichkeiten - aufgeklebt wurde.

Wichtig ist es, bei den Überlegungen zur Instandsetzung gerade einzigartiger Objekte daran zu denken, dass die Benutzbarkeit eines Textes heute sehr leicht durch eine Reproduktion sichergestellt werden kann. Das Original kann dann geschont werden. Kleine erhaltende Maßnahmen (Restaurierungen) sind umfassenden Renovierungen vorzuziehen, wenn es Zustand und Zweck des Originals erlauben.

Schmutz, Alterungsspuren, Gebrauchsspuren sind als Patina Bestandteile der Geschichte eines Buches. Wenn sie das Buch in seiner Gesamtheit nicht gefährden, müssen sie nicht nur akzeptiert sondern auch erhalten werden. Warum sollte man einem Objekt nicht sein wahres Alter ansehen? Liften und Schönheitschirurgische Eingriffe können den Organismus nicht verjüngen.

Funde oder vermutete Entdeckungen in einem Einband rechtfertigen Eingriffe in die Originalsubstanz nur, wenn noch weitere Gründe vorliegen, das Objekt einer Instandsetzung zu unterziehen. Ebenso ist äußerste Zurückhaltung geboten bei der Entscheidung über das Zerlegen eines Bandes zum Zwecke der Faksimilierung oder Reproduktion. Ohne Not, d. h. ohne dass der Band in seiner Substanz bereits stark geschädigt ist, sollte man einem Zerlegen des Bandes auf keinen Fall zustimmen.

 

 

Zum Autor:
Dr. Gerd Brinkhus, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung, der Restaurierungswerkstatt sowie der Abteilung Handschriften, Alte Drucke, Rara an der Universitätsbibliothek Tübingen
E-mail: gerd.brinkhus@ub.uni-tuebingen.de
Zum Artikel:
Der Beitrag ist erschienen in:
Hartmut Weber (Hrsg.): Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Kohlhammer, Stuttgart 1992, S. 43-52
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