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Konservierung und Restaurierung

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Ethik, Ästhetik und Ökonomie in der Buchrestaurierung
Ein Beitrag von Dr. Gerd Brinkhus, Tübingen

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Nicht jeder Eingriff an einem kulturhistorisch bedeutsamen Objekt ist eine Restaurierung - auch wenn er viel Geld kostet. Ebenso wenig ist ein Minimaleingriff unter konservatorischen Gesichtspunkten für den Auftraggeber immer eine billige Lösung.

Es ist wichtig, den Aufwand dem Nutzen (für das Objekt) gegenüberzustellen, die Erhaltung der Originalsubstanz muss in jedem Fall Vorrang haben vor ästhetischen Erwägungen und vor allem auch dann, wenn es ums Sparen geht, gibt es durchaus preiswerte Lösungen, die den gesamten Informationsgehalt eines Objektes erhalten - die Benutzungsfähigkeit eines solchen Objektes ist dann aber oft stark eingeschränkt.
Das Wort "Restaurieren" wird in den unterschiedlichsten Bedeutungen verwendet. Zwischen den beiden Begriffen Ethik und Ästhetik lasen sich die extrem gegensätzlichen Bemühungen, die unter dem Begriff Restaurierung üblicherweise zusammengefasst werden am besten einordnen. Vielfach wird aus Unkenntnis - oft in bester Absicht - durch Tätigkeiten, die als Restaurierung bezeichnet werden, großer Schaden angerichtet.
Ausgehend von dem neutraleren und weiter gefassten Begriff Instandsetzung möchte ich zunächst kurze Definitionen der verschiedenen Vorgehensweisen vorstellen, wie sie in der Denkmalpflege allgemein bereits eingeführt sind, um dadurch deutlicher zu machen, welchen Stellenwert die Restaurierung unter den Maßnahmen zur Instandsetzung und Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken hat und um zu zeigen, warum Ethik in der Restaurierung und das Bemühen um Ästhetik bzw. "Schönheit" in der Restaurierung sich mindestens streckenweise ausschließen.

Mit dem Sammelbegriff "Instandsetzung" werden alle Maßnahmen bezeichnet, die notwendig werden, wenn ein Objekt durch Schäden gefährdet oder in seinem Erscheinungsbild entstellt bzw. gestört ist. Die Methoden, nach denen eine Instandsetzung durchgeführt werden kann, sind: Konservierung, Restaurierung, Renovierung und Rekonstruktion. Hinzu kommt in den Fällen, in denen das Objekt nicht mehr funktionsfähig und/oder ausstellungsfähig ist, die Kopie oder Replik.
 

Konservierung

Die Konservierung ist eine Maßnahme, bei der der durch nichts zu ersetzende originale Bestand eines Kunstwerks gesichert wird. Mit der Konservierung verbunden sind in der Regel auch vorbeugende Maßnahmen. Konservierungs- und Vorsorgemaßnahmen haben immer absoluten Vorrang, weil durch sie Substanzverluste verhindert werden können.
Zu den allgemein konservatorischen Maßnahmen bei Büchern und Archivalien zählt z. B. auch die Schutzverfilmung, die es möglich macht, die Benutzungshäufigkeit eines Objektes stark einzuschränken.
Zu den konservatorischen Maßnahmen bei Einbänden zählen:
Reinigungs- und Pflegearbeiten (Lederpflege, Festigung, Beseitigung früherer Eingriffe, wenn sie substanzgefährdend sind und das Anfertigen von Kassetten und Schubern. Ziel der Konservierung ist die Bewahrung des originalen Erscheinungsbildes zum Zeitpunkt der Behandlung.
 

Restaurierung

Die Restaurierung setzt ein, wenn bereits Schäden eingetreten sind. Restaurieren heißt: einem Objekt die ursprüngliche Festigkeit und Gebrauchsfähigkeit wiederzugeben, wobei die kostbare originale Substanz erhalten werden muss.
Eine Restaurierung hat die charakteristischen Alterungsspuren zu erhalten und muss unter Umständen auch im Laufe der Geschichte eingetretene Veränderungen berücksichtigen.
Zu den restauratorischen Eingriffen bei Einbänden zählen z.B.:
Ergänzen von Fehlstellen, Befestigung von losem Einbandmaterial, Festigung von zerbrochenen Holzdeckeln.
 

Renovierung

Die Renovierung ist eine Erneuerung des Erscheinungsbildes eines Objektes. Sie kommt nur dann in Betracht, wenn die konservatorischen und restauratorischen Möglichkeiten nicht ausreichen, um krasse Entstellungen des Originals rückgängig zu machen oder sich der Zerfall des Objektes auf andere Weise nicht aufhalten lässt.
Bei allen Renovierungen ist vom historischen Befund auszugehen und es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass keine originale Substanz reduziert wird. Das Ersetzen von Teilen des Originals muss sich auf das unbedingt notwendige Maß beschränken.
Renovierungen am Einband betreffen z.B. eine Erneuerung des Rückens, Unterlegen des Einbandbezuges, Ergänzung von Schließen, Erneuerung von Holzdeckeln.
 

Rekonstruktion

Die Rekonstruktion ist das Erschließen und gegebenenfalls das Wiederherstellen der Ganzheit eines Objektes aus einzelnen nachgewiesenen oder noch erhaltenen Teilstücken. Je nach Art und Umfang der vorhandenen Unterlagen (Dokumentation) bewegt sich eine Rekonstruktion bis zu einem gewissen Grad im Bereich der Hypothese. Rekonstruktion ist vor allem ein handwerklich technischer Vorgang, der aber bei Verwendung noch erhaltener originaler Substanz unter Mitwirkung eines Restaurators wenn nicht sogar vom Restaurator allein durchgeführt werden muss.
Rekonstruktionen am Einband sind immer dann erforderlich, wenn ein Buch für die Papier- bzw. Pergamentinstandsetzung in seine Bestandteile zerlegt werden muss. Geopfert werden müssen in solchen Fällen immer die originale Heftung und manche Eigenheiten des Einbandes, die durch eine Rekonstruktion immer nur ein Abbild sein können. Wenn nicht ein ausgesprochen desolater Zustand des Buchblocks eine Restaurierung von Grund auf erforderlich macht, sollte ein Zerlegen von Einbänden mit anschließender Rekonstruktion nach Möglichkeit vermieden werden.
 

Replik

Als Replik wird eine detailgerechte, maßstabsgerechte und materialgerechte vom Aussehen her möglichst originalgetreue Nachschöpfung eines Objektes unter Verwendung neuen Materials bezeichnet. Originalsubstanz ist bei einer Replik nicht vorhanden; auch dürfen bei einer Replik oder einem Faksimile keine natürlich gealterten, dem Originalmaterial vom Alter her ähnlichen Materialien verwendet werden, weil dann die Grenze zur Fälschung überschritten wird.
Replik und Faksimile treten neben das Original und bewahren das Erscheinungsbild des Objektes zum Zeitpunkt der Nachschöpfung.
Diese Definitionen sollte man sich bei Überlegungen zur Instandsetzung von Objekten stets vor Augen halten, damit man nicht in Versuchung gerät, Instandsetzungsmaßnahmen an einem Objekt vorzunehmen, die das Original stärker beeinträchtigen als notwendig bzw. vertretbar und um zu verhindern, dass diese Maßnahmen dann als Restaurierungen bezeichnet werden.
Wenn man es sich angewöhnt, die geplanten Maßnahmen ehrlich beim Namen zu nennen und sich über die Konsequenz z.B. einer Rekonstruktion im Klaren ist, gerät man vielleicht weniger leicht in Versuchung stärkere Eingriffe am Original, die meistens nur ästhetischen Interessen dienen, vorzunehmen. Wenn die richtige Bezeichnung für die vorgeschlagenen Maßnahmen gewählt wird, ist es leichter, die geplanten Maßnahmen auch richtig einzustufen und sich klar zu machen, wie viel von der Originalsubstanz einer geplanten Instandsetzung gegebenenfalls geopfert werden muss, wenn man nicht von vornherein bei den Maßnahmen zurücksteckt.

Ein Beispiel mag zur Verdeutlichung dienen:
Ein Band des 15.Jahrhunderts, Buchblock aus Papier mit starken Schäden durch mikrobiologischen Befall (Schimmel), der originale Schweinslederband ist noch leidlich erhalten.
Die wichtigste Maßnahme ist eine grundlegende Behandlung des Papiers, d. h. Schimmelbekämpfung, Ergänzung der Fehlstellen, Festigung der durch Schimmel geschwächten Bereiche des Papiers. Ein Zerlegen des Bandes ist unumgänglich, weil die Behandlung der Papierschäden nur an Einzelblättern vorgenommen werden kann.

Folgerungen:

1. Die Papierrestaurierung hat Vorrang, um das Objekt insgesamt in seiner Erscheinungsform erhalten zu können.
2. Für den Einband bedeutet diese Entscheidung aber,
2.1 dass der ganze Einband zerlegt werden muss,
2.2 dass die Originalheftung aufgelöst werden muss,
2.3 dass eine Rekonstruktion der Heftung und eine Renovierung des Einbandes notwendig wird, damit das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederhergestellt werden kann.

Eine solche - durchaus notwendige - Grundinstandsetzung eines Bandes bedeutet aber einen gravierenden Eingriff in die Originalsubstanz, der durch eine sorgfältige Dokumentation abgesichert werden muss. Aufgrund der Dokumentation kann dann die Rekonstruktion des Einbandes erfolgen. Für einen Einbandforscher ist ein solcher Band aber nur noch als sekundärer Zeuge durch die Dokumentation von Interesse. Für ihn ist es nicht mehr als eine Abbildung vom Original.

Ein weiteres Beispiel:
Ein Band, bei dem die Hanfbünde gebrochen sind, Vorder- und Rückdeckel sind defekt, das Papier des Buchblocks ist bis auf Gebrauchsspuren in Ordnung.

Zur Instandsetzung bieten sich drei Möglichkeiten:

1. Man könnte diesen Band instandsetzen, indem man die Heftung löst, den Band zerlegt, eine Neuheftung auf Hanfbünde vornimmt, die Deckel ansetzt, einen neuen Rücken anfertigt und die Deckelbezüge und den alten Rücken aufklebt. Das Ergebnis ist eine Rekonstruktion unter Verwendung alter Teile.
2. Man kann versuchen, soviel wie möglich vom Original zu erhalten, das heißt, die Heftung erhalten, das Kapital erhalten, die gebrochenen Bünde ansetzen oder neue Bünde durchziehen, Deckel ansetzen, den neuen Rücken unter das vorhandene Deckelleder unterarbeiten, den alten Rücken eventuell aufkleben. Das Ergebnis ist eine Restaurierung, bei der die Funktionsfähigkeit des Bandes wieder hergestellt wird, ohne dass ein tiefergehender Eingriff in die originale Heftung vorgenommen wird.
3. Man nimmt eine Renovierung vor, bei der die Funktionsfähigkeit des Buches Vorrang hat. Die alte Einbandsubstanz wird dem Inhalt und der Funktionsfähigkeit des Bandes untergeordnet. Die Originalsubstanz der Heftung bzw. des Einbandes wird gesondert aufgehoben, um noch einen Anhaltspunkt für das Aussehen des Originals zu erhalten. Ansonsten wird ein Neuband - eventuell im Stil der Zeit - angefertigt. Das Ergebnis ist, dass der Band nicht nur wie neu aussieht, sondern auch mit Ausnahme der Substanz des Buchblocks erneuert ist. Das ursprüngliche Erscheinungsbild des Bandes ist möglicherweise nachgeahmt (Replik) und wird durch Aufbewahrung der Originalsubstanz und durch den Restaurierungsbericht dokumentiert. Für den Einbandforscher, der sich mit der technischen Seite des Bucheinbandes (Material, Hefttechniken u.s.w. ) befasst, ist diese Lösung oft nützlicher als die Version 1, weil viele aussagekräftige Spuren unverdeckt und unverändert erhalten bleiben. Dennoch darf man sich dein Entscheidung Neuband "ja" oder "nein" nicht zu leicht machen.

Vor Beginn von Instandsetzungsmaßnahmen sollte geklärt werden, welchen Zielen die Instandsetzung dienen soll und ob diese Ziele mit der Grundforderung: bestmögliche Erhaltung des Informationsgehaltes eines Objektes in Einklang zu bringen sind.

Eine pauschale Lösung ist bei der Instandsetzung von Bibliotheks- und Archivgut nicht möglich. Die einzige generelle Anweisung, die gegeben werden kann , ist die, möglichst viel in die Vorsorge und Konservierung zu investieren.
Darüber hinaus aber gilt: jedes Objekt, das in seinem Bestand gefährdet erscheint, muss individuell betrachtet und auf seinen gesamten Informationsgehalt hin abgeklopft werden. Stichworte dazu sind folgende:

Einbandschmuck:
Stempel, Prägungen, Streicheisen, Blindlinien, Lederschnitt, Sprenkelung, Bemalung, Intarsie, Kapital, Beschläge

Einbandtechnik:
Heftung, Bünde, Verwendete Materialien, Deckelbefestigung, Schließen, Rücken, Einbandmaterial, Einschläge
Fragmente: Vorsatz, Flügelfalz, Rückenbeklebung, Klebepappen (Bedeutung der Fragmente für die Textüberlieferung und/oder als Hilfsmittel zur Werkstattidentifikation und Provenienzbestimmung).

Provenienzhinweise:
Titel (im Schnitt, auf dem Rücken oder Vorderdeckel), Handschriftliche Einträge, Namen, Signaturen (im Fußschnitt, auf dem Rücken, auf dem Vorsatz, auf dem Titelblatt), Bemalungen, Einfärbungen (Gleichförmige Rücken aus Saalbibliotheken), Blattweiser, alte Reparaturen.

Dieser Erhebung des Informationsgehaltes bzw. des "Bestandes" des Objektes sind die Ziele einer geplanten Instandsetzung gegenüberzustellen. Dabei sind die folgenden Fragen zu berücksichtigen:

1. Liegt eine Gefährdung des Objektes vor?
Buchblock: z.B. Schimmel, starke Fraßschäden, starker Tinten- oder Farbfraß. Heftung: z.B. Heftfäden gerissen, Bünde gebrochen, Lagen getrennt, Blätter lose. Einband: Deckel gebrochen, Bezüge eingerissen, Schließen und Beschläge gelockert bzw. defekt.
2. Liegt eine Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit vor?
Buchblock: z.B. Risse, Fraßschäden, Schimmelschäden. Heftung: z.B. Heftung gelockert, einzelne Lagen lose, Bünde am Deckel abgerissen. Einband: Schließen defekt, Bezug eingerissen, Rücken gelockert. 3. Liegt eine Beeinträchtigung der Ästhetik vor? Buchblock: z.B. Gebrauchsspuren, Schmutz, Wasserränder. Heftung: Rundung defekt, Block herausgeschoben, Lagen vorstehend. Einband: z.B. Bezug beschabt, Fraßstellen, Schließen und Beschläge fehlen, Vorsatz gelockert .

Im Dialog zwischen dem Restaurator und dem Bibliothekar/Archivar sollte nun versucht werden, eine angemessene Instandsetzungsmöglichkeit zu finden, die möglichst wenig in die Originalsubstanz des Objektes eingreift.
Wenn das Objekt in seinem Bestand gefährdet ist, lässt sich eine Grundinstandsetzung mit Rekonstruktion der Heftung und Renovation des Einbandes vertreten, dabei dürfen und sollen durchaus auch ästhetische Gesichtspunkte einfließen, wenn es um die Gestaltung des gesamten Objektes geht.
Ist die Gebrauchsfähigkeit eingeschränkt, ist sehr gründlich zu überlegen, welche Eingriffe nötig und vertretbar sind. Der Restaurator muss in diesen Fällen sehr genau angeben, was an Originalsubstanz einer Instandsetzung geopfert werden muss. In Zweifelsfällen sollte zusätzlich der Einbandforscher konsultiert werden, ob wirklich alte Heftungen z.B. bei unscheinbar wirkenden Bänden geopfert werden dürfen.
Restaurator und Kustos (Archivar/Bibliothekar) müssen bereit sein, kompetente Spezialisten, z.B. Buchwissenschaftler, Bibliothekshistoriker, Einbandforscher zu befragen, ob eine bestimmte Maßnahme, die zur Aufgabe von Originalsubstanz zwingt, in angemessenem Verhältnis zur Bedeutung und zum Informationsgehalt des gesamten Objektes steht. Sie müssen sich darüber hinaus immer darüber im Klaren sein, dass der Wunsch, ein "schönes" Objekt zu bekommen, nicht dazu führen darf, dass Originalsubstanz zerstört und der Informationsgehalt des Objektes reduziert oder sogar ganz vernichtet wird. Der Wunsch nach Schönheit und Harmonie oder danach, die eigene Kunstfertigkeit unter Beweis stellen zu können, dürfen nicht dazu führen, dass Objekte erneuert werden und dass die Gesamtheit der Sekundärinformationen der Ästhetik geopfert wird. Hier wird auch vom Restaurator Entsagung verlangt indem er sein Können zugunsten des originalen Erscheinungsbildes des Objektes zurücktreten lassen muss. Bei der Fülle des Materials in Bibliotheken und Archiven, das instandsetzungsbedürftig ist, wäre es unrealistisch, wollte man die Forderung erheben, alles unverändert zu erhalten. Beim Einband, besonders auch beim historischen Einband, wäre diese Forderung doppelt unrealistisch, weiß man doch, dass die Restaurierung des Papiers oder Pergaments des Buchblocks nur möglich ist, wenn der Einband zerlegt wird. Selbstverständlich wird nach erfolgter Restaurierung der historische Einband unter Verwendung noch vorhandener Originalteile (Bezugsleder, möglicherweise noch das Kapital und die Holzdeckel) rekonstruiert. Ein historischer Einband liegt aber nun nicht mehr vor, auch wenn alte Techniken nachgearbeitet werden und wenn noch einige Stücke der Originalsubstanz erhalten sind.
Für die Geschichte der kunsthandwerklichen Einbandverzierung mögen diese Informationen auf dem Bezug (Stempel u.ä.) ausreichend sein, ebenso können dem Kodikologen Provenienzvermerke und Benutzungseinträge u.s.w. wertvolle Hinweise geben. Demjenigen aber, der sich mit der Geschichte der Einbandtechnik, der Zuweisung zu einzelnen Werkstätten o.ä. beschäftigt, vermag ein rekonstruierter Band keine zufriedenstellenden Informationen mehr zu liefern.

Die Entwicklung der Technik des mittelalterlichen Holzdeckelbandes lässt sich wegen fehlender Originaleinbände, die unversehrt erhalten sind, nur mühsam und mit vielen Unsicherheiten aufzeigen. Die Formel:" der mittelalterliche Holzdeckelband besteht aus einem auf Bünde gehefteten Buchblock, an den Holzdeckel angesetzt werden und das Ganze wird schließlich mit Leder überzogen" stimmt nur selten. Zu viele Details, die unter Umständen entscheidenden Einfluss auf die Haltbarkeit und die Handhabbarkeit eines Bandes haben, bleiben bei dieser einfachen Sichtweise unberücksichtigt. Mit dem Holzdeckelband haben sich in letzter Zeit einige Wissenschaftler beschäftigt (Szirmai, Gilissen ,Giovannini u.a.), dennoch gibt es auch bei diesen Bänden, wenn Sie denn für eine Restaurierung aufgegeben werden müssen, noch viele Beobachtungen festzuhalten.

In viel größerem Umfang ist sorgfältige Beobachtung bei den flexiblen Einbänden erforderlich, die viel vergänglicher sind, sich aber dennoch in erstaunlich großer Zahl seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Bibliotheken und Archiven erhalten haben. Diese "libri sine asseribus" Bücher ohne Holzdeckel, wie sie in vielen mittelalterlichen Bibliothekskatalogen genannt werden, sind in der Einbandgeschichte häufig in Nebensätzen abgehandelt worden. Vereinzelt auftretende Beispiele, die auch noch ästhetische Besonderheiten aufweisen (z.B. Koperte, die ausgearbeitete Rückenverstärkungen aufweisen) sind als Randerscheinungen gewürdigt worden.
Betrachtet man die Wertschätzung, die Büchern im Mittelalter entgegengebracht wurde, so ist es durchaus richtig, anzunehmen, dass besonders geschätzten Büchern auch beim Einband besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Ebenso wird man aber auch annehmen müssen, dass für den täglichen Gebrauch, der im frühen und hohen Mittelalter sicher nicht allzu hoch anzusetzen ist, eine weniger aufwendige Einbandform existierte. Die eben bereits erwähnten mittelalterlichen Bibliothekskataloge erwähnen diese einfachen Formen in beträchtlichem Umfang.

Am flexiblen Pergamenteinband, der bisher in der Buchgeschichte zu Unrecht sträflich vernachlässigt wurde, lassen sich im Originalzustand wichtige Erkenntnisse über die Entwicklung dieser Einbandform bis hin zum modernen Deckenband gewinnen. Ausgesprochen interessante Aspekte bietet meiner Ansicht nach eine Untersuchung über den Grad des Einflusses des orientalischen Einbandes gerade auf den flexiblen Pergamenteinband. Ich nenne als Stichworte einige Sonderformen: Hüllenband (durch den Umschlag geheftet), Kopert mit Klappe (durch den Umschlag geheftet, mit Versteifungen und Verzierungen unterschiedlichster Art), gespannter Pergamentband, in den der Buchblock eingehängt wird u.s.w.
All diese Formen sind mir bisher mehr zufällig begegnet, die Quellenlage bei dieser Art von Bänden ist sehr schlecht, und wird immer schlechter, weil nämlich bei der Instandsetzung eines solchen Bandes in guter Absicht oft die letzten Spuren der alten Technik beseitigt werden. Auch eine sorgfältige Dokumentation kann versagen, weil die Fragestellungen zur Geschichte der Einbandtechnik noch nicht ausreichend formuliert sind. Abbildungsmaterial, das Vergleiche auch und vor allem zur Technik ermöglicht, ist sehr rar.
Am Beispiel des flexiblen Einbands, des Gebraucheinbandes, der häufig nicht vom Fachmann angefertigt wurde, wird vielleicht besonders deutlich, was beim Einband bedeutet: Originalsubstanz erhalten.
Es ist nicht möglich und auch nicht nötig, jeden Einband um jeden Preis erhalten zu wollen. Es ist aber ebenfalls unnötig, jeden Band mit akribischem Aufwand zu rekonstruieren und eventuell Bindefehler, die zu einer Zerstörung des Buchblocks oder des Einbands geführt haben, originalgetreu zu reproduzieren.
Diese Art von Originaltreue kostet viel Arbeitszeit und ist eigentlich nicht mehr zu vertreten in Anbetracht der Mengen von instandsetzungsbedürftigem Material in Archiven und Bibliotheken.

Wichtig bei allen Entscheidungen ist, dass sich der Auftraggeber über den Stellenwert des Stücks in seiner Sammlung klar ist. Ebenso bedeutsam ist es, dass der Restaurator Besonderheiten am Objekt erkennt und gegebenenfalls den Auftraggeber auf diese Besonderheiten aufmerksam macht, vor allem dann, wenn sie durch Eingriffe bei der Instandsetzung gefährdet sind. Solche Besonderheiten in der Technik sollten eigentlich immer auch einen erhöhten Aufwand rechtfertigen. Dieses Erkennen von Besonderheiten ist aber nur möglich, wenn der Restaurator selbst sicher weiß, was "Massenware" und was "Spezialität" ist, im Zweifel muss ein Fachmann gehört werden.
 

 

Zum Autor:
Dr. Gerd Brinkhus, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung, der Restaurierungswerkstatt sowie der Abteilung Handschriften, Alte Drucke, Rara an der Universitätsbibliothek Tübingen
E-mail: gerd.brinkhus@ub.uni-tuebingen.de
Zum Artikel:
Der Beitrag ist erschienen in: Konservierung und Restaurierung von Handschriften und Alten Drucken. Beiträge einer Fortbildungsveranstaltung der Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt und des Restauratorenfachverbandes e.V. ... 1997 in Erfurt. Erfurt 1998, S. 7-15
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