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Wo steht die Buchrestaurierung heute?
Ein Beitrag von Dag-Ernst Petersen, Wolfenbüttel

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Bei einem Jubiläum wie der 10 Kölner Antiquariatsmesse ist es erlaubt, ein wenig in die Vergangenheit zu blicken, das Verständnis für die sehr komplexe Thematik der Restaurierung und speziell der Buchrestaurierung wird dadurch erleichtert.

Die Tradition, beschädigte Bücher für den Wiederverkauf in Ordnung bringen zu lassen, reicht weit zurück. 1705 veröffentlichte Zeidler seine "Buchbinderphilosophie" [1] und war dem Leser eine Erklärung dafür schuldig, dass er als Amateur ein Fachbuch für Buchbinder verfasste. Er stellt sich als Auktionator vor, der häufig vor der Aufgabe stand, Bücher neu zu binden. Sehr beeindruckt ihn die Beschreibung einer Reparatur.. die er in einer Bibel fand:
 

"Im Deutschen Krieg
als man beschloß Bornstedt
das als Mansfeldisch Schloß
Die Bibel in zwey Teil gebunden
Hett unter einer Banck gefunden
Wol ein Soldat
ein loser Lawr
Verkauft sie einem alten Bawr
Da ward sie liederlich zerrissen
Von Fliegen umb und umb beschissen
Die Meuse frassen ab die Schal
Die Bretter wurden blos und kal
Und endlich ganz entzwey gebrochen
Von Würmern durch und durch gestochen
Das von den Brettern mit der Zeit
Bleib kaum ein stück zwey finger breit
Das hieng nur an einem kleinen faden
War allenthalben groß der Schaden: ....
Da mich thet jr gros unglück dauren
Und löst sie tewer von dem Bauren:
Gab ihm dafür ein newes Buch
(Ist für den Bauren gut genug.)
Und nahm sie eilend für die hand
Hab alle Bletlin umgewand
Sie ausgebürstet und verglichen
Die Eselsohren ausgestrichen
Gebiegelt mit eim Eisen heis
Und uberall geflickt mit vleis
Gehefft
beschnitten und gebunden
Verkleistert alle alten Wunden
Und sie dermassen zugericht
Daß sie nunmehr nicht schewt das, Liecht
Nachdem sie durch mein Kunst ernewt
Das Flickwerck mich niemals gerewt."

 

Der unbekannte Buchbinder bezeichnete seine Arbeit sehr befriedigt als "Flickwerk". Adam, Buchbindemeister und Fachlehrer in Düsseldorf, veröffentlichte 1927 eine Schrift zur Buchrestaurierung, seine Einleitung besitzt bis heute Gültigkeit: "Schon zu allen Zeiten, solange man es mit Büchern und Bucheinbänden zu tun hatte, war man bestrebt, die Beschädigungen, die solche Stücke durch den Gebrauch oder in anderer Weise erlitten hatten, zu beseitigen oder doch zu mildern. Nicht immer ist das in verständnisvollem Sinne geschehen, sondern man hat sich meistens nur auf ein Gebrauchsfähigmachen' beschränkt, den Charakter des ursprünglichen 'Werkes, sehr oft auch die Möglichkeit. Zeit und Provenienz zu erkennen. hat man bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Das ist natürlich sowohl im Sinne des Sammlers wie der Wissenschaft und der Buchkunst unstatthaft" [2].

In späterer Zeit waren es meist Bibliothekare, die sich mit der Restaurierung auseinandergesetzt [3] oder Empfehlungen zur Restaurierung ausgesprochen haben [4].

Es gibt viele Ansätze, den Veränderungen in der Restaurierung mit Definitionen nachzukommen. Wir haben in Wolfenbüttel eine Formulierung gefunden, die - auf unsere Arbeit bezogen - recht brauchbar ist: unter Restaurierung verstehen wir den Versuch, den ursprünglichen Zustand eines Objektes unter weitgehender Erhaltung der historischen Substanz wiederherzustellen. Die Restaurierung wird in einem Bericht dokumentiert. Wesentliche Aspekte der Buchrestaurierung stecken in dieser Definition und sollen im folgenden erläutert werden.

Wenn wir betonen, dass wir versuchen, den alten Zustand wiederherzustellen, ist uns bewusst, dass dies Ziel nicht erreicht werden kann; es ist nicht möglich, ein gealtertes Objekt in seinen originalen Zustand zurückzuversetzen. Das gilt für alle Bereiche der Restaurierung. scheint jedoch nicht ganz selbstverständlich zu sein, wenn im Kommentar der neuesten Ausgabe von "Restaura" beklagt wird, dass für die Begleittexte einer Ausstellung von restaurierten Gemälden der antiquierte Begriff vom "alten Glanz" wieder aufpoliert wurde [5]. "Ein Berufsbild im Wandel" ist der Titel einer Ausstellung, die vorwiegend für den musealen und denkmalpflegerischen Bereich Ziele und Grenzen der Restaurierung und Konservierung aufzeigt und drastisch schildert, dass Restaurieren eben nicht wieder neu machen heißt [6].

Abb.1: Restaurierter Holzdeckelband von 1490, Rücken mit neuem, eingefärbtem Leder überzogen, Fehlstellen auf den Deckeln unterlegt, nicht wiederverwendete Einbandelemente als Einbandreste aufgehoben (Kapital, Hinterklebung, Rücken);
Fotos und Restaurierung: Silke Koreck, Wolfenbüttel

Wer den ursprünglichen Zustand eines Objektes herstellen will, muss ihn zunächst kennen. Diese lapidare Feststellung berührt eine der größten Schwierigkeiten in der Buchrestaurierung. Das Buch wurde bis ins 19. Jahrhundert von Menschenhand aus völlig unterschiedlichen Materialien in vielfältigen Techniken zu einem Ganzen zusammengefügt; wie es funktionierte, hing von den Materialeigenschaften. den Techniken und der Qualität der Ausführung ab. Was wir jetzt wahrnehmen, ist ein durch Aufbewahrung und Benutzung gealtertes Objekt. Woher kennt man folglich den "ursprünglichen" Zustand? Es gehören schon viel Erfahrung, Kenntnisse in der Buch-, Material- und Technikgeschichte dazu, um eine halbwegs gesicherte Aussage treffen zu können. Je älter ein Objekt, desto seltener ist das entsprechende Vergleichsmaterial, desto größer ist die Gefahr von Irrtümern.

Abb.2: Pappband (Rieselmarmor) von 1858, Rücken mit selbst eingefärbtem Papier unterlegt, alle alten Teile wiederverwendet. Irreversibler Lichtschaden (Aufbewahrung im Magazin) auf dem Vorderdeckel;
Fotos und Restaurierung: Simone Kleine, Wolfenbüttel

Das Buch war nie ein reines Artefakt, es wurde und wird ebenso heute gelesen, das heißt benutzt. Die Wiederherstellung der Benutzbarkeit ist Bestandteil der Restaurierung. Wie umstritten und missverständlich der Begriff ist, kann mit einer einfachen Frage demonstriert werden: Ist es richtig, dass eine Inkunabel nach ihrer Restaurierung sich nur in einem Winkel von 130° öffnen und lesen lässt, oder muss sie vielleicht kopierfähig sein [7]?

Mit der "weitgehenden Erhaltung der historischen Substanz" sind natürlich nicht nur der Text oder der verzierte Einhand gemeint, sondern gleichfalls die zum Einband verwendeten Materialien wie Heftfäden, Bünde, Kapitale, Deckel, Überzüge und anderes. Angesichts der Forderung nach der Benutzbarkeit müssen Vor- und Nachteile riet Erneuerung (mit artgleichem Material) oder der Wiederverwendung alten Materials sorgfältig abgewogen werden. Schließlich möchte man den Zeitpunkt einer erneuten Restaurierung soweit wie möglich in die Zukunft verschieben.

Historische Aspekte, Provenienzen und die Geschichte der Sammlung oder der Bibliothek, zu der das Objekt gehört, müssen bei der Restaurierungsplanung berücksichtigt werden; dazu sucht der Restaurator die Diskussion mit dem Historiker.

Die Behandlung eines Buches kann sehr sparsam sein, denkt man zum Beispiel an die Befestigung des Titelblattes oder der ersten Lage. Wird ein zerbrochener Holzdeckel verklebt, eine abgerissene Schließe befestigt, sprechen wir von einer Teilrestaurierung. Als Vollrestaurierung fassen wir alle Arbeitsschritte zusammen, die sich aus der Schadenssituation des Objektes ergeben und die notwendig sind., um nach der beschriebenen Definition einen Band wiederherzustellen. Für einen Holzdeckelband kann das möglicherweise heißen: Einband und Buchblock zerlegen, Schriftträger (Papier) trocken und nass reinigen, ausbessern , anfasern, einbetten , spalten, glätten, nachleimen, Vorsätze an den Lagen integrieren, in Originaltechnik heften, ableimen, runden, hinterkleben, alle Kapitale befestigen oder neue rekonstruieren, Deckel restaurieren und ansetzen, Rücken ruft neuem Material überziehen, Deckelkanten rändeln, alte Bezüge zurichten und wieder aufbringen, Schließen ergänzen Lind montieren, Spiegel einkleben. Die Auflistung der Arbeitsschritte - die durchaus nicht vollständig ist - führt einen anderen Aspekt deutlich vor Augen: dass Restaurieren immer einen Eingriff in das Objekt darstellt. Damit verbunden ist das Risiko,

das Original zu verändern oder schlimmstenfalls zu verfälschen,
Informationen über Materialien, Verarbeitungstechniken oder Spuren von Werkzeugen bei der schrittweisen Zerlegung des Buches zu beseitigen,
dass das subjektive Empfinden des Restaurators seine Tätigkeit unbewusst beeinflusst.
 

Gerade die buchbinderische Ausbildung kann sich hier als problematisch erweisen, obwohl sie von allen Ausbildungsgängen als berufliche Grundlage favorisiert wird. Innerhalb einer Lehre werden Denk- und Verhaltensmuster geprägt, die bei der Restaurierung verheerende Konsequenzen haben können. Wer gelernt hat, dass am Bucheinband alles glatt, gerade und winklig sein soll, muss erheblich umdenken, wenn es darum geht, ein altes Objekt in seiner Eigenart zu respektieren.

Die Kriterien, nach denen in einer wissenschaftlichen Bibliothek Bücher zur Restaurierung ausgewählt werden, haben sich ebenfalls verändert. In der Vergangenheit war es meist der Wert eines Bandes, der bei der Auswahl bestimmend war, heute orientiert man sich nüchtern an dem Benutzungsgrad und der Schwere des Schadens. Gelegentlich gilt noch die missverständliche Beziehung: je älter, desto wertvoller; als Konsequenz fällt leider manches Objekt aus dem beginnenden 19. Jahrhundert einer Neubindung zum Opfer.

Restaurieren ist ohne Zweifel ein Kostenfaktor. Dem Auftraggeber werden von der freien Wirtschaft zwischen 70 und 100 DM pro Stunde in Rechnung gestellt, und fünf Stunden für einen Pappband von 1830 sind knapp kalkuliert. Das Anliegen, ein gleichwertiges Ergebnis für 40 DM zu erhalten, ist längst zur Illusion geworden.

Im Buchbereich war selbstverständlich bis in die jüngste Vergangenheit der qualifizierte Handbuchbinder bevorzugt für eine Fortbildung zum Buchrestaurator geeignet. Nach dein Zweiten Weltkrieg begann in Deutschland die Buchrestaurierung kontinuierlich zu wachsen. In den allen Bundesländern hat sich das Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek München in besonderem Maße durch Pioniertätigkeit und die Weiterbildung verdient gemacht. Es zeigte sich bald, dass die rein handwerklichen Fertigkeilen und Kenntnisse mit solchen aus natur und geisteswissenschaftlichen Bereichen ergänzt werden mussten. einen offiziellen Abschluss gab es allerdings nicht. Durch die Flutkatastrophe in Florenz 1966 kamen weitere Impulse in die Buchrestaurierung, sie wandelte sich von einer nationalen zu einer internationalen Aufgabe. Informationen über neue Technologien, Materialien oder Geräte verbreiten sich derzeit durch Fachzeitschriften und Tagungen rascher und können - nach kritischer Prüfung - die Standards der eigenen Werkstatt steigern. Denn die Ansprüche an eine adäquate Restaurierung sind in den vergangenen zehn Jahren ständig gestiegen, die erforderlichen Kenntnisse wurden immer umfangreicher, so dass der Ruf nach einem Studium mit Abschluss nur eine logische Konsequenz war. Das Resultat sind drei Ausbildungsstätten mit unterschiedlichen Studiengängen und Abschlüssen, an denen Schriftgutrestaurierung gelehrt wird (Fachhochschule Köln, Fachakademie München, Akademie Stuttgart). Das Buchbinderhandwerk bietet im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben im Buchbinder-Kolleg Stuttgart vorbereitende Kurse an, die mit dem "Geprüften Buchbinder für Restaurierarbeiten" abgeschlossen werden können.

Die gedrängte, wertfreie Übersicht beschreibt, wer heute restauriert: diplomierte und staatlich geprüfte Restauratoren, der Restaurator im Handwerk, weitergebildete Buchbinder, außerdem Autodidakten und jeder, der glaubt, es zu können, denn bisher sind Berufsbezeichnung und Berufsbild des Restaurators nicht geschützt. Die Vereinigung Deutscher Restauratorenverbände bemüht sich intensiv um die staatliche Anerkennung.

Der größte Teil der wertvollen, historischen Buchbestände befindet sich in öffentlichem Besitz, folglich liegt es auf der Hand, dass Bibliothekare, die für Bestandserhaltung mitverantwortlich sind, Restaurieraufträge vergeben. Nach der Einrichtung von "Ausbildungsstätten für Personen. die nach Abschluss ihrer Ausbildung für Bibliotheken und Archive als Restaurator tätig sein sollen", sah sich die Kommission für Bestandserhaltung des Deutschen Bibliotheksinstitutes Berlin veranlasst, "Anforderungen an den Beruf des Restaurators für Archiv- und Bibliotheksgut" zu formulieren [8]. Nach eingehenden Diskussionen, an denen ebenfalls Archivare beteiligt waren, und nachdem Stellungnahmen eingearbeitet wurden, erhebt das Anforderungsprofil den Anspruch, "die Meinung des Archiv- und Bibliothekswesens in der Bundesrepublik" wiederzugeben. Detailliert werden darin Ausbildungsinhalte, die Eingruppierung und der Bedarf an Restauratoren erörtert.

Es ist fast selbstverständlich, dass der auftraggebende Bibliothekar in der Lage sein sollte, die Qualität einer abgeschlossenen Restaurierung beurteilen zu können. Die Ausbildung der Bibliothekare wird diesem Anspruch nicht gerecht, sie müssen sich in eigener Initiative weiterbilden [9]. Der Restaurierung soll das Gespräch über ein Konzept mit dein Restaurator vorangestellt werden, wobei der Bibliothekar sein Sachwissen als Buchhistoriker einbringen wird. Die Zusammenarbeit zweier "sich ergänzender Partner" bildet die Basis für erfolgreiche Restaurierungen [10].

In nicht unerheblichem Umfang gelangen aus den Antiquariaten Aufträge an die freiberuflichen Restauratoren. Beschädigte Objekte sollen hergerichtet und für den Interessenten attraktiver werden. Manchmal wird es notwendig sein, ein loses Blatt oder ein Stück vorn Einband zu befestigen, manchmal ist kein Einband vorhanden. Bei solchen Maßnahmen ist zu bedenken, dass der Antiquar nur temporär ein Buch besitzt und den zukünftigen Eigentümer und dessen Vorstellungen einer Reparatur oder Restaurierung nicht kennt: sollte die für das Buch "lebenswichtige" Entscheidung nicht diesem überlassen werden? Es ist durchaus denkbar, dass ein in dieser Weise behandeltes Objekt von einer Bibliothek erworben wird, die der "Sammlung deutscher Drucke" angehört, die in eigener Restaurierwerkstatt ihre Bestände konservatorisch betreut. Immerhin sind seit 1990 rund 42 000 Bände mit einem Volumen von fast 16 Mio. DM über den Handel in öffentlichen Besitz übergegangen [11].

Es ist ein dringendes Desiderat, dass die Antiquare ihrerseits Vorstellungen einer qualifizierten Restaurierung formulieren. Die Kriterien könnten einerseits zur Grundlage einer Auftragsvergabe wurden und würden andererseits das Vertrauen der Interessenten starken. Der Hinweis in einem Katalog auf die Reparatur oder Restaurierung eines Bandes kann sinnvoll durch die Nennung der eingesetzten Verfahren und Materialien ergänzt werden [12].

Abb.3: Zur Restaurierung völlig zerlegter Holzdeckelband. Erkennbar sind folgende Einbandelemente: Bindebänder, Überzüge, Deckel, Kapitale, Bünde mit Heftfäden, Rückenüberzug, Buchblock in einzelnen Lagen;
Foto und Restaurierung: Katharina Mähler, Wolfenbüttel

Die aufgeworfenen Fragen zum Berufsbild, zur Restaurierethik, Ausbildung und Qualifikation und zu den Tätigkeiten selbst lassen das Buch als Kulturgut in einem neuen Verständnis erscheinen. Das Verhältnis des Menschen zum alten Buch verändert sich, vielleicht als Reaktion auf die rasante Entwicklung der konkurrierenden elektronischen Medien. Man sieht die Magazine mit anderen Augen an, sowohl die vom "Säurefraß" bedrohten Zeitschriften aus dem 19. Jahrhundert als auch den Altbestand; das Materielle des Buches wird zum Gegenstand der Forschung. Szirmai, den man als einen der wenigen Buch-Archäologen bezeichnen kann, stellt allgemein fest: "Erst nachdem man in den letzten Jahren auch der Struktur und der Funktion des Einbandes einige Aufmerksamkeit zu widmen begonnen hat, treten erste Zeichen einer Verunsicherung auf" [13].

Es ist sicherlich grundfalsch, nun den Schluss zu ziehen, die Restaurierung aufzugeben. Weiterhin gilt die Prämisse, die Risiken zu kalkulieren und so klein wie möglich zu halten. lm Zweifelsfalle ist eine Konservierung die bessere Entscheidung. Dazu gehören alle Maßnahmen, die den derzeitigen Zustand eines Objektes erhalten und die verhindern, dass er sich durch die Aufbewahrung oder Benutzung weiter verschlechtert. Es geht um die Sicherung gefährdeter Einzelteile und die Anfertigung von Schutzbehältnissen. Erforderlich sind allerdings begleitende prophylaktische Bedingungen, wie der Ersatz durch eine Mikroform, Benutzungseinschränkung und klimatisch korrekte Aufbewahrung. Die Konservierung vermeidet also den Eingriff am Original. Die Entwicklung zur wissenschaftlichen Restaurierung ist inzwischen sehr weit fortgeschritten. Das bedeutet leider auch, dass gesichertes Wissen von gestern morgen bereits überholt sein kann. Wie schon gesagt: die partnerschaftliche Kooperation und Absprache der beteiligten Fachleute und ein hoher handwerklicher Standard des Restaurators sind Voraussetzung für eine befriedigende Restaurierung, die dann - zeitbedingt - vertretbar ist.

 

 
Anmerkungen
[1] Johann Gottfried Zeidler: Buchbinder-Philosophie, Halle 1708 zum Text
[2] Paul Adam: Das Restaurieren alter Bücher, Halle 1927 zum Text
[3] Hellmuth Helwig: Mittelalterliche Bucheinbände und ihre Restaurierung aus der Sicht des Einbandforschers, in: Wolfenbütteler Forschungen Band 1, Bremen und Wolfenbüttel 1977, S. 281-315 zum Text
[4] Alois M. Fauser: Empfehlungen für die Buchrestaurierung, Merkblätter für wissenschaftliche Bibliotheken Heft 3, 1970 zum Text
[5] Winfried Heiber: Der Kommentar, in: Restauro 101. Jahrgang (1995), Heft 4, S. 223 zum Text
[6] Ein Berufsbild im Wandel: restaurieren, herausgeben von Ralf Buchholz / Hannes Homann, Hannover 1994, Ausst. im Buxtehude Museum, bis 8. Oktober zum Text
[7] Leselust, Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Schirn Kunsthalle, Frankfurt 1993. Auf den Gemälden der niederländischen Malerei von Rembrandt bis Vemeer sind zahlreiche Bücher, die gelesen werden, naturalistisch abgebildet. zum Text
[8] Anforderungen an den Beruf des Restaurators für Archiv- und Bibliotheksgut, in: Bibliotheksdienst, 28. Jahrgang (1994) Heft 2, S. 198-207 zum Text
[9] Hellmuth Helwig, siehe Anm.3 zum Text
[10] Gerhard Karpp: Der "Patient altes Buch" und seine Partner, in: Arbeitsblätter des Arbeitskreises Nordrhein-Westfälischer Papierrestauratoren, 3. Ausgabe 1991, S. 18-26 zum Text
[11] Elmar Mittler: Sammeln, Erschließen, Erforschen, Bewahren, in: Das deutsche Buch, Die Sammlung deutscher Drucke, Wiesbaden 1995, S. 27-39 zum Text
[12] Der deutsche Kunsthandel juriert seine auf Messen angebotenen Objekte sehr streng: "Zugelassen sind nur einwandfreie und gut erhaltene Originale; Kopien, stark restaurierte, Überarbeitete, ergänzte oder verfälschte Objekte sind nicht zugelassen"; -Reiner Schütte: Restaurierungen aus der Sicht des Kunsthandels, in: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung, Jahrgang 1 (1987), S. 77-79 zum Text
[13] Janos A. Szirmai: Einbandforschung und Einbandrestaurierung, in: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken, Stuttgart 1992, S. 25-41 zum Text

 

 

Zum Autor:
Dag-Ernst Petersen, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung und der Restaurierungswerkstatt der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel
E-mail: petersen@hab.de
Zum Artikel:
vormals erschienen in:
Weltkunst 17 (1995);
Restauro 103 (1997), 3, S. 186-189
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