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Konzeptionelle Überlegungen zur Frage: Restaurierung und Einbandforschung - ein Gegensatz
Ein Beitrag von Dr. Gerd Brinkhus, Tübingen

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1. Konservierung

Nicht nur die Erwerbung und Erschließung sondern auch die dauerhafte Erhaltung der im Laufe der Zeit gesammelten Bücher ist wesentliche Aufgabe einer wissenschaftlichen Bibliothek. Die Bestandserhaltung setzt ein, wenn ein Band in die Bibliothek aufgenommen wird: es muss entschieden werden, ob und wie der vorhandene Einband verstärkt oder erneuert werden muss, wie Beilagen zu behandeln sind, damit sie ebenso wie der Hauptband möglichst lange der Benutzung zur Verfügung stehen. Ging man bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch davon aus, dass alles, was in eine wissenschaftliche Bibliothek aufgenommen wurde auch unbegrenzt aufbewahrt werden sollte- d. h. es wurde ein unbegrenztes Wachstum der Bibliotheksbestände vorausgesetzt- ist man heute gezwungen stärker zu differenzieren und eine Auswahl dahingehend zu treffen, was im Original bewahrt werden soll, und was in Ersatzformen (Mikroformen, Datenträgern) aufbewahrt und benutzt werden kann. Die Bestandserhaltung hat sich also auch verstärkt um ein Erhaltungsprofil für die Bestände zu kümmern und Schwerpunkte zu setzen für die Erhaltung von Originalen. Ein Teil der Bestände wird nach Ablauf seiner Benutzungsfähigkeit bei Bedarf durch Reproduktionen oder Mikroformen ersetzt oder gegebenenfalls ersatzlos makuliert.

Der Zwang zu einer stärkeren Effizienz im Bereich der Bibliotheken hat Auswirkungen, auch wenn die Kosten-Nutzen-Relationen im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken nur begrenzt anwendbar sind. Zur Bewältigung der Massen an gedruckter Information und der Informationsflut generell sind Überlegungen angestellt worden, Textinhalte zu erhalten und zur Nutzung bereitzustellen, und zwar als Texte - gedruckt, verfilmt oder digitalisiert. Die neuen Medien bedingen ein Umdenken, aber auf die Erhaltung von Originalen wird man nicht verzichten können und wollen.

Diese Entwicklungen zwingen zu Einschränkungen bei der Erhaltung von Originalen, sie erfordern ein Umdenken bei der Formulierung des Sammelauftrags und der Archivfunktion der Bibliotheken und führen notwendigerweise auch zu einer Neubewertung der Altbestände in weiterem, aber auch in engerem Sinne. In weiterem Sinne wird eine Ersetzbarkeit des Altbestandes als Textträger durch neue Trägermaterialien und Medien immer mehr an Raum gewinnen. Im engeren Sinne wird man sich stärker vom Kriterium "kostbar" zum Kriterium "allgemein erhaltenswert" hinwenden müssen; das bedeutet, dass der wissenschaftliche, ideelle "Wert" gleichberechtigt neben dem antiquarischen "Marktwert" zu sehen ist.

Der Altbestand einer wissenschaftlichen Bibliothek erweist sich heute mehr denn je als eine sehr differenzierte und flexible Größe. Unter dem Aspekt der Archivierungswürdigkeit lässt sich der Bibliotheksbestand in drei Kategorien untergliedern:

1. Historischer Altbestand, Zimelien
2. Bestände, die aus Gründen ihrer inhaltlichen Aussage - als Textträger - zu archivieren sind, wobei die ursprüngliche formale Gestaltung und das Material, auf dem die Texte fixiert wurden, keine bzw. eine untergeordnete Rolle spielen. Die Bestände könnte man charakterisieren als: "Original nach Ablauf der Benutzbarkeit verzichtbar".
3. Bestände, deren Inhalt nur von begrenzter, aktueller Bedeutung ist und die durch Neubearbeitungen und Neuauflagen regelmäßig ersetzt werden.


 

Wenn man nun unter diesen Vorgaben in den wissenschaftlichen Bibliotheken von der Maxime abrückt, dass alles, was erworben wird, auch archiviert werden muss und den Bestand unter strengen Vorgaben für die Aussonderung betrachtet, müsste es eigentlich selbstverständlich sein, dass das, was als "auf Dauer archivierungswürdig" eingestuft wird, auch optimal geschützt und erhalten wird. Hier ist jedoch bisher eine schmerzliche Lücke zwischen dem Anspruch und der Realität zu sehen.

In erster Linie müssen die Bemühungen der Bestandserhaltung darauf gerichtet sein, den Bestand zu erhalten, der unbedingt im Original erhalten werden muss, das sind der historische Altbestand, Sondersammlungen und Sammelschwerpunkte (z. B. lokal oder regional) und die Sondersammelgebiete.
 

Zu den für die Bestandserhaltung wichtigen Vorkehrungen für den Gesamtbestand gehören vor allem prophylaktische Maßnahmen:

optimale Bedingungen in den Magazinen
schonende Transportmöglichkeiten aus dem Magazin in den Benutzungsbereich
Benutzungshilfen für das schonende Auflegen der Bände
Anleitung der Benutzer zum fachgerechten schonenden Umgang mit den Bänden


 

Wenden wir uns der Gruppe 1 den Historischen Altbeständen zu, Bücher die in ihrem Originalzustand erhalten werden müssen, da sie über den Text hinaus Informationen bieten.

Handschriften, andere Unikate
z.B. Historische Drucke (bis 1850 = Beginn der industrialisierten Buchherstellung)
Erstausgaben von wissenschaftlichen oder literarischen Werken (sofern nicht der Kategorie 2 zuzuordnen )
herausgehobene Einzelstücke (Rara), die auf Grund ihrer Herstellungsweise original zu erhalten sind;
"Ensembles", Sammlungen, die unter speziellen Gesichtspunkten zustande gekommen sind, z.B.
besondere Provenienzen:
Historische Bibliotheken oder Teile von solchen
Sammlungen von Persönlichkeiten
Thematische Sammlungen bzw. Schwerpunkte, die historisch gewachsen sind
lokale bzw. regionale Sammlungen
Historische Bestandsstufen einer Bibliothek.


 

Der Informationsgehalt eines historischen Buches kann dreifach sein:

1. Inhalt (Text)
2. Informationen zur Kunstgeschichte, Buchgeschichte, Bibliotheksgeschichte, Buchhandelsgeschichte.
3. Geschichte des Objektes (Buches), Alterung (Patina), Schicksal (Provenienz)


 

Außerdem ist das Buch ein Informationsträger über den Inhalt hinaus:

als Ergebnis kunsthandwerklicher Tätigkeit und typisches Erzeugnis einer bestimmten Zeit und Region
die Ausstattung des Bandes allgemein als Beitrag zur Kulturgeschichte
die Einbettung eines Einzelstücks in einen größeren Bestand (=Ensemble) als wesentliches Zeugnis zur Bibliotheksgeschichte (Provenienzhinweise)
die vielfältigen Gebrauchsspuren als Zeichen für die Alterung, Verwendung, Wertschätzung oder Nichtachtung des Bandes oder seines Inhalts


 

Bestanderhaltung muß diesen Informationsgehalt bewahren durch Preservation (Magazinklima etc.), Conservation und Restauration.

Prophylaktische Maßnahmen für den Gesamtbestand:

Magazinräume mit einem hohen feuchtigkeits-regulierenden Ausgleichspotential Sauberkeit im Magazinbereich (Schutz vor Schädlingsbefall und mikrobiologischem Befall),
Magazinregale und Aufbewahrungsmöglichkeiten, die den Bänden Stütze und Schutz geben.


 

Die Rarifizierung und separate Aufstellung des historischen Altbestands erleichtert in hohem Maße die regelmäßige Durchführung von Pflegemaßnahmen und verhindert, dass die Bände routinemäßig einer Neubindung unterzogen werden.
Die Verfilmung (ggf. mit anschließender Digitalisierung) von Bänden schützt vor übermäßiger Abnutzung durch ständigen Gebrauch.

Es ist auf jeden Fall nötig, diesen Bestand separat aufzustellen: Die separate Aufstellung ermöglicht einen wesentlich effektiveren Schutz des kostbaren Altbestandes und erleichtert in hohem Maße die regelmäßige Durchführung von Pflegemaßnahmen. Wichtig ist zum Beispiel auch, dass die Bücher des Rarabestandes zum Beispiel nicht routinemäßig einer Neubindung unterzogen werden, sondern grundsätzlich an die Restaurierungswerkstatt übergeben werden, damit hier eine behutsame Instandsetzung erfolgen kann, die auf die Besonderheiten des historischen Altbestandes besondere Rücksicht nehmen und der Erhaltung historischer Spuren an den Büchern Rechnung tragen kann. Zu den konservatorischen Maßnahmen im Magazinbereich gehört die Schutzverpackung für Originaleinbände ebenso wie regelmäßige Buchpflegemaßnahmen.

Konservatorischen Maßnahmen:

Schutzverpackung für Originaleinbände
regelmäßige Buchpflegemaßnahmen
reinigen und Fetten von Leder- und Pergamenteinbänden
regelmäßigen Kontrollen

 
Zusammenfassend ist festzustellen:

Die Konservierung ist eine Maßnahme, bei der der durch nichts zu ersetzende originale Bestand eines Kunstwerks gesichert wird. Mit der Konservierung verbunden sind in der Regel auch vorbeugende Maßnahmen. Konservierungs? und Vorsorgemaßnahmen haben immer absoluten Vorrang, weil durch sie Substanzverluste verhindert werden können. Ziel der Konservierung ist die Bewahrung des originalen Erscheinungsbildes zum Zeitpunkt der Behandlung.

 

2. Instandsetzung

Methoden der Instandsetzung sind Restaurierung, Renovierung und Rekonstruktion.

2.1 Restaurierung

Restaurieren heißt: einem Objekt die ursprüngliche Festigkeit und Gebrauchsfähigkeit wiederzugeben, wobei die originale Substanz erhalten werden muss
Beheben kleinerer Schäden (kleine Risse schließen, lose Einbandteile befestigen Schließen, Schließenbänder erneuern)

Die Restaurierung setzt ein, wenn bereits Schäden eingetreten sind. Restaurieren heißt: einem Objekt die ursprüngliche Festigkeit und Gebrauchsfähigkeit wiederzugeben, wobei die kostbare originale Substanz erhalten werden muss. Eine Restaurierung hat die charakteristischen Alterungsspuren zu erhalten und muss unter Umständen auch im Laufe der Geschichte eingetretene Veränderungen berücksichtigen.

Zu den restauratorischen Eingriffen bei Einbänden zählen z.B. das Beheben kleinerer Schäden (kleine Risse schließen, lose Einbandteile befestigen Schließen, Schließenbänder erneuern, Ergänzen von Fehlstellen, Befestigung von losem Einbandmaterial sowie Festigung von zerbrochenen Holzdeckeln.

Restaurierung ist die zeitaufwendigste Maßnahme der Bestandserhaltung, erforderlich sind daher:

grundsätzliche konzeptionelle Überlegungen zum Stellenwert der zur Instandsetzung anstehenden Bänden im Rahmen des Gesamtbestandes
Überlegungen zur möglichst originalen Erhaltung des jeweiligen Objektes
unter Berücksichtigung der Benutzungsfrequenz,
der Einschätzung der Bedeutung seines Repräsentationscharakters (Ausstellungen)
seines intrinsischen Wertes


 

2.2 Renovierung

Renovierung ist die Erneuerung des Erscheinungsbildes eines Objektes. Sie kommt nur dann in Betracht, wenn die konservatorischen und restauratorischen Möglichkeiten nicht ausreichen, um krasse Entstellungen des Originals rückgängig zu machen oder sich der Zerfall des Objektes auf andere Weise nicht aufhalten lässt.

Es darf auf keinen Fall originale Substanz reduziert werden. Das Ersetzen von Teilen des Originals muss sich auf das für die Erhaltung unbedingt notwendige Maß beschränken. Renovierungen am Einband betreffen z.B. Erneuerung des Rückens, Unterlegen des Einbandbezuges, Ergänzung von Schließen, Erneuerung von Holzdeckeln. Die Renovierung ist eine Erneuerung des Erscheinungsbildes eines Objektes. Bei allen Renovierungen ist vom historischen Befund auszugehen und es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass keine originale Substanz reduziert wird. Das Ersetzen von Teilen des Originals muss sich auf das unbedingt notwendige Maß beschränken. Renovierungen am Einband betreffen z.B. eine Erneuerung des Rückens, Unterlegen des Einbandbezuges, Ergänzung von Schließen, Erneuerung von Holzdeckeln.
 

2.3 Rekonstruktion

Die Rekonstruktion ist das Erschließen und gegebenenfalls das Wiederherstellen eines Objektes aus einzelnen nachgewiesenen oder noch erhaltenen Teilstücken.

Je nach Art und Umfang der vorhandenen Unterlagen (Dokumentation) bewegt sich eine Rekonstruktion bis zu einem gewissen Grad im Bereich der Hypothese. Rekonstruktion ist vor allem ein handwerklich technischer Vorgang, der aber bei Verwendung noch erhaltener originaler Substanz unter Mitwirkung eines Restaurators wenn nicht sogar vom Restaurator allein durchgeführt werden muss.

Rekonstruktionen am Einband sind immer dann erforderlich, wenn ein Buch für die Papier? bzw. Pergamentinstandsetzung in seine Bestandteile zerlegt werden muss. Geopfert werden müssen in solchen Fällen immer die originale Heftung und manche Eigenheiten des Einbandes, die durch eine Rekonstruktion immer nur ein Abbild sein können. Wenn nicht ein ausgesprochen desolater Zustand des Buchblocks eine Restaurierung von Grund auf erforderlich macht, sollte ein Zerlegen von Einbänden mit anschließender Rekonstruktion nach Möglichkeit vermieden werden.
 

2.4 Replik

Als Replik wird eine detailgerechte, maßstabsgerechte und materialgerechte vom Aussehen her möglichst originalgetreue Nachschöpfung eines Objektes unter Verwendung neuen Materials bezeichnet. Originalsubstanz ist bei einer Replik nicht vorhanden; auch dürfen bei einer Replik oder einem Faksimile keine natürlich gealterten, dem Originalmaterial vom Alter her ähnlichen Materialien verwendet werden, weil dann die Grenze zur Fälschung überschritten wird.

Replik und Faksimile treten neben das Original und bewahren das Erscheinungsbild des Objektes zum Zeitpunkt der Nachschöpfung.

Bei Einbänden kann es zu einer Mischform kommen, wenn ein originaler Buchblock in eine Einbandreplik eingebunden wird. Eine solche Mischform ist aber immer deutlich zu kennzeichnen.

Diese Definitionen sollte man sich bei Überlegungen zur Instandsetzung von Objekten stets vor Augen halten, damit man nicht in Versuchung gerät, Instandsetzungsmaßnahmen an einem Objekt vorzunehmen, die das Original stärker beeinträchtigen als notwendig bzw. vertretbar und um zu verhindern, dass diese Maßnahmen dann als Restaurierungen bezeichnet werden. Wenn man es sich angewöhnt, die geplanten Maßnahmen ehrlich beim Namen zu nennen und sich über die Konsequenz z.B. einer Rekonstruktion im Klaren ist, gerät man vielleicht weniger leicht in Versuchung stärkere Eingriffe am Original, die meistens nur ästhetischen Interessen dienen, vorzunehmen.

Wenn die richtige Bezeichnung für die vorgeschlagenen Maßnahmen gewählt wird, ist es leichter, die geplanten Maßnahmen auch richtig einzustufen und sich klar zu machen, wie viel von der Originalsubstanz einer geplanten Instandsetzung gegebenenfalls geopfert werden muss, wenn man nicht von vornherein bei den Maßnahmen zurücksteckt.
 

2.5 Was soll mit der Instandsetzung erreicht werden?

Gebrauchsfähigkeit wieder herstellen?
Original erhalten?
Die Ausstellungsfähigkeit (wieder) herstellen?

Dazu muss man sich über die Stellung des Objektes innerhalb des eigenen Bestandes klar sein und sollte außerdem festzustellen versuchen, ob andere gleichartige Objekte im Originalzustand vorhanden sind. Gegebenenfalls sollte man einen Fachmann (Wissenschaftler) befragen.


Beispiel 1:
Ein Band des 15.Jahrhunderts, Buchblock aus Papier mit starken Schäden durch mikrobiologischen Befall (Schimmel), der originale Schweinslederband ist noch leidlich erhalten. Die wichtigste Maßnahme ist eine grundlegende Behandlung des Papiers, d. h. Schimmelbekämpfung, Ergänzung der Fehlstellen, Festigung der durch Schimmel geschwächten Bereiche des Papiers. Ein Zerlegen des Bandes ist unumgänglich, weil die Behandlung der Papierschäden nur an Einzelblättern vorgenommen werden kann.

Folgerungen:
Die Papierrestaurierung hat Vorrang, um das Objekt insgesamt in seiner Erscheinungsform erhalten zu können. Für den Einband bedeutet diese Entscheidung aber, dass der ganze Einband zerlegt und die Originalheftung aufgelöst werden muss. Damit das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederhergestellt werden kann,ist zudem eine Rekonstruktion der Heftung und eine Renovierung des Einbandes notwendig.

Eine solche ?durchaus notwendige? Grundinstandsetzung eines Bandes bedeutet aber einen gravierenden Eingriff in die Originalsubstanz, der durch eine sorgfältige Dokumentation abgesichert werden muss. Aufgrund der Dokumentation kann dann die Rekonstruktion des Einbandes erfolgen. Für einen Einbandforscher ist ein solcher Band aber nur noch als sekundärer Zeuge durch die Dokumentation von Interesse. Für ihn ist es nicht mehr als eine Abbildung vom Original.


Beispiel 2:
Ein Band, bei dem die Hanfbünde gebrochen sind, Vorder? und Rückdeckel sind defekt, das Papier des Buchblocks ist bis auf Gebrauchsspuren in Ordnung.

Zur Instandsetzung bieten sich drei Möglichkeiten:

1. Man könnte diesen Band instandsetzen, indem man die Heftung löst, den Band zerlegt, eine Neuheftung auf Hanfbünde vornimmt, die Deckel ansetzt, die Fehlstellen im alten Deckelbezug unterlegt und wiederverwendet. Das Ergebnis ist eine Rekonstruktion unter Verwendung alter Teile.
2. Man kann versuchen, soviel wie möglich vom Original zu erhalten, das heißt, die Heftung erhalten, das Kapital erhalten, die gebrochenen Bünde ansetzen oder neue Bünde durchziehen, Deckel ansetzen, den neuen Rücken unter das vorhandene Deckelleder unterarbeiten, den alten Rücken eventuell aufkleben. Das Ergebnis ist eine Restaurierung, bei der die Funktionsfähigkeit des Bandes wieder hergestellt wird, ohne dass ein tiefergehender Eingriff in die originale Heftung vorgenommen wird.
3. Man nimmt eine Renovierung vor, bei der die Funktionsfähigkeit des Buches Vorrang hat. Die alte Einbandsubstanz wird dem Inhalt und der Funktionsfähigkeit des Bandes untergeordnet. Die Originalsubstanz der Heftung bzw. des Einbandes wird gesondert aufgehoben, um noch einen Anhaltspunkt für das Aussehen des Originals zu erhalten. Ansonsten wird ein Neuband - eventuell im Stil der Zeit - angefertigt. Das Ergebnis ist, dass der Band nicht nur wie neu aussieht, sondern auch mit Ausnahme der Substanz des Buchblocks erneuert ist. Das ursprüngliche Erscheinungsbild des Bandes ist möglicherweise nachgeahmt (Replik) und wird durch Aufbewahrung der Originalsubstanz und durch den Restaurierungsbericht dokumentiert. Für den Einbandforscher, der sich mit der technischen Seite des Bucheinbandes (Material, Hefttechniken u.s.w. ) befasst, ist diese Lösung oft nützlicher als die Version 1, weil viele aussagekräftige Spuren unverdeckt und unverändert erhalten bleiben. Dennoch darf man sich dein Entscheidung Neuband "ja" oder "nein" nicht zu leicht machen.


Vor Beginn von Instandsetzungsmaßnahmen sollte geklärt werden, welchen Zielen die Instandsetzung dienen soll und ob diese Ziele mit der Grundforderung: bestmögliche Erhaltung des Informationsgehaltes eines Objektes in Einklang zu bringen sind. Eine pauschale Lösung ist bei der Instandsetzung von Bibliotheks? und Archivgut nicht möglich. Die einzige generelle Anweisung, die gegeben werden kann , ist die, möglichst viel in die Vorsorge und Konservierung zu investieren.

Darüber hinaus aber gilt: jedes Objekt, das in seinem Bestand gefährdet erscheint, muss individuell betrachtet und auf seinen gesamten Informationsgehalt hin abgeklopft werden.

Stichworte dazu sind folgende:

Einbandschmuck: (Stempel, Prägungen, Streicheisen, Blindlinien, Lederschnitt, Sprenkelung, Bemalung, Intarsie, Kapital, Beschläge)
Einbandtechnik: Heftung, Bünde, Verwendete Materialien, Deckelbefestigung, Schließen, Rücken, Einbandmaterial, Einschläge)
Fragmente: Vorsatz, Flügelfalz, Rückenbeklebung, Klebepappen (Bedeutung der Fragmente für die Textüberlieferung und/oder als Hilfsmittel zur Werkstattidentifikation und Provenienzbestimmung).
Provenienzhinweise: Titel (im Schnitt, auf dem Rücken oder Vorderdeckel), Handschriftliche Einträge, Namen, Signaturen (im Fußschnitt, auf dem Rücken, auf dem Vorsatz, auf dem Titelblatt), Bemalungen, Einfärbungen (Gleichförmige Rücken aus Saalbibliotheken), Blattweiser, alte Reparaturen.


Dieser Erhebung des Informationsgehaltes bzw des "Bestandes" des Objektes sind die Ziele einer geplanten Instandsetzung gegenüberzustellen. Dabei sind die folgenden Fragen zu berücksichtigen:

1. Liegt eine Gefährdung des Objektes vor?
Buchblock: z.B. Schimmel, starke Fraßschäden, starker Tinten? oder Farbfraß. Heftung: z.B. Heftfäden gerissen, Bünde gebrochen, Lagen getrennt, Blätter lose. Einband: Deckel gebrochen, Bezüge eingerissen, Schließen und Beschläge gelockert bzw. defekt.

2. Liegt eine Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit vor?
Buchblock: z.B. Risse, Fraßschäden, Schimmelschäden. Heftung: z.B. Heftung gelockert, einzelne Lagen lose, Bünde am Deckel abgerissen. Einband: Schließen defekt, Bezug eingerissen, Rücken gelockert.

3. Liegt eine Beeinträchtigung der Ästhetik vor?
Buchblock: z.B. Gebrauchsspuren, Schmutz, Wasserränder. Heftung: Rundung defekt, Block herausgeschoben, Lagen vorstehend. Einband: z.B. Bezug beschabt, Fraßstellen, Schließen und Beschläge fehlen, Vorsatz gelockert .


Im Dialog zwischen dem Restaurator und dem Bibliothekar/Archivar sollte nun versucht werden, eine angemessene Instandsetzungsmöglichkeit zu finden, die möglichst wenig in die Originalsubstanz des Objektes eingreift.

Wenn das Objekt in seinem Bestand gefährdet ist, lässt sich eine Grundinstandsetzung mit Rekonstruktion der Heftung und Renovation des Einbandes vertreten, dabei dürfen und sollen durchaus auch ästhetische Gesichtspunkte einfließen, wenn es um die Gestaltung des gesamten Objektes geht.

Ist die Gebrauchsfähigkeit eingeschränkt, ist sehr gründlich zu überlegen, welche Eingriffe nötig und vertretbar sind. Der Restaurator muss in diesen Fällen sehr genau angeben, was an Originalsubstanz einer Instandsetzung geopfert werden muss. In Zweifelsfällen sollte zusätzlich der Einbandforscher konsultiert werden, ob wirklich alte Heftungen z.B. bei unscheinbar wirkenden Bänden geopfert werden dürfen.

Restaurator und Kustos (Archivar/Bibliothekar) müssen bereit sein, kompetente Spezialisten, z.B. Buchwissenschaftler, Bibliothekshistoriker, Einbandforscher zu befragen, ob eine bestimmte Maßnahme, die zur Aufgabe von Originalsubstanz zwingt, in angemessenem Verhältnis zur Bedeutung und zum Informationsgehalt des gesamten Objektes steht. Sie müssen sich darüber hinaus immer darüber im Klaren sein, dass der Wunsch, ein "schönes" Objekt zu bekommen, nicht dazu führen darf, dass Originalsubstanz zerstört und der Informationsgehalt des Objektes reduziert oder sogar ganz vernichtet wird. Der Wunsch nach Schönheit und Harmonie oder danach, die eigene Kunstfertigkeit unter Beweis stellen zu können, dürfen nicht dazu führen, dass Objekte erneuert werden und dass die Gesamtheit der Sekundärinformationen der Ästhetik geopfert wird. Hier wird auch vom Restaurator Entsagung verlangt indem er sein Können zugunsten des originalen Erscheinungsbildes des Objektes zurücktreten lassen muss.

Für die Geschichte der kunsthandwerklichen Einbandverzierung mögen die Informationen auf dem Bezug (Stempel u.ä.) ausreichend sein, ebenso können dem Kodikologen Provenienzvermerke und Benutzungseinträge u.s.w. wertvolle Hinweise geben. Demjenigen aber, der sich mit der Geschichte der Einbandtechnik, der Zuweisung zu einzelnen Werkstätten o.ä. beschäftigt, vermag ein rekonstruierter Band keine zufriedenstellenden Informationen mehr zu liefern.

Der Bucheinband ist die äußere Hülle eines Buches, zum Schutz des Buchblocks und des Inhalts gefertigt und deswegen eigentlich von untergeordneter Bedeutung. Das ist der Grund, warum in der Frühzeit der Buchherstellung der Einband - soweit wir bis heute erkennen können - häufiger und je nach Verwendungszweck, Zustand und Gebrauchshäufigkeit geändert wurde. Wir kennen bei mittelalterlichen Handschriften das Phänomen der Sammelhandschriften: unterschiedliche Texte von verschiedenen Schreibern sind in einem Einband des 15. Jahrhunderts zusammengefasst und man wundert sich, dass mitten im Kodex stark verschmutzte Anfangsseiten auftauchen oder dass Marginalien beim Beschneiden ganz oder zum Teil verschwunden sind.

Neubindungen gab es im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder, z. B. für die Saalbibliotheken des Barock, für Bibliophile und für Gebrauchsbibliotheken. Eine besondere Art er funktionalen Neubindung, die bisher überhaupt noch nicht untersucht ist, lässt sich in Archiven beobachten, wo leichte, ergänzungsfähige "Interimsbände" z. B. für die Verwaltung geführt wurden, die in der Regel, sobald der Vorgang abgeschlossen war, in einen abschließenden Einband gebracht worden sind.

Auch wenn der Einband seine Schutz- und Schmuckfunktion bis heute behalten hat, muss man stärker als bisher überlegen, ob die Zugänglichkeit des Textes beziehungsweise Inhalts eines Textes im Original so immens wichtig ist, das man ihr die "Hülle" opfert, die in vielen Fällen überaus wichtige Hinweise zur Geschichte und Wanderung des Kodex aber auch zur Einbandtechnik und möglicherweise zur Verwendung des Textes geben kann. Es sind in den letzten Jahren sowohl in der Kodikologie als auch in der Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte des Buches zahlreiche neue Fragestellungen aufgetaucht, die sich oft nur anhand kleiner, unscheinbarer Details am Bucheinband beantworten lassen. Es ist weiterhin damit zu rechnen, das mit zunehmender Kenntnis von den realen Zuständen des mittelalterlichen Buchwesens neue Fragestellungen aufkommen, für deren Beantwortung man unberührte "Originalsubstanz" braucht, um zu sicheren Ergebnissen zu gelangen. Es ist ein trauriges Faktum, dass in den letzten 200 Jahren mehr Zeugnisse mittelalterlicher Buchkultur zerstört oder mindestens so verändert worden sind, dass sie als Zeugen für die mittelalterliche Buchkultur unbrauchbar geworden sind, als in den 500 Jahren vorher. Bevor wir nicht mehr Klarheit über die Technik des mittelalterlichen Bucheinbandesbekommen haben, sollten mittelalterliche Einbände nur im äußersten Notfall restauriert werden, -vergleichbar dem Prinzip der Bodendenkmalpflege, möglichst nur das auszugraben, was sonst verloren wäre (Rettungsgrabung) - und ihre Restaurierung sollte sorgfältig mit entsprechenden Fotos dokumentiert werden. Schon Goldschmidt stellte 1928 fest " unsere Kenntnisse (...) sind noch zu sehr begrenzt, um ein Urteil darüber zu erlauben, welche grundlegenden Informationen wir zerstören, wenn wir ein Buch dem Buchbinder zur Restaurierung überantworten." Dieser Satz gilt ohne Einschränkungen auch heute noch. Verantwortung für den Erhalt der Informationen über einbandtechnische Details an den Einbänden tragen Einbandkunde und Restaurierung zu gleichen Teilen.

In der Buchrestaurierung sind in den letzten 25 Jahren Prinzipien entwickelt worden, die hoffen lassen, dass nicht ohne Not Grundrestaurierungen an Objekten vorgenommen werden, die möglicherweise zur Aufhellung der noch ziemlich unzureichend erforschten Geschichte mittelalterlicher Einbandtechnik beitragen können. Auch in der Einbandkunde/ Einbandforschung, einem wesentlichen Teilgebiet der Kodikologie, gilt inzwischen der Grundsatz, das Augenmerk nicht nur auf das Dekor sondern verstärkt auch auf technische Details zu richten. Ausreichend detaillierte Zusammenstellungen, die zur Unterscheidung zwischen "üblicher" und "besonderer" Einbandtechnik herangezogen werden könnten, gibt es aber nicht. Um zu vermeiden, dass auch künftig noch Informationen vernichtet werden, die für den Gesamtkomplex "Entwicklung des mittelalterlichen Bucheinbandes" von Bedeutung sind, müssen Einbandkunde und Buchrestaurierung ihre Standorte neu bestimmen und gemeinsam zu Lösungen für eine "Archäologie des Buches" kommen, die auch den Ansprüchen und Erwartungen der Kustoden, die Erhaltung des gesamten Objekts betreffend, gerecht werden.

Das 19. Jahrhundert hat in der Bibliotheks- und Buchgeschichte irreparable Verwüstungen angerichtet, weil Bücher nur als Textträger unter völlig unzulänglichen Aspekten bewertet wurden. Ein Kahlschlag in der Bibliothekslandschaft, der das Bild der Buchkultur früherer Jahrhunderte häufig nur noch schemenhaft erahnen lässt. Der Zweite Weltkrieg hat eine weitere, katastrophale Zerstörung von Zusammenhängen und Spuren bewirkt, und die Freude darüber, dass die Zimelien vieler Bibliotheken die Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit doch überstanden haben, wird dadurch getrübt, dass durch die weitere Preisgabe von "minderbewerteten" Objekten der Blick zurück noch stärker einseitig auf Zimelien gerichtet wird. Die Buchkultur unserer Vorfahren hat sich eben nicht aus den mit Edelmetallen und Edelsteinen geschmückten Kodizes der Domschatzkammern fortentwickelt; diese Prunkstücke sind allenfalls Glanzpunkte eines kleinen Ausschnitts aus der Kulturgeschichte. Auch besteht die literarische Überlieferung eines Volkes nicht nur aus Werken der großen, anerkannten Autoren.

Das heißt nicht, dass die Zimelien bei der Bestandserhaltungskonzeption nicht berücksichtigt werden sollen; sie müssen ihren Stellenwert behalten, und sie müssen auch in Zukunft durch konservatorische Maßnahmen gesichert bleiben. Allerdings sollten der Ensembleschutz, die konservatorischen Maßnahmen für die große Zahl kleinerer Sammlungen und Sammlungsteile mindestens gleiche Priorität erhalten.

Natürlich ist die Mittelbeschaffung für konservatorische Maßnahmen nicht unproblematisch. Aussichtsreicher ist es, Sponsoren zu gewinnen, wenn man einige herausragende Objekte, die in einem schlechten Zustand sind, zu einem "Gruselkabinett" zusammenstellt und sagen kann: Mit 2.000,-, 5.000,- oder 10.000,- DM kann dieses Objekt vor dem Verfall gerettet werden. Es ist sicher legitim, auf diese Weise wichtige Objekte des Bestandes wieder vorzeigbar zu machen, aber bei einer Bestanderhaltungskonzeption kann es nicht darum gehen, den hypothetischen Urzustand eines Einzelstücks herzustellen. Die Lebensgeschichte eines Stückes, ablesbar am Originalzustand zum Zeitpunkt der Bewertung, hat den absoluten Vorrang, bewahrt zu werden. Unter dieser Voraussetzung wird es dann schwierig, einem Sponsor zu vermitteln, warum eine kostenaufwendige, fachgerechte Restaurierung nicht notwendigerweise ein strahlend neues Objekt ergibt.

Wenn es also darum geht, Originale unseres kulturellen Erbes zu erhalten, muss es in erster Linie darum gehen, Originalzustände zu bewahren, weil nur daraus für künftige Generationen Erkenntnisse möglich sind. Originale in diesem Sinne tragen Informationen über den enthaltenen Text hinaus, sie stehen als Einzelstücke für die Entwicklung von Buch- und Einbandtechnik, repräsentieren graphische Techniken oder sind als Teil eines Ensembles Mosaiksteine zur Rekonstruktion von Sammlungen (Kloster-, Pfarrbibliotheken, Ergebnisse eines Sammlerlebens) und gewinnen in diesen Zusammenhängen eine völlig neue Dimension der Aussagen.

Selbstverständlich wird es auch unter diesen Beständen Einzelstücke geben, die einer umfassenden Restaurierung bedürfen, weil sie in ihrer Substanz gefährdet sind bei dem weitaus größeren Teil dieser Bestände wird es aber darum gehen, mit möglichst rationellen Behandlungsverfahren und Erhaltungsmaßnahmen größere Mengen von gleichartigen Schäden zu beseitigen: Entsäuerung und Festigung des Papiers, Befestigung loser Einbandteile (Rücken, Deckel, Schließen), möglichst unter Erhalt des originalen Erscheinungsbildes, oder das Schließen von Rissen.

Wir haben in den letzten zwei Jahren in Tübingen mit relativ geringen Mittel (20 000 € pro Jahr), einen Bestand von ca. 2000 Bänden konservatorisch und restauratorisch bearbeitet, wobei Schadensfälle mit einer absehbaren Bearbeitungszeit von mehr als 3 Stunden (im zweiten Jahr 1,5 Stunden) zunächst zur Seite gelegt bzw. von unserer Restauratorin bearbeitet werden. Alle Bände wurden gereinigt, mit Schutzverpackungen und gegebenenfalls mit einfachen Schließbändern versehen. Im Gesamtbestand haben sich durch diese Maßnahme schon erhebliche Verbesserungen ergeben, weil eben auch Nachbarbände durch die Schutzverpackungen geschützt werden.

Die Arbeiten wurden im ersten Jahr von einer Restauratorin durchgeführt, die freiberuflich tätig war und nach einer Liste von "Fällen" in unserer Werkstatt gearbeitet hat. Unterstützt wurde sie von unserer hauptamtlichen Restauratorin (mit maximal 50 % Zeitanteil) und einer studentischen Hilfskraft.

Wir haben durch dieses Projekt zwar keine spektakulären Restaurierungen vorzuweisen, sind aber auf dem Wege zu einer guten konservatorischen Betreuung des Altbestandes wesentlich vorangekommen. Außerdem wird dieses Projekt dadurch, dass es einer bedeutende Humanistenbibliothek des 16. Jahrhunderts zugute kommt, repräsentabel und kann Ergebnisse vorweisen, wie man es bei Einzelrestaurierungen nur kann, wenn es sich um wirklich spektakuläre Dinge handelt.

Einzelrestaurierungen an hervorgehobenen Objekten, die von einem Sponsor finanziert werden, erhalten aber allzu leicht eine Alibifunktion. "Wenn wir schon kaum etwas für die Erhaltung des zu archivierenden Altbestands tun können, so können wir doch auf jeden Fall zeigen, dass für die Bestanderhaltung etwas getan wird."

Leider wird auf diesem Wege gelegentlich zu viel getan, die Restaurierung wird in die Wege geleitet, ein Sponsor gesucht und gefunden und - wenn schon, dann richtig - der Band wird zerlegt, gereinigt, geglättet, neu geheftet, gebunden - wenn möglich unter Verwendung des alten Einbandbezugs. Der Band ist gerettet! Aber ist durch diese Maßnahmen wirklich etwas im Sinne des Erhaltens in authentischer Form getan worden? Das Buch ist wieder benutzbar, aber erhalten ist häufig nur noch der Text auf einem originalen Träger. Ist es wirklich der Mühe wert, unter Aufwand erheblicher Mittel ein Objekt zu reinigen, zu liften und kosmetisch zu behandeln und es dadurch zu verjüngen? Ist das noch ein Original? Original, das ist nicht nur der Text und der Schriftträger, der Einbandbezug mit Stempeln. Original, das sind auch Gebrauchsspuren an Einband und Blättern, das ist die Hefttechnik ebenso wie die Art der Holzdeckelbearbeitung, die Einschläge am Lederbezug, die Spuren des Beschneidmessers im Schnitt, der überladene historistische Verlagseinband usw. Es gilt auf jeden Fall: Mehr Prophylaxe, mehr Konservierung, weniger Restaurierung und wenn, dann in erster Linie Minimaleingriffe und möglichst keine Rekonstruktionen.
 

 

Zum Autor:
Dr. Gerd Brinkhus, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung, der Restaurierungswerkstatt sowie der Abteilung Handschriften, Alte Drucke, Rara an der Universitätsbibliothek Tübingen
E-mail: gerd.brinkhus@ub.uni-tuebingen.de
Zum Artikel:
Stand: Januar 2005
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de