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Dokumentation - Ein zentraler Bestandteil der Restaurierung im Bereich Handschrift, Altes Buch und Archivgut
Ein Beitrag von Irmhild Schäfer, München

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Ein privater Kunstsammler in Johannesburg (Südafrika) staunte kürzlich nicht schlecht, als er eines seiner Ölgemälde nach der Restaurierung zurück erhielt. Auf dem Ölgemälde, einem kleinteiligen holländischen Genrebild des 17.Jahrhunderts waren durch überscharfe Reinigung der Oberfläche nicht nur ganze Gegenstände verschwunden. Dafür sprießte dem Geschmack der Restauratorin entsprechend der männlichen Bildperson ein Vollbart und belebte sich ein ursprünglich verlassener Herd plötzlich mit einem Kochtopf. "Gäbe es eine Dokumentation, wäre das nicht passiert!" In dieser Weise reagierten Mitarbeiter des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek München auf den Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 12./13. Mai 2001 über die fehlgeleitete Restaurierung [1].

Offensichtlich waren zwischen Auftraggeber und Restauratorin keinerlei schriftlichen Vereinbarungen in Form einer Dokumentation über die einzelnen Restaurierungsmaßnahmen getroffen worden. Dokumentation ist jedoch das Fundament jeglicher konservatorischer und restauratorischer Aktivitäten. Sie wird in drei Bereichen angewendet: 1. Als erster, der Restaurierung vorgeschalteter Teil informiert sie über den materiellen und technischen Ist-Zustand eines Objekts. 2. Der zweite Teil begründet die Notwendigkeit der geplanten restauratorischen Maßnahmen. 3. Im dritten, die Restaurierung begleitenden Teil werden die einzelnen Behandlungsschritte detailliert festgehalten. Bei der Dokumentation werden die notwendigen Informationen schriftlich fixiert und durch Skizzen oder Fotografien illustriert. Gegebenenfalls kommen Befunde chemischer Analysen mit Probenahmen hinzu sowie Fragmente von Originalsubstanz, die nicht wiederverwendet werden konnten. Die Dokumentation kann Schutz in dreifacher Richtung bieten: dem Objekt selbst in seiner Integrität, dem Restaurator vor unerwarteten Forderungen durch den Auftraggeber, und schließlich dem Auftraggeber vor Übergriffen des Restaurators.

Zurück zum Bereich Handschrift, Altes Buch und Archivgut, für den grundsätzlich die gleichen Regeln der Dokumentation gelten. Bei diesen Schriftstücken von herausragender Qualität und Bedeutung sollten Restaurierungen nicht nur mit besonderer Sorgfalt vorbereitet und durchgeführt, sondern auch mit gleicher Intensität dokumentiert werden. Denn durch eine methodisch fundierte Vorgehensweise in der restauratorischen Dokumentation wird sichergestellt, daß auf der Basis aller verfügbaren Daten eine Restaurierung kritisch vorbereitet und präzise durchgeführt wird. Die Dokumentation erleichtert die unmittelbare kritische Nachkontrolle und die künftige retrospektive Nutzung dieser Daten. Damit diese Informationen langfristig zur Verfügung stehen, sollten Dokumentationen dauerhaft angelegt und leicht zugänglich sein.

 

Charta von Venedig und Code of Ethics

Die Notwendigkeit der Dokumentation wurde 1964 in der Charta von Venedig, dem ersten berufsethischen Grundsatzpapier restauratorischer Berufsverbände auf dem Second International Congress of Architects and Technicians of Historic Monuments (Venice, May 25th to 31st) ausgesprochen: "In all works of preservation, restoration or excavation, there should always be precise documentation in the form of analytical and critical reports, illustrated with drawings and photographs. Every stage of the work of clearing, consolidation, rearrangement and integration, as well as technical and formal features identified during the course of the work, should be included. This record should be placed in the archives of a public institution and made available to research workers. It is recommended that the record should be published" (Artikel 16) [2]. Etwa gleichzeitig verabschiedete das American Institute for Conservation of Historic and Artistic Works in 1967 den Code of Ethics and Standards of Practice. 1979 erstmals revidiert, erschien der Code of Ethics and Guidelines for Practice 1994 grundlegend und auf größere Praxisnähe hin aktualisiert mit - als völligem Novum - Commentaries for Practice zu den Guidelines (1996) [3]. Während der Code of Ethics die großen Richtlinien zu einzelnen Bereichen der Restaurierung vorgibt und die dauerhafte Dokumentation zum unverzichtbaren Bestandteil von Restaurierung erklärt (Artikel VII), gehen die Guidelines for Practice und mehr noch die Commentaries for Practice ins praktische Detail. Die Guidelines nehmen ausführlich zur Dokumentation Stellung (Kapitel 24-28). Nach einer Zusammenfassung der mit einer Dokumentation verfolgten Ziele (Kapitel 24: Documentation), werden kapitelweise die drei Anwendungsbereiche der Dokumentation erläutert: zunächst die Erfassung des vorgefundenen Zustands eines Objekts (Kapitel 25: Documentation of Examination), gefolgt von der Dokumentation der geplanten (Kapitel 26: Treatment Plan) und schließlich der durchgeführten Maßnahmen (Kapitel 27: Documentation of Treatment). Im fünften und letzten Kapitel (Kapitel 28: Preservation of Documentation) wird die Dauerhaftigkeit der Dokumentation postuliert, die durch die Verwendung archivierbarer Materialien sowie durch die Herstellung und Weitergabe von Kopien an den Auftraggeber bzw. an zuständige Institutionen gesichert werden soll.

Die Commentaries for Practice liefern spiegelbildlich praktische Hinweise zu allen in den Guidelines behandelten Aspekten der Dokumentation. Jedes Kapitel ist in vier Sektionen geteilt, beginnt mit seiner im Rationale (A.) dargestellten grundsätzlichen Zielrichtung und differenziert die im folgenden formulierten Anforderungen nach drei Verbindlichkeitsstufen: 1. nach dem Mindestmaß an schriftlicher Information zu einer Restaurierung (B. Minimum Accepted Practice), 2. der erprobten und empfohlenen Vorgehensweise (C. Recommended Practice) und 3. den Regeln für besondere Fälle (D. Special Practices).

Die Commentaries zum zweiten Teil der Dokumentation mit den begründeten und geplanten Maßnahmen (Kapitel 26: Treatment Plan) werden mit dem Rationale (Sektion A.) eingeleitet, das die Zwecke eines Restaurierungsplans dargelegt. Demnach fungiert das schriftlich ausgearbeitete Konzept als Kommunikationsbasis erstens als Grundlage für Vereinbarungen mit dem Auftraggeber oder Besitzer im Hinblick auf Erwartungen, Kosten, Nutzen und Risiken der Restaurierung, zweitens zur eingehenden Darlegung und Begründung der geplanten Behandlung sowie als zivilrechtlicher Vertrag, und drittens als Basis für den Austausch mit Kollegen [4]. Unter der Minimum Accepted Practice (Sektion B.) werden die fünf obligatorischen Inhalte des Treatment Plan aufgeführt:

1. formale Angaben, wie etwa: Absicht der Dokumentation, Name des Bearbeiters und Datum der Dokumentation. Und zum Objekt selbst: Akzessionsnummer, Besitzer, Hersteller etc.,
2. die geplanten Behandlungsschritte,
3. die Materialien, die eingesetzt werden sollen,
4. die geschätzte Dauer der Restaurierung
5. und - falls erforderlich - eine Kostenkalkulation für den Auftraggeber [5].

Für die restauratorische Praxis (Sektion C. Recommended Practice) wird empfohlen, nachstehende Punkte zusätzlich zu den eben genannten Minimalinformationen in den Behandlungsplan aufzunehmen:

1. Ziele und Grenzen der geplanten Restaurierung,
2. ihr Nutzen und ihre Risiken,
3. eine Beschreibung der verwendeten Materialien,
4. Alternativen zur vorgeschlagenen Behandlung und
5. ein absichernder Hinweis darauf, dass unvorhersehbare Informationen zu einem Abweichen des Plans führen können [6].

Der letzte Abschnitt mit der Sektion D., Special Practices, verweist auf den akuten Katastrophenfall, in dem kein Behandlungsplan erstellt werden kann, aber dennoch die Minimalanforderungen an die Dokumentation (Kapitel 24, Sektion B. Minimum Accepted Practice) mit den grundlegenden formalen Angaben zu den Objekten erfüllt werden müssen. Für größere Bestandsgruppen gleichartiger Objekte kann ein zusammenfassender Behandlungsplan erstellt werden, oder auch für ein Objekt, das aus mehreren ähnlichen Komponenten besteht [7].

 

Wissenschaft

Auch von Seiten der Wissenschaft wurde die Notwendigkeit der Dokumentation restauratorischer Maßnahmen seit langem mit Nachdruck betont. Die Sorge um den Verlust historischer Information durch Restaurierung, die besonders dem materiellen und technischen Aspekt der Bucheinbände galt, formulierten bereits der Handschriftenforscher Wilhelm Wattenbach 1871 [8] und später der Buchhistoriker Ernst Philip Goldschmidt 1928 [9], also zu einem Zeitpunkt, als gerade Hans Loubiers Geschichte des Bucheinbands, eine der ersten Monographien zum Thema, erschienen war [10]. Noch 1990 mußte der Einbandhistoriker Janos A. Szirmai den vollständigen Verlust karolingischer Einbände der Reichenau durch Restaurierungen an der Badi-schen Landesbibliothek Karlsruhe zwischen 1967 und 1981 beklagen, bei denen unverständlicherweise keinerlei Dokumentation stattgefunden hatte [11]. Diese Unterlassung, ja diese radikale Restaurierung überhaupt erstaunt um so mehr, als ge-rade diese einzigartigen Bucheinbände bereits 1938/1939 Gegenstand einer der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur mittelalterlichen Einbandtechnik waren [12]. Der Buchhistoriker Nicolaus Pickwoad betonte jüngst in einem Rückblick auf seine frühere Tätigkeit als Restaurator die Notwendigkeit, restauratorische Eingriffe auf das absolut Notwendige zu beschränken und diese genau zu dokumentieren. Er konstatierte, daß seine eigenen schriftlichen und fotografischen Dokumentationen zwar im Laufe der Zeit immer ausführlicher wurden, aber dennoch immer nur einen subjektiven Ausschnitt aus einer Bandbreite an Informationen liefern würden [13].

Festzuhalten ist, daß zwischen dem Wissenszuwachs über historische Objekte und der Informationstiefe der Dokumentation eine dynamische Korrelation besteht: je mehr Einzelheiten an einem Buch gesehen werden, um so detaillierter kann dokumentiert werden. Je tiefere Einsichten die historische Forschung in die Archäologie des Buches gewinnt, desto höher werden die Anforderungen an die Dokumentation. Und umgekehrt: Je mehr Informationen z.B. auf dem Weg publizierter Dokumentationen präsentiert werden, um so weiter wird die historische Forschung vorangebracht. Restauratorische Dokumentation und Wissenschaft treiben sich gegenseitig an. Sie sind die Wachstumsfaktoren für die Buchwissenschaft.

 

Klassifikation von Restaurierungsprotokollen

In der Praxis stehen für die Dokumentation grundsätzlich zwei formale Typen zur Verfügung: der Formularstil und der Beschreibungsstil. Beide Typen sind in allen drei Anwendungsbereichen der Dokumentation einsetzbar: 1. zum Festhalten des Ist-Zustands, 2. für Vorschlag und Begründung restauratorischer Maßnahmen und 3. zum Protokollieren der einzelnen Behandlungsschritte während der Restaurierung.
 

Formularstil

Ausgangsbasis für die Dokumentation im Formularstil ist eine vorgefertigte Liste von Beschreibungskategorien, nach denen die erforderlichen Informationen abgefragt werden können. Der Formularstil operiert mit standardisierten Antworten und läßt anhand einer Checklist eine schnelle, effiziente Arbeitsweise zu. Voraussetzung ist dabei, daß Gruppen gleichartiger Objekte bearbeitet werden, um die Anzahl der Varianten auf dem Formblatt einerseits begrenzt zu halten und trotzdem die Mehrzahl der Möglichkeiten zu erfassen. Das systematische Vorgehen auf der Basis eines solchen Formulars schließt aus, daß bestimmte Punkte überhaupt nicht abgefragt werden. Das Formular kann hierarchisch angelegt sein und dabei unterschiedliche Erschließungstiefen anbieten. Die Verwendung einer immer wiederkehrenden, begrenzten Zahl an Fachbegriffen trägt zu einem relativ breiten und langfristigen Verständnis der Informationen bei. Im Formular-Stil abgefaßte Dokumentationen sind auch retrospektiv auf bestimmte Sachverhalte hin gut abfragbar, denn sowohl der übersichtliche Aufbau wie auch die normierte Beschreibungssprache sichern eine Kontinuität der Auswertbarkeit zu. Deshalb können auf diese Weise angelegte Dokumentationen auch retrospektiv die Grundlage für eine ausformulierte, publikationsfähige Dokumentation liefern. Nachteilig kann sich das Schema allerdings dann auswirken, wenn es auf fachsprachliche und fachtechnologische Entwicklungen nicht reagiert. Daher muß es immer wieder aktualisiert werden.
 

Berichtsstil

In zwei Punkten unterscheidet sich der Berichtsstil grundsätzlich vom Formularstil. Erstens operiert der Berichtsstil mit vollständigen, ausformulierten Sätzen. Und zweitens werden die Gegenstände ohne vorgegebene Begriffe beschrieben. Dabei entscheidet der Restaurator sowohl über die Auswahl der erfaßten Aspekte wie auch über die Ausführlichkeit der Beschreibung. Nur der Berichtsstil erlaubt es, technische Eigenheiten eines Buches individuell und en detail zu beschreiben, ohne dabei begriffliche Vorgaben beachten zu müssen. Der Berichtsstil wird insbesondere dann eingesetzt, wenn Objekte von besonderem Wert restauriert werden und sich die Dokumentation an Nicht-Restauratoren richtet.

Auf der praktischen Ebene der tatsächlich existierenden Dokumentationen gehen diese beiden grundsätzlichen Typen allerdings in den verschiedensten Zwischenformen und Mischungen ineinander. Es gibt kein einziges der herangezogenen, insgesamt 28 Restaurierungsprotokolle des deutschen, angelsächsischen und italienischen Sprachraums, das nicht sowohl Elemente des Formular- wie des Berichtsstils enthalten würde.

Neben der Unterscheidung des äußeren Darstellungsstils lassen sich aber auch mehrere inhaltliche Typen von Protokollen feststellen. Nicht näher eingegangen wird hier auf den ersten Teil der Protokolle, in dem die bibliothekstechnischen und kodikologischen Merkmale zur Identifizierung von Handschriften und Büchern festgehalten werden. Dabei werden diese Informationen entweder steckbriefartig kurz oder ausführlicher aufgenommen, wobei gerade die kodikologische Beschreibung mitunter umfangreich ausfallen kann.

Eine Einteilung in inhaltliche Protokollgruppen läßt sich anhand der Beobachtungen zu der Art und Weise gewinnen, wie die drei immer wieder formulierten inhaltlichen Anforderungen an eine Dokumentation in den jeweiligen Bibliotheksprotokollen tatsächlich verknüpft sind, nämlich 1. die Dokumentation des Ist-Zustands, 2. die Beschreibung und Begründung der geplanten Restaurierungsmaßnahmen, und 3. die Dokumentation der tatsächlich durchgeführten Restaurierungsschritte und -maßnahmen. Nach dieser Einteilung sind zwei Protokoll-Typen zu unterscheiden:
 

Protokoll-Typ A

Typ A gibt alle drei Beschreibungskategorien vor, und zwar in optisch voneinander getrennter Form. Nach der Beschreibung des Ist-Zustands (condition, state of conservation), werden der Vorschlag für die Restaurierung (treatment plan, proposed treatment) und zuletzt die tatsächlich durchgeführten Maßnahmen (treatment) festgehalten. Denn indem die Vorgaben für die Restaurierung und die erfolgten Maßnahmen als deutlich voneinander getrennte Kategorien notiert werden, kann das Protokoll in idealer Weise bei arbeitsteiligen Restaurierungen eingesetzt werden: Ein Bearbeiter begründet und plant die Restaurierung, effektiv führt sie aber ein Restaurator aus. Eine Aufteilung auf zwei Personen ergibt sich aus der Trennung jedoch nicht zwingend. Dieser Protokolltyp wird in 61% der Hälfte der Fälle eingesetzt, etwa in Aberystwyth (National Library of Wales), Ascona (Centro del bel libro), Dresden (Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek), Genua (Biblioteca Civica Berio), Rom (Istituto Centrale per la Patologia del Libro), Göttingen (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek), Hunzenschwil/Schweiz (Atelier für Buchrestaurierung M. Strebel), Köln (Fachhochschule), München (Bayerische Staatsbibliothek), San Francisco (Western Regional Paper Conservation Laboratory), Stuttgart (Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Staatliche Akademie der Bildenden Künste), Washington (Folger Shakespeare Library 1995, Library of Congress, Smithsonian Center for Materials Research and Education), Wien (Österreichische Nationalbibliothek) und in Winterthur, Delaware (Winterthur Museum).

Um diesen Protokoll-Typ an einem Beispiel zu erläutern, wird das Restaurierungsprotokoll des Instituts für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek München vorgestellt: Auf der ersten Seite finden sich zunächst Angaben zur Identifizierung des Werks (Besitzer, Signatur), formale Angaben (Bearbeiter, Restaurator, Datum) und Raum für Anmerkungen des Auftraggebers. Unten ist Raum für eine kurze, überblickshafte Darstellung von Zustand und Schaden (Abb. 1). Im weiteren ist das Protokoll so angelegt, daß sich je zwei Seiten zu einem bestimmten buchtechnischen Bereich (Buchblock, Einband) gegenüberstehen: Die rechte Seite mit der ungeraden Seitenzahl gibt feste Kategorien zum Ankreuzen im Formularstil zur Dokumentation von Ist-Zustand, geplanten Arbeitsschritten und durchgeführten Maßnahmen vor. Die gegenüberliegende, linke Seite mit der ungeraden Seitenzahl bietet Raum für ergänzende Informationen im Berichtsstil. Dabei betrifft Seite drei den Buchblock als Ganzen, einzelne Blätter oder eine Graphik (Abb. 2). Die Seiten fünf und sieben widmen sich dem Einbandmaterial bzw. der Einbandtechnik (Abb. 3). Mit Angaben zu Schließen, Bändern und Beschlägen endet das Protokoll auf Seite acht. Stets arbeiten zwei Personen jeweils an einem einzigen Objekt: Der Sachbearbeiter, der selbst Restaurator ist, notiert den Ist-Zustand und erstellt einen Behandlungsplan. Für den Ist-Zustand verwendet er einen schwarzen, für den Behandlungsplan mit den konkreten Arbeitsanweisungen an den ausführenden Restaurator einen roten Stift. Sein Kollege, der die Restaurierung tatsächlich durchführt, durchdenkt diese Vorgaben kritisch und weicht von ihnen ab, falls sich im Verlauf der Restaurierung herausstellen sollte, daß eine Maßnahme nicht wie geplant durchgeführt werden kann. Zur klaren Unterscheidung verwendet er für die Dokumentation seiner praktisch ausgeführten Maßnahmen einen blauen Stift. Die drei Bestandteile der Dokumentation: Ist-Zustand, Planung und Maßnahmen, lassen sich also bei diesem Protokoll nicht nur inhaltlich, sondern auch rein optisch nach Farben und persönlicher Handschrift unterscheiden.

Abb.1: Bayerische Staatsbibliothek München: Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung: Protokollseite 1

 

Abb.2: Bayerische Staatsbibliothek München: Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung: Protokollseite 3

 

Abb.3: Bayerische Staatsbibliothek München: Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung: Protokollseite 7


 
Protokoll-Typ B

Protokoll-Typ B verzichtet auf eine separate Darlegung des Behandlungsplans und geht nach der Beschreibung des Ist-Zustands direkt zu den durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen über. Überlegungen zur Behebung eines Schadens und die einzelnen Planungsphasen der Restaurierung werden bei diesem Typ nicht schriftlich fixiert, zumindest nicht in den vorformulierten Protokollblättern selbst. Damit bleibt die Stufe der vorgedachten, gleichsam konzeptionellen Restaurierung undokumentiert, also der in jedem Fall anzunehmende Zwischenschritt der praktischen Vorüberlegungen zwischen bloßer Schadensbegutachtung und materiell ausgeführter Restaurierung. Damit geht der Dokumentation aber eine wichtige Quelle der Information verloren. Denn gerade dort, wo Planung und Ausführung divergieren, sind Einblicke in den prozessualen Ablauf der Restaurierung, der unterschiedlichen Beurteilung und der gegenseitigen Korrektur zwischen Bearbeiter und Restaurator zu gewinnen. Dieser Protokoll-Typ wird in 39 % der Fälle angewendet, etwa in Berlin (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz) [14], Bern (Stadt- und Universitätsbibliothek), Chicago (The Newberry Library, University Library), Frankfurt a.M. (Stadt- und Universitätsbibliothek), Malta (Malta Centre for Restoration), München (Bayerisches Hauptstaatsarchiv), New York (The Metropolitan Museum of Art), sowie in Washington (Folger Shakespeare Library 1997, National Gallery of Art) und Wolfenbüttel (Herzog August Bibliothek).

Protokoll-Typ B wird am Beispiel von Malta erläutert [15]. Nach allgemeinen und bibliographischen Informationen (Abb. 4) erfolgt eine ausführliche Beschreibung kodikologischer Merkmale aufgeteilt nach Buchblock (Text-Block-Analysis), Heftung (Stitching) und Einband (Binding). Daran schließen sich die Beschreibung des Ist-Zustands (State of conservation) (Abb. 5) und der durchgeführten Maßnahmen (Interventions) an (Abb. 6). Das Protokoll endet mit Empfehlungen zur Konservierung (Preservation guidelines) und Angaben zu Fotos als illustrierendem Bestandteil der Dokumentation.

Für Buchhistoriker, Philologen, oder Restauratoren geht es bei der gezielten Konsultation eines Restaurierungsprotokoll in erster Linie darum, Informationen zu erhalten, welche Eingriffe an einem Buch vorgenommen wurden, etwa ob Originalsubstanz nicht mehr verwendet und eine originale Technik verändert werden mußte, welche Methoden und Materialien letztlich zum Einsatz kamen und sich als dauerhaft erwiesen haben. Daher ist es wichtig, die Restaurierung ausführlich zu dokumentieren und, wo sinnvoll, die schriftlichen Notizen mit einer Skizze oder Fotografie anzureichern, um auf diese Weise ein geschlossenes Bild des durchgeführten Eingriffs zu bieten, das retrospektiv auch für den Buchhistoriker wichtige Informationen bereithält. Die schriftliche Dokumentation auch der Vorüberlegungen mit dem Restaurierungskonzept stellen den in den berufsethischen Grundsatzpapieren skizzierten Idealfall dar, der jedoch in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Qualität einer Restaurierung steht.

Abb.4: Malta Centre for Restoration: Protokoll (Ausschnitt)

 

Abb.5: Malta Centre for Restoration: Protokoll (Ausschnitt)

 

Abb.6: Malta Centre for Restoration: Protokoll (Ausschnitt)

 

 
Anmerkungen
[1] Dieser Beitrag ist die leicht erweiterte Fassung eines Vortrags, der im Rahmen des vom Goethe-Institut Inter Nationes Mailand und des Archivio di Stato di Milano veranstalteten Symposiums "Italia-Germania. Esperienze a confronto in ambito bibliotecario nel settore della conservazione" (Milano, Archivio di Stato, 20 - 21 set-tembre 2001) gehalten wurde. zum Text
[2] The Venice Charter, International Charter for the Conservation and Restoration of Monuments and Sites: http://www.international.icomos.org/e_ venice.htmzum Text
[3] http://aic.stanford.edu/pubs/ethics.htmlzum Text
[4] Commentaries for Practice, Kapitel 26: Treatment Plan, Sektion A. Rationale: 1. Serves as a basis of communication and discussion between the conservator and custodian/owner, regarding expectations, potential benefits, costs, and risks; 2. Pro-vides a clear statement to the custodian/owner of the proposed treatment and may serve as the basis for both a scope-of-work and a contract; 3. Serves as a basis of communication with colleagues. zum Text
[5] Commentaries for Practice, Kapitel 26, Treatment Plan: Sektion B. Minimum Accepted Practice: 1. Purpose of documentation, name of the documentor, date of the document, accession number, registration number, or street address, owner/custodian, maker/origin, subject/title/scientific classification, measurements, marks/labels, prominent site features, date of creation, site location and boundaries; 2. Proposed course of treatment; 3. Materials to be used; 4. Time estimate; 5. Cost estimate, if used as a basis for contract. zum Text
[6] Commentaries for Practice, Kapitel 26: Treatment Plan, Sektion C. Recommended Practice: 1. The minimum requirements cited above; 2. Objectives and limitations of the treatment; 3. Benefits and risks; 4. General description of the properties of materials to be used; 5. Alternatives to the proposed treatment, if appropriate; 6. Statement that information revealed during treatment may require minor variations from the approved treatment plan. zum Text
[7] Commentaries for Practice, Kapitel 26: Treatment Plan, Sektion D. Special Practices: 1. Emergencies may require intervention before a treatment plan can be prepared and/or approved (see Commentary 24, Section D). 2. Treatment plans for large groups of similar objects/elements (e.g., archaeological finds, library collections, systematic collections) may be for the group as a whole. Significant variations for individual objects/elements should be indicated. 3. Treatment plans for an ob-ject/element made of many similar components (e.g., book, feather cloak, balus-trade) may be for the object/element as a whole. Significant variations for individual components should be indicated. 4. Treatment plans for components (e.g., windows of a building, wheels of a railroad engine) of a large, complex cultural property may be limited. zum Text
[8] Vgl. Wattenbach, Wilhelm (1896): Das Schriftwesen im Mittelalter, 3.Aufl., Leipzig, S. 405: "Es ist immer eine große Barbarei, wenn man, wie das besonders in früherer Zeit häufig geschehen ist, ohne Noth die ursprünglichen Einbände zerstört. Nicht selten sind sie von Wichtigkeit, um die Herkunft einer Handschrift zu erkennen." zum Text
[9] Vgl. Goldschmidt, Ernst Ph. (1928): Gothic & Renaissance Bookbindings exemplified and illustrated from the author's collection, Bd.1, London (Ndr. Nieuwkoop u.a. 1967), S. 123: "Our knowledge of old owners' marks and old library press-marks, and our experience in working out the clues afforded by casual-looking scribblings, is too far limited to permit us to judge what essential data we may be destroying when we allow an old book to be handed over to a binder 'to be restored'. There is no such thing as restoring an old binding without obliterating its entire history." zum Text
[10] Vgl. Loubier, Hans (1904): Der Bucheinband von seinen Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (Monographien des Kunstgewerbes 21/22), Leipzig. 2. Aufl. Leipzig 1926. zum Text
[11] Vgl. Szirmai, Janos A. (1990): Zur Zerstörung alter Einbände - ein Appell. In: Restauro, Vol. 96, S. 171f.; Erstveröffentlichung unter dem Titel: Stop Destroying Ancient Bindings. In: Gazette du Livre Médievale 13 (1988), S. 7-9; englischer Text auch in: The Abbey Newsletter 13 (1989), S. 86. zum Text
[12] Heinz, Adolf Th. E. (1938): Über Heft- und Bindeweisen von Handschriften aus der Karolinger Zeit. In. Archiv für Buchbinderei, Vol. 38, S. 33-38. Kattermann, Gerhard (1939): Die karolingischen Reichenauer Bucheinbände und die Technik des frühmittelalterlichen Einbandes. In: Archiv für Buchbinderei, Vol. 39, S. 17-20, 31-32, Abb. 32-36. zum Text
[13] Pickwoad, Nicolaus (1999): Swaffham Revisited. A Review of the Earlier Conservation of Books in the Swaffham Parish Library. In: Preprint from the 9th International Congress of IADA (Copenhagen, August 15-21), S. 97-106, hier bes. S.105. zum Text
[14] Für die telefonische Auskunft danke ich Frau Julia Bispinck, Staatsbibliothek zu Ber-lin - Preußischer Kulturbesitz. zum Text
[15] Für die Überlassung und Erlaubnis zum auszugsweisen Abdruck des Restaurierungsprotokolls danke ich dem Malta Centre for Restoration. zum Text

 

 
Zur Autorin:
Dr. Irmhild Schäfer,
Bayerische Staatsbibliothek München, Leiterin des IBR (Institut für Handschriften- und Buchrestaurierung) und der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren.
Telefon: +49-+89-28638-2625
Fax: +49-+89-285773
E-mail: irmhild.schaefer@bsb-muenchen.de
Zum Artikel:
Der Beitrag ist erschienen in:
PapierRestaurierung Vol. 3 (2002) - No.1, S. 13-21
http://palimpsest.stanford.edu/iada/pub_fra.html

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