Forum Bestandserhaltung
Home
Das Forum Grundlagen Konservierung und Restaurierung Konversion Notfall Dienstleister

Konservierung und Restaurierung

Grundlagen
Grundsätze
Schadensbilder
Naturwissenschaftliche Grundlagen
Dokumentation
Schrift und Bild
Papierrestaurierung
Massenneutralisierung
Pergamentrestaurierung
Einbandrestaurierung
Sondermaterialien
Restaurierung konkret
Der Dialog freiberuflicher Buch- und Graphikrestauratoren mit Auftraggebern der öffentlichen Hand
Ein Beitrag von Christian Beintker

Diesen Beitrag: drucken  
 

Erfahrungen, die Restauratoren bei der Vergabe von Aufträgen durch die öffentliche Hand (Bibliotheken, Archive, graphischen Sammlungen und Museen) machen, haben meinen Beitrag angeregt, dessen Ziel es ist, die Kommunikation zwischen öffentlichem Auftraggeber und Restaurator, künftig Vertragspartner genannt, zu fördern, den fachlich verantwortlichen Entscheidungsträger der öffentlichen Hand und dem freiberuflichen Restaurator auf Schwierigkeiten und Möglichkeiten der Kooperation hinzuweisen.

Gute Kommunikation ist die erste und wesentliche Voraussetzung, um eine klare, die technische und finanzielle Seite umfassende Planung für das zu restaurierende Objekt zu machen. Für den Restaurator ist es wichtig, im Vorfeld zu erfahren, wie seine potentiellen Vertragspartner - ich nehme hier als Beispiel die für Altbestände verantwortlichen Bibliothekare - die Arbeit mit Restauratoren beurteilen, wo sie Probleme sehen, was sie sich wünschen, ob sie überhaupt Fragen an die Restauratoren haben und wenn, welche. Restaurierung ist auch Vertrauenssache und Vertrauen ist ebenso wichtig wie das Geld, das für eine Restaurierung bereitstehen muss. Eine detaillierte und auch für die auf diesem Gebiet mitunter weniger bewanderten Vertragspartner verständliche Planung, in der die bestmögliche, der Schadenslage und Nutzungsintensität angepasste Lösung gesucht wird, schafft Klärung im Vorfeld. Eine Konservierung/Restaurierung lässt oft unterschiedliche Wege in verschiedenen Stufen zu, die im Dialog abgestimmt werden können. Dabei ergeben sich sogar oft Einsparungsmöglichkeiten. Werden Erwartungen genau formuliert, können Fehler und Missverständnisse minimiert werden.

Glücklicherweise gehören die Zeiten mehr und mehr der Vergangenheit an, in denen Sponsoren und Auftraggeber durch Sehgewohnheiten und mangelnde Kenntnis beeinflusst sich als Ergebnis einer Restaurierung ein strahlend "neu renoviertes", in allen Teilen gereinigtes Objekt, etwa ein schönes Buch, vorstellten. Dann war der Restaurator genötigt, ungläubigen enttäuschten Gesichtern mühsam zu erklären, dass Objekt A eigentlich gar nicht, Objekt B allenfalls minimal und Objekt C in jedem Fall von Grund zu bearbeiten sei. Ausstellungen wie z.B. jene mit dem programmatischen Titel "Restaurieren heißt, nicht wieder neu machen" verändern Sehweisen und bleiben nicht folgenlos.

Mehr noch können Bibliothekare, Archivare und Kunsthistoriker ihr Wissen bereichern, indem sie den Restaurator in den interdisziplinären Dialog mit einbeziehen, ist er doch mit den Problemen der materiellen Substanz der Objekte vertraut. Verantwortung und Tätigkeit des Restaurators sind nicht auf die Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit eines Objektes beschränkt. Andreá Giovannini beschreibt die Stellung des Buchrestaurators treffend: "Die Rolle des Restaurators erweitert sich und nähert sich dem Aufgabenfeld des Wissenschaftlers, beide Aufgabenbereiche bleiben aber eigenständig. Für den Restaurator bedeutet das zusätzliches Engagement und eine neue Aufgabe, aber die buchkundliche Forschung ist auch eine Bereicherung, denn sie ermöglicht ein tieferes Verständnis des Buches" [1]

Der Restaurator, mit Technik. Material und Geschichte von Graphik, Büchern und Einbänden vertraut, bringt über seine praktische Arbeit hinaus sein Wissen verantwortlich in die Entscheidungsprozesse ein. Der Dialog zwischen Restaurator und Bibliothekar führt eher zu einem gelungenen, beide Seiten befriedigenden Ergebnis als abstrakte Weisungen, deren Ausführung den Objekten die optimale, der Schadenslage angepasste Restaurierung verwehren kann. Darüber hinaus fördert ein kreativer Dialog die Motivation, ein Faktor, der bei langwierigen, die Geduld strapazierenden Arbeiten nicht unterzubewerten ist. Einige Beispiele für Lösungsfindungen scheinen aus heutiger Sicht von vornherein eindeutig und doch haben sie sich erst im Dialog entwickelt.

Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, eine Restaurierung an einer mittelalterlichen Handschrift durchzuführen, um eine Reparatur aus dem 19. Jahrhundert zu verbessern; komplette, stabile Neuheftung wurde verlangt. Meine Frage nach bisheriger und zu erwartender Benutzungsfrequenz führte zu differenzierten Überlegungen und veränderte den Auftrag in einen Minimaleingriff, der zur Wiederherstellung der Funktionstüchtigkeit völlig ausreichte. Die ursprüngliche Heftung konnte erhalten werden, sie gibt so weiterhin Auskunft über eine mittelalterliche Hefttechnik am Objekt. Die Informationen für zukünftige buchhistorische Untersuchungen sollten sich vorzugsweise weiterhin direkt am Buch und erst in zweiter Linie über den Umweg der Dokumentation gewinnen lassen. Die Gradwanderung zwischen Herstellung des gebrauchstüchtigen Wissensspeichers Buch und Erhaltung eines Objekts von gleichsam archäologischer Bedeutung erfordert wohldurchdachte abgewogene Lösungen. [2] Die Herausbildung einer substanzschonenden, patinagerechten, minimalinvasiven Technik, eine neue Richtung in der Buchrestaurierung ist die Antwort auf die dank wohlgemeinter Komplettrestaurierungen erschreckende Vernichtung des unangetasteten einbandhistorischen Materials. Einbandforscher Janos A. Szirmai [3] berichtet, dass sich von den karolingischen Handschriften der Klosterbibliothek Reichenau nur noch 1% im ursprünglichen Zustand befinden.

Eine zweite Methode zur Substanzsicherung sind Präventivmaßnahmen. Die Mittel zur Erhaltung eines Buches können effizienter verteilt und z.B. in der konservierenden Behandlung ausgetrockneter Lederrücken einen größeren Teil der Sammlung vor Schaden bewahren. Die Kosten multiplizieren sich rasch, wenn erst trockene Gelenke reißen und Bände auf festen Rücken brechen. Zu den klassischen Präventivmaßnahmen gehören schützende Behältnisse wie Kassetten, Mappen oder sogenannte Buchschuhe. Bei der Auswahl der Materialien ist die Beratung durch den Restaurator hilfreich, bevor eine auf diesem Sektor kaum erfahrene Buchbinderei beauftragt wird.

Vergabepraxis und die Ausschreibungsverfahren werden heute sehr unterschiedlich gehandhabt. Die Spanne reicht von der haushaltsrechtlichen Vorgabe, das billigste Angebot anzunehmen und käme es von einer Buchbinderei in fernem Ausland, bis zur direkten Vergabe an einen für diesen Schaden besonders qualifizierten Restaurator. Allgemein kann man sagen: je kundiger ein für die Erhaltung des Altbestandes zuständiger Bibliothekar ist, um so mehr Phantasie und Durchsetzungsvermögen entwickelt er, um zielgerecht den Restaurator auszuwählen und direkt zu beauftragen. Für ihn haben vertrauensvolle, langfristige Arbeitsbeziehungen zur Sicherung der zum kulturellen Vermögen des Staates gehörigen unersetzlichen Altbestände höhere Priorität als eingefahrene Behördengewohnheiten. Er wird erfindungsreich versuchen, terminierte Budgets zu verlagern. Ihm ist klar, dass ein Buch, welches z.B. 500 Jahre überdauert hat, nicht unbedingt innerhalb zweier Monate vor Weihnachten fertig sein kann. Langfristige Zusammenarbeit hilft Kosten zu senken, da viele Abläufe zusammengefasst werden können. In einem den Arbeitsabläufen beim Restaurator entsprechend zusammengesetzten Auftragskonvolut sind günstigere Preisgestaltungen möglich.

Vertrauensvolle Beziehungen zu Restauratoren sind vor dem Hintergrund ihrer Ausbildungssituation und ihrer ungeschützten Berufsbezeichnung entscheidend. Es hat lange gedauert, bis die geregelte Ausbildung zum Buch- und Graphikrestaurator in Deutschland etabliert wurde. Der Streit, ob ein Fach- oder Hochschulstudium der Materie gerecht werden kann und das sich daraus ergebende Besoldungsproblem, hat viel Zeit gekostet. Die zentralistisch verwaltete DDR hatte trotz bespöttelter Parole "Überholen, ohne einzuholen" in der Ausbildungsfrage tatsächlich die Nase vorn. Dass Not erfinderisch macht ist keine neue Erfahrung. Und so hatte der verwaltete Mangel auch sein Gutes. Weil Japanpapier harte Devisen kostete, wurde z. B. in Jena durch den Restaurator Günther Müller ein einzigartiges Verfahren zum Spalten von Papier entwickelt. Selbst Papiere mit scheinbar hoffnungslosen Schäden können durch dieses Verfahren gerettet werden. Manche menschliche Fertigkeiten sind trotz Millionen verschlingender Versuche in der Massenrestaurierung eben doch nicht zu ersetzen und selbst wenn, wer möchte schon gern Bach Autographen in einer Papierspaltmaschine sehen.

Trotz aller Entwicklungen in der Buchrestaurierung wird dennoch viel Arbeit aufgrund der gewachsenen, handwerklichen Strukturen von Buchbindern übernommen, die aber auch in ihrer Arbeitsweise eher handwerksgerecht und von einem gewissen traditionellen Perfektionismus anhängenden Selbstverständnis sind, was bei Neubindungen zu begrüßen ist, bei Restaurierungen aber, wie sich gezeigt hat, Probleme aufwirft. Das Einfühlungsvermögen, die Kenntnis und Erfahrung von Buchrestauratoren macht sich selbst bei anscheinend einfachen Arbeiten bezahlt. Meist hat man bei unwiederbringlichem Kulturgut nur einen Schuss frei, vielleicht einen zweiten zur Rückrestaurierung. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein restauratorischer Eingriff immer die Gefahr in sich trägt, historische Spuren zu verwischen, authentische Merkmale zu verändern, den natürlichen Alterungsprozess zu stören, ja sogar die künstlerische Aussage und Intention zu verfälschen, wird man sich der Tragweite einer Entscheidung bewusst.

Ein gewichtiges Argument gegenüber der Haushaltsverwaltung ist die Verantwortung, die der zuständige Fachreferent wahrzunehmen hat, um Objekte vor Wertminderung durch zwar billige aber unsensible "Instandsetzung" zu schützen. Man bedauert heute sehr den "Mipofolienangriff" der 60iger Jahre auf große Teile historisch wertvoller Altbestände. Und die Vertreter der Plasticweißleimklebebranche, die in Buchbindereien ein- und ausgehen, kennen das Wort Reversibilität nicht. Auch Originalplakate von Toulouse-Lautrec auf Bügelleinen handwerksgerecht aufgezogen, werden nun allmählich vom Kunstoffkleber in ihren Farbwerten verfälscht und dürften auch für privatrechtliche Kunstvereine nicht gerade an Handelswert gewinnen. Auch das Vermögen des Steuerzahlers kann durch solche Maßnahmen schwerlich vermehrt werden, von der Schädigung wichtiger Kulturgüter zu schweigen. Daher ist bei der Vergabe von Restaurierungsaufträgen den Auswahlkriterien große Beachtung zu schenken. Qualifikationen sollten nachgewiesen, Referenzen erbracht werden und eine Restaurierungsprobe sollte in besonders sensiblen Fällen vorgeschrieben sein. Da die Spanne der von Papierrestauratoren betreuten Objekte vom Papyrus bis zur signierten Karteikarte von Joseph Beuys reicht, bleiben auch nach abgeschlossenem Diplom Erfahrung und Spezialisierung für den Erfolg ausschlaggebend. Solche Spezialisierungen herauszufinden, ist für den Auftraggeber, der sein Objekt optimal betreut wissen will, die schwierigste Aufgabe. Die Beherrschung des Papierspaltens z.B. setzt neben Kenntnis und Talent große Erfahrung voraus und die wirklichen Könner auf diesem Gebiet kann man gut an einer Hand abzählen. Ähnlich sieht es bei den Minimaleingriffen aus, die viel Materialkenntnis, Phantasie und nervenerprobte Geduld erfordern. Wenn klargestellt wird, was der Auftraggeber erwarten kann, worin der Unterschied zwischen Reparatur und Minimaleingriff besteht, weshalb es sich lohnt, ein Fragment am Objekt zu erhalten und nicht das Ganze zu rekonstruieren, können Entscheidungsprozesse objektgerechter erfolgen. Für viele Regalmeter Lederrücken muss so ein Aufwand nicht getrieben werden, aber eine Broschur mit abgegriffener silbriger Pappe sollte nicht übersehen werden, könnte es sich doch um ein Geschenkexemplar Friedrich des Großen handeln.

In der Praxis wird bei größeren Ausschreibungen mehr und mehr ein Mischverfahren angewendet. Es stellt sich dabei als Vorteil heraus, Erfahrungen und Spezialisierungen zu filtern und auf gewachsene Beziehungen zurückzugreifen. Sollten mehrere Anbieter für ein Projekt geworben werden, ist es fachlich sinnvoll und motivationssteigernd, den Konkurrenzneid durch Brain-storming-Diskussionen zu lösen und Teamgeist zu schaffen. Die Verantwortung aller Beteiligten für die restaurierungsbedürftigen, erhaltenswerten Objekte muss im Vordergrund stehen. Vergessen Sie nie den hauseigenen Restaurator mit einzubeziehen, auch wenn er mit anderen Aufgaben betraut ist. (Gelebte Erfahrung). Fortbildungsveranstaltungen vertiefen Kenntnisse und sensibilisieren. Der Auftraggeber könnte z.B. die Vorstellung des Restaurierungskonzeptes und die Präsentation der geleisteten Arbeit zur Mitarbeiterschulung nutzen. Die bringt neben dem erweiterten Wissen mehr Sensibilität im Umgang mit den Objekten seitens des Personals, steigert die Motivation der Mitarbeiter, lockert den Arbeitsalltag auf und belohnt den Restaurator mit einem lebendigen Echo. Dergleichen fördert die Beziehung der Vertragspartner sehr. Auch Besuche in der Werkstatt des Restaurators z.B. bei Lieferung und Abholung verschaffen Einblicke hinter die Kulissen und trockene Weisungen zur fachkundigen Handhabung alter Einbände füllen sich mit Leben. Interessiert man eine größere Öffentlichkeit für ein Restaurierungsprojekt z.B. durch Ausstellungen oder Vorträge, können neben dem kulturbereichernden Effekt möglicherweise potentielle Sponsoren geworben werden. In der Österreichischen Nationalbibliothek hat sich mit Erfolg ein Projekt der Buchpatenschaften etabliert. An den Regalbrettern wird dem Sponsor durch ein Namensschild gedankt.

Ich möchte zum Schluss meine Überlegungen zusammenfassen: Was wünschen sich Restauratoren von den für die Erhaltung des Altbestandes zuständigen Konservatoren, Kustoden, Archivaren und Bibliothekaren?

1. Klare Vorstellungen vom Restaurierungs- und Erhaltungsziel Ist das Erhaltungsziel immer die uneingeschränkte Benutzbarkeit oder kann es zugunsten des Objekts nach der Benutzungsfrequenz abgewogen werden?
2. Abstimmung der Restaurierungsplanung im Dialog unter Einbeziehung der Kenntnisse und Erfahrungen des Restaurators
3. Ausreichende Zeitvorgaben
4. Die notwendige, dem Objekt angemessene Dokumentation muss als Arbeitsaufwand verstanden und honoriert werden. Sie kann 10 - 20% des Zeitaufwands umfassen.
5. Restaurierung und Bestandserhaltung sollten in ihrer Wertigkeit gleichrangig neben der Neuerwerbung stehen.
6. Die Öffentlichkeit für die Sammlung durch Ausstellungsprojekte zum Thema Konservierung/Restaurierung interessieren.
7. Vorträge mit Restauratoren und Bibliothekaren veranstalten, um größere Öffentlichkeit herzustellen und potentielle Sponsoren für Restaurierungsprojekte anzuwerben.
8. Fortbildungsangebote wie diese nutzen, um den Kenntnisstand von Mitarbeitern und Öffentlichkeit zu erweitern.
9. Phantasie bei den Kulturgutverwaltern bei der Mittelbeschaffung
10. Kontinuierliche Aufträge
11. Dialogbereitschaft, Dialogbereitschaft, Dialogbereitschaft

 

 
Anmerkungen
[1] Andreá Giovannini, Archäologie des Buches und konservierende Restaurierung, in RESTAURO 1/1990, S. 43. zum Text
[2] dazu ausführlich: Christian Beintker, Der Minimaleingriff in der Buchrestaurierung, in RESTAURO 4/1998, S. 272. zum Text
[3] Janos A. Szirmai, Zur Zerstörung alter Einbände - ein Apell, in RESTAURO, 3/1990, S. 171. zum Text

 

 
Zum Autor:
Christian Beintker, Hamburg
Zum Artikel:
Dieser Beitrag wurde als Vortrag in der Fortbildungsveranstaltung "Einzelrestaurierung, Auftragsvergabe, Dokumentation" am 07. Oktober 2004 in der Deutschen Bücherei in Leipzig gehalten.
Stand: Oktober 2004

Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de