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Der Minimaleingriff - das neue Denken in der Buchrestaurierung
Ein Beitrag von Christian Beintker

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Ziel jeder Restaurierung ist, die Originalsubstanz im überlieferten Zustand zu erhalten. Als Wissenquelle haben Bücher auch einen Gebrauchsanspruch zu erfüllen. Im folgenden Vortrag wird "vehement für restauratorische Zurückhaltung votiert" [1] und an Beispielen die Methode des Minimaleingriffs vorgestellt.

Der zynische Satz aus dem Munde eines DDR-Kulturhüters, "dass Armut die beste Denkmalpflege sei", erfährt bei tieferer Betrachtung eine neue Deutung. Zuviel Schaden wurde in der Vergangenheit durch unsensible Restaurierung, selbst im besten Glauben, angerichtet. Der Begriff Rückrestaurierung ist zum Synonym für dieses Problem geworden. Rückrestaurierung: das Wort trügt, als könne man so einfach vor und zurück. Man muss sich darüber im klaren sein, dass nicht alles zurückgeführt werden kann. In den meisten Fällen müssen große Substanzverluste hingenommen werden. In den 60iger Jahren wurden z.B. unersetzbare Handschriften zwischen Folien geklebt. Der Glaube, dass Plastikerzeugnisse eine ähnliche Halbwertszeit wie die Ewigkeit haben, war in der beginnenden Wohlstandsära weit verbreitet. Wie viel Kopfzerbrechen bereitet den Wissenschaftlern und Restauratoren nur 40 Jahre später das Problem, diese Folien wieder zu lösen. Von Handschriften, die zum Teil über 500 Jahre alt sind.

Bügelleinen mit Weichmacherkleber machte auch vor Toulouse-Lautrec-Plakaten nicht halt, selbst wenn sie noch originalverpackt durch den Lithographen aus Paris in ihren Rollen schlummerten. Und noch im vergangenen Jahr wurde in der Massenrestaurierung Selbstklebepapier eines Großlieferanten für Archivbedarf eingesetzt, das sich nur sehr zeitaufwendig delaminieren lässt.

Ganze Archivbestände wurden der Massenrestaurierung zugeführt, nur weil bekannt war, das sich die Dauerhaftigkeit von Papier durch Wässern erhöht. Nur wenige fragten nach den Eisenionen, die sich, in der Tinte gebunden, nun über das ganze Blatt ausbreiteten. Die Tintenfraßforschung stand erst am Anfang. Diese Fehler, wie z.B. das Laminieren von Handschriften aus dem Mittelalter, mussten offensichtlich gemacht werden, um unser Bewusstsein zu schärfen und einen Wandel im Denken anzuregen. Irrtümer, so habe ich neulich gelernt, sind untrennbar mit der Wissenschaft verbunden. Die Theorie der schwarzen Löcher im Universum ist von ihrem vermeintlichen Entdecker selbst verworfen worden.

Die Minimalintervention ist die Antwort auf die Fehler, welche im Bereich der Buchrestaurierung gemacht wurden. Der Minimalrestaurator sieht im historischen Buch eben nicht nur den Wissensspeicher, sondern vornehmlich das Objekt mit gleichsam archäologischer Bedeutung. Daher ist er gegenüber allen Massenlösungen skeptisch eingestellt, auch wenn sie patentiert sind. Auch wenn die Menge der zu bearbeitenden Objekte so unübersehbar scheint. Auch wenn Finanzknappheit und Sachlagenzwang herrscht. Zurückhaltung und Begründung jedes Eingriffs ist seine Maxime. Der Minimalrestaurator stellt die Totalrestaurierung von Bucheinbänden in Frage. Bei Schäden, die lediglich den Einband und seine Konstruktion betreffen, ist ein vollständiges Zerlegen des Buchblockes ein unverhältnismäßig großer Eingriff in die Originalsubstanz, bei der handwerkliche Spuren, Abnutzungsmerkmale, Patina und Originalität zugunsten einer benutzungsbeständigeren Lösung geopfert oder verfälscht werden. Eine Vielzahl von Papierschäden kann heute mit verfeinerten Methoden am gehefteten Buchblock versorgt werden. Denn nach einer Neuheftung hält man eben nicht mehr das Original in den Händen, es ist im besten Falle "nur originales Material in ursprünglicher Anordnung". [2] In den 80iger Jahren wurde das Wässern und Puffern von Papier, um dessen Dauerhaftigkeit zu steigern, generell empfohlen. Um diese Behandlung durchzuführen, mussten die originalen Heftungen aufgelöst werden. Stark geleimt und fest gepresst ähneln manche Bände aus dieser Restaurierepoche eher einem Facsimile.

Die Ursache für den Minimalismus in Konservierung und Restaurierung in allen Fachsparten liegt in der Erkenntnis, dass ein restauratorischer Eingriff immer die Gefahr in sich trägt, historische Spuren zu verwischen, authentische Merkmale zu verändern, den natürlichen Alterungsprozess zu stören, ja sogar die künstlerische Aussage und Intensität verfälschen zu können. Kunsthistorische Fragen sind mit ästhetischen sowohl auch ethischen Überlegungen gleichwertig mit der restaurierungstechnischen Durchführung abzustimmen.

Diese Forderungen sind im Bereich der Buchrestaurierung nicht immer leicht zu vereinbaren, handelt es sich bei Büchern doch um Wissensquellen, die auch einen Gebrauchsanspruch zu erfüllen haben. Welche Bindetechnik die Funktion ermöglicht, welche Einbandverzierung dem Buch prägendes Gesicht verleiht, welches Material gewählt wurde, handwerkstypische Eigenheiten, der Grad der Abnutzung usw. interessieren in zweiter Linie. Aber für den Einbandhistoriker liegen hier die wichtigsten Quellen, um seine Feldforschung durchführen zu können. Im Dilemma zwischen gebrauchstüchtigem Informationsträger und Objekt gleichsam archäologischer Bedeutung müssen abgewogene Lösungen gefunden werden, die beiden Ansprüchen Rechnung tragen.

Von entscheidender Bedeutung für die Bestandserhaltung sind passive Konservierungsmaßnahmen und ein sensibilisiertes Umfeld. Fragen nach Benutzungsfrequenz, angepasste Verfilmungstechnik an die gealterte Substanz, geschulte Handhabung und aufklärende Maßnahmen können helfen, das Leben eines Einbandes zu verlängern.

Bei einer geringen Benutzungsfrequenz können Argumente für eine substanzsichernde, patinagerechte Konservierung durchgesetzt werden. Wir neigen dazu, alles viel haltbarer zu machen, als es bei sorgfältiger Abwägung nötig wäre. Vielleicht geschieht das aus dem Bedürfnis, dem vernachlässigten, geschädigten Buch nur das Allerbeste angedeihen lassen zu wollen und es, soweit wie möglich, gestärkt der Zukunft zu übergeben. Dabei wird übersehen, das historische Einbände heute meist nicht mehr mit jenen Aufgaben konfrontiert werden, die sie zu Zeiten ihrer Entstehung zu erfüllen hatten, dass sie heute viel seltener und schonender benutzt werden. Die Sicherheitsverfilmung reduziert laufende Benutzung eines Einbandes und trägt somit erheblich zur Schonung bei, da der größte Bedarf an Information über Mikrofilm oder CD-ROM abgedeckt werden kann. Voraussetzung aber ist eine schonende Verfilmung, denn nicht selten sind Einbände nach einer Verfilmung erst zum Restaurierungsfall geworden. Moderne technische Möglichkeiten müssen an die gealterte Substanz angepasst werden und nicht umgekehrt. Wer hier die Prismenkamaraverfilmung einsparen möchte, muß am Ende möglicherweise gebrochene Rücken, gelöste Heftungen usw. teuer bezahlen. Eine ganze Reihe von Einbandtechniken kommt nicht einmal im frisch gebundenen Zustand unseren Aufschlagbarkeitswünschen von 180 Grad entgegen. Bibliothekare und Kunsthistoriker können ihr Wissen bereichern, wenn sie den Restaurator in den interdisziplinären Dialog mit einbeziehen, ist er doch mit der Materie in materialbezogener Weise vertraut. Die Verantwortung und Tätigkeit des Restaurators sind nicht nur auf die Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit eines Objektes beschränkt. Ich zitiere aus dem Aufsatz "Archäologie des Buches und konservierende Restaurierung" von Andréa Giovannini zur Stellung des Buchrestaurators: "Die Rolle des Restaurators erweitert sich und nähert sich dem Aufgabenfeld des Wissenschaftlers, beide Aufgabenbereiche bleiben aber eigenständig. Für den Restaurator bedeutet das zusätzliches Engagement und eine neue Aufgabe, aber die buchkundliche Forschung ist auch eine Bereicherung, denn sie ermöglicht ein tieferes Verständnis des Buches." [3]

Der Restaurator, mit Technik, Material und Geschichte der Einbände vertraut, nimmt über seine praktische Arbeit hinaus Verantwortung wahr, wenn er sein Wissen in Entscheidungsprozesse einbringt, um unwiederbringliches Kulturgut vor Fehlentscheidungen zu bewahren. Verstehen Sponsoren und Auftraggeber unter einer Buchrestaurierung nicht selten ein strahlend neu gebundenes, in allen Teilen gereinigtes Exemplar und der Restaurator muss vor enttäuschten Gesichtern seine Philosophie mühsam erklären. Und auf noch mehr Unverständnis muss er stoßen, wenn seine Bemühungen substanzschonender Restaurierung teurer sind als die der Mitbewerber, die "benutzungsbeständigere" Lösungen anboten.

Dem von Janos Szirmai in mehreren Fachzeitschriften wiederholte Appell: "alte Einbandtechniken nicht durch unnötige Restaurierungsmaßnahmen zu zerstören" [4] soll an dieser Stelle erneut zitiert werden.

Der Hinweis, dass alle bei der Rekonstruktion gewonnenen Erkenntnisse im Restaurierungsbericht vermerkt und gewissenhaft in fotographischer Dokumentation festgehalten wurden, erweist sich bei ungewöhnlicher oder andersinterpretierender Fragestellung oft als unzureichend aussagekräftig. Ernst van de Wetering bemerkt in seinem Essay "Die Oberfläche der Dinge und der museale Stil": "Die Art der Fragen, die dem Objekt bei zukünftiger Deutung gestellt werden könnten, ist ja nicht zu prophezeien. Bei der Untersuchung von (kunst)historischen Objekten erfährt man nur zu oft, wie essentielle Spuren bei vergangenen Restaurierungen verunklart oder getilgt worden sind, weil ihre Bedeutung nicht erkannt werden konnte." [5] Unsere Situation der Restaurierungsdokumentation kann man überspitzt mit einer Geschichte von erdfremden Forschern vergleichen, die unsere Meeresfauna untersuchten und in ihrem Tagebuch notierten, dass die kleinsten Fische des Planeten Erde 10 cm groß seien. Sie verfügten aber nur über Netze, deren Maschenweite 10 cm betrug. Die Erkenntnisse im Bereich historischer Bindetechnologie unter Berücksichtigung handwerklicher Eigenheiten und Materialien, ihre wissenschaftliche Auswertung und Definierung, der archäologische Forschungsansatz in der Einbandkunde, die Schaffung von Datenbanken für den Dokumentationsvergleich sind erst in den Anfängen und wir können nur ahnen, in welchem Tempo der Wissenszuwachs und die Vielfalt der Aussagemöglichkeiten, z.B. als Datierungshilfe oder Zuordnung von Meistern und Werkstätten, auf diesem Gebiet voranschreiten wird. So wurden zum Beispiel im Bereich der Holzdatierung ungeahnte Zusammenhänge hergestellt, weil die computergestützte Dendrochronologie weitaus präziser Auskunft gibt, als der mechanische Abgleich von Fotoprofilen der Jahresringe. Es bleibt zu hoffen, dass der bei handwerksgerechter Restaurierung, sei es durch neues Holz oder Pappe, ausgetauschte Deckel nicht in einem "Fragmentengrab" verschwindet - besser natürlich, man würde ihn erst gar nicht austauschen.

Als man bei archäologischen Ausgrabungen Scherben zur Trocknung auf 400 ºC erwärmte, ahnte man noch nicht, dass eines Tages die Thermolumineszenzmethode zur Alterungsbestimmung entdeckt werden würde, und man versperrte sich den Weg der Datierung, indem man durch diese Trocknungsprozedur den Alterungsfaden durchtrennte und sie damit auf anno null brachte. [6]

Von großer Bedeutung zur Identifizierung historischer Raubdrucke und Nachauflagen sind die im Streiflicht reliefartig sichtbaren, unterschiedlich tiefen Eindrucke der Bleilettern ins Papier. Der Buchdrucker spricht von der Schattierung. Gehen diese Spuren durch eine Nassbehandlung verloren, ist die Druckzurichtung und -stärke nicht mehr nachweisbar.

Auf der Tagung des Österreichischen Restauratorenverbandes 1995, beschäftigte man sich mit grundlegenden Standpunkten der Restaurierungsethik. Unter dem Titel "Erfroren, Zerschnitten, Abgebrannt - vom Umgang mit Kulturgut", entwickelte sich ein horizonterweiterndes Bild, dass nachdenkliche Impulse für die Zukunft gibt. Ernst van de Wetering machte auf die große Bedeutung verborgener Spuren und ihren Quellenwert für die Objekte in der Buchrestaurierung aufmerksam. Die konservierende Restaurierung, welche die fragmentarisch erhaltene, gealterte Substanz in die Wiederherstellung der Funktion mit einbezieht, sichert den historischen Dokumentationswert am Objekt. Der Autor konnte z.B. bei Handschriften des späten Mittelalters aus dem Lübecker Umkreis bemerken, dass die Lederschärftechnik ganz entgegengesetzt unserer praktischen Ausübung heute Verwendung fand. Die Einschläge sind in voller Lederstärke um die Deckelkanten gearbeitet und erst nach Trocknung (?) setzte man das Schärfmesser an, dünnte das Leder an diesen Stellen und erreichte somit die verlaufende Kante, damit sich die Übergänge weniger im Spiegel markieren.

Ich möchte Ernst. van de Wetering an dieser Stelle nochmals zu Wort kommen lassen, der im oben erwähnten Essay weiter sagt: "Minimalismus in der Konservierung und Restaurierung kann auf verschiedene Weise verteidigt werden. Das wichtigste Argument ist sicher die Notwendigkeit zur Erhaltung der vielschichtigen Dokumentwerte, von dem jedes historische Objekt der Träger ist." [7]

Jede Theorie über Minimalismus in der Restaurierung sollte in der Praxis Anwendung finden können. Dieser Beitrag möchte Möglichkeiten vorstellen, selbst bei schwer geschädigten Einbänden partielle Eingriffe vorzunehmen. In Anbetracht der vorgegebenen Zeit kann dies nur schlaglichtartig geschehen. Beginnen möchte ich mit der Handschrift ms. theol. lat. 133, die sich im Besitz der Bibliothek der Hansestadt Lübeck befindet. Kapitalversteppungen und -flechtungen sind untrennbare Bestandteile der Rückenkonstruktionen, und oft sieht man bei einer Restaurierung nur den Ausweg ihrer Rekonstruktion. Der vorgestellte Minimaleingriff zeigt, wie man den originalen Befund des Kapitals am Objekt erhalten kann.

Der Zustand der Handschrift weist typische Verschleißerscheinungen im Bereich der Gelenke auf. Die Schweinslederbünde sind, bis auf gerissene Kapitalbünde am Deckelübergang, weitgehend intakt. Die Ansicht des Kopfkapitals zeigt eine gut erhaltene Flechtung. Auch das Fußkapital ist überwiegend gut erhalten. Die Restaurierung erfordert aber ein Unterfüttern des teilweise gelösten Lederrückens und neue Falzübergänge in den verschlissenen Bereichen. Der Ursprungsbefund der Kapitalzonen sollte nicht verändert werden. Die Kapitale wurden mittels einer minimalinvasiven Technik gefasst, ohne den Lederrücken vom durch Flechtung verbundenen Kapital trennen zu müssen. Der Lederrücken wird durch kontrollierte Befeuchtung gelöst. Das neue Unterfütterungsleder geschärft und die Kapitalfassung mittels Schablone genau ausgemessen. Der Rücken wird eingeledert. Alle Arbeitsgänge werden unter dem Originalrücken vorgenommen. Dieser minimalinvasive Eingriff wird mit dem Wort "Brückendoublierung" gut benannt. Die Bünde werden geformt und abgebunden. Die Kapitalansichten zeigen den Übergang von der Rückendoublierung zum Einschlag und vorbereiteten Kapitalfassung.

Der Lederrücken wird eingekleistert und mit der Doublierung verbunden. Die Zustandsaufnahmen nach abgeschlossener Restaurierung zeigen die Handschrift gebrauchstüchtig, die fragmentarisch erhaltene, gealterte Substanz konnte in die Wiederherstellung der Funktion mit einbezogen werden. Beim näheren Hinsehen offenbart uns die Handschrift ein weiteres Geheimnis ihrer Geschichte: die längere Nachbarschaft zu einem Quartband mit Buckelbeschlag. Diese Nachbarschaft ist kürzere Zeit unterbrochen worden, ein zweiter, vom ersten verschobener Patinaabdruck, ist wahrnehmbar. Ein Indiz zur Bibliotheksaufstellung und Benutzungsfrequenz. Vermutlich waren zu diesem Zeitpunkt auch noch die Langriemenschließen am Einband, bevor man sie gewaltsam entfernte, die Buckelhöhe des Nachbarn müsste ca. 5 mm betragen haben. Ein ähnliches Schadensbild bot sich bei der Handschrift ms. theol. lat 188, auch hier sollte der Minimaleingriff Anwendung finden. Der versprödete Lederrücken hat sich vollständig vom Buchblock gelöst, nur die Steppnaht hält ihn an den Kapitalen fest. Alle Vorderbünde sind gebrochen. Der partielle Eingriff beginnt mit dem Anlängen der Bünde. Die Originalbünde werden aus den Kanälen gehoben, ohne die Verpflockung zu lösen. Die neuen Bünde werden durch die Deckel gezogen und keilartig mit den originalen verklebt. Der Deckel ist angesetzt, ohne den Lederbezug zu lösen. Lediglich im Gelenkbereich wird ein 2 cm breiter Streifen gehoben. Unter ihn wird eine Gelenkdoublierung gearbeitet, die auf den Rücken nur 2,5 cm reicht. Verschlissene Lederstellen in den exponierten Bundeintrittsstellen wurden lediglich ambulant mit einem Lederpflaster hinterlegt. Der Zustand nach abgeschlossener Restaurierung. Auch das Lösen der fragilen Papiersignaturen und Titelschilder konnte umgangen werden, so bleibt ihr Originalsitz dokumentiert. Die gesteppten Kapitale mussten zur Rückführung der Gebrauchstüchtigkeit nicht geöffnet werden. Auf viele Handschriften begann im vorigen Jahrhundert eine Jagd auf versteckte Makulatur. Man löste Spiegel und trennte dabei die inneren Gelenkverbindungen. So auch bei der Handschrift Ms. philol. 16.

Mittels einiger Schnitte und Lochungen am Heftfälzchen, können neue Pergamentfälze in die erste Lage eingezogen werden, ohne die Heftung der Lage zu lösen. Das so vorbereitete Heftfälzchen wird positioniert und die erste und letzte Lage nachgeheftet.

Im Bild wird ein weiterer Eingriff sichtbar. Der Holzdeckel war gebrochen. Die Rißfuge wurde mit Hautleim verklebt und eine mechanische Stützung durch Einlassen von Querriegeln erreicht. Im Geigenbau bedient man sich dünn gehobelter Holzspäne, um gerissene Böden zu restaurieren. Sie müssen einer enormen Belastung standhalten. Dieses Verfahren kann auch bei sehr dünnen Holzbuchdeckeln angewendet werden. Der gehobelte Span wird segmentweise getrennt. Diese Segmente werden quer über die Rissfuge mittels Hautleim geklebt. Anschließend werden die Späne fein verschliffen.

Im Bild sehen wir den Kapitalbund der Bordesholmer Handschrift ms. bord 108, die sich heute in der UB-Kiel befindet. Es ist ein lateinisches Wörterbuch aus dem Jahr 1419. Die originale Kapitalversteppung enthält wichtige Informationen für den Buchhistoriker. Daher sollten alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, um die Kapitalfragmente an der Handschrift zu erhalten und nicht zu rekonstruieren. Die Kapitalumwicklung, Grundlage für die Versteppung, ist nicht im Zuge der Heftung entstanden, sondern separat gewickelt worden. Der Kapitaltorso wurde mit einem neuen Lederstreifen gefasst, Lederübergänge geschärft, mit Kleister verklebt und zum Trocknen umwickelt. Ebenso wurde mit den gerissenen Heftbünden verfahren. Der neue Gelenkriemen besteht aus zwei Schichten verklebtem Schweinsleder und, von der ursprünglichen Technik abweichend, enthält er im Kern eine Pergamenteinlage, die einer stärkeren Belastung standhält.

Die geübte Praxis, Lederbünde durch Hanfkordeln auszutauschen, da diese über die Jahrhunderte nicht zum Verspröden neigen, ist eine zu große Abweichung von der Originalität. Viel eher müssen chemische Lösungen gefunden werden, versprödete Heftbünde zu regenerieren. Durch synthetische Lederfette, die im Offenbacher Ledermuseum entwickelt wurden, können bereits gute Teilerfolge erzielt werden.

Nach dem originalen Befund wurden die Kapital- und Heftbünde mit Heftfaden umwickelt. Hier vollzog sich die endgültige, belastbare Verbindung zwischen Fragment und Ergänzung. Die hinteren Bünde der Handschrift waren lediglich geschwächt, nur einer gebrochen. Geschwächte Bünde wurden mit einem Pergamentstreifen, der zwischen Bund und Heftumwicklung gezogen wurde, gestützt. Auslaufende Enden verschärft und verklebt. Auf den Bildern ist gleichzeitig eine Pergamentfalztechnik zu erkennen, die mithilfe einer Zickzacktechnik das weite und materialschonende Aufschlagen der Deckel ermöglicht. Eine Pergamentfalte greift auf den Deckel über, bildet eine Tasche und gibt dem Deckel beim Öffnen genügend Luft. Erdacht wurde diese Technik, um eine einbanduntypische Abweichung, einen Falzgraben am Hinterdeckel, zu überbrücken. Der Hinterdeckel ist im Verhältnis 1 cm kürzer in der Breite als der Vorderdeckel. Er schließt also nicht wie der Vorderdeckel in gotischer Manier mit dem Rücken ab, sondern bildet einen Falzgraben. Was auch immer den Buchbinder bewogen hatte, dies so zu lösen, sei es Versehen, Materialknappheit, Arbeitsauffassung oder Unkenntnis, ein Verwischen dieser Information, getrieben durch buchbinderischen Ehrgeiz, ist nicht zu verantworten. Im Bild sehen wir eine historische Reparatur aus dem Jahr um 1420 an einer Seite der Handschrift ms. philol.3, Lübeck. Pergament so zu nähen war nicht ungewöhnlich, hier handelt es sich aber um Papier. Wieder eine erhaltenswerte interessante Abweichung, die Rückschlüsse auf Entwicklungen geben kann. An dieser Stelle sei auf einen wesentlichen Bereich der Philosophie des Minimalrestaurators hingewiesen: die substanzschonende Aufbewahrung der Einbände. Die hier vorgestellte Klappkassette, die sich um den Einband herumwickelt, wurde durch japanische Vorbilder inspiriert. Die Kassette lässt sich in jeder Richtung abklappen. Ein Scheuern an Schuberwänden oder Verletzungen beim Herausheben aus starren Kästen wird vermieden. Ein weiterer Vorteil bietet die Planlage der Kassette: eine Unterlage zum Ausbreiten der Handschrift wird gleich mitgeliefert. Die Konstruktion der Kassette lässt einen Luftaustausch zu, bei raschem Klimawechsel kann sich kein Feuchtestau entwickeln, ein Vorzug, den die Japaner aufgrund ihrer Klimaverhältnisse bedacht hatten. Die Klappkassette wurde selbst bei schwersten Einbänden mit Erfolg getestet, bei dickeren Einbänden müssen lediglich die Innenklappen durch Schleifen aneinander gebunden werden.

Die Kassette wurde mit einem dreifachen Boden ausgestattet, um den Restaurierungsbericht, Dokumentation, eventuelle Fragmente und Fotos aufnehmen zu können. Diese Informationen gehören zum Einband, dort wo sie der Buchhistoriker und Einbandforscher sucht.

Das Ausmaß des Einbandschadens an der Handschrift ms. philol. 16 fordert die Technik des Minimaleingriffs heraus. Ziel war es, trotz weitgehender Schwächung der Substanz, den originalen Befund zu bewahren. Das umschloss auch die Sicherung der aus heutiger, handwerksgerechter Sicht "nachlässigen Heftung".

Die Zustandsaufnahmen nach abgeschlossener Restaurierung belegen, dass das Konzept substanzschonender Restaurierung und Rückführung der Gebrauchstüchtigkeit zu vereinbaren ist. Fragmentarisch erhaltene Substanz kann in die Restaurierung mit einbezogen werden und gibt so am Objekt Auskunft über den Originalzustand. Die substanzschonende Restaurierung fordert ein Überdenken der herkömmlichen Praxis, das Erscheinungsbild der Einbände durch Rekonstruktion optisch sowie funktional einem vermeintlichen Urzustand anzugleichen. Damit rauben wir den Objekten wesentliche Teile ihrer Geschichte, die sich oft über Jahrhunderte erstreckt und missverstehen unsere Verantwortung, die wir als Bewahrer für eine kurze Zeitspanne tragen.

 

 
Anmerkungen
[1] Kornelius Götz, Unterrichtsmaterial für die Buchrestauratorenausbildung der Fernuniversität Hagen. zum Text
[2] Winfried Heiber, Die Rißverklebung, in: Kunsttechnologie und Konservierung 10/1996, S. 117. zum Text
[3] Andreá Giovannini, Archäologie des Buches und konservierende Restaurierung, in: RESTAURO 1/1990, S. 43. zum Text
[4] J.A. Szirmai, Zur Zerstörung alter Einbände - ein Apell, in RESTAURO 3/1990, S. 171. zum Text
[5] Ernst van de Wetering, Die Oberfläche der Dinge und der museale Stil, in MALTECHNIK-RESTAURO 2/1982, S. 82. zum Text
[6] Ernst van de Wetering, Restaurierungsethik - ein altes, immer wieder neues Thema, Vortrag Tagung ÖRV 1995, Wien. zum Text
[7] Wetering, siehe Anm. 5. zum Text

 

 
Zum Autor:
Christian Beintker, Hamburg
Zum Artikel:
Dieser Beitrag wurde als Vortrag in der Fortbildungsveranstaltung "Einzelrestaurierung, Auftragsvergabe, Dokumentation" am 07. Oktober 2004 in der Deutschen Bücherei in Leipzig gehalten.
Stand: Oktober 2004

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