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Einige Hinweise zur Zusammenarbeit zwischen Bibliothek und freiberuflichem Restaurator bei Restaurierungsprogrammen aus Drittmitteln
Ein Beitrag von Dr. Robert Schweitzer, Lübeck

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Die folgenden Zeilen sind betont aus der Sicht des Praktikers geschrieben. Sie fassen die Erfahrung aus einer Situation zusammen, die vor allem für kleinere Bibliotheken immer mehr typisch zu werden scheint: es ist ein Altbestand mit restaurierungsbedürftigen Stücken zu betreuen, ohne dass eine eigene Restaurierungswerkstatt oder Restaurierungspersonal zur Verfügung stehen. Es gelingt engagierten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren durchaus, Verständnis für die Probleme zu wecken und Drittmittel - meist von Sponsoren - einzuwerben, und nun stehen sie vor den Problemen der Abwicklung. Für eine solche Situation sind die folgenden Hinweise gedacht. Die Bibliothek der Hansestadt Lübeck hatte diese Herausforderung in fast dramatischer Weise zu bewältigen, als große Teile ihrer Handschriftensammlung 1989 und 1990 aus der fast fünfzigjährigen kriegsbedingten Auslagerung in der DDR und der Sowjetunion zurückkehrten. Dankenswerterweise hatten die Possehl-Stiftung (Lübeck), das Land Schleswig-Holstein, der Bund und die Hansestadt Lübeck schnell Sondermittel zur Behebung des naturgemäß entstandenen dringendsten Restaurierungsbedarfs zur Verfügung gestellt. Die Dringlichkeit der Fälle machte ein konzentriertes Vorgehen nötig, so dass das Programm in den Jahren 1992 bis 1995 durchgeführt wurde.

Ein zweiter Punkt ist vorauszuschicken: trotz der breiten Palette von Partnern, die zur Bewältigung dieser Aufgaben gefunden werden mussten, sind die Erfahrungen keineswegs als allgemeingültig zu bezeichnen. Die Restaurierungswerkstätten haben durch ihr Engagement auch wesentlich zum Erfolg des Programms beigetragen, und es darf keinesfalls der Eindruck entstehen, die Zusammenarbeit insgesamt sei ein problembelastetes Feld, wenn im Folgenden Einzelbeispiele von Problempunkten aufgeführt werden. Sie sollen auch kein allgemeines Urteil über die "Zunft" darstellen.

 

Schon beim Antrag bedenken ...

Eigentlich setzt der erste wichtige Ratschlag schon vor meiner Ausgangssituation an: ist die Drittmitteleinwerbung gelungen, hat man die Bedarfsschätzung schon durchführen müssen - meist ohne die entsprechenden materiellen Möglichkeiten, sich den notwendigen Kenntnishorizont zu verschaffen. Wo nicht auf Landesebene eine Infrastruktur zur Beratung geschaffen ist - beispielhaft in Baden-Württemberg, in Ansätzen in Nordrhein- Westfalen (vgl. den Aufsatz von Beßelmann in diesem Heft) - muss man verschiedene große Werkstätten an Bibliotheken aufsuchen. Die Betonung liegt auf "verschiedene" - z.B. hat die Werkstatt des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs in Schleswig, die für dieses Bundesland als zentrale Werkstatt ausgewiesen ist, von der Aufgabenstellung ihrer Trägerinstitution her ihren Erfahrungsschwerpunkt eher in Papier- als in Einbandrestaurierung. Außerdem verfestigen sich - wie überall - auch in jeder Werkstatt bestimmte Schulmeinungen.

Wenn es denn die Situation erlaubt - etwa wenn sich die Bereitwilligkeit, Sondermittel auszuweisen, beim Sponsor oder Zuwendungsgeber allmählich anbahnt - ist es günstig, schon für die Bedarfsschätzung Mittel, besonders für Reisen (inklusive der Versicherung der mitzunehmenden Stücke!), aber auch z.B. für fehlende Fachliteratur zu beantragen. Auch bei anderen Projekten stehen ja üblicherweise am Anfang Informationsreisen und sogar Aufwendungen für Wettbewerbe, so dass die Notwendigkeit vermittelbar sein müsste. Mit dem Hinweis, dass viele historische Einbände zugleich Denkmäler der Buchkunst sind, kommt man vielleicht auf die angemessene Argumentationsebene: eine Bronzeplastik würde auch kein Sponsor ohne weiteres dem günstigst anbietenden Klempner zur Restaurierung anvertrauen! Auf jeden Fall sollte dieser Bedarf für das Projekt selbst geltend gemacht werden: manche hier eingesetzte Mark spart zwanzig an anderer Stelle ein. Wenn solche Mittel nicht Teil der Bewilligung werden, ist es immerhin möglich, sie als die Eigenleistung auszuweisen - denn notwendig sind sie.

Allerdings muss man die Dynamik solcher Bewilligungsprozesse im Auge behalten und jeweils aus der Situation beurteilen, ob es nicht taktisch günstiger ist, den (naturgemäß reduzierten) Aufwand für diese Phase selbst zu erbringen und mit einem fertigen Konzept aufzuwarten. Besser wäre es anders - aber es darf die Mitteleinwerbung nicht daran scheitern.

 

Der Fluch der großen Summen

Es kursiert ein sarkastischer Satz über Drittmittel: sie hätten ihren Namen daher, dass ein Drittel der Zeit für die Beantragung, ein weiteres für die Abrechnung vergehe, so dass das Projekt selbst dann ganz schnell in dem verbleibenden Drittel der Zeit durchgeführt werden müsse. Die Freude über eingeworbene Sondermittel wird nicht selten durch zwei Umstände getrübt: oft werden sie spät bewilligt (z.B. am Ende des Haushaltsjahres aus zurückfließenden Mitteln) und müssen zu einem knapp gesetzten Termin ausgegeben und abgerechnet sein. Kommen die Mittel aus öffentlichen Haushalten, und werden sie über den Haushaltsplan der eigenen Institution abgewickelt, kann sich dieser Effekt potenzieren. Zu den Terminen der gebenden Institution treten die des eigenen Haushaltsmechanismus (z.B. Kassenschluss), und den Fristen sind die notwendigen Zeiten innerhalb der eigenen Institution (z.B. Rechnungsprüfung) hinzuzurechnen.

Wer nicht "alles in einer Hand" macht, ist gut beraten, laufenden (!) Kontakt mit den Haushaltssachbearbeitern beider Ebenen zu halten. Die Instrumente des Haushaltsrechts, die aus bewilligten Mitteln ausgebbares Geld machen, sind durchaus vielfältig, aber sie arbeiten alle langsam. Telefonische Vorklärungen weit im Vorfeld sind die wichtigste Hilfe, die Fallgestaltung so zu wählen, dass z.B. Geld aus einem Haushaltsjahr auch im folgenden noch ausgegeben werden kann.

Grundsätzlich ist es in dieser Hinsicht erstrebenswert, Restaurierungsmittel über den Vermögenshaushalt anzurechnen - es wird ja Vermögen erhalten oder gar durch Wertsteigerung neu geschaffen. Unverbrauchte Mittel aus dem Vermögenshaushalt sind relativ leicht auf das folgende Jahr zu übertragen, so dass der zeitliche Spielraum für ihre Verausgabe wächst.

Dass dies so eine große Rolle spielt, hat zwei Gründe. Zum einen ist eine Restaurierung kein Reifenwechsel - jede Arbeit kann sich aufgrund unerwarteter Entdeckungen oder Reaktionen des Materials verkomplizieren, der kalkulierte Zeitaufwand ist oft zu kurz. Zum anderen sind Drittmittel nur in größeren Summen zu bekommen - ein Sponsor, der um einen gleichbleibenden Betrag für mehrere Jahre gebeten wird, schöpft schnell den Verdacht, er solle zur Deckung laufender Aufgaben der öffentlichen Hand herangezogen werden. Die Kehrseite des musealen Interesses, das überhaupt Buchrestaurierung zu einem Sponsoring-Objekt gemacht hat, liegt eben darin, dass der große, einmalige Bedarf leichter zu vermitteln ist als der geringere, dauernde. Die Entscheidungsprozesse bei Sponsoren sind zudem so strukturiert, dass man oft "alles auf eine Karte setzen" muss - Rückfragen, Erläuterungen, Modifikationen sind kaum üblich. So wird die Bibliothek - wenn sie nicht leer ausgeht - meist mit einer großen einmaligen Bewilligung arbeiten müssen.

 

Werkstättensuche: eine oder viele?

Nun konkretisiert sich die Frage, wie man seine Partnerwerkstatt oder Partnerwerkstätten findet. Wie viele ausgewählt werden, hängt vom Umfang ab - aber auch von der Vielfalt der Aufgabe. Allerdings sind die klassischen Verfahren der Anbieterermittlung - die Ausschreibung oder der Preisvergleich - denkbar ungeeignet. Es fehlt in der hier behandelten Situation an der entscheidenden Voraussetzung, dass der Auftraggeber selbst die Leistungen und Verfahren aus gleichwertiger Erfahrung definiert, so dass die Angebote vergleichbar werden und die Arbeitsergebnisse an einem Kriterienkatalog abprüfbar. Ein Restaurator, der ein aufwendigeres Verfahren nicht anbietet, liegt eventuell im Preisvergleich günstiger - und wenn er es im Laufe der Arbeit trotz anderweitiger Erkenntnis nicht durchführt, kann er am besten seinen Preis halten! Besonders, wenn etwa die Ausschreibung ein großes Auftragsvolumen signalisiert, treten bei der Anbieterseite auch wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund - man darf nicht vergessen, dass freie Restauratoren sich auf einem freien Markt behaupten müssen. Wenn die Restaurierungswerkstatt erst bei Durchführung des durch das günstigste Angebot erhaltenen Auftrags - mit der Begründung, das sei erst "am geöffneten Einband" erkennbar gewesen - den eigentlich notwendigen Aufwand benennt, ist die Ausschreibung ad absurdum geführt. Der Konkurrent, der die Notwendigkeit gleich benannte und deshalb teurer war, wäre nunmehr insgesamt wirtschaftlicher gewesen. Am schlimmsten ist das Ergebnis, wenn der günstigste Anbieter die Notwendigkeit oder das spezielle Verfahren gar nicht kennt - oder aber die Werkstatt, die für dieses individuelle Buch genau richtig gewesen wäre, gar nicht anbietet, weil sie den notwendigen Preis nicht für "konkurrenzfähig" hält. Kurzum: wer zur Waffe des spitzen Bleistifts greift, fordert die Gegenmittel heraus. Allein mit der üblichen 15%-Toleranz zwischen Angebot und Endpreis kann sich die Werkstatt den angemessenen Preis wiederholen, den sie unterbieten musste um an den Auftrag zu kommen. Eine Werkstatt kann sich beim ersten Auftrag durch einen günstigen Preis einführen und diesen Abschlag durch unauffällige Korrekturen bei den Schätzungen der folgenden Aufträge ausgleichen. Alles dies wird hier nicht aufgeführt, um die Werkstätten in ein falsches Licht zu rücken, sondern als Argumentationshilfe gegenüber Drittmittelgebern oder Verwaltungen, die darauf bestehen, Restaurierungsaufträge wie Staßenbaulose auszuloben.

Mir sind die Erfahrungen allseits bestätigt worden, dass es wesentlich wirksamere Mechanismen gibt, die Angemessenheit der Preise zu gewährleisten. Werkstätten haben ein natürliches Interesse daran, dass ihre Aufwandseinschätzungen als sachkundig und kalkulierbar gelten. Sie werden durchaus dazu tendieren, später erkannten Mehraufwand durchzuführen, aber in den Endpreis nicht einfließen zu lassen. Das erhält ihnen die Vertrauensbasis, in anderen Fällen auch offen über Preiskorrekturen sprechen zu können. Dem Auftraggeber muss es letztlich auch lieber sein, dass die Restauratorin, die dreihundert Kilometer entfernt sein Buch geöffnet hat, "mitdenkt" - das wird ihr leichter fallen, wenn sie sich nicht in ein Korsett von Vergabekriterien gepresst fühlt.

Man kann eigentlich sicher sein, mit den schon angedeuteten Vorgehensweisen - Reisen zu einigen Bibliotheks-, Archiv- oder freien Werkstätten (mit einigen typischen Stücken), Einholen von Empfehlungen - eine ausreichend breite Palette von Anbietern zu finden. Viele werden siech von selbst einstellen, wenn sie von dem Restaurierungsprojekt erfahren haben. Sie laden bisweilen sogar zur Besichtigung ihrer Werkstatt ein - auf jeden Fall kann man sie bitten, Foto- und Arbeitsdokumentationen von Referenzobjekten zu schicken oder solche zu benennen, so dass man von Kollegen in der besitzenden Bibliothek sich die Arbeit erläutern lassen kann. (Man erfährt dabei nicht nur, wie Werkstätten arbeiten, sondern welche Aufträge man gibt - oder welche man selbst anders erteilen würde!).

 

Auftragserteilung und Auftragsbegleitung

Es wird an diesem Punkt erkennbar, dass ein beträchtlicher Arbeitsaufwand durch die Abwicklung der Aufträge entsteht. Die Bibliotheken, von deren Situation hier die Rede ist, haben meistens nicht so viel Personal, dass nun jemand weitgehend für die sinn volle Verwendung der Projektmittel freigestellt werden kann, Aber es ist - trotz der weit überlegenen Fachkenntnis der Werkstätten - doch die Kraft in der Bibliothek, die dem Projekt das Gesicht gibt, die Kriterien entwickelt, Anforderungen stellt, eine Restaurierungspolitik umsetzt, Deshalb kann es gut sein, die Personalbasis zu verbreitern. Die Einstellung einer (Teil-) Zeitkraft wird selten möglich sein, aber ein ABM-Projekt, das parallel im gleichen Beriech angesiedelt ist, wäre auch eine Lösung. Der gesamte Ordnungsaufwand fiele nur einmal an, wenn z.B. eine Kraft die Aufstellung des Bestandes verbessern und für alle Stücke Schutzklappkartons (natürlich säurefrei!) bauen würde.

Nach allem bisher Gesagten wird schon erkennbar, dass die Vielfalt von Partnern kein Nachteil sein muss. Hat man die Wahl - und hat man die Zeit (siehe oben!) - kann man mit einer Partie erster Aufträge mit nicht zu schwierigen Stücken die Erfahrungsbasis lege. Viel eher, als dass man die eine oder andere Werkstatt ausscheiden lässt, wird man Leistungen kennenlernen, die man nun auch von anderen verlangen kann (sei es in der Dokumentation oder in technischen Details wie Transport oder Verpackung). Vor allem aber wird man Stärken der verschiedenen Restauratoren kennenlernen - jeder wird sehr bald die Verfahren oder Lösungen anbieten, mit denen er die meisten Erfahrungen und Erfolge hatte. Man kann nun die Stücke danach auswählen, man kann sie sogar mehreren Anbietern vorlegen und sich erst danach entscheiden. Außer diesem praktischen Vorteil gibt es aber einen entscheidenden langfristigen: auch im Restaurieren gibt es Modeerscheinungen und Trends. Stellt sich ein Verfahren nach 30 Jahren als verfehlt heraus, hat man nicht alle Stücke diesem Risiko ausgesetzt! Gegen diese Argument der Risikostreuung und des besten möglichen Restaurators für das bestimmte Stück tritt die Forderung nach Einheitlichkeit weit zurück - sie kann nur bei einem Bestand von prägnanter Geschlossenheit (in Lübeck z.B. die Stücke aus dem früheren Michaeliskonvent) Bedeutung haben.

Restauratoren sind in der Regel selbst bei großen Entfernungen bereit, die Stücke zu bringen und zu holen - diese Leistung sollte man in Anspruch nehmen, der Verzicht darauf bringt kaum Ersparnis. Sicherheitsbedenken kann man zurückstellen - ein freier Restaurator, der auf dem Markt bekannt ist (Referenzen!), kann sich einen verunglückten Transport überhaupt nicht leisten. Natürlich lässt man sich einen Versicherungsnachweis vorlegen für Transport und Verbleib in der Werkstatt und sichert sich gegen Unterversicherung ab. Ohnehin sollte man nicht zu große Partien bilden; je häufiger man im Kontakt mit der Werkstatt ist, desto leichter lassen sich Korrekturen und auch Nachbesserungen vornehmen - bei Kleinigkeiten sogar "ambulant" beim nächsten Besuch, ohne dass noch ein Transport des Stückes notwendig ist. Den psychologischen Erfolgszwang, eine lange Fahrt mit Aufträgen abzuschließen, sollte man aushalten lernen - er ist noch höher, wenn man selbst reist. Viel wichtiger ist, dass man inmitten seiner (bibliothekarischen) Hilfsmittel ist. Vielfach entdeckt der Restaurator ein Detail, dessen richtige Behandlung nur auf der Grundlage der Handschriftenbeschreibung im Katalog möglich ist oder aufgrund eines Parallelstücks - all das ist nur in der eigenen Bibliothek schnell greifbar.

Der Besuch kostet die Zeit des Restaurators, deshalb sollte man auf ihn gut vorbereitet sein. Die Stücke sind paginiert und durchgesehen, an auffälligen Stellen liegen Lesezeichen, Probleme sind vielleicht schon telefonisch mit einem Restaurator in einer Bibliothek erörtert, um einen Überblick über die Optionen zu haben. Die Versicherungswerte sind festgelegt, die Übergabeprotokolle fertig, ähnlich Stücke liegen bereit, wenn man ein Stilbeispiel (z.B. für fehlende Schließen) sucht - aber es ist nicht schon alles "festgeklopft". Denn diese gesparte Zeit kommt der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Stück zugute, die sicher eine halbe Stunde dauern darf. Dabei wird - gemeinsam! - eine Beschreibung des Ist- und Schadenszustandes erstellt und dann parallel dazu die Aufstellung der Aufträge abgefasst. Diese Checkliste - auf der Abbildung das Lübecker Beispiel, das wiederum auf Grundlagen aus der Staats und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und der Bayerischen Staatsbibliothek München beruht! - ist die gemeinsame Verständigungsbasis. Jede Werkstatt hat ja außerdem ihren eigenen Stil in ihren Restaurierungsberichten, bei denen man sich zwar Details ausbedingen, die aber man nicht grundsätzlich verändern kann. Die Checkliste hingegen dokumentiert die Einheitlichkeit der Restaurierungspolitik der Bibliothek, sie ist die vom Bibliothekar aus formulierte, vom Restaurator abgeprüfte Fixierung von Zustand, Problem und Lösungsansatz. Genauigkeit ist durchaus wichtig, denn man kann sich eine Handschrift, die das Haus verlassen hat, nur noch mit Hilfsmitteln wieder ins Gedächtnis rufen; wer visuell denkt, kann sich bestimmt mit einigen einfachen Fotos den Eindruck verfestigen. Denn am Telefon, wenn plötzlich neue Fragen auftauchen, muss Original und Kopie für beide Seite zur Orientierung genügen. Außerdem ist diese Liste die verbale Dokumentation der Schäden, die ja später nicht mehr zu sehen sind!

 


A u f t r a g s z e t t e l
der Restaurierungsstelle der
Beginn der Arbeit:                    Abschluss:
Restaurator/in:
Zustand Buchblock:
Buchblock verschmutzt:                    versch. Flecken:
Wasserschäden:
Schimmelpilzschäden:
Insektenschäden:
Tintenfrass:
Einzelseiten beschädigt:
Seitenteile fehlen:
Versatz beschädigt:
Heftung:
Bünde gerissen:
Kapitale:
Exlibris:                  Benutzerzettel:                  Etiketten:
Ergänzendes:
 
Zustand Bucheinband:
Einband verschmutzt:                  versch. Flecken:
Wasserschäden:
Schimmelschäden:
Insektenschäden:
Vorderdeckel:
Rückdeckel:
Rückenbezug:
Vorderdeckelbezug:
Rückdeckelbezug:
Rückenschilder:
Gelenke gerissen:
Einbanddecke nicht mehr zu verwenden:
war ohne Einband:
Schliessen:                        Beschläge:
Bindebänder:
Ergänzendes:
 

 


 
Bearbeitung Buchblock:
chem.-physikalische Sonderbehandlung:
Buchblock ausbürsten:
trocken reinigen:
nass reinigen:
Reinigungsmittel:
Pergamentbehandlung
Schrift abdecken:
bleichen:
neutralisieren:
nachleimen:
ausbessern:
anfasern:
einbetten:
sonstiges:
 
Vorsätze:
Heftung:
Bünde anlängen:
Lagen nachheften:
Kapitale:
beschriftete Blätter freigelegt:
beschriftete Blätter mitbinden:           extra verwahren:
 
Bearbeitung Einband:
Einband trocken reinigen:
Einband nass reinigen:
Einband erneuern:
Buchdeckel Holz / Pappe:
Deckelbezug:
Rückenbezug fest:                        lose:
Gelenke in Fasertechnik erneuern:
Kapitalzonen in Fasertechnik erneuern:
alten Lederrücken aufsetzen:
alte Lederflächen aufsetzen:
Einband konservieren:
Schliessen:                        Beschläge:
Bindebänder:
Beschriftung:
Schutzklappkassette:                        Schuber:
verwendete Materialien:
 


 

Diese schon erwähnte telefonische Rücksprache soll der Bibliothekar verbindlich verlangen. Weiterhin sind Fotodokumentationen in Auftrag zu geben, die vor allem die Details des Schadens vor der Restaurierung und des Zustands während der Arbeit festhalten. Oft ist es zur Erhaltung des Einbands als buchgeschichtlichem Dokument unerlässlich, beschriftete Makulatur wieder einzubinden - eine gute Fotografie genügt meist, um zu klären, dass die Forschung zum Textlichen des Bandes es nicht verlangen muss, ihn noch einmal am Rücken zu öffnen. Man soll in dem Schema festhalten, was mit entnommenen Materialien (Rückenschilder, Nagelreste, Falze) geschehen soll. (Im Grundsatz sollte der Restaurator, der sie ja an der Fundstelle zuletzt "in situ" gesehen hat, diese Details festhalten und die Teile übersichtlich in einer Anlage zu Restaurierungsbericht präsentieren; Einbinden o.ä. kann auf der Checkliste genau vereinbart werden.

 

Abnahme und Bezahlung

"Don't just sit there, worry!" - so lautet eine der unvergessenen Sprechblasen in Charles Schultz' Peanuts. Dies gilt auch für den Bibliothekar, dessen Handschrift unterwegs ist. Unaufdringliche Anteilnahme am Fortgang der Arbeiten wird meist nicht als Einmischung empfunden. Angerufen bespricht der Restaurator durchaus ein Detail, dessentwegen er von sich aus nicht zum Telefon gegriffen hätte. Terminvorstellungen können korrigiert werden, was dem Auftraggeber die Regelung der Haushaltsabwicklung erleichtert. Die Werkstatt ist als Wirtschaftsbetrieb ein Stück weit gezwungen, eine Auftragsdecke vorzuhalten. Es gibt auch dort ein "Weihnachtsgeschäft" - Aufträge, die nur in einer Saison zu erhalten und dann zum Termin abzuwickeln sind. Wer sich in dieser Situation verständig in Erinnerung bringt, erleichtert beiden Seiten die Disposition: eine Werkstatt wird selbstverständlich termingenau das Stück liefern, das für einen Bericht, einen Benutzer, eine Ausstellung gebraucht wird. Aber umgekehrt kann man, wenn man durch regelmäßige Kontakte informiert ist, auch gelassen beherzigen: "Gut' Ding will Weile haben" - das Ergebnis wird schließlich an Jahrhunderten gemessen!

Die Rücknahme des Stücks muss ebenfalls in Ruhe erfolgen. Der Bericht des Restaurators, der inzwischen zu dem Stück intensiv gearbeitet hat, ist eine Quelle, aus der sich auch dem Bibliothekar ein neues Verhältnis zu dem Buch oder Blatt mitteilt - es ist ja nicht mehr das gleiche, und er muss seine neue Gestalt in Zukunft vermitteln! Hierfür ist eine Viertelstunde durchaus angemessen. Aber dann kommt wieder die Stunde der Checkliste. Der Bibliothekar weist ja für eine Leistung öffentliche Mittel an und muss deshalb schlicht prüfen, ob diese auftragsgemäß erbracht wurde. Eindeutigkeit und Festigkeit (nicht Starrheit) in diesem Punkt sind die Basis für ein Vertrauensverhältnis zum Restaurator. Hier bewährt sich, dass diese Liste gemeinsam mit dem Restaurator erarbeitet wurde - der Bibliothekar hat ja nichts Sachfremdes verlangt und kann nun darauf bestehen, auch wenn er kein Experte ist. Nachbesserung oder Minderung des Preises stehen der Bibliothek zu und werden auch akzeptiert - eine vom Restaurator durch Namenszeichen quittierte Anmerkung in der Checkliste oder Subtraktion in der Rechnung genügt für die Akten. Viel häufiger und ungleich wichtiger ist aber der Fall, dass eine Arbeit in der geplanten Weise nicht ausreichte, nicht möglich oder aber gar nicht nötig war - etwa nach Tests im Labor der Werkstatt. Der Restaurierungsbericht dokumentiert, was gemacht wurde; die Bemerkungen des Bibliothekars in seiner Checkliste halten für die Zukunft auch fest, warum etwas vielleicht nicht oder doch anders gemacht wurde. Das ist für die Bibliothek ebenso wichtig, wenn sie keinen Restaurator im Hause hat, der solche Fragen immer wieder beantworten kann.

Die Zusammenarbeit mit freien Restaurierungswerkstätten hat sich durchaus als praktikabel erwiesen. Sie stellt der Bibliothek die Vielfalt der Spezialisierungen einer ganzen Reihe von Werkstätten zur Verfügung. Voraussetzung ist jedoch eine solide Grundkenntnis auf der bibliothekarischen Seite, um einen sachgerechten Einsatz der hohen Mittel zu gewährleisten, ja, schädliche Restaurierungen zu verhindern. Denn das freie Auftragsverhältnis belastet die Restaurierung mit den Risiken wirtschaftlicher Tätigkeit. Der Restaurator, der Handwerker, Künstler und Forscher zugleich sein soll, muss zugleich Geschäftsmann sein - er muss Kapazitäten auslasten, Entwicklungsaufwand für Verfahren durch Anwendung amortisieren. Der Bibliothekar muss aus diesem Angebot verantwortlich auswählen, die Auswahl der Verfahren sich für die Stücke zunutze machen, die sie brauchen, und sie im anderen Fall ablehnen, da jeder Eingriff historische Substanz zerstört. Ihm müssten die Kenntnis eines wirtschaftlich nicht interessierten Restaurators zu Gebote stehen, damit er - in der Sorge, Wichtiges durch Untätigkeit zu versäumen - nicht das Falsche tut. Es wurde gezeigt, wie man sich diese Kenntnisse rudimentär verschaffen kann - eben aufgrund der Tatsache, dass an manchen Bibliotheken eben genau solche Restauratoren angestellt sind. Es wäre ehrlich, zuzugeben, dass ein solcher Beratungsbedarf besteht und nicht einfach von den großen Bibliotheken mit abgedeckt werden kann. Zur Bewahrung unseres öffentlichen kulturellen Erbes ist öffentlich besoldeter Sachverstand unverzichtbar - es geht nicht nur mit Sponsorengeldern. Sonst werden eines Tages Drittmittel ironisch so genannt werden, weil nur ein Drittel von ihnen sinnvoll eingesetzt wird.
 

 

Zum Autor:
Dr. Robert Schweitzer, stellvertr. Direktor der Bibliothek der Hansestadt Lübeck
Zum Artikel:
erstmals erschienen in:
Auskunft. Mitteilungsblatt Hamburger Bibliotheken. 16 (1996, Heft 4, S. 384-395)
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