Untersuchungen ergaben Einsichten in die
Schadensmechanismen. Ebenso zu diskutieren
waren die Restaurierungsverfahren früherer Zeit,
die Chiffonierung, Papierspaltung und das
Bleichen und Wässern. Das vorläufige Ergebnis
ist, dass trotz Handlungsbedarfs Zeit für ein durchdachtes
Restaurierungskonzept besteht.
Alle Autoren sind im Fachbereich Restaurierung
an der Fachhochschule Köln tätig. Prof. Dr. Robert
Fuchs studierte Chemie und Ägyptologie und ist
Leiter der Studienrichtung Restaurierung und
Konservierung von Schriftgut, Graphik und
Buchmalerei. Dr. Doris Oltrogge promovierte
in Kunstgeschichte über Buchmalerei des Mittelalters
und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin
über kunsttechnologische Quellenschriften
und Maltechnik der Buchmalerei. Dr. Oliver Hahn
studierte Chemie und Kunstgeschichte und
untersucht innerhalb eines Forschungsprojektes
die zerstörungsfreie Charakterisierung von
Eisengallustinten.
Der größte Teil der Autographen Johann
Sebastian Bachs befindet sich heute in
der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz
Berlin. Sie wurden nach der kriegsbzw.
nachkriegsbedingten Teilung im
Jahre 1992 wieder zusammengeführt. In
den letzten Jahren ist durch Pressekampagnen
auf die erhebliche Schädigung
der Autographen durch Tintenkorrosion
aufmerksam gemacht worden. Der unschätzbare
Wert dieser Musikalien – die
Autographen Johann Sebastian Bachs
zählen zum Weltkulturerbe – hat zur Gründung
nationaler Hilfsaktionen geführt.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes
– in Zusammenarbeit mit der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz und der Fachhochschule
Köln, Fachbereich Restaurierung
– wurden mit Hilfe von Bandpassfilter-
Infrarot-Reflektographie, VIS-Spektrometrie
und Stereolupe zahlreiche
Autographen zerstörungsfrei untersucht [1].
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Abb.1: Note mit gelbem Belag von Eisenoxid, p. 37, Orgelsonaten,
Anna Magdalena Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730, Berlin,
SBPK, Mus. P 272, BWV |
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Abb.2: Dieselbe Seite wie Abb. 1 mit grünlichem Belag auf
schwarzer Tinte |
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VIS-Spektrum des gelben Tintenbelages siehe Abb. 1 |
Ziel der Untersuchung
Ziel der Untersuchung war die Analyse der
Schadensmechanismen, die zur Schädigung
bzw. Zerstörung der Autographen führen.
Basierend auf den Ergebnissen, sollen restauratorische
und konservatorische Konzepte
zur Erhaltung der Handschriften erstellt werden. Anhand der vorgefundenen
Schadensmechanismen sollten verschiedene
Tintentypen aus der Schaffenszeit
Bachs charakterisiert werden. Weiterhin
erfolgte die kritische Beurteilung früherer
Restaurierungen wie Chiffonierung,
Papierspaltung, Bleichen und Wässern.
Während dieser Analysen wurden exemplarisch
einige Kontrollblätter ausgewählt,
um in einem Langzeitprojekt den weiteren
Verlauf der Schädigungsmechanismen zu
dokumentieren und den Erfolg der bisher
eingeleiteten konservatorischen Maßnahmen
zu überprüfen.
Eisengallustinte
Alle untersuchten Autographen wurden
mit einer Eisengallustinte auf Hadernpapier
des 18. Jahrhunderts geschrieben. Eine
Eisengallustinte wird durch Mischen von
natürlichem Eisenvitriol (Eisen(II)sulfat)
mit Gallapfelextrakten hergestellt [2]. Aus
dem sich bildenden instabilen, farblosen
Eisen(II)gallat-Komplex entsteht durch
Oxidation mit dem Luftsauerstoff der
schwarze, schwerlösliche Eisen(III)gallat-
Komplex. Perfekte Eisengallustinten werden
nur dann gebildet, wenn Gallussäure
und Eisen(II)sulfat im stöchiometrischen
Verhältnis von 1:1 gemischt werden [3]. Da
die Mischungen meistens nicht genau hergestellt
werden können – Rinden- oder
Gallapfelextrakte enthalten unterschiedliche
Mengen von Gallussäure, das verwendete
Vitriol besteht nicht nur aus Eisensulfat,
sondern enthält meist Kupfer-,
Mangan-, Aluminium- und Zinksulfat –,
entstehen häufig imperfekte Eisengallustinten,
die zusätzlich Gerbstofftinten sowie
nicht umgesetzte Mineralien enthalten.
Zusätzlich können weitere Zusätze
aus unterschiedlichen Rezepturen enthalten
sein. Als Extraktionsmittel zur Gewinnung
des Gallapfelextraktes finden
sich in den Rezepturen Wasser, Wein oder
Essig; zur Stabilisierung der Tinte wird
meist ein geringer Anteil eines Bindemittels,
z.B. Gummi arabicum, zugesetzt.
Damit wird einerseits ein vorzeitiges Ausfallen
unlöslicher Produkte verhindert,
andererseits werden bereits ausgefallene
Produkte besser dispergiert (das heißt in
Lösung gehalten). Der Zusatz eines Bindemittels
kann sich unter Umständen
auch positiv auf den Erhalt der verschriebenen
Tinte auswirken. Die in byzantinischen
Handschriften verwendeten Eisengallustinten
weisen einen hohen Bindemittelanteil
auf [4]. Dort ist die schützende
Funktion des Bindemittels durch die Ausbildung
von Schutzkolloiden stark ausgeprägt.
In diesen Handschriften tritt daher
die schädigende Wirkung weitaus weniger
auf als in vergleichbaren europäischen
Handschriften mit geringerem Bindemittelanteil.
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Abb.3: Weißer Belag auf schwarzer Tinte, f. 66v, Johann Sebastian Bach,
Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 45/VIII, BWV 19 |
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Abb.4: »Leopardenfellmuster« auf p. 1, Orgelsonaten, Anna Magdalena
oder Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730,
Berlin, SBPK, Mus. P 272 |
Schadensmechanismen
Nicht jede imperfekte Eisengallustinte ist
zerstörerisch und bildet den gefürchteten
Tintenfraß. Manche imperfekten Tinten
pulvern lediglich ab, manche werden
gelb oder grau, ohne weitere Schädigung [5].
Als Hauptursache des Tintenfraßes auf
Papier gilt allgemein die Aufspaltung der
glykosidischen Bindungen der Polysaccharide.
Die Tatsache, dass viele der mit Eisengallustinte
beschriebenen Autographen
nicht geschädigt sind, zeigt, dass die bereits
durch die Herstellung der Tinte eingebrachte
Säure (pH !3) alleine nicht das Phänomen
des Tintenfraßes verursachen kann.
Der Zerfall des Papiers wird demnach
durch weitere Faktoren bewirkt. Die Hauptursache
des Tintenfraßes ist die Korrosion
von überschüssigem Eisen(II)sulfat zu
Eisenoxiden unter der Bildung von Schwefelsäure, die das Papier hydrolytisch zersetzt [6].
In vielen Autographen konnte ein
Belag von gelb gefärbten Eisenoxiden
(Abb. 1) mit Hilfe der VIS-Spektrometrie
(siehe Diagramm) analysiert werden. Für
diese Reaktion ist immer Feuchtigkeit
bzw. ein Wechsel von Feuchtigkeit erforderlich.
Je stärker und häufiger die Feuchtigkeitsschwankungen
auftreten, desto
stärker schreiten die chemischen Veränderungen
fort.
In einigen Autographen zeigen die ursprünglich
schwarzen Noten einen grünen
Belag (Abb. 2), hervorgerufen durch eine
imperfekte Eisengallustinte mit Kupferüberschuss.
Das ursprünglich blaue Kupfersulfat
korrodierte an der Luft zu grünen
Kupferverbindungen und zeigt den
Kupferfraß, bei dem das Metall den oxidativen
Abbau der Cellulose katalysiert. Es
wird postuliert, dass der Zersetzungsmechanismus
über zeitweilig entstehende
Peroxide verläuft [7].
Einige Tinten weisen einen weißen bis
rötlich-grauen Belag auf, der wahrscheinlich
aus Mangansulfat, Zinksulfat oder
Alaun besteht (Abb. 3). Die katalytischen
Einwirkungen der Metallionen (z.B. Magnesium)
auf den oxidativen Abbau des
Papiers sind an anderer Stelle bereits
nachgewiesen.
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Abb.5: Craquelée-Bildung auf f. 3, Laß Fürstin, laß noch einen Strahl,
Johann Sebastian Bach, Leipzig 1727, Berlin, SBPK, Mus. P 41 |
|
Abb.6: Durchgeschlagene Tinte auf p. 9 der Serenata für Leopold
von Sachsen, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1734(?), Berlin, SBPK,
Mus. P 42/II |
Bei einigen Tinten entstehen durch Abpulvern
von Löschsand oder Abplatzen
der obersten Schichten Krater, pudrige
Oberflächen oder ein Erscheinungsbild,
das an ein Leopardenfell (Abb. 4) erinnert.
Die Tinte scheint zuviel Gummi arabicum
und Gerbstoffe zu enthalten, dadurch
bildet sich schon nach kurzer Zeit
ein Craquelée (Abb. 5). Teilweise fallen
Segmente aus diesem Craquelée heraus.
Die braune, gerbstoffreiche Tinte kommt
im Hintergrund zum Vorschein. Dadurch
entsteht eine gefleckte Struktur mit der
3 Weißer Belag auf schwarzer Tinte, f. 66v, Johann Sebastian Bach,
Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 45/VIII, BWV 19
4 »Leopardenfellmuster« auf p. 1, Orgelsonaten, Anna Magdalena
oder Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730,
Berlin, SBPK, Mus. P 272
Restauro 2/2000 119
auffälligen schwarzbraun gemusterten
Oberfläche. Diese Korrosionserscheinung
führt jedoch nicht – wie der Tintenfraß –
zur Zersetzung des Papiers.
In Notenschriften wird für eine bessere
Lesbarkeit der Noten die Tinte oft sehr
dick aufgetragen. Bei dünnen Papieren
bewirkt dies ein Durchschlagen der Tinte
auf die Rückseite (Abb. 6). Um diesen störenden
Effekt zu vermeiden, wurden schon
früher zwei Papierbögen aufeinander
geklebt. Das Durchschlagen der Tinten
bis auf die Rückseite, oft nur in einzelnen
Lagen oder nur in einer Ecke, ist prinzipiell
auf Feuchtigkeitseinfluss zurückzuführen.
Dies kann bereits beim Verschreiben
einer zu flüssigen Tinte oder auch
nachträglich durch eine zu feuchte Lagerung
in ungeheizten Räumen oder bei
einer Restaurierung geschehen sein.
Durch die Charakterisierung der Schadensbilder
können zeitliche sowie topographische
Gruppierungen der Tinten
durchgeführt werden. Es zeigte sich, dass
Bach an seinen verschiedenen Wirkstätten
zumeist unterschiedliche Tinten benutzte.
Selbst beim Komponieren verwendete
Johann Sebastian Bach unterschiedliche
Tinten, eine dunklere und eine
hellere. Die Hauptkomposition wurde
meist in dunklerer Tinte angelegt, die weiteren
Stimmen und Korrekturen mit der
helleren ausgeführt (Abb. 7a, b). Sogar
im eigenen Hause wurden von Friedemann
und Anna Magdalena Bach im selben
Autographen (P272) zwei verschiedene
Tinten verwendet.
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Abb.7a: Dunkle Hauptkomposition, hellere Korrektur auf p. 21,
Kunst der Fuge, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1749/50, Berlin,
SBPK, Mus. P 200 |
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Abb.7b: IR-Reflektographie, 1000 nm (gleiche Stelle) |
Beurteilung bisheriger
Restaurierungsmaßnahmen
Die Schädigung der Bachautographen
durch Tintenfraß, aber auch durch die
mechanische Belastung durch Gebrauch
ist ein historisches Problem. Demzufolge
wurden zahlreiche Autographen in der
Vergangenheit unterschiedlichen Restaurierungsmaßnahmen
unterzogen [8], von
denen hier einige kurz diskutiert werden
sollen.
Die Beurteilung einer Restaurierungsmaßnahme
kann nur unter Berücksichtigung
des historischen Kontextes erfolgen.
Eine in der Vergangenheit erfolgte
Restaurierung kann somit nicht grundlegend
als richtig oder falsch beurteilt werden.
So ist eine genaue Analytik der Auswirkungen
einer Maßnahme auf ein Objekt
erst in heutiger Zeit durch aufwendige
Technik möglich. Wichtig ist demnach die
genaue Analyse des Einflusses historischer
Restaurierungen auf den Tintenfraß
und die Autographen allgemein – um
daraus Verbesserungen bzw. Weiterentwicklungen
der Methodik abzuleiten.
Chiffonierung
In den Jahren 1930–1950 wurden zahlreiche
Blätter der Bachautographen vom
damaligen Chefrestaurator Hugo Ibscher
chiffoniert, das heißt, es wurde mit Hilfe
eines wasserlöslichen Bindemittels (hier
wohl Weizenstärke) eine Chiffonseide einoder
zweiseitig auf die geschädigten Blätter
aufgebracht, um ein Ausbrechen einzelner
Partien zu verhindern. Es handelt
sich hierbei um eine rein physikalische
Stabilisierung von außen, die den Tintenfraß
unbeeinträchtigt lässt.
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Abb.8a: Chiffonierung: Stabilisieren von Ausbrüchen auf f. 2, Geist und Seele sind
verwirret, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 86, |
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Abb.8b: Chiffonierung: ungebräunter Chiffon auf Tintenklecks auf f. 4, Laß Fürstin, laß noch einen Strahl,
Johann Sebastian Bach, Leipzig 1727, Berlin, SBPK, Mus. P 41, |
|
Abb.8c: Chiffonierung: gebrochener Chiffon
auf p. 3, Geburtstagskantate für August von Polen, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1734(?),
Berlin, SBPK, Mus. P 42/I |
Es konnte festgestellt werden, dass die
Chiffonierung an wenigen Stellen ein Ausbluten der Tinte bewirkt hat; dies ist wohl
nur dann geschehen, wenn die Chiffonseide
mit zuviel Klebstoff aufgebracht und
mit hohem Druck eingepresst wurde. Die
Chiffonierung hat die Handschriften bisher
geschützt, ohne die stabilisierende
Chiffonseide wären sicherlich viele Partien
von sehr brüchigen Stellen bereits verloren
(Abb. 8a).
Die verwendete Chiffonseide zeigt sich
noch als sehr beständig und haltbar. Entgegen
den schlechten Erfahrungen bei
der Chiffonierung von Papyri, bei der Chiffonseide
nach wenigen Jahrzehnten zersetzt
ist, sind die Seiden auf den Autographen
Johann Sebastian Bachs noch in
sehr gutem Zustand. Dies lässt sich daraus
erklären, dass die Seide in saurem
Milieu stabilisiert wird. Da die saure Tinte
die Chiffonseide offensichtlich stabilisiert
hat, lässt sich daraus ableiten, dass
die Blätter in chiffoniertem Zustand nicht
mit Alkalien behandelt werden sollten.
An einigen Stellen ist die Chiffonierung
jedoch durch Benutzung der Blätter (jeweils
äußere untere Ecke) teilweise vom
Untergrund abgelöst. Sie erscheint häufig gebräunt, ohne dass sie geschädigt ist.
Ob die Bräunung der Chiffonseide durch
das Einfärben durch die Tinte oder durch
Korrosion hervorgerufen wurde, konnte
mit den bisherigen Methoden nicht geklärt
werden. Der Befund, dass an zahlreichen
Stellen die Seide noch wie neu
erscheint (Abb. 8b), deutet darauf hin,
dass der Chiffon mit unterschiedlichen
Klebstoffmischungen aufgebracht wurde.
Dennoch ist die Frage zu stellen, wie
lange er seine Schutzfunktion noch aufrechterhalten
kann. An einigen Stellen
zeigen sich Brüche, die durch die mechanische
Belastung beim Blättern hervorgerufen
wurden (Abb. 8c). Vor einer Abnahme,
die ohne Originalmaterialverlust
(Tintenabklatsch) erfolgen sollte, ist jedoch
zu klären, wie die brüchigen Stellen
hinterher stabilisiert werden können.
Wässern und Bleichen
Wie bereits erläutert, wird der Tintenfraß
durch wasserlösliche Ionen verursacht.
Ein Waschen (das heißt Wässern) der mit
schwerlöslicher Eisengallustinte beschriebenen
Papiere erscheint somit als die plausibelste
Methode zur Unterbindung des
Tintenfraßes. Das Waschen der Autographen
hat, so wie es in der Vergangenheit
erfolgte, optisch kaum erkennbare Veränderungen
von Papier und Tinte erzeugt
(Abb. 9a). Die IR-Reflektographie zeigt
jedoch Veränderungen im Reflexionsverhalten der Tinten (Abb. 9b). Ein zu intensives
Waschen hat originales Tintenmaterial
herausgewaschen und damit einen
Teil der ursprünglichen Information (Kompositionsschema)
reduziert. Es handelt
sich aber um einen Informationsgehalt,
der mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist
und nur durch komplexe Untersuchungsmethoden
wie die IR-Reflektographie
zugänglich gemacht werden kann. Das
Waschen hat das Papier jedoch stabilisiert
und ein weiteres Fortschreiten des
Tintenfraßes ist unterbunden. An dieser
Stelle soll kurz erwähnt werden, dass die
wässrige Bleiche mit Kaliumpermanganat
zu einem noch ungleichmäßigeren Abbau
des Tintenmaterials führte – ohnehin
ist zu fragen, ob das Bleichen eines Autographen
nicht eine überflüssige Kosmetik
darstellt.
|
Abb.9a: Wässern und Bleichen: Notenbild p. 17, Kunst der Fuge, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1749/50, Berlin, SBPK, Mus. P 200, |
|
Abb.9b: Wässern und Bleichen: Veränderungen sichtbar in der IR-Reflektographie, 950 nm, gleiche Stelle |
Papierspaltverfahren
Das Papierspaltverfahren [9] stellt das wirkungsvollste
Verfahren zur inneren Festigung
der Blätter dar, bildet aber gleichzeitig
durch Einbringung eines neuen
Kernpapieres den radikalsten Eingriff in
das historische Material.
|
Abb.10a:
Papierspaltverfahren: verlorene Noten p. 15, Magnificat, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1723, Berlin, SBPK, Mus. P 38, |
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Abb.10b:
Papierspaltverfahren: Kernpapier auf Tinte, p. 12, Magnificat, |
|
Abb.10c:
Papierspaltverfahren: weiße Beläge nach »wasserfreiem« Spalten, p. 18, Magnificat |
|
Schematische Darstellung der Situation, bei der die Tinte hinter das
Kernpapier gezogen wird und dann nicht mehr sichtbar ist. Durch
den dicken Tintenauftrag bildet sich ein Tintenpropfen. Aufgrund
der Tintenkorrosion ist das Papier auf der Vorderseite fragiler als auf
der Rückseite. Durch das Spalten des Papieres wird der Pfropfen auf
die intakte, das heißt Rückseite gezogen, mit dem neuen Kernpapier
überdeckt und verpresst. |
Die untersuchten gespaltenen Blätter
weisen fast immer eine starke Veränderung
des Notenbildes auf. Zur Untersuchung kamen verschiedene Partituren,
die zu unterschiedlichen Zeiten und in differierenden
Verfahren gespalten wurden.
In einigen Partituren gingen durch ungleichmäßiges
Spalten Noten verloren
(Abb. 10a). Bei einer stark eingesunkenen
Tinte bildet sich ein Tintenpfropf, der
beim Spalten des Papiers auf die gegenüberliegende
Seite gezogen wird (siehe
Zeichnung). Das eingelegte Kernpapier
liegt in den Bereichen, in denen das Papier
nicht in der Mitte gespalten werden
konnte, über der nach hinten gezogenen
Notenschicht (Abb. 10b). Die Noten sind
nicht mehr erkennbar und sind auch nicht
mit Hilfe von Durchlicht sichtbar zu machen.
Dadurch wird die originale Notenschicht
verfälscht.
Die nachfolgende Abbildung (Abb. 10c)
zeigt ein Beispiel für ein sogenanntes
wasserfreies Spalten. Zur Verhinderung
eines zu starken Auswaschens von Tintenmaterial
wurde möglichst wenig Wasser
verwendet. Das stark gepufferte Wasser
erzeugte jedoch deutliche Verunklarungen
der schwarzen Noten durch einen weißen
Belag. Weiterhin ist nicht geklärt, ob durch
diesen Spaltprozess auch gleichzeitig alle
Schadionen ausgewaschen wurden.
Letztendlich ist der Vorgang des Papierspaltens
grundsätzlich ein invasiver Eingriff
und somit irreversibel.
Klimatisierte Aufbewahrung
Die Untersuchungen haben gezeigt, dass
die Ursachen für den Tintenfraß in den
Autographen in den unterschiedlichen
Tinten liegen. Je nach Zusammensetzung
der Tintenmischungen (verschiedene
Vitriolbestandteile und Gerbsäuren) entstanden
Tinten, die durch äußere Einflüsse,
das heißt Feuchtigkeit, durch
Korrosion den Tintenfraß bewirken. Die
Partituren von Bach sind größtenteils mit
sehr viel Tinte sehr eng beschrieben – dies wirkt sich zusätzlich nachteilig aus,
da schädigende Ionen in manchen Bereichen
konzentriert vorliegen.
Die ersten begleitenden Kontrolluntersuchungen
nach 18 Monaten zeigen, dass
sich die klimatisierte Aufbewahrung der
Autographen in Einzelblättern zwischen
gepufferten Papieren und in Kassetten
bewährt hat (Abb. 11a, b).
|
Abb.11a:
Aufbewahrung: Lagern zwischen gepufferten Papieren und in Kassetten |
|
Abb.11b:
Aufbewahrung: Blättern ohne Berührung der Autographen |
Entwicklung eines
Restaurierungskonzeptes
In der Gesamtbewertung der Schäden bedeutet
dies, dass – trotz Handlungsbedarfs
– für die Entwicklung eines optimalen restauratorischen
Konzeptes genügend Zeit
vorhanden ist.
Die bisherigen Untersuchungen bilden
einen wichtigen Teil zur Erkennung und
Bekämpfung des Tintenfraßes. Zur Entwicklung
eines Restaurierungskonzeptes
für die Bach-Autographen sind jedoch noch
Fragen im Rahmen weiterer Forschungsprojekte
zu klären.
| • |
Welche Rolle spielen die unterschiedlichen
Vitriol-Zusätze im Schadensablauf? |
| • |
Wie kann die Entfernung schädigender
Ionen behutsam und dauerhaft erfolgen? |
| • |
Wie können die Blätter entchiffoniert
werden, ohne dass Bruchstücke verloren
gehen? |
| • |
Müssen die Blätter generell entchiffoniert
werden? |
| • |
Wie kann eine Stabilisierung des Trägers
ohne Beeinträchtigung der Lesbarkeit
erfolgen? |
Ein Vergleich von historischen Fotografien
mit heutigen Aufnahmen einiger Handschriften
zeigt, dass der Tintenfraß zumindest
in diesen Autographen nicht zugenommen
hat. Die Fraßerscheinungen und
Oberflächen der Tinten der in den 1930er
Jahren chiffonierten Blätter und der nicht
chiffonierten Blätter weisen darauf hin, dass die gravierenden Schäden nicht
während der letzten 50–70 Jahre aufgetreten
sind. Auch dies bestätigt die Erkenntnis,
dass für die Entwicklung eines
optimalen restauratorischen Konzeptes
genügend Zeit bleibt.
Die von den Medien übertriebene Hysterie
sollte nicht zu Maßnahmen verleiten,
die hinterher noch mehr Schäden
verursachen und eventuell den völligen
Zerfall der Kunstwerke beschleunigen
oder gar erst hervorrufen.
Anmerkungen |
| [1] |
Robert Fuchs, Doris Oltrogge , Oliver Hahn:
Bericht der AG über die in der Stabi Berlin PK
vom 17.–26. Februar 1998 untersuchten Bach-
Autographen und deren Tintenfraß-Problematik,
Wettlauf mit der Zeit, Bestandserhaltung in
wissenschaftlichen Bibliotheken, Beiträge aus der
Stadtsbibliothek zu Berlin PK, Band 8, Weichert
Verlag Wiesbaden 1998, S. 155  |
| [2] |
Christian-Heinrich Wunderlich: Geschichte und
Chemie der Eisengallustinte, in: RESTAURO 6/1994,
S. 414  |
| [3] |
Robert Fuchs: Der Tintenfraß historischer
Tinten und Tuschen – ein komplexes, nie enden
wollendes Problem, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung
BW, Ser. A, Landesarchivdirektion,
Heft 10, Hrsg. Gerhard Banik und Hartmut Weber,
Verlag W. Kohlhammer Stuttgart 1999, S. 37  |
| [4] |
Doris Oltrogge, Peter Schreiner: Byzantinische
Tinten und Farbrezepte, in Vorbereitung  |
| [5] |
Siehe Anm. 3  |
| [6] |
Christoph Krekel: Chemische Struktur historischer
Eisengallustinten, in: Werkh. der Staatl.
Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 25  |
| [7] |
Gerhart Banik u.a.: Erscheinungen und Probleme
des Kupferfraßes in der Buchmalerei, in:
Restaurator 5/1981/82, S. 71  |
| [8] |
Ernst Bartelt: Entrestaurierung tintenfraßgeschädigter
Bach-Autographen an der Staatsbibliothek
zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz,
in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe
Anm. 3, S. 253  |
| [9] |
Günter Müller: Zur implantierten Gesamtstabilisierung
von Tintenfraß auf Papiergrundlage, in:
Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe
Anm. 3, S. 277; Wolfgang Wächter: Papierspalten als
Möglichkeit zur mechanischen Stabilisierung von
tintenfraßgeschädigten Objekten, in: Werkh. der
Staatl. Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 285  |
Begriffserklärungen |
Perfekte Eisengallustinte
Eine perfekte Eisengallustinte wird
durch Mischen von Eisen(II)sulfat
mit Gallussäure in einem stöchiometrischen
Verhältnis von 1:1 hergestellt.
Aus dem sich bildenden
instabilen, farblosen Eisen(II)gallat-
Komplex entsteht durch Oxidation
mit dem Luftsauerstoff der schwarze,
schwerlösliche Eisen(III)gallat-
Komplex.
|
Imperfekte Eisengallustinte
Da die Mischungen meistens nicht
genau hergestellt werden können –
Rinden- oder Gallapfelextrakte enthalten
unterschiedliche Mengen von
Gallussäure, das verwendete Vitriol
besteht nicht nur aus Eisensulfat, sondern
enthält meist Kupfer-, Mangan-,
Aluminium- und Zinksulfat –, entstehen
imperfekte Eisengallustinten, die zusätzlich
Gerbstofftinten sowie nicht
umgesetzte Mineralien enthalten.
|
Tintenfraß
Der klassische Tintenfraß ist nur eine
Form der Tintenkorrosion und wird
durch zwei Hauptursachen bewirkt:
| • |
hydrolytische Spaltung der Cellulose
(Papier) oder Proteinfasern
(Pergament) durch freigesetzte
Schwefelsäure, |
| • |
oxidativer Abbau der Cellulose oder
Proteinfasern, katalysiert durch
Metallionen (z.B. Eisen, Kupfer) |
|
| Zu den Autoren: |
Prof. Dr. Robert
Fuchs, Leiter der Studienrichtung Restaurierung und
Konservierung von Schriftgut, Graphik und
Buchmalerei, Fachbereich Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut der Fachhochschule Köln
E-mail: robert.fuchs@fh-koeln.de
Dr. Doris Oltrogge, Fachhochschule Köln
E-mail: doris.oltrogge@fh-koeln.de
Dr. Oliver Hahn, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), Berlin
E-mail: oliver.hahn@bam.de |
 |
| Zum Artikel: |
Ursprünglich erschienen in:
Restauro Heft 2/2000, S. 116-121
http://www.restauro.de
|