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Die Tintenfraß-Problematik der Autographen Johann Sebastian Bachs
Ein Beitrag von Robert Fuchs, Oliver Hahn und Doris Oltrogge

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Untersuchungen ergaben Einsichten in die Schadensmechanismen. Ebenso zu diskutieren waren die Restaurierungsverfahren früherer Zeit, die Chiffonierung, Papierspaltung und das Bleichen und Wässern. Das vorläufige Ergebnis ist, dass trotz Handlungsbedarfs Zeit für ein durchdachtes Restaurierungskonzept besteht.

Alle Autoren sind im Fachbereich Restaurierung an der Fachhochschule Köln tätig. Prof. Dr. Robert Fuchs studierte Chemie und Ägyptologie und ist Leiter der Studienrichtung Restaurierung und Konservierung von Schriftgut, Graphik und Buchmalerei. Dr. Doris Oltrogge promovierte in Kunstgeschichte über Buchmalerei des Mittelalters und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin über kunsttechnologische Quellenschriften und Maltechnik der Buchmalerei. Dr. Oliver Hahn studierte Chemie und Kunstgeschichte und untersucht innerhalb eines Forschungsprojektes die zerstörungsfreie Charakterisierung von Eisengallustinten.

Der größte Teil der Autographen Johann Sebastian Bachs befindet sich heute in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin. Sie wurden nach der kriegsbzw. nachkriegsbedingten Teilung im Jahre 1992 wieder zusammengeführt. In den letzten Jahren ist durch Pressekampagnen auf die erhebliche Schädigung der Autographen durch Tintenkorrosion aufmerksam gemacht worden. Der unschätzbare Wert dieser Musikalien – die Autographen Johann Sebastian Bachs zählen zum Weltkulturerbe – hat zur Gründung nationaler Hilfsaktionen geführt.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes – in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Fachhochschule Köln, Fachbereich Restaurierung – wurden mit Hilfe von Bandpassfilter- Infrarot-Reflektographie, VIS-Spektrometrie und Stereolupe zahlreiche Autographen zerstörungsfrei untersucht [1].



 
Abb.1: Note mit gelbem Belag von Eisenoxid, p. 37, Orgelsonaten, Anna Magdalena Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730, Berlin, SBPK, Mus. P 272, BWV

 



 
Abb.2: Dieselbe Seite wie Abb. 1 mit grünlichem Belag auf schwarzer Tinte

 



 
VIS-Spektrum des gelben Tintenbelages siehe Abb. 1

 

 

Ziel der Untersuchung

Ziel der Untersuchung war die Analyse der Schadensmechanismen, die zur Schädigung bzw. Zerstörung der Autographen führen. Basierend auf den Ergebnissen, sollen restauratorische und konservatorische Konzepte zur Erhaltung der Handschriften erstellt werden. Anhand der vorgefundenen Schadensmechanismen sollten verschiedene Tintentypen aus der Schaffenszeit Bachs charakterisiert werden. Weiterhin erfolgte die kritische Beurteilung früherer Restaurierungen wie Chiffonierung, Papierspaltung, Bleichen und Wässern.

Während dieser Analysen wurden exemplarisch einige Kontrollblätter ausgewählt, um in einem Langzeitprojekt den weiteren Verlauf der Schädigungsmechanismen zu dokumentieren und den Erfolg der bisher eingeleiteten konservatorischen Maßnahmen zu überprüfen.

 

Eisengallustinte

Alle untersuchten Autographen wurden mit einer Eisengallustinte auf Hadernpapier des 18. Jahrhunderts geschrieben. Eine Eisengallustinte wird durch Mischen von natürlichem Eisenvitriol (Eisen(II)sulfat) mit Gallapfelextrakten hergestellt [2]. Aus dem sich bildenden instabilen, farblosen Eisen(II)gallat-Komplex entsteht durch Oxidation mit dem Luftsauerstoff der schwarze, schwerlösliche Eisen(III)gallat- Komplex. Perfekte Eisengallustinten werden nur dann gebildet, wenn Gallussäure und Eisen(II)sulfat im stöchiometrischen Verhältnis von 1:1 gemischt werden [3]. Da die Mischungen meistens nicht genau hergestellt werden können – Rinden- oder Gallapfelextrakte enthalten unterschiedliche Mengen von Gallussäure, das verwendete Vitriol besteht nicht nur aus Eisensulfat, sondern enthält meist Kupfer-, Mangan-, Aluminium- und Zinksulfat –, entstehen häufig imperfekte Eisengallustinten, die zusätzlich Gerbstofftinten sowie nicht umgesetzte Mineralien enthalten. Zusätzlich können weitere Zusätze aus unterschiedlichen Rezepturen enthalten sein. Als Extraktionsmittel zur Gewinnung des Gallapfelextraktes finden sich in den Rezepturen Wasser, Wein oder Essig; zur Stabilisierung der Tinte wird meist ein geringer Anteil eines Bindemittels, z.B. Gummi arabicum, zugesetzt. Damit wird einerseits ein vorzeitiges Ausfallen unlöslicher Produkte verhindert, andererseits werden bereits ausgefallene Produkte besser dispergiert (das heißt in Lösung gehalten). Der Zusatz eines Bindemittels kann sich unter Umständen auch positiv auf den Erhalt der verschriebenen Tinte auswirken. Die in byzantinischen Handschriften verwendeten Eisengallustinten weisen einen hohen Bindemittelanteil auf [4]. Dort ist die schützende Funktion des Bindemittels durch die Ausbildung von Schutzkolloiden stark ausgeprägt. In diesen Handschriften tritt daher die schädigende Wirkung weitaus weniger auf als in vergleichbaren europäischen Handschriften mit geringerem Bindemittelanteil.



 
Abb.3: Weißer Belag auf schwarzer Tinte, f. 66v, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 45/VIII, BWV 19

 



 
Abb.4: »Leopardenfellmuster« auf p. 1, Orgelsonaten, Anna Magdalena oder Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730, Berlin, SBPK, Mus. P 272

 

 

Schadensmechanismen

Nicht jede imperfekte Eisengallustinte ist zerstörerisch und bildet den gefürchteten Tintenfraß. Manche imperfekten Tinten pulvern lediglich ab, manche werden gelb oder grau, ohne weitere Schädigung [5]. Als Hauptursache des Tintenfraßes auf Papier gilt allgemein die Aufspaltung der glykosidischen Bindungen der Polysaccharide. Die Tatsache, dass viele der mit Eisengallustinte beschriebenen Autographen nicht geschädigt sind, zeigt, dass die bereits durch die Herstellung der Tinte eingebrachte Säure (pH !3) alleine nicht das Phänomen des Tintenfraßes verursachen kann. Der Zerfall des Papiers wird demnach durch weitere Faktoren bewirkt. Die Hauptursache des Tintenfraßes ist die Korrosion von überschüssigem Eisen(II)sulfat zu Eisenoxiden unter der Bildung von Schwefelsäure, die das Papier hydrolytisch zersetzt [6]. In vielen Autographen konnte ein Belag von gelb gefärbten Eisenoxiden (Abb. 1) mit Hilfe der VIS-Spektrometrie (siehe Diagramm) analysiert werden. Für diese Reaktion ist immer Feuchtigkeit bzw. ein Wechsel von Feuchtigkeit erforderlich. Je stärker und häufiger die Feuchtigkeitsschwankungen auftreten, desto stärker schreiten die chemischen Veränderungen fort.

In einigen Autographen zeigen die ursprünglich schwarzen Noten einen grünen Belag (Abb. 2), hervorgerufen durch eine imperfekte Eisengallustinte mit Kupferüberschuss. Das ursprünglich blaue Kupfersulfat korrodierte an der Luft zu grünen Kupferverbindungen und zeigt den Kupferfraß, bei dem das Metall den oxidativen Abbau der Cellulose katalysiert. Es wird postuliert, dass der Zersetzungsmechanismus über zeitweilig entstehende Peroxide verläuft [7].

Einige Tinten weisen einen weißen bis rötlich-grauen Belag auf, der wahrscheinlich aus Mangansulfat, Zinksulfat oder Alaun besteht (Abb. 3). Die katalytischen Einwirkungen der Metallionen (z.B. Magnesium) auf den oxidativen Abbau des Papiers sind an anderer Stelle bereits nachgewiesen.



 
Abb.5: Craquelée-Bildung auf f. 3, Laß Fürstin, laß noch einen Strahl, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1727, Berlin, SBPK, Mus. P 41

 



 
Abb.6: Durchgeschlagene Tinte auf p. 9 der Serenata für Leopold von Sachsen, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1734(?), Berlin, SBPK, Mus. P 42/II

 

Bei einigen Tinten entstehen durch Abpulvern von Löschsand oder Abplatzen der obersten Schichten Krater, pudrige Oberflächen oder ein Erscheinungsbild, das an ein Leopardenfell (Abb. 4) erinnert. Die Tinte scheint zuviel Gummi arabicum und Gerbstoffe zu enthalten, dadurch bildet sich schon nach kurzer Zeit ein Craquelée (Abb. 5). Teilweise fallen Segmente aus diesem Craquelée heraus. Die braune, gerbstoffreiche Tinte kommt im Hintergrund zum Vorschein. Dadurch entsteht eine gefleckte Struktur mit der 3 Weißer Belag auf schwarzer Tinte, f. 66v, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 45/VIII, BWV 19 4 »Leopardenfellmuster« auf p. 1, Orgelsonaten, Anna Magdalena oder Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben, Leipzig ca. 1730, Berlin, SBPK, Mus. P 272 Restauro 2/2000 119 auffälligen schwarzbraun gemusterten Oberfläche. Diese Korrosionserscheinung führt jedoch nicht – wie der Tintenfraß – zur Zersetzung des Papiers.

In Notenschriften wird für eine bessere Lesbarkeit der Noten die Tinte oft sehr dick aufgetragen. Bei dünnen Papieren bewirkt dies ein Durchschlagen der Tinte auf die Rückseite (Abb. 6). Um diesen störenden Effekt zu vermeiden, wurden schon früher zwei Papierbögen aufeinander geklebt. Das Durchschlagen der Tinten bis auf die Rückseite, oft nur in einzelnen Lagen oder nur in einer Ecke, ist prinzipiell auf Feuchtigkeitseinfluss zurückzuführen. Dies kann bereits beim Verschreiben einer zu flüssigen Tinte oder auch nachträglich durch eine zu feuchte Lagerung in ungeheizten Räumen oder bei einer Restaurierung geschehen sein.

Durch die Charakterisierung der Schadensbilder können zeitliche sowie topographische Gruppierungen der Tinten durchgeführt werden. Es zeigte sich, dass Bach an seinen verschiedenen Wirkstätten zumeist unterschiedliche Tinten benutzte. Selbst beim Komponieren verwendete Johann Sebastian Bach unterschiedliche Tinten, eine dunklere und eine hellere. Die Hauptkomposition wurde meist in dunklerer Tinte angelegt, die weiteren Stimmen und Korrekturen mit der helleren ausgeführt (Abb. 7a, b). Sogar im eigenen Hause wurden von Friedemann und Anna Magdalena Bach im selben Autographen (P272) zwei verschiedene Tinten verwendet.



 
Abb.7a: Dunkle Hauptkomposition, hellere Korrektur auf p. 21, Kunst der Fuge, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1749/50, Berlin, SBPK, Mus. P 200

 



 
Abb.7b: IR-Reflektographie, 1000 nm (gleiche Stelle)

 

 

Beurteilung bisheriger Restaurierungsmaßnahmen

Die Schädigung der Bachautographen durch Tintenfraß, aber auch durch die mechanische Belastung durch Gebrauch ist ein historisches Problem. Demzufolge wurden zahlreiche Autographen in der Vergangenheit unterschiedlichen Restaurierungsmaßnahmen unterzogen [8], von denen hier einige kurz diskutiert werden sollen.

Die Beurteilung einer Restaurierungsmaßnahme kann nur unter Berücksichtigung des historischen Kontextes erfolgen. Eine in der Vergangenheit erfolgte Restaurierung kann somit nicht grundlegend als richtig oder falsch beurteilt werden. So ist eine genaue Analytik der Auswirkungen einer Maßnahme auf ein Objekt erst in heutiger Zeit durch aufwendige Technik möglich. Wichtig ist demnach die genaue Analyse des Einflusses historischer Restaurierungen auf den Tintenfraß und die Autographen allgemein – um daraus Verbesserungen bzw. Weiterentwicklungen der Methodik abzuleiten.

 

Chiffonierung

In den Jahren 1930–1950 wurden zahlreiche Blätter der Bachautographen vom damaligen Chefrestaurator Hugo Ibscher chiffoniert, das heißt, es wurde mit Hilfe eines wasserlöslichen Bindemittels (hier wohl Weizenstärke) eine Chiffonseide einoder zweiseitig auf die geschädigten Blätter aufgebracht, um ein Ausbrechen einzelner Partien zu verhindern. Es handelt sich hierbei um eine rein physikalische Stabilisierung von außen, die den Tintenfraß unbeeinträchtigt lässt.



 
Abb.8a: Chiffonierung: Stabilisieren von Ausbrüchen auf f. 2, Geist und Seele sind verwirret, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1726, Berlin, SBPK, Mus. P 86,

 



 
Abb.8b: Chiffonierung: ungebräunter Chiffon auf Tintenklecks auf f. 4, Laß Fürstin, laß noch einen Strahl, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1727, Berlin, SBPK, Mus. P 41,

 



 
Abb.8c: Chiffonierung: gebrochener Chiffon auf p. 3, Geburtstagskantate für August von Polen, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1734(?), Berlin, SBPK, Mus. P 42/I

 

Es konnte festgestellt werden, dass die Chiffonierung an wenigen Stellen ein Ausbluten der Tinte bewirkt hat; dies ist wohl nur dann geschehen, wenn die Chiffonseide mit zuviel Klebstoff aufgebracht und mit hohem Druck eingepresst wurde. Die Chiffonierung hat die Handschriften bisher geschützt, ohne die stabilisierende Chiffonseide wären sicherlich viele Partien von sehr brüchigen Stellen bereits verloren (Abb. 8a).

Die verwendete Chiffonseide zeigt sich noch als sehr beständig und haltbar. Entgegen den schlechten Erfahrungen bei der Chiffonierung von Papyri, bei der Chiffonseide nach wenigen Jahrzehnten zersetzt ist, sind die Seiden auf den Autographen Johann Sebastian Bachs noch in sehr gutem Zustand. Dies lässt sich daraus erklären, dass die Seide in saurem Milieu stabilisiert wird. Da die saure Tinte die Chiffonseide offensichtlich stabilisiert hat, lässt sich daraus ableiten, dass die Blätter in chiffoniertem Zustand nicht mit Alkalien behandelt werden sollten.

An einigen Stellen ist die Chiffonierung jedoch durch Benutzung der Blätter (jeweils äußere untere Ecke) teilweise vom Untergrund abgelöst. Sie erscheint häufig gebräunt, ohne dass sie geschädigt ist. Ob die Bräunung der Chiffonseide durch das Einfärben durch die Tinte oder durch Korrosion hervorgerufen wurde, konnte mit den bisherigen Methoden nicht geklärt werden. Der Befund, dass an zahlreichen Stellen die Seide noch wie neu erscheint (Abb. 8b), deutet darauf hin, dass der Chiffon mit unterschiedlichen Klebstoffmischungen aufgebracht wurde.

Dennoch ist die Frage zu stellen, wie lange er seine Schutzfunktion noch aufrechterhalten kann. An einigen Stellen zeigen sich Brüche, die durch die mechanische Belastung beim Blättern hervorgerufen wurden (Abb. 8c). Vor einer Abnahme, die ohne Originalmaterialverlust (Tintenabklatsch) erfolgen sollte, ist jedoch zu klären, wie die brüchigen Stellen hinterher stabilisiert werden können.

 

Wässern und Bleichen

Wie bereits erläutert, wird der Tintenfraß durch wasserlösliche Ionen verursacht. Ein Waschen (das heißt Wässern) der mit schwerlöslicher Eisengallustinte beschriebenen Papiere erscheint somit als die plausibelste Methode zur Unterbindung des Tintenfraßes. Das Waschen der Autographen hat, so wie es in der Vergangenheit erfolgte, optisch kaum erkennbare Veränderungen von Papier und Tinte erzeugt (Abb. 9a). Die IR-Reflektographie zeigt jedoch Veränderungen im Reflexionsverhalten der Tinten (Abb. 9b). Ein zu intensives Waschen hat originales Tintenmaterial herausgewaschen und damit einen Teil der ursprünglichen Information (Kompositionsschema) reduziert. Es handelt sich aber um einen Informationsgehalt, der mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist und nur durch komplexe Untersuchungsmethoden wie die IR-Reflektographie zugänglich gemacht werden kann. Das Waschen hat das Papier jedoch stabilisiert und ein weiteres Fortschreiten des Tintenfraßes ist unterbunden. An dieser Stelle soll kurz erwähnt werden, dass die wässrige Bleiche mit Kaliumpermanganat zu einem noch ungleichmäßigeren Abbau des Tintenmaterials führte – ohnehin ist zu fragen, ob das Bleichen eines Autographen nicht eine überflüssige Kosmetik darstellt.



 
Abb.9a: Wässern und Bleichen: Notenbild p. 17, Kunst der Fuge, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1749/50, Berlin, SBPK, Mus. P 200,

 



 
Abb.9b: Wässern und Bleichen: Veränderungen sichtbar in der IR-Reflektographie, 950 nm, gleiche Stelle

 

 

Papierspaltverfahren

Das Papierspaltverfahren [9] stellt das wirkungsvollste Verfahren zur inneren Festigung der Blätter dar, bildet aber gleichzeitig durch Einbringung eines neuen Kernpapieres den radikalsten Eingriff in das historische Material.



 
Abb.10a: Papierspaltverfahren: verlorene Noten p. 15, Magnificat, Johann Sebastian Bach, Leipzig 1723, Berlin, SBPK, Mus. P 38,

 



 
Abb.10b: Papierspaltverfahren: Kernpapier auf Tinte, p. 12, Magnificat,

 



 
Abb.10c: Papierspaltverfahren: weiße Beläge nach »wasserfreiem« Spalten, p. 18, Magnificat

 



 
Schematische Darstellung der Situation, bei der die Tinte hinter das Kernpapier gezogen wird und dann nicht mehr sichtbar ist. Durch den dicken Tintenauftrag bildet sich ein Tintenpropfen. Aufgrund der Tintenkorrosion ist das Papier auf der Vorderseite fragiler als auf der Rückseite. Durch das Spalten des Papieres wird der Pfropfen auf die intakte, das heißt Rückseite gezogen, mit dem neuen Kernpapier überdeckt und verpresst.

 

Die untersuchten gespaltenen Blätter weisen fast immer eine starke Veränderung des Notenbildes auf. Zur Untersuchung kamen verschiedene Partituren, die zu unterschiedlichen Zeiten und in differierenden Verfahren gespalten wurden.

In einigen Partituren gingen durch ungleichmäßiges Spalten Noten verloren (Abb. 10a). Bei einer stark eingesunkenen Tinte bildet sich ein Tintenpfropf, der beim Spalten des Papiers auf die gegenüberliegende Seite gezogen wird (siehe Zeichnung). Das eingelegte Kernpapier liegt in den Bereichen, in denen das Papier nicht in der Mitte gespalten werden konnte, über der nach hinten gezogenen Notenschicht (Abb. 10b). Die Noten sind nicht mehr erkennbar und sind auch nicht mit Hilfe von Durchlicht sichtbar zu machen. Dadurch wird die originale Notenschicht verfälscht.

Die nachfolgende Abbildung (Abb. 10c) zeigt ein Beispiel für ein sogenanntes wasserfreies Spalten. Zur Verhinderung eines zu starken Auswaschens von Tintenmaterial wurde möglichst wenig Wasser verwendet. Das stark gepufferte Wasser erzeugte jedoch deutliche Verunklarungen der schwarzen Noten durch einen weißen Belag. Weiterhin ist nicht geklärt, ob durch diesen Spaltprozess auch gleichzeitig alle Schadionen ausgewaschen wurden.

Letztendlich ist der Vorgang des Papierspaltens grundsätzlich ein invasiver Eingriff und somit irreversibel.

 

Klimatisierte Aufbewahrung

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass die Ursachen für den Tintenfraß in den Autographen in den unterschiedlichen Tinten liegen. Je nach Zusammensetzung der Tintenmischungen (verschiedene Vitriolbestandteile und Gerbsäuren) entstanden Tinten, die durch äußere Einflüsse, das heißt Feuchtigkeit, durch Korrosion den Tintenfraß bewirken. Die Partituren von Bach sind größtenteils mit sehr viel Tinte sehr eng beschrieben – dies wirkt sich zusätzlich nachteilig aus, da schädigende Ionen in manchen Bereichen konzentriert vorliegen.

Die ersten begleitenden Kontrolluntersuchungen nach 18 Monaten zeigen, dass sich die klimatisierte Aufbewahrung der Autographen in Einzelblättern zwischen gepufferten Papieren und in Kassetten bewährt hat (Abb. 11a, b).



 
Abb.11a: Aufbewahrung: Lagern zwischen gepufferten Papieren und in Kassetten

 



 
Abb.11b: Aufbewahrung: Blättern ohne Berührung der Autographen

 

 

Entwicklung eines Restaurierungskonzeptes

In der Gesamtbewertung der Schäden bedeutet dies, dass – trotz Handlungsbedarfs – für die Entwicklung eines optimalen restauratorischen Konzeptes genügend Zeit vorhanden ist.

Die bisherigen Untersuchungen bilden einen wichtigen Teil zur Erkennung und Bekämpfung des Tintenfraßes. Zur Entwicklung eines Restaurierungskonzeptes für die Bach-Autographen sind jedoch noch Fragen im Rahmen weiterer Forschungsprojekte zu klären.

 
Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Vitriol-Zusätze im Schadensablauf?
Wie kann die Entfernung schädigender Ionen behutsam und dauerhaft erfolgen?
Wie können die Blätter entchiffoniert werden, ohne dass Bruchstücke verloren gehen?
Müssen die Blätter generell entchiffoniert werden?
Wie kann eine Stabilisierung des Trägers ohne Beeinträchtigung der Lesbarkeit erfolgen?

 

Ein Vergleich von historischen Fotografien mit heutigen Aufnahmen einiger Handschriften zeigt, dass der Tintenfraß zumindest in diesen Autographen nicht zugenommen hat. Die Fraßerscheinungen und Oberflächen der Tinten der in den 1930er Jahren chiffonierten Blätter und der nicht chiffonierten Blätter weisen darauf hin, dass die gravierenden Schäden nicht während der letzten 50–70 Jahre aufgetreten sind. Auch dies bestätigt die Erkenntnis, dass für die Entwicklung eines optimalen restauratorischen Konzeptes genügend Zeit bleibt.

Die von den Medien übertriebene Hysterie sollte nicht zu Maßnahmen verleiten, die hinterher noch mehr Schäden verursachen und eventuell den völligen Zerfall der Kunstwerke beschleunigen oder gar erst hervorrufen.

 

 
Anmerkungen
[1] Robert Fuchs, Doris Oltrogge , Oliver Hahn: Bericht der AG über die in der Stabi Berlin PK vom 17.–26. Februar 1998 untersuchten Bach- Autographen und deren Tintenfraß-Problematik, Wettlauf mit der Zeit, Bestandserhaltung in wissenschaftlichen Bibliotheken, Beiträge aus der Stadtsbibliothek zu Berlin PK, Band 8, Weichert Verlag Wiesbaden 1998, S. 155 zum Text
[2] Christian-Heinrich Wunderlich: Geschichte und Chemie der Eisengallustinte, in: RESTAURO 6/1994, S. 414 zum Text
[3] Robert Fuchs: Der Tintenfraß historischer Tinten und Tuschen – ein komplexes, nie enden wollendes Problem, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, Ser. A, Landesarchivdirektion, Heft 10, Hrsg. Gerhard Banik und Hartmut Weber, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart 1999, S. 37 zum Text
[4] Doris Oltrogge, Peter Schreiner: Byzantinische Tinten und Farbrezepte, in Vorbereitung zum Text
[5] Siehe Anm. 3 zum Text
[6] Christoph Krekel: Chemische Struktur historischer Eisengallustinten, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 25 zum Text
[7] Gerhart Banik u.a.: Erscheinungen und Probleme des Kupferfraßes in der Buchmalerei, in: Restaurator 5/1981/82, S. 71 zum Text
[8] Ernst Bartelt: Entrestaurierung tintenfraßgeschädigter Bach-Autographen an der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 253 zum Text
[9] Günter Müller: Zur implantierten Gesamtstabilisierung von Tintenfraß auf Papiergrundlage, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 277; Wolfgang Wächter: Papierspalten als Möglichkeit zur mechanischen Stabilisierung von tintenfraßgeschädigten Objekten, in: Werkh. der Staatl. Archivverwaltung BW, siehe Anm. 3, S. 285 zum Text

 

 
Begriffserklärungen
Perfekte Eisengallustinte
Eine perfekte Eisengallustinte wird durch Mischen von Eisen(II)sulfat mit Gallussäure in einem stöchiometrischen Verhältnis von 1:1 hergestellt. Aus dem sich bildenden instabilen, farblosen Eisen(II)gallat- Komplex entsteht durch Oxidation mit dem Luftsauerstoff der schwarze, schwerlösliche Eisen(III)gallat- Komplex.
 
Imperfekte Eisengallustinte
Da die Mischungen meistens nicht genau hergestellt werden können – Rinden- oder Gallapfelextrakte enthalten unterschiedliche Mengen von Gallussäure, das verwendete Vitriol besteht nicht nur aus Eisensulfat, sondern enthält meist Kupfer-, Mangan-, Aluminium- und Zinksulfat –, entstehen imperfekte Eisengallustinten, die zusätzlich Gerbstofftinten sowie nicht umgesetzte Mineralien enthalten.
 
Tintenfraß
Der klassische Tintenfraß ist nur eine Form der Tintenkorrosion und wird durch zwei Hauptursachen bewirkt:
hydrolytische Spaltung der Cellulose (Papier) oder Proteinfasern (Pergament) durch freigesetzte Schwefelsäure,
oxidativer Abbau der Cellulose oder Proteinfasern, katalysiert durch Metallionen (z.B. Eisen, Kupfer)

 

 
Zu den Autoren:
Prof. Dr. Robert Fuchs, Leiter der Studienrichtung Restaurierung und Konservierung von Schriftgut, Graphik und Buchmalerei, Fachbereich Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut der Fachhochschule Köln
E-mail: robert.fuchs@fh-koeln.de

Dr. Doris Oltrogge, Fachhochschule Köln
E-mail: doris.oltrogge@fh-koeln.de

Dr. Oliver Hahn, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), Berlin
E-mail: oliver.hahn@bam.de

Zum Artikel:
Ursprünglich erschienen in:
Restauro Heft 2/2000, S. 116-121
http://www.restauro.de

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