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Normen zur Bestandserhaltung
Ein Beitrag von Dr. Helmut Bansa, München

Ich habe in meinem ganzen beruflichen Leben, und das war ganz der Konservierung in der Bibliothek gewidmet, noch nie einen Schimmelschaden in der Hand gehabt, der nicht auf grobe Vernachlässigung oder grobe Mißachtung der an sich selbstverständlichen Regel zurückzuführen gewesen wäre, daß das Magazin in der Bibliothek nach den Prinzipien eines "geordneten Hauswesens" zu pflegen ist.

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Bei Normen geht es Festlegungen auf Begriffe, meist auf etwas Meßbares: um die Festlegung, was alle unter einem Meter, einer Minute, irgendeiner meßbaren Größen oder überhaupt einem Wort verstehen, mit dem eine Qualität bezeichnet wird, wie man vorgehen soll, um eine bestimmte meßbare Größe, eine bestimmte, mit einem speziellen Wort bezeichnete Qualität zu erreichen.

Normen sind Verabredungen: verbindlich nur für den, der sich ihnen freiwillig unterwirft, etwa in einem Vertrag, wie ihn jeder Kauf darstellt: der Restaurator möchte einen alterungsbeständigen Karton für die Schutzhüllen um seine Bücher und für die Passepartouts für meine Graphiken. "Alterungsbeständig": das ist ein Wort, unter dem der eine dies, der andere etwas anderes verstehen kann. in der Norm wird festgelegt, welche meßbaren Bedingungen erfüllt sein müssen, damit dieses Wort im Sinne der Norm gebraucht werden darf.

Normen werden erlassen von Verbänden, Vereinen, Zusammenschlüssen von Personen, natürlichen oder juristischen, die daran interessiert sind, daß alle unter einem bestimmten Begriff das Gleiche verstehen. Solche Gremien, solche Verbände oder Vereine gibt es auf nationaler und, im Zusammenschluß derselben, auf übernationaler Ebene. In Deutschland ist es das DIN (Deutsches Institut für Normung), ein eingetragener Verein, in den USA ist es das ANSI (American National Standard Institute), international ist es die ISO (International Standardization Organization) mit Sitz des Generalsekretariats in Paris.

Alle diese Verbände, Vereine, Institute, Organisationen sind in vergleichbarer Weise gegliedert. Es gibt ein Sekretariat oder Generalsekretariat: festangestellte Mitarbeiter für die Organisation der Arbeit; es gibt nach Sachbereichen gegliederte Ausschüsse oder Komitees, und innerhalb oder unterhalb derselben gibt es Arbeitsausschüsse oder Unterkomitees für speziellere Sachbereiche. Innerhalb dieser Personengruppen im dritten Organisationsglied - nach der Terminologie des DIN Sekretariat - Normenausschuß - Arbeitsausschuß, nach der Terminologie der ISO General Secretariat - Technical Committee - Standing Committee - in diesem dritten Organisationsglied wird die eigentliche Arbeit geleistet. Vorschläge zu einer Norm, die jemand für nötig hält, kann jeder einbringen. Wird in den höhergeordneten Gremien deren Nützlichkeit anerkannt, beruft der Arbeitsausschuß (so bei DIN) oder das Standing Committee (so bei ISO) eine "Arbeitsgruppe" (ISO: Working Group), in der sich Personen zusammenfinden, die meinen, zu der Sache, die in der Norm festgelegt werden soll, etwas beitragen zu können. Diese erarbeiten dann einen entsprechenden Text: oft in harten und, der Natur der Sache nach sehr detaillierten, manchmal geradezu spitzfindigen Verhandlungen. Ein solcher "Arbeitsgruppenentwurf" wird, jedenfalls auf internationaler Ebene, mehrfach den nationalen Normungsgremien,. die an ihm Interesse bekundet bzw. die Mitarbeiter in die Arbeitsgruppe entsendet haben, zur Billigung und Kommentierung vorgelegt. Wenn die Arbeitsgruppe den Text für endgültig hält und eine ausreichende Zustimmung erreicht ist. wird der Arbeitsgruppenentwurf zum "Normentwurf" und durchläuft eine mehrstufige Prozedur der Zustimmung. Das alles kann Jahre dauern.

Normen, die für die Erhaltung von Beständen in Archiven, Bibliotheken, Museen oder graphischen Sammlungen interessant sind, werden in mehreren "Normenausschüssen" und deren "Arbeitsausschüssen" (DIN) bzw. "Technical Committees" bzw. deren "Standing Committees" (ISO) erarbeitet. Besonders rührig ist der für Photographie, welcher eine Vielzahl von Normen erarbeitet hat. Eine solche Inflation von Normen, die sich nur in Nuancen unterscheiden und die insofern an der Realität vorbeigehen, als es durchaus keine Räumlichkeiten gibt, in der ausschließlich eine bestimmte Filmart aufbewahrt wird, kann dazu führen, dass die Normen nicht mehr ernst genommen werden (vgl. ISO 5466: Photography - Processed safety photographic films - Storage practices).

Wichtig ist für den Bereich "Haltbarkeit" bzw. "Bestandserhaltung" ist auch der Normenausschuß, der sich mit der Herstellung des Materials beschäftigt, aus dem die Masse der Objekte besteht, die wir in ihrem Bestand zu erhalten uns bemühen: im DIN der NPa (Normenausschuss Papier und Pappe). Er hat eine Norm (DIN 6738) erarbeitet, in der festgelegt wird, daß man ein Papier bestimmten "Lebensdauerklassen" zuordnen darf, wenn sich bestimmte Festigkeitswerte - Zugfestigkeit, Durchreißwiderstand - beim sogenannten beschleunigten Altern (d.i. Aufbewahren bei stark erhöhter Temperatur) nicht stärker ändern als die Norm festlegt. Die höchste Lebensdauerklasse bedeute, so die Norm, daß ein Papier "mehr als einige hundert Jahre" halten werde. Da zu einen eine solche Aussage wissenschaftlicher Unsinn ist und da zum anderen für ein Archiv, für eine Archivbibliothek jede Begrenzung der Haltbarkeit des Papiers, auch die auf "mehr als einige hundert Jahre" nicht akzeptabel ist, stieß diese Norm der Papiermacher bei Archivaren, Bibliothekaren und Konservatoren auf breite Ablehnung, wurde aber von den Papiermachern trotzdem verabschiedet.

Das spezifische Interesse von Archiv und Bibliothek an Normen für die Bestandserhaltung wird wahrgenommen vom NABD (Normenausschuss Bibliothek und Dokumentation) und seinem Pendant bei ISO. Hier gibt es einen Arbeitsausschuß bzw. ein "Standing Committee" "Physical Keeping of Documents" mit mehreren Arbeitsgruppen. Eine, die Working Group Number One, hat ebenfalls eine Norm für alterungsbeständiges Papier ausgearbeitet: ISO 9706, vom DIN übernommen als DIN-ISO 9706. Diese Norm beruht auf dem Naturgesetz, daß der Abbau des dem Papier die Festigkeit gebenden Stoffes - der Cellulose - die von Säure katalysierte Hydrolyse ist, und daß dieser chemische Vorgang nicht oder stark gehemmt abläuft, wenn im Papier ein alkalischer Puffer und keine säurebildenden Substanzen vorhanden sind. Im deutschen Vorwort zu dieser Norm ist eine deutliche Abgrenzung zur Papiermachernorm DIN 6738 zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere: "Archive, Bibliotheken, Museen und sonstige Sammlungen haben ... den Auftrag, Schriftgut ... auf Dauer zu verwahren ... Daher sollen Druckereien, Verlage ... auf die Erfüllung der Normanforderungen der DIN ISO 9706 achten. ... DIN 6738 ist dann relevant, wenn bei Büchern ... bereits bei der Herstellung festgelegt oder absehbar ist, daß sie nach zeitlich beschränktem Gebrauch ... vernichtet ... werden". Das ist bei Büchern für die Bibliothek, für die Staats- oder Archivbibliothek nie der Fall; dort wird sogar das Telefonbuch langfristig aufgehoben.

Das SC "Physical Keeping of Documents" ist sodann dabei, eine Norm eine für Hüllen, Schachteln und Mappen zu erarbeiten; sie ist z.Zt. im Stand eines Working Draft, d.h. sie wird noch auf Arbeitsgruppenebene diskutiert. Die Bezeichnung ist ISO 16245. In ihr ist Bezug genommen auf ISO 9706; wenn Hüllen, Schachteln oder Mappen aus Papier, Karton oder Pappe bestehen, muß dieses Material nach dieser Norm hergestellt, d.h. holzfrei und leicht alkalisch gepuffert sein.

Abgeschlossen ist die Arbeit an zwei Normen für den Bucheinband. Die eine, ISO 11800, gilt dem industriellen Einband. Auf ihn hat der Bibliothekar kaum je einen Einfluß. Die andere, ISO/CD 14416 trägt in der deutschen Übersetzung den Titel "Anforderungen an das Binden von Büchern, Zeitschriften, Reihen und anderem Schriftgut und Druckerzeugnissen aus Papier für den Gebrauch in Archiven und Bibliotheken". Eine deutsche Bearbeitung befindet sich in Vorbereitung.

Die wichtigste, die eigentliche und wesentliche Norm zur Bestandserhaltung ist die in siebenjähriger, in sehr mühsamer internationaler Diskussion entstandene ISO 11799 "Storage requirements for archive and library materials" / "Anforderungen an die Aufbewahrung von Archiv- und Bibliotheksgut." Sieben Jahre: das ist selbst für internationale Normungsdiskussionen sehr lang. Die Norm hat deshalb eine allgemeingültige Fristüberschreitung erlitten: Wenn ein Normungsvorhaben nach sechs Jahren keine Ergebnis zeigt, wird es aus dem Programm genommen. Ob und wann es wieder aufgenommen wird, darauf hat das DIN keinen Einfluß. Weil aber in der Norm viel Arbeit steckt, gerade auch von deutscher Seite, und weil in ihr Aussagen getroffen sind, die bei Bibliotheksbauten, auch bei Umbauten, oder bei Ausstellungen, und manchen anderen Gelegenheiten sehr gut Argumente gegenüber Architekten und Kostenträgern verwenden lassen, hat sich das DIN entschlossen, eine deutsche Übersetzung als "Vornorm" zu verabschieden. Die Vornorm ist im Februar 2001 erschienen als DIN V 33901 unter dem Titel "Information und Dokumentation. Anforderungen an die Aufbewahrung von Archiv- und Bibliotheksgut.

Diese Norm ist in mühsamen internationalen Diskussionen entstanden ist. Das Mühsame an der Diskussion war das Streben nach Praktikabilität gegen Perfektionismus, nach naturwissenschaftlich Richtigem gegen communis opinio. Kuriositäten in der Diskussion um die Norm, etwa der Forderung, daß bei der Beschreibung der Luftreinheit nicht nur an Umweltgase und Staub, sondern auch an Insekten und andere Tiere gedacht werden müsse, sollten jedoch nicht überbewertet werden. Wenn alle Vorschriften beachtet werden, welche die Norm unter dem Kapitel "7. Gebrauch" bringt, ist viel gewonnen: "In Magazinen für Archiv- und Bibliotheksgut soll Rauchen, Essen und Trinken strikt verboten sein. Es sollen keinerlei Aktivitäten stattfinden, die nicht im direkten Bezug zum spezifischen Nutzungszweck stehen. Es soll nur Archiv- und Bibliotheksgut gelagert werden". Das ist eigentlich selbstverständlich, doch gerade solche Selbstverständlichkeiten bedürfen bisweilen der Wiederholung. Stark kontrovers diskutiert wurde der Einsatz von Sprinkleranlagen im Magazin: in angelsächsischen Ländern unverzichtbar, in Deutschland unmöglich.

In der Norm ist viel von Selbstverständlichkeiten und von unbeeinflußbaren Gegebenheiten die Rede, etwa in den Paragraphen über die Lage des Gebäudes, daß es nicht der Gefahr von Bodensenkung, Überflutung; Erdbeben, Flutwellen, Erdrutsch ausgesetzt sein soll, dass in der Nähe kein Platz oder Gebäude steht, das Nagetiere, Insekten und andere Schädlinge anzieht. Bedeutsamer, weitaus bedeutsamer ist der Paragraph über die klimatische Geschlossenheit: "Das Magazin sollte so gebaut sein, daß sich in ihm ein stabiles und gleichmäßiges Raumklima einstellt, zu dessen Regulierung technische Maßnahmen nur in möglichst geringem Umfang erforderlich sind. Das kann weitgehend dadurch erreicht werden, daß die äußeren Mauern, Dach und Fußböden des Gebäudes aus Materialien bestehen, die ... das Innere von äußeren Klimawechseln isolieren, Wände, Böden und Decken im Inneren aber aus Materialien, die eine hohe thermale ... und hygroskopische Kapazität haben." Und dann erläutert die Norm auch näher, was das für Materialien sind und wie man sonst vorzugehen hat: Wände aus Backstein, keine Möbel oder andere Gegenstände nahe den Außenmauern, zwischen Mauer und Möbelstück mindestens 20 cm Abstand, keine Fenster.

Dieser Paragraph spricht das Prinzip der "natürlichen Klimatisierung" an. Dieses zu beachten wäre in der Tat ein ganz wesentlicher Beitrag zur vorbeugenden Konservierung. Aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts stammt die These, daß in den Jahrzehnten seit der Einführung des Bauens mit Eisenbeton mehr Bücher kaputtgegangen sind als in den Jahrhunderten davor. Auch die chemischen Prozesse, die den Zerfall des modernen, sauer gefertigten Papiers ausmachen, lassen sich durch Klimaregulierung wesentlich verlangsamen, und das ist eben in einem mit natürlichen Materialien konstruierten Gebäude wesentlich einfacher als in einem modernen Beton-und-Glas-Haus. Vom neuen Gebäude der Grand Bibliothèque de France auf dem Gelände des früheren Schlachthofes wird auf künftigen Bibliothekskongressen, wenn die fossilen Energiequellen erst einmal knapper werden und die Klimaanlagen abgeschaltet werden müssen, noch viel die Rede sein, oder auch schon vorher, wenn die Klimaanlage in dieser "French Follie" ausfällt.

Die Norm 11799 sagt zum Raumklima: "Magazinräume für Archiv- und Bibliotheksgut sollten kühl gehalten werden, idealerweise in einem Gebäude, das gemäß den Prinzipien der klimatische Geschlossenheit errichtet wurde." Von einer Norm würde hierzu jeder Zahlen erwarten: die üblichen 18°C und 50% relativer Luftfeuchtigkeit, aber es ist gelungen, diesen Gemeinplatz in ISO 11799 zu verhindern. Er ist nämlich wissenschaftlich nicht begründbar. 16°C wären besser als 18°C, bei 20°C beginnt keineswegs der unaufhaltsame Zerfall der Bücher, und die oft kolportierte Meinung, daß 40 oder 30% Luftfeuchtigkeit das Einbandleder und das Pergament der Handschriften aus dem Mittelalter brüchig macht, ist reiner Unsinn. Das ist schon allein daran zu erkennen, dass die ältesten Pergamente, die wir kennen, die Rollen vom Toten Meer, in Wüstenklima überlebt haben. Die Funde von dort, die beschädigt sind, haben Wassereinbrüche erlebt. Die Norm sagt deshalb klugerweise zur Luftfeuchtigkeit: (§ 6.2): "Die Luftfeuchte in Magazinräumen für Archiv- und Bibliotheksgut soll unterhalb des Bereiches gehalten werden, in dem mikrobiologisches Wachstum aktiv wird." Das ist in der Tat das einzig wissenschaftlich Begründbare, das man über die Luftfeuchtigkeit in Magazinräumen sagen kann. Die Norm fährt dann fort mit einer Anmerkung: "Nach derzeitigem Kenntnisstand besteht oberhalb 60% relativer Feuchte steigende Gefahr von mikrobiologischen Aktivitäten." Das ist eine wohlüberlegte Kompromißformulierung, denn "oberhalb von 60%" - eine Grenze, die in einem kühlen Magazin bei längeranhaltendem feuchten Wetter draußen durchaus einmal erreicht werden kann - "oberhalb von 60%", das kann auch 70 oder 80% bedeuten, und erst da befinden wir uns in der Gefahrenzone. Es ist wohl möglich, auf einem Nährboden im Labor Schimmel auch bei niedrigerer Feuchte zu züchten. Auf Papier aber und auf anderen Buchmaterialien muß bei sonst idealen Bedingungen, nämlich über 25°C gleichmäßige Wärme, die Luftfeuchtigkeit mindestens 73% betragen, und selbst für die am stärksten die Trockenheit liebenden Penicillien dauert es Monate, bis bei diesen Bedingungen die Sporen auskeimen. Ich habe in meinem ganzen beruflichen Leben, und das war ganz der Konservierung in der Bibliothek gewidmet, noch nie einen Schimmelschaden in der Hand gehabt, der nicht auf grobe Vernachlässigung oder grobe Mißachtung der an sich selbstverständlichen Regel zurückzuführen gewesen wäre, daß das Magazin in der Bibliothek nach den Prinzipien eines "geordneten Hauswesens" zu pflegen ist.

Auch zur Untergrenze der Feuchtigkeit nimmt die Norm 11799 in sehr umsichtiger Weise Stellung, allerdings erst nach dem m.E. fragwürdigen Satz, daß bei "sehr niedrigen" Feuchten die Gefahr besteht, daß Materialien brüchig werden. Die Norm sagt dann: "Die niedrigste akzeptable Feuchte bei langfristiger Lagerung von Archiv- und Bibliotheksgut wird derzeit diskutiert. Es werden für verschiedene Materialien verschiedene Grenzwerte empfohlen; es gibt keine einhellige Meinung, weder in Bezug auf Temperatur noch auf Feuchtigkeit. Es ist erwiesen, daß Materialien bei niederer Temperatur und Feuchtigkeit länger halten. Starke Schwankungen von Temperatur und relativer Feuchte setzen das Archiv- und Bibliotheksgut einer Belastung aus und sollten deshalb vermieden werden. Ziel soll es sein, Temperatur und relative Feuchte so gleichmäßig wie möglich zu halten." Und dann verweist die Norm auf einen Anhang, in dem einige Zahlen, die anderweitig empfohlen werden, zusammengestellt sind. Es gibt hierzu ja nicht nur reichlich Literatur, es gibt auch reichlich Normen zur Aufbewahrung von speziellem Archiv- und Bibliotheksgut, die alle bestimmte und alle in ihrer Höhe nicht begründbare Klimazahlen nennen, etwa ISO 5466: Filme und Photos, ISO 15524: Magnetbändern, ISO 12606: Tonbänder. Die einschlägige Norminflation wirkt verwirrend.

Im Zusammenhang mit dem richtigen Raumklima ist noch ein Paragraph aus dem Kapitel der Norm 11799 über Ventilation und Luftqualität von Bedeutung: "Besondere Aufmerksamkeit sollte der Belüftung um und in den Regalen gelten. Um diese sicherzustellen, soll ein Abstand von 150 mm sein zwischen Boden und unterstem Regalbrett und zwischen der Oberkante eines durchschnittlich hohen Objektes auf dem obersten und der Decke. Zwischen der Oberkante des größten Objektes auf einem Regalbrett und dem darüber-liegenden soll ein Mindestabstand von 50 mm sein. Die Gänge zwischen den Regalen beför-dern ebenfalls die Luftzirkulation." Das ist eine ganz wichtige Vorschrift! Gerade in Magazinen, die nicht nach dem Prinzip der "natürlichen Klimatisierung", sondern unter einer Klimaanlage gehalten werden, können "ökologische Nischen" mit schimmelgünstigem Raumklima, Luftfeuchtigkeiten mit 80% und höher entstehen. Das ist durch permanenten Luftaustausch zu verhindern.

Zur Bekämpfung eines aktuellen Schimmelbefalls schreibt die Norm vor, dass befallene Stücke "behandelt werden" sollen, und sofort im Anschluss an das Wort "behandeln" spricht sie von Reinigung: "Zur Reinigung sollen Staubsauger mit Filtern benutzt werden, die Schimmelsporen zurückhalten." Und kurz darauf in einer Anmerkung: "Alle chemischen und bestrahlenden Desinfektionsmethoden bergen die Gefahr, das Lagergut zu schädigen." Mehr war gegen die Anhänger der chemischen Keule oder der Bestrahlung nicht durchzubringen. In der Tat ist bei Schimmelbefall die Reinigung unerlässlich - selbstverständlich unter Vorkehrungen gegen eine Gesundheitsgefährdung derer, die diese unangenehme Arbeit durchführen - , und wenn die beschriebenen Klimaregeln und die Regeln des "geordneten Hauswesens" beachtet werden, ist die Reinigung genug der "Behandlung". Ein Schimmelbefall kann, wenn die soeben beschriebenen Klimaregeln und die Regeln des "geordneten Hauswesens" beachtet werden, ja ohnehin gar nicht auftreten; er kann sich nur bei Stücken finden, die von außen, aus einem ungeeigneten Lagerraum in die Bibliothek kommen - oder nach einer Wasserkatastrophe, wenn das Bibliotheksgut nicht rechtzeitig tiefgefroren und getrocknet werden konnte.

Vom "geordneten Hauswesen", von der Reinlichkeit werde ich, in Anlehnung an die Norm, gleich noch näher sprechen. Vorher aber ein Wort zum Insektenbefall. Der ist nicht so leicht zu bekämpfen wie der Schimmel. Die Norm erwähnt als Mittel gegen ihn das Tiefgefrieren; dazu müssen die Bücher aus dem Magazin entfernt und in die Gefrieranlage transportiert werden. Die Norm kennt noch nicht die moderne, vor allem vom Getty-Institut propagierte Inertgasmethode. Sie ist mühsam, nur von Firmen mit entsprechender Ausrüstung und Erfahrung anwendbar, aber wirksam und unschädlich für den Menschen wie für die Bücher.

Am Anfang wurde die Existenz einer Norm für Einbände, DIN-ISO 14416, erwähnt. Die Aufbewahrungsnorm 11799 sagt hierzu nur: "Alle einzelnen Stücke des Archiv- und Bibliotheksgutes sollen geschützt werden. Der Grad des erforderlichen Schutzes hängt vom Zustand des Objekts und von der zu erwartenden Benutzung ab. Einbände, maßgefertigte Schachteln, Mappen und andere Behältnisse bieten den Objekten wirksamen Schutz. Jede Umhüllung welcher Art auch immer sollte das Objekt umschließen und stützen, ohne es in unzutunlicher Weise zu pressen." Schachteln und Mappen sind ein wirksamer Schutz auch für gefährdete oder beschädigte Einbände und für Bücher aus brüchigem Papier, die nicht einem so hohen Benutzungsdruck ausgesetzt sind, daß sie unbedingt verfilmt bzw. kopiert oder im -Falle von "intrinsischem Wert" - dass sie restauriert werden müssen. Die Beschaffung von Schachteln, Mappen und Hüllen nach individuellem Maß und doch zu günstigen Kosten ist heute kein Problem mehr [Herstellernachweise demnächst auf dieser Website].

Neben vielen Sätzen, die Selbstverständliches und wohl auch weitgehend Beachtetes aussagen, neben manchen, die in vorsichtiger und wohlüberlegter Weise eingefleischte Vorurteile in Frage stellen, findet sich in der Norm einer, der eigentlich auch selbstverständlich ist, dessen Beachtung ein ganz wesentlicher Beitrag zur vorbeugenden Konservierung wäre, der aber weitgehend nicht beachtet wird. In Kapitel 7 "Gebrauch" an zweiter Stelle nach den schon zitierten Gemeinplätzen über Essen, Trinken und Rauchen steht der Satz: "Das Magazin, sein Belüftungssysteme und die gelagerten Objekte sollen regelmäßig gereinigt werden".

Regelmäßige Reinigung der Magazinräume und der Bücher: das wäre ein ganz wichtiger Beitrag zur vorbeugenden Konservierung, und er wird oft nicht geleistet - aber vielleicht urteile ich hier zu sehr vom Standpunkt der Großbibliothek, die ja in vieler Hinsicht durchaus kein Beispiel für richtiges, konservierungsorientiertes Management ist. So propere Räume, so wohlgeordnete, gut aufgestellte saubere Bücher wie seinerzeit in der Sammlung Schäfer in Schweinfurth oder in der Fürstenberg'schen Bibliothek in Donaueschingen, beide leider nicht mehr existent, sucht man in einer großen Staatsbibliothek umsonst. Regelmäßiges Reinigen: das kann, daß muß aus Kostengründen in größeren zeitlichen Abständen geschehen, aber es muß geschehen und es muß alle Bereiche des Magazins, es muß alle Bücher erfassen. Bei solchen Aktionen, ein Team mit geschulten Augen, genug Mitarbeiter um jedes Buch, am besten zweimal im Jahr, vielleicht auch nur einmal oder auch nur alle zwei Jahre in die Hand zu nehmen, würden auch ökologische Nischen für biologische Schäden auffallen: schimmelgünstige Raumecken, Anobien (umgangssprachlich: Bücherwürmer), auch Wespen- und Taubennester, deren Prävention nach dem Willen mancher Kommentatoren in die Norm 11799 aufgenommen werden sollte, von Schlafplätzen für Fledermäuse ganz zu schweigen. Gering ist der erforderliche Aufwand nicht! Nehmen wir die üblichen 220 Arbeitstage im Jahr, realistische 6 Stunden wirkliche Arbeitszeit pro Tag und einen Zeitaufwand von knapp einer Minute pro Buch an, so wären für die Reinigung und Inspektion einmal im Jahr von 1 Mio Büchern ein Team von 10 Personen erforderlich: ein Aufwand, der sich lohnen würde. Mehr vielleicht als großangelegte Programme und Transformationen um Informationen, die heute vielfach und vielfältig, ja, oft in erstickender Fülle vorhanden sind.

 
 

Zum Autor:
Dr. Helmut Bansa, Herausgeber der Zeitschrift RESTAURATOR, ehemaliger Leiter des IBR (Institut für Handschriften- und Buchrestaurierung) und der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren in München, langjähriges Mitglied der DBI-Kommission für Bestandserhaltung.
E-mail: Bansa-hul@arcor.de
Zum Artikel:
Vortrag auf dem Bibliothekskongreß 2000 in Leipzig;
Stand: Januar 2002

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