Forum Bestandserhaltung
Home
Das Forum Grundlagen Konservierung und Restaurierung Konversion Notfall Dienstleister

Grundlagen

Allgemeines
Bestandserhaltungs- grundsätze
Erstellung von Gutachten / Mustergutachten
Konzeptionen
Weitere Arbeiten
Papierherstellung & Prophylaxe
Normen und Richtlinien
Klima und Lagerung
Boxing
Fundraising
Aus- und Fortbildung
Ausstellungen
Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Bestandserhaltung
Ein Beitrag von Dr. Helmut Bansa, München

Diesen Beitrag: drucken  
 

Einleitung

Die folgenreichste und für die Bibliothekare, die mit dem Verantwortungsbereich "Konservierung" und "Bestandserhaltung" betraut sind, ohne Spezialisten für die technische Durchführung entsprechender Maßnahmen zu sein, dürfte die Tendenz zur Kommerzialisierung und Privatisierung sein; ein Berichterstatter mit Vorliebe fürs Modische würde sagen: die Entwicklung zum Outsourcing. Vielleicht ist allein schon die Tatsache, dass ein solches, aus einer fremden Sprache entlehntes, dort in allgemeiner Bedeutung gebrauchtes Wort in unsere Sprache eindringt und mit spezieller Bedeutung gebraucht wird, ein Anzeichen für eine weitere neue Entwicklung, nämlich auf die, dass Konservierung und Restaurierung, die Sorge um den materiellen Bestand des Bibliotheksgutes, zunehmend Aufmerksamkeit gewinnt und heute auch in den Direktionsetagen ernsthaft und intensiv diskutiert und sogar zur Imagebildung benutzt wird, während sie dort früher, bis in die Gegenwart hinein, neben Digitalisierung und Vernetzung, Bestandsvermehrung und Personaleinsatz allenfalls auf ein etwas herablassendes Wohlwollen rechnen konnte.
 

Vergabe von Restaurierungsaufträgen

Hiermit ist die Vergabe von Aufträgen zur Restaurierung einzelner, wertvoller Stücke gemeint, solcher, die in ihrer überlieferten materiellen Gestalt, vorzüglich also in ihren überlieferten Einband, für die Zeit zeugen, aus der sie stammen. Auch hier wäre auf ein modisches Wort zu verweisen als Anzeichen für zunehmende Aufmerksamkeit und Einschätzung: man begegnet dem Wort intrinsischer Wert zur Beschreibung solcher Stücke. Es war schon immer möglich, Stücke dieser Art an das freie Gewerbe ausgegeben, und seit einer ganzen Reihe von Jahren konnte man das, bei Wahl der richtigen Werkstatt, auch guten Gewissens tun, wenn es auch geraten war - und geraten ist -, sehr genaue Anweisungen geben und die Arbeit zu überwachen. Eine neue Entwicklung ist es, dass die Zahl der geeigneten Werkstätten im Wachsen begriffen ist. Das ist sicher eine Folge der verbesserten Ausbildung. Es gibt heute nicht nur spezielle Ausbildungsstätten, die zum Buchrestaurator als eigenständigen Beruf hinführen: Studiengänge an der Kunstakademie in Stuttgart, der Fachhochschule in Köln und demnächst wohl auch in Hildesheim, die Staatliche Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren für Archiv- und Bibliotheksgut in München, um allein von denen in der Bundesrepublik Deutschland zu reden. Auch das Handwerk, das Buchbinderhandwerk, aus dem der Beruf des Buchrestaurators erwachsen ist, hat die Notwendigkeit einer gezielten und spezifischen Fortbildung erkannt und bietet entsprechende Kurse an [1].
 

Beratung

Als bedeutsame Neuerung aber ist nicht so sehr die Zunahme der Zahl freischaffender Restauratoren und deren Tendenz zu qualitativ besserer Leistung zu sehen, als vielmehr die Erweiterung von deren Dienstleistungsangebot. Es ist vielleicht verfrüht, hier schon von einer "neuen Entwicklung" zu sprechen. Es sind bisher nur sehr wenige Werkstätten, an den Fingern einer Hand abzuzählen, die über die Durchführung von Aufträgen zur Restaurierung einzelner Stücke und über Beratung im Einzelfall hinaus Dienste in einer Qualität und Intensität anbieten, die man als "Betreuung" bezeichnen kann: eigenverantwortlichen, auf gründlicher und vielseitiger Sachkenntnis beruhendes Mitdenken, Beraten und umfassendes Handeln; Sachkenntnis, die sich nicht auf das rein Technische und Restauratorisch-Fachliche beschränkt, sondern auch die bibliothekarischen Belange soweit einbezieht, wie es zum Mitdenken und Beraten von Biblio-theken erforderlich ist. Solche Betriebe sind die Voraussetzung für wirkliches Outsourcing: die Verlagerung der Sorge für den Erhalt der Bestände nach außen. Solchen im Entstehen begriffenen Werkstätten kann man z.B. den Auf- und Abbau einer Ausstellung anvertrauen. Man kann sie heranziehen, wenn es um Schimmel- oder Wasserschäden geht, um die Sanierung eines vernachlässigten, vielleicht aus dem Keller oder dem Dachboden eines Privatmannes erworbenen Bestandes, um die Eignung eines neu zur Verfügung stehenden Raumes, um die Planung eines Ausweichmagazins, u.s.w. Sie sind auch im Katastrophenfall heranzuziehen und bei der Planung und Einschätzung des Aufwandes zur Sanierung des ganzen Bestandes durch eine Kombination der zur Verfügung stehenden Maßnahmen.
 

Technische Dienste

Je stärker die Sorge für den ganzen Bestand anstelle der Sorge für das einzelne wertvolle Stück in das Blickfeld rückt, desto lauter wird der Ruf nach mechanisierten Maßnahmen. Denen sind zwar Grenzen gesetzt; manches, was zum Erhalt eines Bestandes erforderlich ist, der sich ja aus einzelnen Stücken zusammensetzt, denen, je älter sie sind, desto mehr, ein intrinsischer Wert zuzusprechen ist, lässt sich nun einmal nicht mechanisieren, oder nur unter Inkaufnahme sehr erheblicher qualitativer Abstriche. Das gilt in hohem Maße für den Bucheinband. Anderes aber ist mechanisierbar, und Forschungs- und Entwicklungsarbeit der letzten Jahrzehnte hat zu einsatzfähigen Systemen geführt. Das gilt in erster Linie für das Neutralisieren, bei Betrachtung eines ganzen Bestandes um das Massenneutralisieren, zu verstehen als die entsprechende Behandlung ganzer Bücher ohne sie zu zerlegen, und es gilt auch für die Festigung in blattweisen Verfahren, d.h. von Objekten, die als einzelne Blätter vorliegen, was für Bibliotheksgut freilich kaum je zutrifft, im Gegensatz zu den Beständen in Archiven. Wenn man die Blätter eines Buches einem solchen Verfahren unterziehen will, muss man das Buch zerlegen, und der damit verbundene Aufwand lassen - im bibliothekarischen Kontext - den Begriff "Massenverfahren" fragwürdig erscheinen.

Die entsprechenden Verfahren zur Massenentsäuerung und die Verfahren zur Behandlung einzelner Blätter in kontinuierliche und mechanisierten Ablauf sind auf Initiative von Bibliotheken und Archiven entwickelt worden, finanziert von der Öffentlichen Hand, sei es direkt oder über Stiftungen. Die Anlagen entstanden an oder für Öffentliche Institutionen, d.h. für einzelne Archive oder Bibliotheken, und es war daran gedacht, sie in deren Regie für die eigenen Bestände einzusetzen. Die Neuerung, über die zu berichten ist, besteht darin, daß jetzt daran gedacht wird, sie als Dienstleistungen anzubieten, zur Nutzung durch jeden, der sie bezahlen kann und will.
 

Massenneutralisierung: Battelle

Die Battelle-Ingenieurtechnik GmbH, vormals Battelle-Institut, war die Institution, welche die vor nunmehr zwölf Jahren vom Bundesinnenministerium initiierte Aktivität durchgeführt hat, in Deutschland auf der Grundlage der damals erreichten Kenntnis- und Entwicklungsstandes eine Massenneutralisierungsanlage zu bauen. Es gab damals weltweit zwei wirklich arbeitende, nicht nur im Versuchsstadium befindliche Anlagen, die eine in Kanada, die andere in Frankreich, beide betrieben mit den gleichen - oder nahezu gleichen - Chemikalien und in gleichem - oder nahezu gleichen - technischen Ablauf. Beide erschienen den Ingenieuren des Battelle-Instituts und auch den Vertretern der bibliothekarischen Seite, die die Anlagen kannten, so wenig ausgereift, dass ein einfacher Nachbau nicht in Frage kam. Battelle erarbeitete einen stark verbesserten Verfahrensablauf, behielt aber die Chemie des Verfahrens bei. In dieser Chemie spielen Fluorkohlenwasserstoffe eine wichtige Rolle. Um diese erhob sich zur Zeit der Entwicklungsarbeit die öffentliche Diskussion wegen ihrer Umweltschädlichkeit. Battelle nahm das zum Anlass, nach einem alternativen chemischen Verfahren zu suchen und wurde auch fündig. Aus Gründen, die man als "verwaltungstechnische" und "politisch" zusammenfassen kann und die jedenfalls mit dem Verfahren nichts zu tun haben, entstanden bis 1994 zwei Anlagen nach diesem Verfahren: eine bei dem Träger der Entwicklung, dem inzwischen zu der Dienstleistungsfirma Battelle Ingenieurtechnik GmbH in Eschborn bei Frankfurt mutierten Battelle-Institut und bei der Deutschen Bücherei in Leipzig, demjenigen Zweig der damals neu entstandenen Deutschen Bibliothek, welcher die Aufgabe der Bestandspflege der neuen Gesamt-Institution "Die Deutsche Bibliothek" zugewiesen worden war - neu entstanden im Laufe der vielfältigen und oft turbulenten politischen und verwaltungstechnischen Entwicklung, welche diese Zeit prägte.

Dass die Battelle Ingenieurtechnik GmbH das Neutralisieren von Büchern als Dienstleistung anbietet ist hier nur um der Vollständigkeit zu erwähnen; es ist nicht eigentlich eine neue Entwicklung. Neu ist vielleicht, dass über das Verfahren erste Erfahrungen von verschiedener Seite und in verschiedener Bewertung vorliegen. Die Kommission Bestandserhaltung des DBI hat die Absicht, diese zu sammeln, nach klar definierten, am Zweck der Behandlung und am Zweck der behandelten Objekte orientierten Kriterien zu prüfen und dann im Gespräch mit den Anbietern und den Kunden zu bewerten, aber darauf soll hier nur ein Ausblick gegeben werden. Dies wird nicht die erste Evaluierung der verfügbaren Massenneutralisierung sein [2]. Es wird aber angestrebt, dass sie sich von den bisherigen durch bessere Orientierung an den Realitäten unterscheidet: einmal an den technischen und chemischen Gegebenheiten, d. h. was man von einem Massenneutralisierungsverfahren erwarten darf und was nicht, und zum anderen an den bibliothekarischen: welches Gewicht und welche Bedeutung für die zweckentsprechende Benutzung haben die unerwünschten Nebenwirkungen, von denen keines der verfügbaren Verfahren frei ist, die aber nicht dazu führen dürfen, die Massenneutralisierung in Bausch und Bogen zu verdammen. Es gibt zu ihr keine Alternative. Es gibt wohl auch keine wirklichen, auf anderer Chemie und anderer Anwendungstechnik beruhende Alternativen zu den bisher entwickelten Verfahren.
 

Libertec

Bei einer der erwähnten Evaluierungen hat ein Verfahren, das vorher niemand so recht ernst genommen hatte, weil seine unerwünschten Nebenwirkungen allzu offenkundig und seine Wirksamkeit allzu fragwürdig erschien, überraschend gut abgeschnitten: das Bookkeeper-Verfahren, bei dem das neutralisierende Agens, vereinfacht gesprochen, als extrem feiner Staub zwischen die aufgefächerten Blätter der zu behandelnden Bücher geblasen werden. Dieses positive Abschneiden hat ein Ingenieurbüro in Deutschland veranlasst, sich näher mit ihm zu befassen. Es war ursprünglich an eine Kooperation mit dem amerikanischen Anbieter gedacht; es entstand dann aber eine selbständige Firma, die Libertec Bibliotheksdienst GmbH in Nürnberg. Sie hat die Chemie des Verfahren etwas modifizierte und die Anwendungstechnik stark verbesserte und bietet es heute als Alternative zum Battelle-Verfahren an. Es wird in die von DBI geplante Evaluierung in Bezug auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen einbezogen; die bisher, teils von der Firma und teils auch von ihren Kunden veranlassten Untersuchungen hierzu haben das positive Urteil der früheren Evaluierung - es handelt sich um die des Canadian Conservation Institute - bestätigt. Die vom DBI geplante wird die spezifischen Vorteile im Vergleich zu denen des Battelle-Verfahrens herauszustellen versuchen.
 

Papierfestigung: Spalten

Die Massenneutralisierung ist nicht das einzige, was heute kommerziell für jeden, der es bezahlen kann und will, verfügbar ist bzw. in naher Zukunft verfügbar sein wird. Es war immer der Traum der Bibliothekare und Archivare, die nach mechanischen, automatischen, fabrikmäßigen Verfahren zur Sanierung der vom chemischen Verfall bedrohten und der ihm schon zum Opfer gefallenen Bestände gesucht haben: zur Sanierung, nicht nur zum Stoippen des Abbauprozesses und zum Konservieren des zum Behandlungszeitpunkt erreichten Verfallszustandes. Bei der Forschung zur Massenneutralisierung war immer auch die Frage einbezogen, ob nicht gleichzeitig das bereits brüchig gewordenes Papier auch gefestigt werden kann. Aufgrund der bisherigen Anstrengungen der Forschung und ihrer Ergebnisse muss man dieses Ziel skeptisch beurteilen. Eine vielleicht etwas krass formuliertes, sachlich aber nicht falsches Urteil lautet: ein Festigkeitszuwachs, der sich mit Methoden erreichen lässt, die auf das Papier ganzer, gebundener, nicht zerlegter Bücher anwendbar sind, ist überhaupt nur an solchen Papieren messbar, die, vom Standpunkt der Benutzbarkeit in der Bibliothek her gesehen, keine Festigung bräuchten. Zur Festigung von wirklich brüchigem Papier muss blattweise gearbeitet, muß das Buch zerlegt werden. Dieses Statement gilt nach Meinung des Referenten auch für das Wiener kombinierte Neutralisierungs- und Festigungsverfahren, zu dem die Bücher zerlegt und dann, wenn auch nicht zu einzelnen Blättern, so doch zu Blattstapeln getrennt werden müssen. Und weiter erfährt das Papier aber dann, wenn es wirklich bis zur Unbenutzbarkeit - Bruch bei Eckfalzung - geschädigt ist, durch das Wiener Verfahren keine Festigung, die es wieder benutzbar machen würde. Zum Festigen solch wirklich brüchigen Papiers muss dieses mit einem zweiten blattförmigen Gebilde kombiniert werden. Neben dem Laminieren, dem Einschweißen in Kunststoff-Folie oder zwischen kunststoffbeschichtetes dünnes Papier (Japanseidenpapier) ist es gelungen, das ästhetisch weitaus anspruchsvollere Papierspaltverfahren zu mechanisieren. In Leipzig steht oder entsteht eine Anlage, in die man das geschädigte, vorher in eigenem, ebenfalls mechanisierten Arbeitsgang an den Fehlstellen ergänzte Papier an der einen Seite einlegt und an der anderen gespalten und durch einen innen eingebrachten Kern gefestigt wieder herausnimmt. Über Kosten und Anwendungsbereich, ob das maschinelle Spalten bei Objekten von reinem Informationswert mit der Format Conversion - wieder ein Modewort, mit dem in der Regel das Verfilmen und Kopieren gemeint ist - und ob es bei solchen mit intrinsischem Wert dem Anspruch an die Ästhetik genügen kann, soll hier nicht gesprochen werden. Die neue Entwicklung, über die zu berichten ist, besagt, dass das Leipziger mechanisierte Papierspaltverfahren demnächst als Dienstleistung angeboten werden wird, nutzbar für alle, die es bezahlen können und wollen.

Soweit aus den verfügbaren Unterlagen ersichtlich, bereitet die Deutsche Bücherei in Leipzig mit dem Maschinenkonstruktionsbüro Becker aus Winnenden in Württemberg, die jetzt, ausschließlich oder in einer Tochterfirma, als Becker Preservotec firmiert, ein Unternehmen namens Zentrum für Bucherhaltung vor. Es wird Nassbehandlungen verschiedener Art (Reinigen, Neutralisieren, Bleichen) und eben auch das Festigen durch Papierspalten anbieten, kombiniert mit der Fehlstellenergänzung an dem zu spaltenden Papier im Anfaserverfahren. In den weiterführenden Überlegungen zum Ausbau des Unternehmens kommen auch die Verfilmung, die Beschaffung von Ersatzkopien, die Sorge für Schutzkartonagen, für neue Einbände und sogar für antiquitätengerechte Restaurierung vor. Wenn sich diese Überlegungen realisieren lassen, wird dermaleinst ein Dienstleistungsunternehmen zum vollen und umfassenden Outsourcing des gesamten bibliothekarischen Verantwortungsbereiches der Bestandserhaltung zur Verfügung stehen.
 

Bückeburger Verfahren

Parallel zu den Bemühungen um ein brauchbares Massenneutralisierungsverfahren suchten die Archive, entsprechend der dort vorherrschenden physikalischen Formen und dem hohen Rang, den die physische Unversehrtheit bei Objekten von potentieller Rechtswirksamkeit einnimmt, was für Archivalien fast immer und für Bibliotheksgut fast nie zutrifft, nach mechanisierten Verfahren der Konservierung, die eine blattweise Behandlung in Kauf nehmen und so das konservierungswissenschaftlich gesehen weit überlegene Behandlungsmedium Wasser zulassen, die materielle Integrität der Objekte aber nicht antastet. Diese materielle Integrität eines Blattes wird ja beim Spalten zunächst einmal zerstört, um dann in veränderter - verbesserter - Form wieder hergestellt zu werden. Es entstand im Staatsarchiv in Bückeburg eine entsprechende Anlage [3] zur blattweisen Behandlung von Archivalien in drei Bädern: dem ersten zum Fixieren von Tinten und anderen Schreibstoffen - ein spezifisch archivalisches Problem, das gegen den Einsatz von Lösemitteln spricht, mit dem die meisten Massenneutralisierungsverfahren arbeiten -, dem zweiten zum Neutralisieren und Puffern nach einem der unbestritten überlegenen wässrigen Erdalkali-Bicarbonat-Verfahren - überlegen und Standard in den Restaurierwerkstätten der Welt schon allein deshalb, weil vorhandene lösliche Säuren und andere Abbauprodukte ausgewaschen werden - , dem dritten zum Nachleimen und Festigen mit Celluloseäther, eine Maßnahme von sicher vielfach nicht ausreichender, aber immerhin, bei mäßiger Schädigung, auch nicht nutzloser Wirkung. - Die neue Entwicklung, über die zu berichten ist: Auch das Bückeburger Verfahren wird jetzt privatisiert und kommerziell angeboten; der Partner aus der freien Wirtschaft ist, so hört man, die Firma Neschen, in der Konservierungskunde bekannt als Hersteller von acrylatbeschichtetem dünnem Papier, seien es Streifen mit selbstklebendem Polyacrylat zum Ausbessern von Rissen in vielbenutzten, aber nicht auf lange Dauer wegen ihres intrinsischen Wertes aufzubewahrende Lesesaalbeständen, seies Bögen zum Heißsiegeln in Fällen, in denen nicht nass gearbeitet werden kann.
 

Hilfe im Katastrophenfall

Als letzte in der Reihe der jetzt zur Verfügung stehenden technischen Dienste zur Konservierung von Beständen in Bibliotheken und Archiven ist von einem Nebenergebnis der Entwicklung des Massenneutralisierungsverfahrens des Battelle-Instituts bzw. der Battelle Ingenieurtechnik GmbH zu berichten. Für dieses Verfahren, wie natürlich auch für die chemisch verwandten in Kanada und in Frankreich, sind Kammern zur Herstellung von Unterdruck (Vakuum) erforderlich, und solche Kammern sind auch erforderlich, wenn es gilt, Bücher, die durch einen Unglücksfall durchnässt sind, rasch zu trocknen. Der Stand der Technik im Katastrophenfall - es geht fast immer um Wasser, im Brandfall um das Löschwasser der Feuerwehr - ist das rasche Einfrieren des durchnässten Gutes und das anschließende Trocknen durch Sublimierung des Eises im Vakuum, vulgo Gefriertrocknung. Einer der Ingenieure, die bei Battelle das Massenneutralisierungsverfahren entwickelt haben, hat eine eigene Firma gegründet und bietet um die zentrale Leistung des Gefriertrocknens durchnässter Bücher eine Reihe von anderen Serviceleistungen an, nach denen im Katastrophenfall und in seinem Gefolge ein Bedarf besteht. Die Firma heißt PTS: Papiertrocknungsservice [4] und hat ihren Sitz in Neu-Isenburg bei Frankfurt. Entsprechend ihrer Zielsetzung, nämlich der Hilfe im Katastrophenfall, bietet sie einen Rund-um-die-Uhr-Service, 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Neben der Ersten Hilfe - nämlich der Bergung des durchnässten Gutes, Abtransport im Tiefkühlwagen, bei Massen die nicht unverzüglich getrocknet werden können die Zwischenlagerung im Tiefkühlhaus - und dem Gefriertrocknen bietet sie auch eine Nachsorge an: Pressen der Bücher, um sie zu glätten, Vermittlung restauratorischer Maßnahmen. Ergänzend zu der generellen Zielsetzung, weitergehenden Schaden, nämlich Schaden durch mikrobiologisches Wachstum zu verhindern, der bei durchnässten Büchern je nach Temperatur innerhalb weniger Tage auftreten kann, bietet die Firma PTS auch Hilfe an, wenn ein solcher Schaden bereits eingetreten ist, was als Folge ungeeigneter Lagerung oder eines unbemerkten Wassereinbruchs nicht eben selten ist.
 

Ausblick

Die Zielsetzung der Firma PTS, die Überlegungen, die, wie es scheint, bei der im Entstehen begriffenen Firma Becker Preservotec angestellt werden und die Tendenz zur Ausweitung rein technisch-restauratorischer Leistungen auf umfassende Beratung, die, wie eingangs berichtet, bei manchen freien Restauratoren zu beobachten ist, sind vielleicht diejenigen unter den hier zusammengestellten neuen Entwicklungen, die den Bibliotheken den größten Nutzen bieten und denen man deshalb guten Erfolg und Akzeptanz wünschen soll. Im Katastrophenfall werden sehr schnell eine sehr spezielle Sachkenntnis und sehr spezielle technischen Einrichtungen benötigt, die selbst in einer großen Bibliothek mit eigener Restaurierwerkstatt nicht vorhanden sind. Die Übernahme verschiedener Dienstleistungen zur Bestandserhaltung, zur Konservierung und Restaurierung, die Vermittlung von Leistungen, die der eigene Betrieb nicht erbringen kann, und die umfassende Beratung und Betreuung in allen Fragen der Konservierung wird auch diejenigen Bibliotheken am Stand der ziemlich weit entwickelten Konservierungstechnik und des Konservierungsmanagements teilhaben lassen, für die eine eigene Restaurierwerkstatt und eine eigene Dienststelle für Bestandserhaltung nicht in Betracht kommen.

 

 
Anmerkungen
[1] Buchbinderkolleg in Stuttgart, Fachschule für Buchrestaurierung am Centro del bel libro in Asconazum Text
 
[2] 1987:
Cunha, G.M.: Mass deacidification for libraries. Library Technology Reports 23,3 (1987): 365-477.

1990:
Ausschreibung der LC, Bewertung der Ergebnisse durch das Institute of Papier Science and Technology, Project 3717 (4 umfangreiche Reports 1991; Zusammenfassung: Brandis, L.: Summary and evaluation of the testing sponsored by the Library of Congress of books deacidified by FMC, Akzo and Wei T'o mass deacidification processes. Restaurator 15 (1994): 109-127).

1991:
Lienardy, A.: A bibliographic survey of mass deacidification methods. Restaurator 12 (1991): 75-103.

1992:
Lienardy, A. , Ph. Van Damme: La désacidification en masse des livres et documents. Bruxelles: Institut Royal du Patrimoine Artistique 1992.

1992:
Brandt, A.-C.: Mass deacidificatioin of paper. Pro Libris. Paris: Bibl. Nat.1992

1996:
Porck, H.J.: Mass deacidification. An update of possibilities and limitations. Amsterdam: European Comm. On Pres. And Access; Washington: Comm. On Pres. and Access 1996. zum Text

[3] Höing, H.: Die Konservierungsanlage im Niedersächsischen Staatsarchiv in Bückeburg. Der Archivar 50 (1997): 72-82. zum Text
[4] ABI Technik, Neu-Isenburg zum Text

 
Zum Autor:
Dr. Helmut Bansa, Herausgeber der Zeitschrift RESTAURATOR, ehemaliger Leiter des IBR (Institut für Handschriften- und Buchrestaurierung) und der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren in München, langjähriges Mitglied der DBI-Kommission für Bestandserhaltung.
E-mail: Bansa-hul@arcor.de
Zum Artikel:
Erweiterter und mit Anmerkungen versehener Text; auch gehalten auf dem 7. Deutschen Bibliothekskongress 1997 in Dortmund

 
 

Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de