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Die Sorge um Bücher und Urkunden
Ein Beitrag von A. D. Baynes-Cope, London (Deutsche Bearbeitung und Vorwort von Dr. Helmut Bansa, Zeichnungen von Karl Jäckel)

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Vorwort

Der Autor dieses Beitrags, Arthur David Baynes-Cope, ist Leiter der Abteilung für Organische Chemie am Forschungslabor des Britischen Museums, zu dem bis vor wenigen Jahren auch die Britische Bibliothek gehörte. Er erhielt in dieser Eigenschaft, nicht anders als die Referenten für Konservierung und die Leiter einschlägiger Werkstätten aller großen Bibliotheken und Archive, immer wieder Anfragen, was denn gegen diesen oder jenen Schaden zu tun, wie er zu bekämpfen und wie ihm künftig vorzubeugen sei. Sie kommen von Privatleuten, die Bücher, graphische Blätter, Karten u. s. w. sammeln oder die Urkunden zur Geschichte ihrer Familie besitzen, so gut wie von den Verantwortlichen für kleinere Bibliotheken und Archive.

In der Regel können solche Anfragen nur nach Inaugenscheinnahme des Schadens an Buch oder Dokument, oft nur nach Inaugenscheinnahme der Aufbewahrungsbedingungen sinnvoll, beantwortet werden. Baynes-Cope hat sich die Mühe gemacht, die Quintessenz, sozusagen das kleinste gemeinsame Vielfache der am häufigsten zu gebenden, für ihn im Laufe der Zeit zur Routine gewordenen Antworten, zusammenzustellen und eine Begründung zu erarbeiten, die den Sammler überzeugt, der zur Verwirklichung der Ratschläge Geld und Mühe aufwenden muss. Er hat das Ganze leicht verständlich gegliedert und als offizielle Publikation des Britischen Museums veröffentlicht.

Der hier gebotene Text ist die deutsche Bearbeitung des im Jahre 1981 erschienenen englischen Buches. Es war nicht nur die Sprache ins Deutsche zu übersetzen und nicht nur die Liste der weiterführenden Literatur umzuschreiben. Es galt vielmehr auch die Situation des Sammlers zu transponieren, und manchmal sogar sachliche Details, die sich auf der Insel anders darstellen als auf dem Kontinent. Der Leser, an den Baynes-Cope sich wendet, hat seine Bücher zum größeren Teil in einem Landhaus, das er nur zeitweise bewohnt; die deutsche Fassung spricht mehr den Bücherfreund in der städtischen Etagenwohnung oder in einem Reihenhaus an.

Die Intention aber wurde gewahrt. Der Leser findet in dem Beitrag mehr Ratschlag und Richtlinie als Instruktion; er findet Angaben, die Ratschlag und Richtlinie begründen und verständlich machen, so dass er sie entsprechend seinen individuellen Möglichkeiten abändern, sie seiner besonderen Situation anpassen kann, ohne ihren Sinn zu verlieren. Gerade für den privaten Sammler, aber oft auch für die Bibliothek, sind Kompromisse zwischen Ideal und Möglichkeit unvermeidlich.

Der Beitrag hat auch die Intention, das Interesse des Sammlers für seine Bücher als materielle Objekte zu wecken und ihn zum Lesen in dem einen oder anderen weiterführenden Buch anzuregen. Dem dient die Liste der Literatur. Sie ist sehr weitgespannt und reicht von der Papiergeschichte über das Werkstattbuch für angehende Buchbinder und die Anleitung für den Hobby-Handwerker bis zum Fachbuch über Papierrestaurierung. Diese letztere Gattung wurde nicht ohne Bedenken aufgenommen. Vor der Anwendung von Rezepten zum Entfernen von Flecken und Stempeln, zum Reinigen, Bleichen, Neutralisieren ist der Unerfahrene zu warnen. Andererseits ist das, was der Buchrestaurator tut, keine Hexerei. Was so aussieht, ist vielmehr Geschick, angewandt am dankbaren Objekt. Es erscheint in der Tat als Hexerei, wenn ein schimmelnder Klumpen in ein schmuckes Buch, ein schmutziger Fetzen in ein dekoratives graphisches Blatt rückverwandelt wird. Die Mittel, der Verwandlung, anzuwenden am einfachen Objekt und im weniger schwierigen Fall, kann durchaus auch der Laie lernen. Viel besser aber ist es, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass solche Mittel gar nicht erforderlich sind. Hierfür Hinweise und Ratschläge zu geben, ist Ziel dieses Beitrags.

 

Inhalt

1 Theoretische Gesichtspunkte
1.1 Ideale
1.2 Die Materialien von Büchern und Urkunden
1.2.1 Ein wenig über Cellulose
1.2.2 Pergament
1.2.3 Kunstdruckpapier
1.2.4 Tinten
1.2.5 Bücher
 
2 Die Feinde von Büchern und Urkunden
2.1 Physikalische und mechanische Schäden
2.2 Biologische Feinde
2.2.1 Insekten
2.2.2 Mikro-Organismen
2.3 Chemische Schäden
2.4 Verlust und Diebstahl
 
3 Gegenmittel
3.1 Das Gebäude
3.2 Der Raum
3.2.1 Raumklima
3.2.2 Thermometer und Hygrometer
3.3 Wenige Bücher
3.4 Ein einzelnes wertvolles Buch
3.5 Einzelne Blätter
3.5.1 Kleinere Blätter
3.5.2 Große Blätter
3.5.3 Gerollte Blätter
3.5.4 Reparatur
 

 

1. Theoretische Gesichtspunkte zum Inhalt

1.1 Ideale zur Übersickt

Wir wollen an den Anfang unserer Überlegungen das stellen, was Experten derzeit als ideale Bedingungen für die Aufbewahrung von Büchern und Urkunden empfehlen. Die Temperatur soll, so sagen sie, zwischen 13° und 18° C liegen und die relative Luftfeuchtigkeit zwischen 55 % und 65 %, vielleicht bis hinab zu 50 %, wenn alle Bücher und Urkunden aus Papier und keines aus Pergament besteht. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sollen nicht schwanken mit der Zeit. Sie sollen in allen Bereichen des Raumes gleich sein. Die Luft im Raum darf keine oxidierenden, keine reduzierenden und keine säurebildenden Gase enthalten, und sie soll sich alle zehn Minuten austauschen.

Die geschilderten Bedingungen beschreiben die Wirkungen einer gut funktionierenden Klima-Anlage. Sie stellen ein theoretisches Ideal dar. Ihm wäre entgegenzuhalten: Klima-Anlagen gibt es seit kaum fünf Jahrzehnten, Bücher und Urkunden aber haben fünf und zehn Jahrhunderte überdauert, auch wenn im Raum ihrer Aufbewahrung ein durchaus anderes Klima herrschte als das des theoretischen Ideals. Es bedarf keines Beweises, dass Bücher keinerlei Schaden erleiden, wenn sie bei Temperaturen weit unter 13° C lagern. Für die meisten Büchersammler, Privatleute wie Professionelle, ist das theoretische Ideal irreal. Um es herzustellen, braucht man ein komplexes System zum Ansaugen, Filtern, Kühlen, Trocknen, Befeuchten, Wärmen und Ausblasen von Luft, dessen einzelne Aggregate sich je nach den meteorologisch vorgefundenen und vom Nachbaraggregat geschaffenen Messwerten der Luft automatisch ein- und ausschalten. Nur wenige Sammler können sich das leisten. Mit der Anschaffung des Systems ist es nicht getan; ist es erst einmal installiert, braucht man Zeit und Mühe um es zu justieren, und eigentlich muss ein Techniker dauernd bereitstehen, um die immer wieder auftretenden Störungen rasch zu beseitigen.

Wenn wir bedenken, aus was für Materialien Bücher und Urkunden gemacht sind, wie sich diese bei verschiedenen Temperaturen und Feuchtigkeiten verhalten, welches ihre Feinde und Gefahren sind und wie man diesen begegnen kann; wenn wir weiter bedenken, wie ein Raum gebaut und eingerichtet sein muss, damit sich in ihm Temperatur und Luftfeuchtigkeit nicht oder nur wenig und nur langsam ändern - wenn wir all das bedenken, sollte es uns möglich sein, zu beschreiben, wie ein Raum mit einem Minimum an Kosten so eingerichtet werden kann, dass sich Bücher und Urkunden in ihm über lange Zeiträume aufbewahren lassen ohne Schaden zu nehmen.

Zeit, Geld und Mühe muss auch hierfür aufgewandt werden. Es soll aber in sinnvollem Verhältnis stehen zu dem Geld, der Mühe und der Zeit, die das Sammeln der Bücher gekostet hat. Ganz ohne Aufwand geht es nicht. Sorglosigkeit und Vernachlässigung führen allzu leicht zum Verlust von wichtigen, schönen, interessanten und wertvollen Büchern und Urkunden.

 

1.2 Die Materialien von Büchern und Urkunden zum Inhalt

Um die richtigen Aufbewahrungsbedingungen für Bücher und Urkunden zu finden, muss man wissen, woraus Bücher und Urkunden bestehen. Etwa mit dem Beginn unserer Zeitrechnung, im Römischen Weltreich seiner größten Ausdehnung, begann der vorher allbeherrschende Beschreibstoff Papyrus, eine Erfindung aus Afrika (Ägypten), langsam an Bedeutung zu verlieren. Zwei andere Materialien, Pergament und Papier, das eine aus Klein-, das andere aus Ostasien, haben ihn nach und nach und nacheinander vollständig verdrängt.

Pergament hat seinen Namen von der antiken griechischen Stadt Pergamon, heute Bergama in Westanatolien. Es wird aus der Haut von Tieren hergestellt, entweder von Kälbern oder von Jungschafen und Ziegen. Im Englischen gibt es für diese beiden häufigsten Pergamentarten zwei verschiedene Worte: parchment für Kalbspergament, vellum für das Pergament vom Jungschaf und von der Ziege. Auch die Häute anderer Tiere sollen gelegentlich zum Pergamentmachen herangezogen worden sein, z. B. die des Rehs, und in der Königlichen Bibliothek in Stockholm liegt ein Stück, das als der Welt größtes handgeschriebenes Blatt gilt: ein Eselspergament.

Die Haut des geschlachteten Tieres wird in Kalkbrühe gelegt, um die Haare zu entfernen. In nassem Zustand wird sie in einen Rahmen gespannt, geschabt, getrocknet und mehrfach wieder gefeuchtet, bis sie weich und gleichmäßig dick ist. Die skizzierte Herstellungsweise macht deutlich, dass der trockene, flache, gleichmäßige Zustand eines guten Pergaments nichts Natürliches ist. Im Blatt herrschen starke Spannungen, die sich lösen und die sich in Wellung und Faltung bemerkbar machen, wenn Temperatur und Feuchtigkeit schwanken.

Papier wurde in China erfunden, der Überlieferung nach im Jahre 106 n. Chr. von Tsai Lun. Tsai Lun war Obereunuch des Kaisers, d. h. ein wichtiger und mächtiger politischer Beamter. Mit Sicherheit gab es schon vor 106 in China papierähnliche Werkstoffe, und Tsai Lun kommt wohl das Verdienst zu, deren Herstellung gefördert und die Initiative zu technischen Verbesserungen gegeben zu haben. Die Kenntnis des Papiermachens drang langsam nach Westen vor und erreichte das christliche Europa im 13. Jahrhundert.

Der wesentliche Bestandteil von Papier ist die Cellulosefaser. Nur für bestimmte technische Papiere, auch zur Sicherung gegen Fälschung z. B. von Papiergeld, werden Beimengungen mineralischer, synthetischer und Fasern tierischen Ursprungs (Seide, Haare) verwendet. Cellulose ist das wichtigste Baumaterial der Natur; alle Pflanzen, von den Gräsern bis zu den Bäumen, bestehen - neben Wasser - überwiegend aus Cellulose. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der einzige Rohstoff für die Papierherstellung in Europa und in Amerika nicht mehr brauchbare Kleidung aus Baumwolle und Leinen, auch nicht mehr brauchbare Fischernetze aus Hanf. Die langen, festen Fasern des Bastes vom Flachs, der Pflanze für das Leinen, ergaben das beste Papier. Die nicht mehr brauchbare Kleidung (Hadern) wurde gereinigt, wenn nötig auf dem Rasen gebleicht, zerschnitten, durch Lagern in Kalkbrühe gelockert, und schließlich zu einer Masse aus einzelnen Fasern zerstampft. Die Erfindung des "Holländers" im 17. Jahrhundert, einer nach dem Herkunftsland genannten Maschine zum Schneiden und Quetschen der Hadern und Fasern, führte zu kürzeren, dünneren, stärker gespaltenen (fibrillierten) Fasern und sie machte das Lagern in Kalkbrühe entbehrlich. Die weitaus bedeutendere Neuerung war die Erfindung der Papiermaschine. 1798: N. L. Robert; 1806: H. Foudrinier. Mit ihr konnte Papier um ein Vielfaches schneller produziert werden als durch das Schöpfen von Hand, das für jedes Blatt 12 bis 15 Sekunden in Anspruch nahm.

Die Papiermaschine machte die schmale Rohstoffbasis für Papier, nämlich die ungenügende Menge der anfallenden Lumpen, im vollen Umfang deutlich und ließ nach Ersatzstoffen, Gräsern, Stroh, Holz, Ausschau halten. Als Zwischenlösung des Rohstoffproblems, die aber bis heute angewandt wird, setzte man dem Papier mineralische Stoffe zu, z. B. Porzellanerde oder Kreide. Ein Zusatz von Kreide (Calciumcarbonat) ist gut für das Papier. Zu Anfang der Technik, das Papier, wie man sagt, zu füllen, in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden aber so große Mengen Füllstoff (Porzellanerde) verwendet, dass als Folge davon und als Folge der damals ebenfalls aufkommenden alaungefällten Harzleimung mehrfach geklagt wurde, das neumodische Papier würde nach kurzer Zeit zu Staub zerfallen. Schlimmer noch wurde die Situation nach der Erfindung des Holzschliffs. Dieses Material, sehr fein zerkleinertes Holz, gibt dem Papier keine zusätzliche Festigkeit. Da es saure Gase aus der Luft aufnimmt, da es am Licht und an der Luft schnell vergilbt, abbaut und dabei Säuren bildet, ist es in hohem Grade schädlich. Holzschliff macht das Papier auf die Dauer brüchig.

Cellulosefasern allein, zu Blättern gegossen und getrocknet, bieten keinen brauchbaren Beschreibstoff. Löschpapier, Filterpapier besteht nur aus Cellulose; es saugt das Wasser zu stark auf. Erst wenn das Blatt aus Fasern an der Oberfläche dünn mit Leim beschichtet wird, kann man es mit Tinte beschreiben. In alter Zeit in Europa wurde das Papier tierisch geleimt. Der beste Leim wurde aus Pergamentabfällen gekocht; er macht das Papier geschmeidiger als der Leim aus Knochen. Wenn die alten Papiermacher dem Leim Alaun zufügten, wurde die Leimlösung dicker und ihre Wirkung wurde verstärkt. Der Säuregrad des Papiers aber nahm zu und seine Dauerhaftigkeit nahm ab.

Handgeschöpftes Papier wurde nachträglich, nach der Blattbildung geleimt. Nach der Erfindung der Papiermaschine wurde diese Technik als sehr umständlich empfunden, und man suchte nach einer Methode, das Papier bei der Blattbildung, in der Maschine zu leimen. Die "Masseleimung" arbeitet mit einer Mischung von Alaun (Papiermacheralaun: Aluminiumsulfat) und Harz. Durch sie nahm der Säuregehalt des Papiers und mit ihm sein Verfall mit dem Altern noch einmal zu, diesmal entscheidend. Erst seit einigen Jahren gibt es neutrale Leimungsmethoden für besseres Papier. Sie sind noch nicht sehr weit verbreitet.

 

1.2.1 Ein wenig über Cellulose zum Inhalt

Cellulose ist ein Polymer; das heißt, ihre Moleküle sind ziemlich groß und bestehen aus einer Vielzahl von kleinen, gleichartigen Einheiten. Die Einheit, aus der Cellulose besteht, sein Monomeres, ist ein Zucker, den die Chemiker Cellobiose nennen. Er wird von zwei Glukose-Molekülen gebildet. Die Cellulose-Moleküle sind lange, unverzweigte Ketten. Sie liegen zu Bündeln geordnet nebeneinander und bilden Einheiten, aus denen in bestimmter Ordnung zueinander, die Fasern aufgebaut sind. Diese stark vereinfachte Beschreibung mag für unsere Zwecke genügen.

Das Glukose-Molekül, die kleinste Einheit, auf die Cellulose zurückgeführt werden kann, enthält Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff. Fünf Atome Kohlenstoff bilden, zusammen mit einem Sauerstoff-Atom, einen Ring, an dessen Außenseite Wasserstoff- und Sauerstoffatome in einer Weise angeordnet sind, die der Chemiker Hydroxylgruppen nennt. Die ganze, lange, aus Ringen bestehende Kette des Cellulosemoleküls entlang sind Hydroxylgruppen. Was diese so wichtig macht, ist die Tatsache, dass Wassermoleküle mit ihnen eine halbchemische Verbindung eingehen können. Zwischen beieinander liegenden Cellulose-Molekülen befinden sich Wassermoleküle, welche diese an den Stellen, wo sie vorkommen, in gewissem Abstand voneinander halten. Andererseits können Cellulose-Moleküle an den Hydroxylgruppen über "Wasserstoffbrücken", wie der Chemiker sagt, eine halbchemische Verbindung mit sich selbst bzw. mit einem benachbarten Cellulosemolekül eingehen. An diesen Stellen ist die Struktur der Cellulose sehr dicht. Auch an der Faseroberfläche sind Hydroxylgruppen; auch dort kann entweder Wasser oder Cellulose, nämlich eine benachbarte Faser, halbchemisch gebunden werden.

Das alles hat bedeutsame Folgen. Die nassen, frei schwimmenden Cellulosefasern können sich, wenn das überschüssige Wasser entfernt wird, miteinander verfilzen und ein festes, in sich zusammenhängendes Blatt bilden. Dieses Blatt ändert seine Größe in Abhängigkeit vom Feuchtegehalt. "Trockene" Cellulose enthält ca. 6 bis 10 % Wasser. Die Menge hängt ab von der Feuchtigkeit der umgebenden Luft; sie nimmt zu und ab mit deren Schwankungen. Steigt die Feuchtigkeit bzw. werden die Fasern nass, dehnen sie sich in der Breite. Handgeschöpftes Papier, in dem die Fasern in allen Richtungen liegen, dehnt sich mit zunehmendem Feuchtegehalt ziemlich gleichmäßig. Bei maschineller Herstellung ordnen sich die Fasern vorzugsweise parallel zu der Richtung an, in der das Papier durch die Maschine gelaufen ist (Laufrichtung, Maschinenrichtung); das Blatt dehnt sich, wenn es feucht oder nass wird, wenig in Laufrichtung, stärker quer zur Laufrichtung.

Cellulose mit dem nötigen Wassergehalt ist weich und geschmeidig. Wird ihr das Wasser drastisch entzogen oder verliert sie im Verlauf ihres Alterns die Fähigkeit, Wasser an Hydroxylgruppen anzulagern, so verdichtet sich ihre Struktur; sie wird hart und brüchig.

 

1.2.2 Pergament zum Inhalt

Pergament besteht aus einem Protein namens Collagen. Die Proteine setzen sich ihrerseits aus einer Anzahl verschiedener Aminosäuren zusammen, die zu Ketten miteinander verknüpft sind. Der chemische Aufbau von Collagen ist völlig anders als der von Cellulose; die beiden Stoffe gleichen sich aber in ihrem Verhalten gegenüber Wasser. Die Schlüsselrolle hierbei, die in der Cellulose deren Hydroxylgruppen spielen, fällt im Collagen den Aminogruppen zu: Wasserstoff- und Stickstoffatome in bestimmter Anordnung; sie können mit Wasser und mit sich selbst eine halbchemische Bindung eingehen in ähnlicher Weise wie jene. Collagen bildet im Pergament ein Netz miteinander verknüpfter Fasern im Gegensatz zum Faserfilz der Cellulose im Papier. Die Änderungen, die Pergamentblätter bei Feuchteschwankungen erfahren, sind generell größer als bei Papier. Auch die damit verbundenen Belastungen sind stärker, vor allem wenn das Pergament stark austrocknet. Zum chemischen Abbau ist zu bemerken, dass zur Pergamentherstellung Kalk verwendet wird, eine alkalische Substanz. Papier dagegen enthält, wie oben dargelegt, von der Leimung her Säure. Diese fördert den Abbau, und Papier ist daher normalerweise - nicht notwendig immer - weniger dauerhaft als Pergament. Das gilt besonders bei der Lagerung in Großstadtluft. Im Gegensatz dazu kann Papier eine vorübergehende Durchfeuchtung, etwa bei einer Überschwemmung oder beim Löschen nach einem Brand, viel besser überstehen als Pergament. Auch extremes Austrocknen und starke Hitze für kurze Zeit sind für Papier weniger schädlich als für Pergament.

 

1.2.3 Kunstdruckpapier zum Inhalt

Für bestimmte Zwecke, für den Bilddruck hoher Qualität, hat die Papierindustrie ein spezielles Produkt entwickelt, das in der Umgangssprache als "Kunstdruckpapier" bezeichnet wird. Es hat eine weiche, glänzende, stark mineralhaltige Oberfläche: den "Strich", wie der Papiermacher sagt. Zum Binden der Mineralien wird meist ein Stoff verwendet, der unter Wassereinwirkung klebrig wird. Erst in den letzten Jahren wurden gestrichene Papiere entwickelt, deren Bindemittel sich unter Wassereinwirkung nicht verändern. Das Innere gestrichener Papiere, die Faserschicht zwischen den Strichen, ist meist von minderer Qualität. Wenn ein Buch aus Kunstdruckpapier, dessen Strich ein wasserempfindliches Bindemittel enthält, feucht wird, klebt es zusammen. Die Blätter können oft nicht mehr voneinander getrennt werden, ohne schweren Schaden zu erleiden.

 

1.2.4 Tinten zum Inhalt

Um aus einem Beschreibstoff, aus Pergament oder Papier, ein Buch oder eine Urkunde zu machen, muss man ihn beschreiben oder bedrucken. In frühester Zeit dürften hierfür farbige Pflanzensäfte verwendet worden sein. Die alten Ägypter schrieben auf Papyrus und auf Keramikscherben mit einer Mischung aus Ruß und einem Gummi, dem farblosen Saft bestimmter Pflanzen, der beim Trocknen an der Luft erstarrt. Für Pergament ist diese Art Tinte, die Ruß-Gummi-Tinte, weniger geeignet; Pergament enthält neben seiner Hauptsubstanz Collagen immer auch ein wenig Fett, welches bewirkt, dass die Ruß-Gummi-Tinte zusammenläuft und schlecht haftet. Um die Zeitenwende entdeckte man, dass eine Mischung des wässrigen Auszugs von Galläpfeln mit einer Lösung von Eisenvitriol (Eisen(II)-Sulfat) nach kurzer Zeit an der Luft eine schöne, blauschwarze Farbe entwickelt und dass man mit dieser Flüssigkeit, wenn man ihr etwas Gummi arabicum zusetzt, hervorragend schreiben kann.

Diese Tinte - Eisengallustinte - hat sich als einer der dauerhaftesten Schreibstoffe erwiesen. Sie hat nur zwei Nachteile: wenn sie zuviel Eisensulfat enthält, kann sie Papier und Pergament zerstören, und bei langer und starker Lichteinwirkung kann sie bis zur Unkenntlichkeit verblassen. Mit technischen und mit chemischen Mitteln kann man sie freilich oft noch entziffern und vorübergehend wieder sichtbar machen. Die moderne Farbenchemie hat eine ganze Reihe schön gefärbter und gut benutzbarer Tinten entwickelt. Bei ihnen wie bei allen synthetischen Farbstoffen ist grundsätzlich mit Verbleichen und Verblassen zu rechnen. Ein Wiedersichtbarmachen ist nicht möglich.

Druckerschwärze besteht, oder besser, bestand bis vor kurzem ausschließlich aus Kohlenstoff und aus verharzendem Öl. Solche Druckerschwärze kann nicht verblassen. Erst in neuester Zeit gibt es auch Druckerschwärze aus synthetischem Farbstoff.

 

1.2.5 Bücher zum Inhalt

Das Material, aus dem Bücher bestehen, und die Technik ihrer Herstellung hat sich mit den Jahrtausenden entwickelt und gewandelt. Die älteste Form war die Rolle: in der antiken Mittelmeerwelt die Rolle aus Papyrus. Das Judentum, das soviel an Tradition, soviel aus frühen, archaischen Zeiten bis heute bewahrt, hat in jeder Synagoge die Torarollen: aneinandergenähte und um zwei Stäbe "Ez chajim" (Baum des Lebens) gewickelte Pergamentblätter.

Die ersten Bücher in der uns gewohnten Form des Codex entstanden in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im Vorderen Orient. Nach und nach, etwa bis zum 6. Jahrhundert, entwickelte sich die im Kern bis heute übliche Technik: mehrere ineinander liegende Doppelblätter - Lagen - werden auf Schnüre, Riemchen oder Bänder genäht - in der Fachsprache: geheftet. Die Schnüre oder Bänder - in der Fachsprache: Bünde - werden auf oder in Deckeln befestigt. Diese und der Rücken der Lagen, wo Schnur oder Bänder sitzen, werden bezogen, ursprünglich nur mit Leder, manchmal auch mit Pergament. Im 16. und 17. Jahrhundert war weißgegerbtes (alaungegerbtes) Leder, meist vom Schwein, besonders beliebt.

Während des ganzen Mittelalters wurde für die Deckel nur Holz verwendet. Im 16. Jahrhundert kam Pappe auf und setzte sich ziemlich rasch durch; sie besteht in dieser Zeit meist aus zusammengeklebtem Papier, vielfach aus Makulatur. Das Leder der früheren Zeit wurde im 19. Jahrhundert zunehmend durch Gewebe ersetzt, vor allem durch Buckram, ein appretiertes und gepresstes Leinen. Bedeutsamer als diese Änderungen des Materials war eine der Technik. Die Deckel werden heute kaum noch angeschnürt oder angesetzt, um dann zusammen mit dem Buchrücken bezogen zu werden. Stattdessen wird die ganze Decke, d. h. Deckel und Rücken des Einbands mit Bezug vorgefertigt, und der Buchblock wird mit Klebstoff eingehängt.

Eine besondere Einbandart früherer Zeiten war der flexible Pergamentband. Er besteht aus einem großen Pergamentblatt, das wie ein Umschlag um die gehefteten Lagen gelegt wird. Zur Verbindung des Buchblocks mit der Decke steckte man die Enden der Bünde - hier stets Riemchen aus Pergament oder aus Leder - durch kleine Löcher im Umschlag. Dieser war an allen Seiten beträchtlich größer als der Buchblock; seine Ränder wurden nach innen auf annähernd dessen Größe gefalzt, und es wurde ein Blatt Papier eingeklebt. Solch ein einfacher, rasch und billig herzustellender Einband gibt dem Buch beim Stehen im Regal keinen Halt. Es muss gestützt werden, wenn es nicht nach vorn durchsacken soll, am besten durch einen Schuber.

Von der modernen Klebebindung und dem modernen Paperback muss noch gesprochen werden: vom Standpunkt dessen, der seine Bücher lange Zeit aufbewahren und benutzen will, sind es bedauerliche Fehlentwicklungen. Der Buchblock besteht hier nicht aus Lagen, sondern aus Einzelblättern. Diese sind miteinander und mit der Decke nur durch Klebstoff verbunden, der so am Buchrücken aufgestrichen wird, dass ein klein wenig davon zwischen die einzelnen Blätter eindringt. Ursprünglich, im 19. Jahrhundert, nahm man Guttapercha; heute hat man weit besser geeignete Klebstoffe. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass man von Klebebindung und Paperback keine längerfristige Haltbarkeit erwarten darf.

 

2. Die Feinde von Büchern und Urkunden zur Übersickt

Nach dieser kurzen Beschreibung der Materialien und des Aufbaus von Büchern müssen nun die Faktoren betrachtet werden, die Aufbau und Material zerstören. Wir können sie als Feinde - chemische, physikalische, mechanische, biologische - der Bücher und Urkunden bezeichnen. Manche Feinde gehören untrennbar zum Buch; sie sind gleichsam integriert, dergestalt dass das Buch in schlechter Technik aus schlechtem Material aufgebaut ist. Andere dringen von außen auf das Buch ein. In jedem Falle müssen wir sagen: der größte Feind ist der Mensch. Er ist es, der bei der Herstellung die inneren Feinde ins Buch und der beim Lesen und Aufbewahren die äußeren Feinde ans Buch lässt.

Es ist nicht leicht, die Fülle der einzelnen Feinde in klar voneinander abgrenzbare Gruppen einzuteilen: Licht, Mikro-Organismen und Säure kann man als drei verschiedene Formen von chemischem Angriff sehen. Die Zähne von Mäusen und die Kauwerkzeuge von Bücherwürmern beschädigen das Buch ebenso mechanisch wie ein Nagel, der irgendwo vorsteht. Hitze kann ein Buch chemisch schädigen, indem sie den Abbau der Cellulose bewirkt, und mechanisch, indem das Buch im Feuer verkohlt. Ungeeignetes Lagerklima kann bedeuten, dass Temperatur und Feuchtigkeit stimmen, dass die Luft aber säurebildende Gase enthält. Trotz dieser Überschneidungen und Ungenauigkeiten ist es üblich, die Feinde von Büchern und Urkunden in Klassen einzuteilen. Vereinfachung und Willkür können hierbei nicht ganz vermieden werden.

 

2.1 Physikalische und mechanische Schäden zur Übersickt

Die Bücher erleiden ihn immer und nur dann, wenn sie schlecht behandelt werden, wenn sie zu Boden fallen, wenn sie irgendwo schleifen oder kratzen, sei es am Regalboden unten oder oben oder am Nachbarband oder an einem Nagel, wenn sie über das Regal hinausstehen und jemand gegen sie stößt. Mechanischer Schaden kann auch ohne äußere Gewalt auftreten, während das Buch irgendwo, im Regal oder in einer Ausstellungsvitrine ruhig steht; dann nämlich, wenn es nicht richtig steht. Ein Buch mit weichen, flexiblen oder dünnen Deckeln wird durchsacken und zusammensinken, wenn es nicht an beiden Seiten gestützt wird. Dicke und schwere Bücher sacken nach vorn durch, wenn sie nicht sehr fest im Rücken hängen und wenn die Deckel nicht auf den Buchblock gedrückt werden, sondern die Möglichkeit haben zu klaffen. Wenn solche Bücher frei stehen, z. B. in einer Ausstellung, müssen sie unten am Schnitt bei den vorderen Deckelkanten gestützt werden.

Physikalischer Schaden kann auch bei zu starkem Trocknen auftreten, das in der Regel die Folge übermäßiger Wärme ist. Pergament wirft sich, wenn es austrocknet; Pergamenteinbände können sich völlig verziehen. Buchdeckel bestehen in der Regel aus drei Schichten: außen der Bezug, in der Mitte die Pappe, innen ein Papier, der sogenannte Spiegel. Der Buchbinder muss die drei so wählen und zusammenfügen, dass geringe Dimensionsänderungen der einen durch die der anderen ausgeglichen werden. Bei starkem und raschem Wechsel der Feuchtigkeit ist dieser Ausgleich nicht möglich; auch die größte buchbinderische Sorgfalt kann dem Verziehen der Deckel in diesem Fall nicht vorbeugen.

Manch einer wird schon beobachtet haben, wie sich die Deckel eines Buches werfen, wenn es neben oder gar auf der Heizung liegt. Die Krümmung kann so stark sein, dass das Gelenk zwischen Buchblock und Deckel oben und unten einreißt. Wenn man das Buch an einen weniger trockenen und warmen Platz bringt, geht die Krümmung zurück und das Buch ist wieder benutzbar - vorausgesetzt es ist nicht eingerissen.

Der mechanisch-physikalische Schaden kann am leichtesten von allen vermieden werden: durch simple Sorgfalt, wie sie selbstverständlich sein sollte. Kein Buch soll über das Regalbrett hinausragen. Jedes Regal soll unten für die großen Bücher ein oder zwei Fächer haben, die tiefer und höher sind als die anderen. Es ist nicht gut, wenn Bücher von gar zu verschiedener Größe nebeneinander stehen. Besondere Aufmerksamkeit ist dem ersten und dem letzten Buch in einem Fach zu widmen; es kann nötig sein, seine Deckel durch ein Stück Pappe oder durch ein glattes Brett vor Beschädigung durch einen Span, eine raue Stelle oder gar einen Stift oder Nagel in der Regalwand oder in der Buchstütze zu schützen. Bei Stahlregalen ist auf hervorstehende Schrauben, auf Eckverstrebungen und auch auf die Winkelkanten der jeweils oberen Fachböden zu achten.

Die Bücher dürfen im Regal nicht zu dicht, nicht gepresst nebeneinander stehen, damit sie beim Herausnehmen und beim Einstellen nicht hart aneinander reiben. Es sollen zwischen zwei Seitenwänden eben so viele sein, dass sie einander stützen. Steigt die Luftfeuchtigkeit im Raum, so werden die Bücher dicker, und es ist gut, ihnen hierfür ein wenig Platz zu lassen. Was das Kapital betrifft, so hat es zwar ursprünglich durchaus eine mechanische Funktion; es soll dem Rücken des Buches oben und unten mehr Zusammenhalt geben. Es wäre aber ein Missverständnis, das Kapital als Greifstelle zum Herausziehen des Buches aus dem Regal zu verstehen. Das Buch soll vielmehr in der Mitte des Rückens gefasst werden.

Jeder Fall kann ein Buch beschädigen, auch ein weicher auf einen Teppich. Man soll deshalb nie mehr Bücher tragen, als man bequem in einer Hand halten kann: unterwegs sind Türen zu öffnen und zu schließen, und wenn man das mit dem Ellbogen oder mit dem Handrücken besorgt, gerät der Bücherstoß, den die Finger halten, leicht ins Rutschen. Für mehrere Bücher ist eine Tasche angebracht. Nimmt man einen Korb, so soll es ein ausgekleideter sein; weich ausgekleidet, versteht sich, damit keine vorstehenden Rohrenden die Bücher beschädigen können. In Tasche oder Korb müssen die Bücher Rücken gegen Rücken liegen, damit sie sich nicht ineinander schieben. Wenn immer wieder - in Bibliothek und Archiv - eine größere Anzahl von Büchern oder Urkundenbündeln transportiert werden, muss ein Wagen her und feste Tische rundum im Raum zum Ablegen und Sortieren. Alle Regeln der sorgfältigen Behandlung von Büchern gipfeln darin, dass sie nie, auch nicht ausnahmsweise, um der Bequemlichkeit willen, missachtet werden dürfen.

 

2.2 Biologische Feinde zum Inhalt

Man kann sie in drei Gruppen einteilen: Mikro-Organismen, Insekten und höhere Tiere. Die letzteren können Bücher und Urkunden mechanisch beschädigen, etwa wenn Mäuse Papier zernagen, um Material zum Auspolstern ihrer Nester zu gewinnen. Fledermäuse, Vögel, Katzen und Mäuse können Bücher und Urkunden mit ihren Exkrementen verschmutzen. Man sollte meinen, dass sich Fiese Tiere ohne große Mühe von den Büchern fernhalten lassen; die Erfahrung zeigt, dass immer wieder welche in Räume eindringen, in denen Bücher lagern, oft durch bemerkenswert kleine Öffnungen.

Wenn zu befürchten ist, dass Vögel durch einen Kamin, einen Luftschacht oder sonst eine Öffnung eindringen, die aus feuerpolizeilichen Gründen oder wegen der Lüftung nicht fest verschlossen werden darf, so kann man ein Drahtgeflecht (Maschenweite unter 6 mm) anbringen. Elektronische und chemische Schreckmittel sind teuer und weniger wirksam. Das Auslegen von Gift in der Nähe von Büchern soll man vermeiden, und dass ein direkter Kontakt von Gift mit Büchern unter keinen Umständen in Frage kommt, dürfte jedem einleuchten.

In diesem Zusammenhang soll eine andere eigentlich selbstverständliche Regel nicht unerwähnt bleiben: in einem Lagerraum für Bücher oder Urkunden sollen Lebensmittel weder lagern noch verzehrt werden; sie locken biologische Feinde an.

 

2.2.1 Insekten zum Inhalt

Es sind nicht nur Insekten in strenger entomologischer Definition, die als Bücherschädlinge auftreten. Der Terminus wird hier vereinfachend und verallgemeinernd gebraucht für kleine Tiere mit Hautpanzer und sechs oder mehr stark gegliederten Füßen. Von den sehr zahlreichen Arten, die man in und bei Büchern findet, leben manche nur von dem Schimmel, der dort wächst, andere nur von dem Holz, auf dem die Bücher stehen. Spinnen fressen gar nichts vom Buch; sie verunzieren es nur durch ihre Netze. Dann aber gibt es Insekten, die alles am Buch verzehren: Papier, Pergament, Leder, Kleister und Leim, und andere, die sich tief ins Buch hineinfressen, um sich dort zu verpuppen.

Verallgemeinernd kann man sagen, dass holzbohrende Insekten auch Bücher angreifen, aber es scheint, dass sie nicht so sehr an Cellulose und Lignin interessiert sind, das sie auch im Papier finden, als an anderen Stoffen, die nur im Holz vorkommen. Häufig ist am Fraßgang zu erkennen, dass sich eine Insektenlarve nicht zur Ernährung durch das Buch gebohrt hat, sondern um ins Freie zu gelangen. Silberfischchen fressen nur Papier bestimmter Zusammensetzung, vorzugsweise solches, das an der Oberfläche mit Stärke geleimt ist, und es ist nicht ungewöhnlich, ihre Fraßspuren nur auf modernem Papier zu finden, das bisweilen so ausgerüstet ist, während das gute, tierisch geleimte Hadernpapier aus dem 18. Jahrhundert im Buch nebenan unversehrt ist. Von kleisterappretiertem Buckram fressen, Silberfischchen nur die Appretur und lassen die Fäden unberührt. Auf den ersten Blick sieht das so aus, als wachse Schimmel auf dem Buckram.

Die Bücherlaus (Psocoptera) lebt nur vom Schimmel, den man nicht notwendig sehen muss; sie ist ein guter Indikator für ungünstiges, d. h. zu feuchtes, schimmelgünstiges Lagerklima.

Die Larven der Speckkäfer (Dermestidae) leben von Protein, d. h. auch von Pergament und von Leder. Größer ist der Schaden, den sie dadurch anrichten, dass sie tiefe Löcher für einen Platz zur Verpuppung in die Bücher fressen.

Insekten sind sehr mobil; sie können überallhin kriechen oder fliegen, und es ist nicht möglich, sie vom Bücherschrank und von der Bibliothek ganz fernzuhalten. Sauberkeit und regelmäßige Reinigung aber, in dem Umfang wie sie für einen guten Haushalt, wenn auch nicht für jede Bibliothek, selbstverständlich sind, schränken ihre Lebens- und Fortpflanzungsmöglichkeit stark ein und verhindern, dass aus einem zufälligen Anflug ein gefährlicher Befall wird.

Für eine Bibliothek bzw. für ihr Magazin ist wichtig, dass jeder Teil des Raumes - Decke, Wände, Boden, Einrichtung - beim Reinigen erreicht werden kann. Bei einem Insektenbefall soll man es zuerst mit Reinigungsmaßnahmen versuchen, und zum Insektizid soll man erst greifen, wenn diese versagen.

Ein Insektenbefall kann auftreten in einem Buch bzw. einem Kasten mit Urkunden, in einem Einrichtungsgegenstand, in der Wandverkleidung und oft genug überall. Die Gegenmaßnahmen müssen deshalb alle Möglichkeiten erfassen: das Buch u n d den umliegenden Bereich. Sie müssen auf alle Entwicklungsstadien zielen: Ei, Larve, Puppe, Imago.

Das erste, was zu tun ist, wenn man einen Befall feststellt, ist das Freistellen und Reinigen. Findet man sichere Spuren lebender Schadinsekten auch nur an einem einzigen Buch, müssen alle anderen auf dessen Regalbrett, alle Bücher auf dem Regalbrett darüber und auf dem darunter, dahinter und davor einzeln in die Hand genommen und untersucht werden, am besten in einem besonderen Raum. Besteht das Regal aus Holz, muss man auch dort sorgfältig nach Fraß- und anderen Spuren suchen. Wenn es um Silberfischchen (Lepisma) und Ofenfischchen (Thermobia) geht, ist eine Nachschau unter dem Bodenbelag, hinter Wandverkleidungen, Rohrisolierungen u. s. w. angezeigt, insbesondere wenn es dort wärmer ist als sonst im Raum. Silberfischchen verbergen sich tagsüber und gehen nachts auf Nahrungssuche, wobei sie bemerkenswerte Strecken zurücklegen. Durch kleinste Ritzen und Spalten finden sie ihren Weg, durch die verschlossene Tür des Bücherschranks und in den Rahmen des Bildes an der Wand.

Ein befallenes Buch wird mit einem weichen Pinsel, auch mit der Möbelbürste am Staubsauger, gereinigt. Es ist möglich, den Insektenbefall im Anfangsstadium allein durch Reinigen aufzufangen und zu stoppen. Natürlich müssen die Bücher beobachtet und natürlich muss die Reinigung wiederholt werden. Stärkeren Befall bekämpft man durch Vergasen. Es gibt hierfür Do-it-yourself-Methoden, z. B. mit Chloroform. In einem gasdichten und gasdicht verschließbaren Kasten werden die Bücher fächerförmig geöffnet locker aufgestellt. Neben sie kommt ein offenes Gefäß mit Chloroform, 15 ml pro Kubikmeter Raum im Kasten. Er wird verschlossen und am Deckel rundum mit Klebeband versiegelt. Am Geruch ist festzustellen, ob noch irgendwo Chloroform austritt. Nach 10 Tagen wird der Kasten geöffnet. Das muss unbedingt im Freien geschehen. Die Bücher kommen nicht gleich wieder an ihren Platz. sondern werden eine Zeitlang beobachtet für den Fall, dass Insekteneier oder Puppen die Vergasung überlebt haben. Man muss in diesem Fall die Vergasung wiederholen. Statt in einem Kasten kann man auch unter einer Polyäthylen-Folie vergasen, eventuell auf dem Dachboden oder in einem Schuppen, wo der Geruch nach dem Öffnen nicht stört. Man hängt die Folie über Pappen oder Bretter um die Bücher und klebt sie sorgfältig und dicht rundum auf den Boden oder auf dem Tisch fest, oder welchen Platz man sonst gewählt hat.

Es wurde gesagt, dass für diese einfache Vergasung die Bücher aufgefächert und locker aufgestellt werden müssen. Geschlossene Bücher, ja, auch dicke Buchdeckel können nur in einer Vakuum-Kammer mit einem hochwirksamen Insektizid vergast werden. Für Bücher kommt in erster Linie Äthylenoxid, in zweiter Methylbromid in Frage.

Beide sind für den Menschen hochgiftig. Der Bücherfreund, der Bibliothekar, der zu diesem drastischen Mittel seine Zuflucht nimmt, muss eine Firma ausfindig machen, die über die nötige Einrichtung und die nötige Erfahrung verfügt. In manchen Krankenhäusern sind Anlagen zur Desinfektion mit Äthylenoxid vorhanden, und im Einzelfall kann vielleicht dort Hilfe in der Not geleistet werden.

Während die Bücher in der Gaskiste stehen, reinigt man sorgfältig die Regale. Wenn man sie, was von Nutzen sein kann, mit einem flüssigen Insektizid abwäscht, muss man darauf achten, dass nichts davon auf den Brettern oder an den Wänden zurückbleibt, wo es mit den Büchern in Berührung kommt. Es kann für Papier, Leder, Leinen oder Farben schädlich sein. Dagegen wäre ein Insektizid in Höhlungen, Ritzen und Löchern erwünscht, damit sich eventuell dort liegende Eier oder Puppen nicht entwickeln können. Findet man wiederholt Silber- oder Ofenfischchen, so hilft nichts als deren Schlupfwinkel ausfindig zu machen: unter den Bodenbelag oder in einer Steckdose nahe bei der Heizung, in der Isolierung des Heizungsrohrs, bei einem Warmwasser- oder auch einem Abflussrohr. Es ist ratsam, dort ein Kontaktinsektizid auszustreuen. Es gibt viele und wechselnde Produkte dieser Art, und man kann generell nicht sagen, ob sie schädlich oder harmlos für Bücher sind. Direkter Kontakt ist auf jeden Fall zu vermeiden.

 

2.2.2 Mikro-Organismen zum Inhalt

Der Terminus "Mikro-Organismen" oder "Mikroben" wird hier, durchaus unspezifisch, zur Bezeichnung von Schimmel, Pilzen, Bakterien u.s.w. gebraucht, die auf Buchmaterialien leben, sie entstellen oder zerstören können.

Die Mikroben, die Bücher und Urkunden irgendwie schädigen, unterscheiden sich in ihren Ansprüchen an die Nahrung, an den Feuchtgehalt, die Temperatur, die Acidität und die Alkalität. Eine grundsätzliche Unterscheidung könnte nach der Nahrung getroffen werden, dergestalt, dass man auf Papier nur polysaccharidverzehrende, auf Pergament nur proteinverzehrende Mikroben findet. Die Tatsache, dass es tierisch geleimtes Papier und mit Stärke behandeltes Pergament gibt, macht aber auch diese Unterscheidung wieder hinfällig.

Mikro-Organismen brauchen Feuchtigkeit. Allgemein heißt es, dass die Buchmaterialien als Nährboden für Mikroben nicht soviel davon aufnehmen können, wie diese brauchen, wenn die Luftfeuchtigkeit im Raum unter 65 % liegt. Diese Zahl ist ein durchaus praktikabler, aber kein absoluter Wert. Mikrobielles Wachstum kann, wenn auch nur geringfügig, immer wieder auftreten, wo es eigentlich gar nicht sein dürfte. Generell kann man sagen: je größer die Feuchtigkeit, desto üppiger das mikrobielle Wachstum. Es scheint aber auch Ausnahmen von dieser Regel zu geben. Die bisher nicht sicher erkannten Mikroben, z. B., welche Stockflecken verursachen, gedeihen, so scheint es, nur in einem bestimmten Feuchtebereich und zwar in einem vergleichsweise ziemlich niederen. Im Innern eines Buchblocks, sowohl aus Papier, als auch aus Pergament, kann die Feuchtigkeit, die aus vorübergehend feuchter Luft aufgenommen wurde, hartnäckig zurückgehalten werden, auch wenn es im Raum längst wieder trockener geworden ist. Zum Dritten gibt es Mikroben, denen die Feuchtigkeit genügt, die sie aus der Cellulose gewinnen, indem sie sie abbauen. Eine weitere allgemeine Regel sagt, dass Schimmelpilze besser im sauren, buchbesiedelnde Bakterien besser im neutralen oder leicht alkalischen Bereich gedeihen. Auch die Temperatur hat Einfluss. Bei niederer Temperatur wird das Wachstum generell verlangsamt. Die Ausnahme von dieser Regel: die umrissenen Arten, die mit geringer Feuchtigkeit auskommen, können bei höherer Temperatur nicht gedeihen. Dass Hitze, vor allem feuchte Hitze, Mikro-Organismen aller Art vernichtet, ist allgemein bekannt; diese Tatsache ist die Grundlage des Sterilisierens im Haushalt, in der Lebensmittelindustrie und im Gesundheitswesen. Ebenso klar ist aber auch, dass diese Technik für Bücher kaum in Frage kommt. Wer's nicht glaubt, möge einmal sein Telefonbuch für einige Zeit in den heißen Backofen stecken; er kann, mit etwas Taschenspielergeschick, an ihm nachher einem staunenden Publikum seine Kraft zeigen, indem er es in einem Zug zerreißt. Er wird es aber kaum noch längere Zeit zweckdienlich benutzen können.

Man wird dem weiten Feld der Mikrobiologie nicht gerecht und man kann sich auf ihm nicht richtig bewegen, wenn man auf ihm nach klaren Richtungen und deutlich getrennten Bereichen sucht. Die Übergänge sind hier grundsätzlich fließend, die Trennungen sind schattenhaft. Das gilt nicht nur für die Lebensbedingungen der Mikroben, sondern auch für ihr Verhalten gegenüber chemischen Giften.

Desinfektionsmittel sollten als letzte Reserve im Kampf gegen die Mikroben betrachtet werden, und eines der Ziele dieses Beitrags ist es, dem Sammler und dem Bibliothekar die Strategie zu zeigen, die ihren Einsatz erübrigt. Es ist möglich, allein durch die Schaffung eines guten Lagerklimas jedes mikrobielle Wachstum von den Büchern fernzuhalten. Das gute Lagerklima muss aber überall im Magazin, in jeder Ecke und an jeder Wand, herrschen. Wenn Bücher einmal von Mikroben befallen, wenn befallene Bücher in ein ansonsten gesundes Magazin aufzunehmen sind, kommt man um eine Desinfektion nicht herum. Das hängt damit zusammen, dass die entwickelte Form, das Mycel, die Schimmelfäden, auch bei klimatischen Bedingungen gedeihen, die ein Auskeimen der Sporen kaum erlauben würden, und zum anderen, dass dort, wo einmal ein Wachstum war, die latenten Formen, die Sporen in potenziert größerer Anzahl vorhanden sind, als sonst in der Luft und dass dadurch auch die potenziert größere Gefahr des Auskeimens bei vorübergehend günstigen Bedingungen besteht.

Desinfektionsmittel sind Chemikalien:
Grundsätzlich können sie oder die Produkte, die bei ihrem Zerfall entstehen, für das Material der Bücher und der Urkunden schädlich sein, zumindest in größeren Mengen. Sie müssen immer so dosiert werden, dass sie die Mikroben eben gerade abtöten und die Bücher eben gerade noch nicht schädigen. In der Hand des Laien - und Büchersammler oder Bibliothekare sind in der Regel mikrobiologische Laien - dürfte Thymol das bestgeeignete Mittel sein. Thymol ist für höhere Tiere nur schwach giftig; es kann in Hustenpillen, Salben und Zahnpasten verwendet werden. Man kann Bücher mit Thymol in einer gasdichten Kiste vergasen. Für kleinere Bibliotheken oder bei- lokalem Befall z. B. von Stockflecken ist es aber praktischer, thymolimprägniertes Filtrierpapier zwischen die Buchseiten oder hinter die Graphik zu legen. Ganz ohne Vorsicht und ohne wiederholtes Nachschauen darf das nicht geschehen: Thymol kann sich in Kunststoffen, z. B. in Kunstharzklebern, in Kunstlederbezügen, in Appreturen und auch im Bindemittel gewisser moderner Druckfarben lösen und dort als Weichmacher wirken, u. U. so stark, dass sie klebrig werden.

Es gibt wirksamere, aber auch giftigere Mittel gegen den Schimmel (Fungizide oder Fungistatica) als Thymol. Gute Erfahrungen bei der Anwendung auf Bücher hat man mit bestimmten Hydroxybenzoesäure-Estern (Nipagine), mit bestimmten Phenylphenolen (Natrium-orthophenyl-phenolat, Preventol ON) und mit Para-chlormetakresol (Raschit K, Preventol CMK) gemacht. Raschit K u.s.w. ist Bestandteil vieler Desinfektionsmittel für Haushalt und Krankenhaus; mit Preventol ON u.s.w. werden Orangen und Zitronen imprägniert; Nipagin wird verwendet um kosmetische Präparate und auch Lebensmittel haltbar zu machen.

Die genannten Mittel sind nicht so leicht in jeder Apotheke zu kaufen wie Thymol. Sie sind nicht flüchtig, so dass sie nicht wie Thymol als Vergasungsmittel eingesetzt werden können. Allerdings fällt auch der beim Thymol geschilderte Weichmachereffekt weg. Am ehesten für den Laien praktikabel ist der Umweg über ein Filtrier- oder ein festes Seidenpapier, das man zum Auflegen auf verschimmeltes Papier oder zum Einlegen in verschimmelte Bücher imprägniert, entweder aus der wässrigen (Phenolat, 5 %) oder aus der alkoholischen Lösung (Nipagin, 3 % ; Raschit K, 1 %).

Desinfektionsmittel für den Haushalt sind in der Regel Biocide zusammen mit einem Reinigungs-, einem Lösungsmittel, einem Riechstoff oder einem Verdünner. Sie dürfen niemals direkt auf Bücher und Papier gebracht werden, aber es besteht kein Grund, ihre Anwendung in der Weise, die die Gebrauchsanweisung vorschreibt, für Bücherregale, Bücherschränke und Bücherräume zu verbieten. Es darf nur nichts von dem Mittel zurückbleiben, das mit dem Buch in Kontakt kommen könnte.

 

2.3 Chemische Schäden zum Inhalt

"Chemie ist, wenn's knallt und stinkt" definiert der Volksmund dieses den meisten Menschen fremdartige und auch in den Schulen recht stiefmütterlich behandelte Wissensgebiet. Kaum einer ist sich bewusst, dass jeder Stoff, fest, flüssig oder gasförmig, im Prinzip eine "Chemikalie" oder eine Mischung davon, dass die Bücher und die Urkunden nichts anderes sind als Chemikalien und dass es übel zugehen kann, wenn sie mit anderen Chemikalien zusammenkommen.

Für das Material, aus dem Bücher und Urkunden bestehen, ist alles schädlich, was der Chemiker als "Säure" definiert, insbesondere "starke Säure". Er gebraucht die Termini "stark" und "schwach", um die Aktivität einer Säure zu beschreiben, während er im Sinne der volkstümlichen Bedeutung dieser Begriffe, nämlich zur Angabe, ob viel oder wenig eines Stoffes im Wasser oder im anderen Lösungsmittel vorhanden ist, die Worte "konzentriert" und "verdünnt" benutzt. Konzentrierte starke Säure gibt es nicht in einem Büchermagazin, das diesen Namen verdient. Eine bestimmte starke Säure in verdünnter Form findet sich dort aber immer häufiger und richtet unbemerkt Schaden an. Bei der Verbrennung von schwefelhaltigen fossilen Brennstoffen, Kohle, Öl, Benzin, entsteht Schwefeldioxid. Dieses wird absorbiert, z. B. vom Lignin im Holzschliff und es wird dort zu Schwefeltrioxid oxidiert. Schwefeltrioxid in Wasser, in dem Wasser, das in Papier immer vorhanden ist, ergibt Schwefelsäure. Es wird klar, warum Holzschliffpapier rundum am Rand, dort nämlich, wohin das Umweltgas Schwefeldioxid dringt, stärker vergilbt, geschädigt und brüchig ist, als im Innern.

Alaun, allgegenwärtig in der modernen Papierherstellung, löst sich in Wasser mit saurer Reaktion. Es greift wie alle Säuren die Cellulose an, indem es seine Kettenmoleküle abbaut und verkürzt. Fasern aus kurzen Ketten sind schwächer als Fasern aus langen und ebenso verhält es sich mit dem Papier, das aus solchen Fasern besteht. Buchmaterialien, die auf die Tierhaut zurückgehen, können ebenfalls von Säuren angegriffen werden, leisten in der Regel aber weit stärkeren Widerstand. Pergament wurde bei der Herstellung mit Kalk imprägniert, einem Salz, das alkalisch reagiert; bei ihm ist kein ernsthafter Schaden zu befürchten. Weißgegerbtes, d. h. mit Alaun gegerbtes Schweinsleder kann bemerkenswert stabil sein, ohne dass man genau sagen könnte warum; der Alaungehalt ließe eher das Gegenteil vermuten. Vegetabilisch gegerbtes Leder ist manchmal wenig widerstandsfähig gegen einen Säureangriff; es kommt entscheidend darauf an, welcher Gerbstoff verwendet wurde. Soviel über das saure Umweltgas Schwefeldioxid und über Alaun. Es ist anzunehmen, dass auch andere Umweltgase, etwa die Stickoxide, ihre Rolle bei der Schädigung von Buchmaterialien spielen. Aber hierfür gibt es noch wenig gesicherte Erkenntnisse.

Die konservatorischen Maßnahmen gegen Säure in Büchern sind nicht ganz einfach durchzuführen, nicht für den Spezialisten und schon gar nicht für den Laien. Man muss das Papier in eine wässrige Lösung legen oder mit Methylalkohol besprühen, in dem ein bestimmter, die Säure neutralisierender Stoff gelöst ist. Methylalkohol ist giftig, nasses Papier verlangt große Vorsicht beim Hantieren. Ohne eingehende Vorbereitung und ohne ein Studium der Fachliteratur soll man sich hierin nicht versuchen.

Licht ist ein anderer Feind der Bücher, und sein Angriff ist chemischer Natur. Dessen Heftigkeit hängt von der Frequenz des Lichtes ab. Für jede Art von Strahlung, einschließlich Licht, gilt: Frequenz mal Wellenlänge gleich Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit des Lichtes ist konstant, so dass die Frequenz und damit die Energie der Lichtteilchen steigt, wenn die Wellenlänge sinkt. Ultraviolettes Licht hat eine kürzere Wellenlänge als sichtbares und ist deshalb aktiver, für Papier und Tinte schädlicher. UV-Licht kann man herausfiltern, z. B. bei der Beleuchtung von Buchausstellungen. Man darf aber nicht glauben, dass damit alle Gefahr vermieden ist. Auch sichtbares Licht ist chemisch aktiv. Bücher und Urkunden sollen im Dunkeln aufbewahrt und bei geringer Beleuchtung ausgestellt werden.

Die schädliche Wirkung von Licht fällt am meisten auf, wenn Tinten und Farben ausbleichen. Es wird nicht bedacht, dass stets auch das Material geschädigt, dass seine Festigkeit vermindert wird. Das Ausbleichen allein ist freilich schlimm genug. Der Kontrast einer Schrift zur Unterlage wird geringer, Haarstriche verschwinden; ein Einband, am Rücken beleuchtet, an den Deckeln geschützt, ist entstellt, eine Miniatur kraftlos und welk. Der Restaurator kann gegen alle diese Schäden so gut wie nichts tun.

Auch Wärme ist nicht gut für die Bücher. Bei' erhöhter Temperatur laufen alle chemischen Vorgänge, d. h. auch die zerstörerische Einwirkung von Säure auf Papier, schneller ab als bei niederer. Bücher, die dauernd in geheizten Räumen lagern, leiden viel schneller Schaden als die in kühlen. Sodann ist die Erhöhung der Temperatur stets von einem Absinken der relativen Feuchtigkeit begleitet. Papier, Pappe, Pergament, Holz, Leim und Leder verändern sich in der Größe. Cellulose und Collagen, die Grundsubstanzen dieser Buchmaterialien, enthalten Wasser in halbchemischer Bindung. Wird es im Raum infolge einer Temperaturerhöhung trockener, so wandert dieses Wasser hinaus in die Luft. Die Fasern, die Fibrillen - auch die Moleküle -, rücken näher aneinander, die Materialien schrumpfen und zwar in verschiedenem Maße, so dass Spannungen auftreten. Ein Buchdeckel aus Pappe und Leder oder Gewebe wirft sich, Pergament, in sich ungleich, wellt sich, Farben und Vergoldung platzen ab.

Untunliche Wärme kann auch dann noch üble Folgen haben, wenn sie wieder verschwindet. Mit dem Sinken der Temperatur steigt die Feuchtigkeit. Im offenen Raum, wo sich die Luft in ihren Bestandteilen immer wieder austauscht und ausgleicht, ist das meist ohne Belang, nicht aber dort, wo ein Glas oder ein Metall den Ausgleich verhindern. In einem verglasten Rahmen und in einer Metallschachtel kann es beim Sinken der Temperatur so feucht werden, dass auf dem Papier der Graphik, die dort montiert ist, oder des Urkundenbündels, das dort liegt, Mikroben wachsen und dass sich Flecken von Kondenswasser und Rost bilden.

In diesem Zusammenhang ist auch von Glasfenstern zu sprechen. Sie sind doppelt schädlich für die Bücher. Zunächst sind sie gute Energieleiter. Sie lassen das Licht und auch Teile des UV-Lichts der Sonne auf die Bücher fallen. An ihnen und hinter ihnen wandelt sich das Licht in Wärme um: hinter Glas ist es bei Sonnenschein recht heiß, auch wenn es draußen kalt ist. Aber das Glas speichert keine Wärme, wie es z. B. Ziegelmauern tun. Es leitet die Wärme ab. An der kalten Scheibe schlägt sich, wenn die Sonne nicht mehr scheint, das Wasser nieder, das die Wärme aus den Büchern getrieben hat. Das Glasfenster ist also auch eine Ursache für Feuchtigkeit. Ein Raum für Bücher soll keine großen Fenster haben.

Von der Wärme und der Hitze zum Feuer. Für den Bibliothekar und den Archivar ist der Gedanke an Feuer unmittelbar mit der Furcht vor Wasser verbunden. Wenn es brennt, wird gelöscht, und ein kleines, für sich allein kaum bedrohliches Feuer kann einen großen Wasserschaden an den Büchern verursachen.

Es gibt kein Löschgerät, das man für den Gebrauch bei Büchern uneingeschränkt empfehlen könnte. Schaum und Löschpulver verschmutzen die Bücher, Nasslöscher verderben sie. Kohlendioxidanlagen ersticken die Flammen, sind aber unwirksam, wenn sich Glut bildet, was bei brennenden Büchern der Fall ist.

Halogengaslöscher (Tetrachlorkohlenstoff, BCF, CB) sind wegen eventuell entstehender giftiger Gase und wegen der Erstickungsgefahr nicht ungefährlich. Die zuletztgenannte Gefahr gilt übrigens auch für Kohlendioxid. Trotz dieser Einschränkungen sind Feuerlöschgeräte unentbehrlich. Bei der Feuerbekämpfung kommt es auf die Geschwindigkeit an. Die erste Minute ist oft entscheidend. Am besten lässt man sich von der örtlichen Feuerwehr über die Möglichkeiten der Vorsorge beraten.

 

2.4 Verlust und Diebstahl zum Inhalt

Man kann das Vorbeugen gegen diese Gefahr ebenfalls zur Sorge um die Bücher rechnen. Es soll hier von ihr nicht weiter die Rede sein. Ein Hinweis: jede Polizei unterhält einen Beratungsdienst, wo man wertvolle und wichtige Hinweise erhalten kann, wie Einbruch und Diebstahl verhindert werden.

 

3. Gegenmittel zum Inhalt

Nachdem die Materialien und die Feinde der Bücher betrachtet wurden, kann nun, aufbauend auf dem Gesagten, überlegt werden, wie man die Bücher aufbewahren muss, damit die Feinde möglichst wenig Gelegenheit zum Angriff finden. Es wäre töricht zu leugnen, dass die optimale Aufbewahrung auch eine Kostenfrage ist. Mancher Sammler und mancher Bibliothekar weiß, dass er für seine Bücher nichts als mehr Platz und bessere Regale bräuchte, aber beides ist ihm zu teuer. Wie schon gesagt, ist es das Ziel dieses Beitrags, nicht nur die Ideale aufzuzeigen, sondern auch ihre Begründungen, damit ein jeder, der Bücher besitzt oder verwaltet, aus dem, was er an Hilfsmitteln und Möglichkeiten hat, das Beste machen, Schwerpunkte setzen und dann, wenn ihm ein glücklicher Umstand bessere Möglichkeiten bietet, diese rasch aufgreifen und richtig einsetzen kann.

 

3.1 Das Gebäude zum Inhalt

An erster Stelle ist die Bausubstanz zu betrachten. Will man einen Raum als Bibliothek oder Büchermagazin einrichten, muss man prüfen, ob der Boden die Bücher tragen kann. Es darf kein Schmutz, keine Zugluft, keine Feuchtigkeit durch Boden, Wand und Fenster dringen; der Raum muss trocken, sauber und frei von Ungeziefer sein, das Dach fest und dicht, einschließlich aller Luken. Wichtig sind die Regenrinnen: sie müssen dem Wasser stets freien Ablauf gewähren, d. h. sie müssen frei und leicht zu reinigen sein. Die Außenmauern eines guten Bibliotheksgebäudes sind isoliert gegen Feuchtigkeit. An ihnen wächst kein Efeu oder wilder Wein und Büsche erst in gebührendem Abstand.

Im Raum selbst sind alle Versorgungsleitungen in gutem Zustand. Rohrleitungen liegen am besten unter Putz und keinesfalls direkt über einem Regal, so dass das Wasser aus einer undichten Stelle nicht sofort auf die Bücher tropft. Defekte Elektroinstallation kann eine Brandursache sein, ganz besonders wenn Wasser Zutritt hat.

Es versteht sich, dass alles Holz im Raum fest, trocken, frei vom Holzwurm und jeder anderen Form des Verfalls sein muss, nicht nur das Holz der Regale, Schränke und Möbel, sondern auch der Balken und Verkleidungen, der Fenster und der Türen. Außen haben die Fenster einen wetterfesten Anstrich. Ihre Scheiben sind intakt, haben auch keinen Sprung und am besten bestehen sie aus Drahtglas.

 

3.2 Der Raum zum Inhalt

Kein Souterrain oder Kellerraum soll für Bücher benutzt werden. Man muss absolut sicher sein, dass kein Wasser eindringen kann. Im Erdgeschoss und in höheren Stockwerken besteht diese Gefahr weniger. Bei der Prüfung, ob der Boden die vorgesehene Bücherlast tragen kann, sind folgende Zahlen von Nutzen: ein Regalmeter Bücher wiegt ca. 30 kg. Je nach Raum- und damit Regalhöhe und je nach Regaldichte kann es zu einer Bodenbelastung bis 1000 kg pro m2 kommen. Die Fenster müssen mit dichten Vorhängen oder Jalousien versehen sein. Kleine Fenster sind besser als große und am besten sind gar keine.

Die Seitenteile der Regale sollen breite Füße haben, damit die Bodenbelastung verteilt wird. Direkter Kontakt zur Wand ist zu vermeiden; auch wenn aus statischen Gründen die Regale nur an den Wänden aufgestellt werden können, soll ein Abstand von 20-30 cm für die Luftzirkulation bleiben. Freistehende Regale dürfen aus dem gleichen Grund keine feste Rückenwand haben; Maschendraht ist besser. Auch zwischen Boden und unterstem Regalbrett soll ein Abstand sein, nicht nur wegen der Luftzirkulation, sondern auch damit man mit dem Besen dort hinkommt. Zwischen den Regalen ist Raum für bequemen Zugang; die Rückentitel müssen gelesen, die Bücher aus- und eingestellt werden. Hierzu ist Licht notwendig: Lampen hängen besser zwischen als über den Regalen. Bei der Elektroinstallation ist auch an gut placierte Steckdosen für Tischlampen und Staubsauger zu denken.

Regale gibt es aus Holz und aus Metall. Letzteres wird von Insekten nicht angegriffen, ist aber ein guter Wärmeleiter. Wenn es nötig erscheint, Kondenswasser, das sich an Metall niederschlagen kann, von den Büchern fernzuhalten, muss man Pappe oder Linoleum auf die Regalbretter bzw. an die Seitenteile legen oder kleben. PVC darf man hierfür nicht verwenden; seine Weichmacher können in die Buchdeckel wandern und dort Flecken verursachen; der Kunststoff kann mit den Deckeln verkleben und er kann Salzsäure abgeben mit den bereits beschriebenen negativen Folgen. Holz, vor allem ungestrichenes, wird zwar u. U. von Insekten befallen; diesem Nachteil steht seine Wasseraufnahmefähigkeit und seine ausgleichende Wirkung bei Feuchteschwankungen gegenüber.

 

3.2.1 Raumklima zum Inhalt

Grundbedingung ist die freie Luftzirkulation. Ist sie gewährleistet, könnte man auf Heizung verzichten. Bücher brauchen keine Heizung; sie leiden vielmehr unter ihr. In einem primär als Büchermagazin genutzten Raum, in dem nur gelegentlich gearbeitet wird, wäre ein Heizstrahler oder ein Heizventilator angebracht, dessen Wärme nur auf den Arbeitenden, nicht auf die Bücher gerichtet ist.

Hohe Luftfeuchtigkeit ist in unseren Breiten stets eine Folge baulicher Mängel, manchmal freilich solcher, die der Büchersammler so leicht nicht abstellen kann. Im Wohnbereich kann man ihr durch Heizen begegnen. Die Bücher haben davon nur einen Nutzen, wenn die Luft frei zirkuliert, wenn sie nach dem Erwärmen abzieht und durch kühlere und relativ trockenere ersetzt wird und wenn man die Heizung nicht zwischendurch abstellt, so dass die Feuchtigkeit wieder steigt.

Geht es um einen Raum, der nur zum Lagern von Büchern benutzt wird, ist es weitaus besser einen Luftentfeuchter aufzustellen. Diese Geräte saugen Luft an und kühlen sie unter den Taupunkt ab, so dass das Wasser in flüssiger Form ausfällt. Der Luftstrom zieht dann über den Abwärmestrahler des Kühlaggregats, wird dadurch wieder aufgewärmt und relativ trocken in den Raum zurückgeblasen. Ein solches Gerät ist teuer in der Anschaffung, aber bemerkenswert billig im Unterhalt. Man kann es auf Zeitintervall schalten oder so, dass es nur arbeitet, wenn die Luftfeuchtigkeit im Raum über einem bestimmten eingestellten Wert liegt. Das Ansaugen der Luft gewährleistet zugleich eine gute Luftzirkulation. Man kann mit solch einem Gerät auch feuchte Bücher trocknen. Sie müssen dazu freigestellt und aufgefächert werden, am besten im Liegen. Lüften ist sicher nützlich, auch für die Bücher, jedenfalls an einem klaren, trockenen, leicht windigen Tag mit guter Luft. Ob man das Gleiche von einem Ventilator im Raum sagen kann, hängt von den Umständen ab.

Extreme Trockenheit ist in unseren Breiten immer eine Folge zu starken Heizens. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass erhöhte Temperatur für Bücher und Urkunden schädlich ist, nicht nur durch ihre direkte Wirkung auf Bücher und Buchschädlinge, sondern auch, weil sie die relative Luftfeuchtigkeit herabsetzt und den Buchmaterialien das Wasser entzieht. Ein nachträgliches, künstliches Heraufsetzen verhindert nicht den Schaden, der beim Wasserentzug aufgetreten ist. Es kann ihn u. U. sogar verstärken, ganz abgesehen von der Gefahr mikrobiellen Wachstums bei warmem und feuchtem Raumklima. Gegen Trockenheit in der Bibliothek gibt es nur ein Mittel: Herabsetzen der Temperatur. Die Heizung ist zu vermindern, das Licht der Sonne mit Jalousien und Vorhängen auszusperren, ihre Wärme, wenn die Umstände es erlauben, mit Ventilatoren zu vertreiben.

 

3.2.2 Thermometer und Hygrometer zum Inhalt

Das Klima im Raum der Bücher und Urkunden wird durch Messgeräte überwacht. Es genügen die einfacheren Typen ihrer Art, aber nicht die einfachsten. Alkohol- oder Quecksilberthermometer leisten bessere Dienste als die Bimetall-Messeinheiten von Geräten mit Zeiger. Am besten ist ein Maximum-Minimum-Thermometer; es gibt Aufschluss über Temperaturspitze und Tiefpunkt, aber natürlich nur, wenn man es regelmäßig zurückstellt. Die Skala des Thermometers soll nicht zu eng sein, damit ein genaues Ablesen möglich ist.

Die Messung der Feuchte ist technisch schwieriger. Die üblichen Haarhygrometer arbeiten wenig genau; außerdem müssen sie regelmäßig geeicht werden. Man stellt sie hierzu für 24 Stunden in ein geschlossenes Gefäß, in dem eine bestimmte gesättigte Salzlösung deponiert ist. Über dieser Lösung stellt sich je nach verwendetem Salz eine bestimmte relative Feuchte ein, z. B. über Pottasche (Kaliumcarbonat) 43 %, über Salmiak (Ammoniumchlorid) 80 %.

Gesättigte Lösungen stellt man her, indem man so viel des Salzes wie irgend geht in Wasser löst und dann noch eine nicht zu kleine Menge Salz dazugibt. Pottasche löst sich etwa im Gewichtsverhältnis 2:1, Salmiak etwa 1:2 in kaltem Wasser. Das Hygrometer soll etwa 3 cm über der Lösungsoberfläche hängen oder - auf einem Rost - stehen.

Psychrometer, d. h. zwei Thermometer, von denen eines feucht gehalten wird, so dass aus der Verdunstungskälte auf die relative Luftfeuchtigkeit geschlossen werden kann, arbeiten genauer und brauchen nicht geeicht zu werden; sie sind aber etwas umständlich und nur mit Hilfe von Tabellen abzulesen.

Alles Messen und die besten Geräte entbinden nicht von der Pflicht, die Bücher selbst immer wieder in die Hand zu nehmen und anzuschauen. Ihr Zustand, gerade oder geworfene Deckel, der Klang, der Geruch des Papiers, Spuren von Insekten u.s.w. geben den besten Aufschluss, ob sie gut oder schlecht gelagert sind.

 

3.3 Wenige Bücher zum Inhalt

Nicht jeder besitzt eine ganze Bibliothek, nicht jeder kann für seine Bücher einen eigenen Raum reservieren; manch einem genügt ein einziges Regal. In ihm ein geeignetes Buchklima zu schaffen kann schwieriger sein als in einem ganzen Raum, vor allem bei Zentralheizung.

In ländlichen Gegenden gibt es wenig Probleme.. Man stellt das Regal in den kühlsten Raum, sorgt für Luftzirkulation und verhindert direktes Sonnenlicht.

In Großstadtluft, in der Nähe eines Industriereviers, eines Heizkraftwerks u. s. w. ist ein Bücherschrank zu bevorzugen. Er soll, so wenig wie das Regal, direkt von der Sonne beschienen werden, vor allem dann nicht, wenn er eine Glasfront hat. Wichtig ist auch seine Größe: lieber etwas freien Raum als zu eng stehende, beim Aus- und Einstellen aneinander, an Wand und Decke schabende Bücher.

Metallschränke oder Metallregale setzen stetige Temperatur und stetige Luftfeuchtigkeit voraus. Holz kann, wenn die Schwankungen nicht zu groß sind, bis zu einem gewissen Grade ausgleichend und isolierend wirken. In jedem Falle müssen die Bücher regelmäßig geprüft und es muss regelmäßig gelüftet werden.

 

3.4 Ein einzelnes wertvolles Buch zum Inhalt

Seine Aufbewahrung macht die wenigste Mühe, auch wenn es in keinem guten Zustand mehr ist. Man hüllt es in ein dickes Baumwolltuch und legt es in einen Holzkasten: gewachsenes Holz, nicht Hartfaser oder Sperrholz, die Oberfläche nicht versiegelt. Erscheint es, etwa bei Pergament, nötig, dem Buch Feuchtigkeit zuzuführen, kann man das Baumwolltuch vorher indirekt feuchten, muss aber am nächsten Tag prüfen, ob man damit nicht zu weit oder noch nicht weit genug gegangen ist.

 

3.5 Einzelblätter zum Inhalt

Bei ihrer Aufbewahrung spielt die Größe eine Rolle. Der Sammler hat es zu tun mit

1. kleinen Blättern (bis Folioformat),
2. flachen großen Blättern,
3. gerollten großen Blättern.

 

3.5.1 Kleine Blätter zum Inhalt

Das wichtigste für die richtige Aufbewahrung ist die Umhüllung. Sie muss aus neutralgeleimtem, holzfreiem Papier oder Karton bestehen, das etwas Calciumcarbonat enthält. Mehrere Einheiten - aufzubewahrendes Blatt bzw. Blätter mit Umhüllung - kann man zu Bündeln ordnen und verschnüren: nicht mit Schnur, sondern mit einem ca. 8 mm breiten Band. Ein zusätzlicher Schutz wäre eine Pappe unten und oben, auch sie neutralgeleimt, holzfrei und carbonathaltig (Museumskarton, Passepartoutkarton in Museumsqualität). Für Pergament ist eine solche Pappe unentbehrlich: Pergament muss unter leichtem Druck aufbewahrt werden, damit es sich nicht wellt.

Die Bündel kommen flach in einen Schrank, eine Schublade oder eine Schachtel. Neutralgeleimte Pappe für Schachteln ist nur schwer beschaffbar. Als Ausweg kann man, wenn die neutralgeleimte Umhüllung nicht ausreichend scheint, normale Pappe mit neutralgeleimtem Papier kaschieren.

 

3.5.2 Große Blätter zum Inhalt

Wichtigste Regel: nicht falzen! Oder: wenn falzen, dann so wenig wie möglich, am besten zwischen den Zeilen und jedenfalls nie dort, wo ein Text von Wichtigkeit steht. Falzstellen leiden früher oder später unvermeidlich Schaden; das Papier bricht und schabt sich ab. Das Weitere hängt von der Zahl der aufzubewahrenden Blätter ab. Am besten sind Passepartouts aus neutralgeleimtem oder Streckmappen aus neutralkaschiertem Karton. Zum Kaschieren ist neutraler Kleister zu verwenden. Eine größere Anzahl von Blättern, Passepartouts oder Mappen legt man in einen Kartenschrank, besser in einen aus Holz als aus Metall. Siegelurkunden werden am besten wie Graphik aufbewahrt, mit kleinen Streifen aus festem Papier (Japanpapier) auf einer Unterlage aus neutralgeleimtem Karton befestigt. Bei aufgedrücktem Siegel wird die Unterlage zum Passepartout ergänzt, dessen angemessen dickes Oberteil an der Stelle, wo es auf dem Siegel liegt, eine Vertiefung hat. Bei hängendem Siegel wird die Unterlage unten mit einem oder mehreren Streifen aus dem gleichen Karton (Pappe) verstärkt und erhält dort eine Vertiefung.

 

3.5.3 Gerollte Blätter zum Inhalt

Beim Rollen sehr großer Blätter, die in keine Schachtel, Mappe, Schrank oder Schublade passen, unterscheidet sich der Professionelle vom Amateur dadurch, dass Ersterer das Blatt außen um eine Papphülse wickelt. Diese besteht aus festem Karton; entsprechende Stücke sind zum Versand großer Blätter im Schreibwarenhandel erhältlich. Die Hülse ist etwas länger als die nicht gerollte Kante des Dokuments. Für den hier geschilderten Zweck wird sie mit neutralgeleimtem Papier bezogen. Die Rolle mit dem darumgewickelten Blatt wird dann mit neutralgeleimtem Papier umhüllt und zwar so, dass dieses Papier an beiden Seiten übersteht und ins hohle Innere gesteckt werden kann.

 

3.5.4 Reparatur zum Inhalt

Dem Leser dieses Büchleins dürfte klar geworden sein, dass Bücher und Urkunden auch in materieller Hinsicht nicht ganz einfache Objekte sind, verschieden aufgebaut aus verschiedenen Materialien. Ein materielles Arbeiten an ihnen erfordert zwar auch Kenntnisse, die durch Lesen, mehr aber noch Geschick und Erfahrung, die nur durch praktisches Üben erworben werden können. Der Sammler, für den dieses Büchlein geschrieben ist, kann dieses Geschick und diese Erfahrung durchaus erwerben; allerdings muss er dafür beträchtliche Mühe aufwenden, viel mehr, als zur Verwirklichung der Ratschläge für die Aufbewahrung, die in diesem Büchlein gegeben wurden. Es sei deshalb, um falsche Vorstellungen zu vermeiden, hier auf Ratschläge zur Reparatur verzichtet und es sei stattdessen auf die Literaturliste verwiesen. Wer sich mit seinen Händen, mit Kleister und Japanpapier an seine Sammlung wagen will, soll nach dem Studium eines entsprechenden Lehr- oder Nachschlagebuches versuchen, bei der professionellen Arbeit dieser Art, in der Restaurierwerkstatt einer Bibliothek, eines Archivs oder eines freischaffenden Restaurators, zuzusehen und von den dort Tätigen Ratschläge für den konkreten Fall zu erhalten, den er mitbringt und vorweist. Wer vorher an einem Hobby-Buchbindekurs teilgenommen hat, wird, was er beim Restaurator sieht und hört, mit mehr Nutzen aufnehmen und verarbeiten können.

 

 

Zum Autor:
Arthur David Baynes-Cope, Leiter der Abteilung für Organische Chemie am Forschungslabor des Britischen Museums, London
Zum Artikel:
Der Beitrag erschien zunächst in englischer Sprache unter dem Titel "Caring for Books and Documents":
British Library Publishing: London 1. Auflage (1981);
British Library Publishing: London 2. Auflage (1989), ISBN 0712301518.

In deutsch erschienen unter dem Titel: "Die Sorge um Bücher und Urkunden", Verlag R. von Acken: Lingen (1983), ISBN 3-87001-14-2.

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