Begründung:
Seit Jahrzehnten ist Archivaren und Bibliothekaren bekannt, dass bestimmte Papiere in ihren Beständen rascher brüchig werden und zerfallen als andere. Dabei handelt es sich regelmäßig um maschinell hergestellte Papiere aus den letzten 150 Jahren. Ursächlich sind dafür die unterschiedlichen Herstellungsverfahren und die dabei eingesetzten Rohstoffe: Seit etwa 1840 werden statt Textilfasern vornehmlich Holzschliffe von Nadelhölzern als Ausgangsmaterial für die maschinelle Papierproduktion verwendet und saure Leime eingesetzt. Dies bedingt, dass die Papiere in erheblichem Umfang Säurebestandteile enthalten oder im Laufe der Zeit Säuren bilden, die geeignet sind, das Papier langfristig von innen heraus zu zerstören.
Hinzu kommen schädigende Umwelteinflüsse wie Licht, zu warmes und zu feuchtes Umgebungsklima in den Magazinen, Schadstoffe in der Luft sowie die mechanische Beanspruchung durch die gestiegene Benutzung der Archivalien. Außerdem beeinträchtigen nicht alterungsbeständige Beschreibstoffe sowie Rückstände von Umdruckverfahren und bestimmte Verarbeitungsformen (Thermo-, Durchschreibepapiere) erheblich die Haltbarkeit.
Diese Ursachen, die sich gegenseitig noch verstärken, führen nach flächendeckenden Untersuchungen in deutschen Archiven dazu, dass etwa 70 % der Archivbestände bereits mehr oder weniger geschädigt und etwa 10 % - 20 % der Archivalien schon so stark beeinträchtigt sind, dass einfache Konservierungsmaßnahmen zu ihrer Erhaltung nicht mehr ausreichen. Es muss deshalb sofort mit der Schadensbehebung, zumindest mit der Eingrenzung der bereits eingetretenen und sich laufend verstärkenden Schäden begonnen werden.
Bei einem angenommenen Umfang des Archivguts von etwa 3.000 laufenden Kilometern in staatlichen und nichtstaatlichen Archiven Deutschlands entfallen auf die kommunalen Archivträger schätzungsweise 1.000 bis 1.500 lfd. km Archivgut, das sind ca. 11,25 Milliarden Einzelblätter. Es ist daher davon auszugehen, dass allein im Bereich der kommunalen Archive weit über 7 Milliarden Blatt Archivalien vor weiterem Zerfall geschützt und bereits jetzt 1,5 - 2 Milliarden Blatt restauriert werden müssen.
Für die Behandlung dieser Archivalienmassen sind die wenigen Restaurierungswerkstätten, über die die kommunalen Archive verfügen, nicht eingerichtet. Auch die bisher üblichen restauratorischen Arbeitsprozesse, die die handwerkliche Bearbeitung von Einzelstücken vorsehen, sind in Anbetracht dieser Mengen nicht geeignet, die bisher bereits aufgetretenen Schäden zu beheben oder gefährdete Archivalien vorsorglich vor Schadensentwicklungen zu bewahren.
Seit einiger Zeit werden deshalb sowohl von Bibliothekaren wie von Archivaren Oberlegungen angestellt, mit welchen technischen Mitteln dem Papierzerfall zu begegnen ist. Zu diesem Zweck wurden Forschungsprojekte eingeleitet, die dazu geführt haben, daß nunmehr wenigstens zwei Verfahren (Battelle-, Bückeburger Verfahren) für die Entsäuerung von Papieren demnächst einsatzreif sein werden. Für die Behebung bereits eingetretener größerer Schäden eignen sich zudem klassische Restaurierungsverfahren, allerdings als maschinelle Arbeitsprozesse. Auch diese Fortentwicklung (Papierspaltstraßen, Laminierungsgeräte) dürften in absehbarer Zeit einsatzbereit sein.
Aufgabe der Archive bleibt es jedoch, durch eine sachgerechte Magazinierung die von außen auf die Bestände einwirkenden Schadensursachen so stark wie möglich zu vermindern. Dies erfordert u.a. eine Lagerung der Archivalien in geeigneten säurefreien Archivbehältern, eine sachgerechte, nicht zwingend künstliche Klimatisierung der Magazine und eine ausreichende Schulung der Mitarbeiter im Umgang mit Archivalien.
Außerdem müssen gefährdete Bestände verfilmt werden, um die in den Archiven verwahrten historischen Informationen zu sichern und um Benutzern statt der Originale Gebrauchsfilme zur Verfügung stellen zu können. Damit wird verhindert, dass die Archivalien durch die laufenden Benutzungen in wenigen Jahren endgültig zerstört werden.
Die Verwaltungen können zudem durch Verwendung von alterungsbeständigen Papieren nach ISO 9706 und geeigneten Büromaterialien dafür sorgen, dass die Probleme des Papierzerfalls bzw. der Restaurierung wenigstens künftig erheblich gemindert werden. Zum differenzierten Einsatz alterungsbeständiger Papiersorten und von Recyclingpapieren hat die Bundeskonferenz der Kommunalarchivare beim Deutschen Städtetag bereits 1992 Empfehlungen gegeben. Während die sachgerechte Magazinierung und der schonende Umgang mit den Originalen in jedem einzelnen Archiv sicherzustellen ist, setzen Massenentsäuerung und -restaurierung wie Mikroverfilmung so aufwendige Geräte und spezialisierte Mitarbeiter voraus, dass sie sinnvoll und wirtschaftlich nicht schlechthin von einzelnen Archivträgern, sondern von größeren Archiven, die sich auf solche Dienstleistungen spezialisieren, oder in überörtlichen Restaurierungszentren und Verfilmungsstellen durchgeführt werden müssen. Diese Infrastruktur ist für den kommunalen Bereich bisher nicht vorhanden. Sie muss rasch aufgebaut werden, aus ökonomischen Gründen vornehmlich in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen.