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Der historische Altbestand in der modernen Bibliothek
Erschließung - Nutzung - Bestandserhaltung
Ein Beitrag von Dr. Gerd Brinkhus, Tübingen

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Der historische Altbestand in der modernen Bibliothek? Was heißt moderne Bibliothek? Die betriebswirtschaftlich durchforstete sparsame Bibliothek? Die Output orientierte schlanke Bibliothek? Die benutzerorientierte kostenbewusste Bibliothek? Wo ist der Platz für Altbestand? Historischer Altbestand in der modernen wissenschaftlichen Bibliothek? Historischer Altbestand in der modernen wissenschaftlichen Universalbibliothek? Wenn aus betriebswirtschaftlicher Betrachtungsweise Empfehlungen für eine Verschlankung und Optimierung des Dienstleistungsunternehmen Bibliothek gegeben werden, sollte man erwarten können, dass auch präzise angegeben wird für welchen Bibliothekstyp diese Empfehlungen Gültigkeit haben sollen. Dass öffentliche Bibliotheken andere Aufgaben und ein völlig anderes Rationalisierungspotential haben als wissenschaftliche Bibliotheken, ist unbestritten. Warum aber fällt es so schwer, die unterschiedlichen Typen der wissenschaftlichen Bibliotheken und ihre sehr unterschiedlichen Arbeitsbereiche bei betriebswirtschaftlichen Überlegungen auch individuell zu behandeln? Eine TU hat nun einmal andere Ziele und Benutzergruppen als die Bibliothek einer Volluniversität und diese wiederum hat ein anderes Spektrum von Benutzungsanforderungen als eine Landesbibliothek oder Staatsbibliothek. Wenn in den Überlegungen zur Lean Library [1] einerseits eine quantitätsorientierte Arbeit der wissenschaftlichen Bibliotheken gefordert wird, andererseits aber auch Ansätze für eine qualitätsorientierte Arbeit sichtbar werden, ist noch Hoffnung, dass auch der Altbestand in einer wissenschaftlichen Universalbibliothek seinen angemessenen Platz finden kann, dass dieser Altbestand trotz seiner dem modernen Bibliotheksmanagement zuwider laufenden personalintensiven Strukturen ein wichtiges Element für die Attraktivität und Effektivität einer wissenschaftlichen Bibliothek bleibt; der historische Altbestand als äußerst attraktive Seite einer wissenschaftlichen Bibliothek hat meines Wissens bei dem überwiegenden Teil unserer Benutzer immer einen hohen Stellenwert gehabt und hat ihn auch heute noch. Die wissenschaftlichen Universalbibliotheken (Universitätsbibliotheken, Landesbibliotheken, Staatsbibliotheken) haben ein Benutzerprofil, das sehr stark von Philologen und Historikern bestimmt wird, einer Benutzerklientel, die einer qualitativen Erfolgskontrolle kaum messbare Ergebnisse liefern kann.

 

1. Überlegungen zur Definition und zur Abgrenzung des "Historischen Altbestands"

Wahrscheinlich weil ich kein Betriebswirtschaftler sondern Altbestandsbibliothekar bin, ist mit aufgefallen, dass die Verschlankungs- und Rationalisierungsmodelle für wissenschaftliche Bibliotheken sich eingehend mit den "Massen"problemen auseinandersetzen und die stark anwendungsorientierten Wissenschaften (die "effektiven" technischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Fachbereiche und die Rechts- Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen, für die Literatur mit einer meistens sehr geringen Halbwertszeit vorgehalten und bearbeitet werden muss. Für diese Bereiche sind Marketing Konzepte und vielleicht auch ein Wettbewerb zwischen den Bibliotheken in Bezug auf Erwerbungsprofil und Bereitstellungsgeschwindigkeit sinnvoll und machbar, weil der Erfolg in gewissem Umfang gesteuert werden kann: wenn ich z.B. stärker in den Bestand der Lehrbuchsammlung Medizin investiere, erhalte ich höhere Benutzungszahlen und eine durchweg zufriedene Klientel der Medizinstudenten. Das ist das einfache marktwirtschaftliche Konzept von Angebot und Nachfrage, das über Bedarfserhebungen gesteuert werden kann.

Bei den wissenschaftlichen Universalbibliotheken, die zwar auch viele der stärker anwendungsorientierten Wissenschaften mit vertreten, kommt aber ein weiterer wichtiger Faktor zum Tragen, der für die historisch arbeitenden Fächer von immenser Bedeutung ist: der Altbestand. Dieser Bereich, der die eigentliche Stärke einer Bibliothek für den historisch arbeitenden Wissenschaftler ist, wird in den betriebswirtschaftlichen Untersuchungen sehr undifferenziert betrachtet und nur sehr vage definiert, der Begriff ist eher negativ besetzt. Modernes Bibliotheksmanagement muss in den Augen des Betriebswirtschaftlers mit einem schlanken Bestand ohne "Ballast" zu rechnen lernen. Können unter dieser Prämisse wissenschaftliche Universalbibliotheken überhaupt modern sein?

Die Bewertung der Leistungsfähigkeit und Attraktivität einer stärker historisch orientierten Bibliothek wird nicht zuletzt durch die Bestände beeinflusst, die dem Benutzer zur Verfügung stehen. Das kann im einen Fall durchaus die Aktualität und Übersichtlichkeit eines Bestandes sein, die Benutzer anzieht, das kann aber ebenso die Geschlossenheit der Bestände chronologisch und fachlich sein. Und gerade das können nur die Altbestände sein.

Eine Definition des historischen Altbestandes, die mehrstufig ist und deutlich macht, um was es beim historischen Altbestand eigentlich geht, hat 1979 Paul Raabe zusammengestellt [2]. Er teilt folgendermaßen ein:

1. Das klassische alte Buch. Es entstammt der Zeit von Beginn des Buchdrucks und reicht bis etwa 1850. Bücher dieser Zeit sind jeweils Individualitäten, sie sind von Hand gesetzt, auf handgeschöpftes Papier gedruckt und meist in einer Auflage unter 1000 Exemplaren gedruckt.
2. Das Buch aus der Zeit von 1830 bis etwa 1950. Raabe bezeichnet es als das ältere Buch, das meist in höheren Auflagen hergestellt wurde und nicht "von vornherein von wissenschaftlichem Interesse und kulturellem Wert (ist): die inhaltliche Bedeutung in der Verbindung mit der zeitbezogenen äußeren Gestalt gehören zusammen, wenn dieses Buch das unmittelbare Interesse einer von Werten ausgehenden Forschung erregen soll. ... Man denke an eine Reisebeschreibung aus dem Vormärz oder an eine Kampfschrift aus der Bismarckzeit, an einen naturalistischen Roman oder an die Erstausgabe eines expressionistischen Gedichtbuches, an ein kommunistisches Pamphlet aus der Weimarer Republik oder an eine Hetzschrift aus dem Dritten Reich, an ein Werk aus der Emigrantenliteratur oder an eine auf schlechtem Papier gedruckte humanistische Broschüre aus den ersten Jahren nach dem Nullpunkt der deutschen Geschichte." [3] Als weitere Gruppe führt Raabe das "kostbare Buch" an, eine Klassifizierung, die eigentlich nur eine zusätzliche Eigenschaft der oben genannten Bestände darstellt, denn : kostbare Bücher erfüllen auf jeden Fall die Kriterien der Gruppe 1. und 2. Natürlich hebt die Eigenschaft "kostbar" die so bezeichneten Bücher aus der größeren Menge des historischen Altbestandes heraus, ohne sie jedoch zu einer eigenen Gruppe zu machen.
3. Als eigene Gruppe anzusehen sind sicherlich auch die Quellen, wie Adressbücher, Kalender, Nachschlagewerke, die von bleibendem Interesse für die Recherchearbeit sind und deswegen auch den historischen Altbeständen zuzurechnen sind.
4. Sind zu nennen die Bestände, die im Zusammenhang mit Programmen für Sondersammlungen (Sondersammelgebiete der DFG, Pflichtexemplare, Sammelschwerpunkte regionaler oder fachlicher Art) gewachsen sind.
Wissenschaftliche Universalbibliotheken haben im Allgemeinen einen historischen Altbestand von beträchtlichem Umfang und sie haben die Verpflichtung, diese Bestände nicht nur zu erschließen sondern sie auch der Benutzung zur Verfügung zu stellen und darüber hinaus zu erhalten.
Der Umfang dieser Bestände, die sehr unterschiedliche Nutzungsintensität und die verschiedenen Arten der Nutzung machen Überlegungen zur Verschlankung dieses Teils der Bibliothek eigentlich unmöglich.
Der Wissenschaftsrat empfiehlt in seiner Studie "Zum Magazinbedarf wissenschaftlicher Bibliotheken" zwar: Entbehrliche Bestände, wie insbesondere veraltete Lehrbücher, Gesetzessammlungen, amtliche Schriften, Firmenschriften, Adress- Telefonbücher u.ä. sollten zur Makulatur ausgesondert werden [4].Schränkt dann aber wieder ein: Bei Monographien ist zu bedenken, dass die Durchsicht der Bestände vor allem bei der nach Numerus Currens aufgestellten Bestände und die Änderung der Kataloge kaum vertretbare Personalkosten verursacht, die eine Abgabe zur regional oder überregional koordinierten Archivierung als unwirtschaftliche Lösung erscheinen lässt. An die Aussonderung verstreut aufgestellter Einzelmonographien ist nicht gedacht.
Da die Situation bei vielen traditionellen Bibliotheken so ist, dass eine Deaquisition von Monographien fast genauso aufwendig ist wie eine Neuerwerbung, wird sich eine Verschlankung der Bestände jedenfalls nicht ohne erhebliche Investitionen erreichen lassen. Da aber die betriebswirtschaftlichen Überlegungen wohl in erster Linie Einsparungen bringen sollen, werden diese Probleme nur am Rande erwähnt. Die Bibliotheken geraten stattdessen in den Verdacht, sie seien unfähig sparsam zu wirtschaften. Es ist kaum möglich, bei der Erwerbung bereits nach langlebiger bzw. kurzlebiger Literatur zu unterscheiden, die Benutzungsfrequenz im EDV - gestützten Ausleihsystem kann ein Hinweis sein auf Werke, die möglicherweise veraltet sind, gerade solche Werke können aber bei wechselndem Forschungsinteresse wieder von großer Wichtigkeit sein .
Wir verfügen also über keine Patentlösung, um den Forderungen nach einer Verschlankung der Bestände nachzukommen, und die Verschlankung, die durch Reduzierung der Erwerbungsetats erreicht wird, führt wegen der heute sehr intensiven Verbindung der Bibliotheken über den Leihverkehr nur zu einer aufwendigen Verlagerung von Arbeit in den Bereich der Fernleihe.
In einer wissenschaftlichen Universalbibliothek ist eigentlich alles zum erhaltenswerten historischen Altbestand zu rechnen, was nicht zur Literatur mit geringer Halbwertzeit zu rechnen ist und diese Bücher sind nur schwer lokalisierbar.

 

2. Erschließung

Die Definition dessen, was als historischer Altbestand anzusehen ist, hat deutlich gemacht, dass neben den Neuerwerbungen, die für den aktuellen Bedarf beschafft werden, der historische Altbestand das Kapital der Bibliothek ist, mit der sie eine sehr heterogene Klientel von historisch philologisch arbeitenden Wissenschaftlern an sich bindet. Dieses Kapital ist tot, solange nicht der Zugang über eine gute Erschließung erleichtert wird. Der historische Altbestand als materielle mehr aber noch als ideelle Schatzkammer [5] bedarf aber einer optimalen Erschließung. Seit durch die Konvertierung von Zettelkatalogen in den OPACS und Verbundkatalogen zunehmend Altbestände unter verschiedenen Gesichtspunkten recherchierbar geworden sind, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, schnelle Antworten auf Fragen zu bekommen, für die ohne EDV zeitraubende und intensive Recherchen [6] nötig geworden wären.

Gleichzeitig ermöglichen diese neuen Erschließungsinstrumente Suchen über den lokalen Bestand hinaus. Es können so Zusammenhänge hergestellt werden und Bibliothekreisen geplant werden.
Die EDV Erschließung kann also im Sinne betriebswirtschaftlicher Überlegungen durchaus als eine Wertsteigerung betrachtet werden, die die Attraktivität einer Bibliothek wesentlich erhöht und es möglich macht mit dem vorhandenen Kapital (das ist der vorhandene Altbestand) noch besser zu wirtschaften. Eine Verbesserung der Retrievalmöglichkeiten, eine Intensivierung der Altbestandskonvertierung sind also hervorragende Möglichkeiten, die Bibliothek für lokale, regionale und überregionale Benutzer attraktiver zu machen. Je mehr hier investiert werden kann, umso effektiver kann die Arbeit sowohl für die Forschung als auch für die Bibliothek gestaltet werden. Dabei darf man auf keinen Fall die traditionellen Erschließungsinstrumente vernachlässigen, denn alte Zettel- und Bandkataloge behalten für viele Fragestellungen ebenso ihren Wert wie die intensiven Bestandskenntnisse, über die der Altbestandsbibliothekar verfügt. Qualifiziertes Personal, das qualifizierte Auskünfte geben kann, das in der Lage ist, die aus der EDV oder aus gedruckten oder alten Katalogen gewonnenen Informationen im Verhältnis zum Bestand der Bibliothek zu deuten, ist ein wichtiger Faktor für Attraktivität eines Altbestandes und für die effektive Arbeit eines Wissenschaftlers mit diesem Bestand. Es muss hier ein großes Leistungspotential vorgehalten werden, das kostenintensiv und nicht automatisierbar ist. Nur mit den vorgehaltenen Leistungsfähigkeiten ist es möglich den Bestand effektiv und angemessen zu nutzen, d. h. zu aktivieren [7].

Zur Erschließung bei älteren Beständen gehört natürlich auch der Nachweis von weiteren Exemplaren eines Drucks in anderen Bibliotheken. Es geraten immer mehr die Zentralkataloge in den Blick der Sparkommissare. Nach den verheerenden Verlusten des Zweiten Weltkriegs wurden diese Zentralkataloge aufgebaut , um über den Deutschen Leihverkehr wissenschaftliches Arbeiten überhaupt wieder zu ermöglichen. Sie weisen alte und neue Literatur ohne Unterschied nach und sind bis heute durch die neuen EDV Verbundkataloge bei weitem nicht ersetzt, mindestens was die historischen Altbestände angeht. Die Nutzung von Segmenten einzelner Zentralkataloge auf Mikrofiche wie überhaupt die Nutzung von Mikrofichekatalogen zu der man die Benutzer durchaus anleiten sollte, können und müssen auf Jahrzehnte hinaus die EDV- Erschließung stützen. Bei der Nutzung der EDV Kataloge , ob lokal oder Verbund, sollten immer wieder Hinweise darauf angebracht werden, dass diese Nachweisinstrumente bei weitem keine Vollständigkeit bieten und dass die konventionelle Recherche zusätzlichen Erfolg und manchmal sogar eine erhebliche Zeitersparnis bedeuten kann.

Die EDV-Erschließung der älteren Bestände, die in vielen Fällen durch Konvertierung älterer manchmal unzulänglicher Katalogzettel erreicht wird, kann für die Drucke bis ins 18. Jahrhundert hinein nur ein erster Schritt sein, um Titel zusammenzuführen. Die bibliographische Beschreibung dieser Drucke muss als eine wesentliche Aufgabe der wissenschaftlichen Bibliotheken nicht nur weitergeführt werden sondern sie sollte intensiviert werden. Je genauer die bibliographischen Daten sind, die vorliegen, desto geringer ist der Recherchieraufwand, den Bibliothek und Benutzer letztendlich treiben müssen, desto effektiver ist der historische Altbestand nutzbar.

 

3. Nutzung

Die Bereitstellung und Benutzung der historischen Altbestände ist in der Regel mit einem gegenüber der "normalen" Ausleihe erhöhten Aufwand verbunden, der dadurch zu rechtfertigen ist, dass es sich in der Regel bei diesen Beständen um bedeutende reale bzw. realisierbare Werte geht, die es gegen Entwendung oder Beschädigung zu schützen gilt und/oder Werke von hohem wissenschaftlichen und intrinsischem Wert, die nur schwer wieder zu beschaffen sind . Es sind daher Vorkehrungen zu treffen, die es ermöglichen die Benutzung dieser Werke zu kontrollieren und bei Bedarf sogar einzuschränken und sie dann nur noch als Ersatzmedium (Film oder Fiche) zugänglich zu machen. Die Einrichtung von Extramagazinen für Rara und alte Drucke vereinfacht diese Kontrolle generell und kann bei besonderer Kennzeichnung dieser Bestände auch hilfreich sein bei Pflegemaßnahmen oder Überlegungen zum Bestandsschutz.

Ebenso ist die Einrichtung eines Speziallesesaales möglicherweise in Verbindung mit der Benutzung von Handschriften und anderen Sonderbeständen unumgänglich. Die Benutzung muss in einem begrenzten überschaubaren Raum erfolgen, damit Auflagen (z. B. Kopierverbot) überwacht und Beschädigungen durch unsachgemäße Handhabung unterbunden werden können. Gerade bei der Benutzung von historischen Altbeständen und Sonderbeständen stehen die Forderungen nach Bestandsschutz oft in krassem Gegensatz zu den Forderungen nach Liberalität, die eine attraktive moderne Bibliothek an den Tag legen sollte. Der gegliederte Freihandbereich mit Nischen und Arbeitskabinen kann nicht Ort für die Benutzung des historischen Altbestand sein, die Folgekosten würden einfach zu hoch. (Verluste, Beschädigungen, Recherchieraufwand bei Ersatz u.s.w.) Die Klientel der Benutzer, die mit den historischen Beständen und schützenswerten Drucken arbeitet, ist nach meiner Erfahrung durchweg gerne bereit, Einschränkungen zu akzeptieren, wissen doch sie am besten, wie mühsam und aufwendig es sein kann, bis man einen bestimmten Druck in einer Bibliothek aufgetrieben hat. Bei der lokalen Benutzung, die bei historischen und schützenswerten Beständen die Regel sein sollte und von der nur unter ganz bestimmten Umständen abgegangen werden darf, müssen natürlich den oft von weit her anreisenden Benutzern möglichst komfortable Bedingungen geboten werden, wie sie sonst vielleicht nicht immer möglich sind. Eine rasche Bereitstellung der Bestände ist ebenso wichtig wie die Möglichkeit, mit einem Notebook arbeiten zu können. Die notwendigen Kontrollen müssen konsequent aber ohne unnötigen bürokratischen Aufwand durchgeführt werden, dazu gehört auch die Registrierung jeder Benutzung schützenswerter und seltener Werke zusammen mit einer "amtlichen" Identifizierung des Benutzers (d.h. Vorlage eines amtlichen Ausweises mit Lichtbild und Anschrift).

Durch die Vernetzung der Bibliotheken und den Nachweis eines Teils der historischen Altbestände in den Verbundkatalogen ist ein auffälliger Anstieg der Fernleihbestellungen auf diese Bestände zu beobachten. Die Vereinfachung des Bestellvorgangs bei Annahme, die Umgehung der regionalen Zentralkataloge, vor allem aber der verbesserte Erschließungsstand in den Verbundkatalogen führt im Deutschen Leihverkehr zu zahlreichen unnötigen Bestellungen auf historische Bestände, die auch nach der zur Zeit gültigen Leihverkehrsordnung nicht zulässig sind. Nicht verwunderlich ist, dass diese Bestellungen in erster Linie Bibliotheken erreichen, die Ihren historischen Altbestand bereits in einem maschinenlesbaren Katalog nachgewiesen haben. Hier ist durch die in Vorbereitung bzw. in Beratung befindliche neue Leihverkehrsordnung deutlicher Abhilfe zu schaffen. Wie ich bereits auf dem Bibliothekartag in Dortmund vorgetragen habe, sollte eine einheitliche Zeitgrenze (1800/1850) gelten, bis zu der Drucke vom Leihverkehr grundsätzlich ausgeschlossen sind [8]. Dieser Ausschluss lässt sich vor allem mit den sehr hohen Versandkosten begründen, die bei einem "sicheren" Versand erhoben werden. Als Alternative wäre die Lieferung einer Film- oder Fiche-Reproduktion denkbar. Der Verfilmungsaufwand wäre durch regionale und überregionale Kooperationsprojekte (Mikrofilmnachweise in den Verbünden oder EROMM [9]) zu optimieren, außerdem könnte man durch eine Pauschalgebühr den administrativen Aufwand sehr gering halten, wenn man auf Berechnung der Filmduplikate oder Rücksendung in Bagatellfällen verzichtet [10].

Zu überlegen wäre dann, ob man Duplikate von Filmen umfangreicherer Werke nicht leihweise in den Leihvem Leihverkehr im Original auszunehmen und nur noch Reproduktionen zu liefern, ich denke aber, dass bei einer genaueren Betrachtung und Überlegungen zur Höhe der Pauschale dieser Vorschlag nicht nur zu einer erheblichen Rationalisierung im Leihverkehr führt, sondern dass diese Überlegungen auch ein wichtiger Beitrag zur Bestandserhaltung sein können.

Eine weitere Benutzungsart, die nicht immer auf Begeisterung bei den Altbestandsbibliothekaren trifft, sind die Ausstellungen. Es ist eine wichtige Aufgabe Ausstellungen mit Leihgaben zu unterstützen. Für eine gut gemachte Ausstellung lohnt sich der Aufwand, weil Öffentlichkeitswirksamkeit und kulturelle Wirkung nicht zu unterschätzende Argumente sind, wenn man denn den Altbestand rechtfertigen muss. Auch eigene Ausstellungen können eine große Rolle für das Ansehen der Bibliothek spielen, eine gewisse Identifikation mit der Bibliothek erzeugen, wenn regionale Bezüge aufgenommen werden. Ausstellungen können sogar messbare Ergebnisse haben, wenn man durch sie Sponsoren gewinnt.

 

4. Bestandserhaltung

Zum Schluss möchte ich noch einige Überlegungen anstellen, die den Werterhalt und die Maßnahmen zur Bestandserhaltung im historischen Altbestand einer modernen Bibliothek betreffen. Die eigentlich für Mitteleuropa ohne großen Aufwand einstellbaren Aufbewahrungsbedingungen von 18º C und maximal 55% relative Luftfeuchtigkeit [11] sind leider in den modernen Bibliotheksbauten nicht immer ohne Schwierigkeiten herzustellen. Moderne Betonbauten sind meist zu trocken und können auf Klimaschwankungen kaum reagieren, sperrende Anstriche verhindern auch das letzte bisschen Reaktion. Hinzu kommt, dass die "Arbeitsräume" Magazin bis mindestens bis 20º C beheizt werden. Wenn eben möglich sollten die schützenswerten Bestände daher in einem Sondermagazin, möglichst ohne Heizung, ohne wasserführende Rohre, ohne Durchführung von überflüssigen elektrischen Leitungen aufbewahrt werden. Eine Klimatisierung kann zwar nützlich sein, besser ist es aber ein stabiles Klima durch natürliche Baustoffe herbeizuführen. Der Zugang zu diesem Bereich muss auf einen kleinen Personenkreis begrenzt werden. Gleichzeitig sollte dieses Sondermagazin möglichst in unmittelbarer Nähe zum Benutzungsbereich, d.h. dem Speziallesesaal liegen, um unnötig lange Transportwege zu vermeiden und eine rasche Bereitstellung vor allem auch für auswärtige Benutzer zu ermöglichen. Klassische Bücherwagen für den Transport der historischen Buchbestände sind allen mechanischen und elektronisch gesteuerten Transportanlagen vorzuziehen.

Wenn die schützenswerten historischen Buchbestände in einem Sondermagazin zusammengefasst sind, ist es leicht möglich, konservatorische Maßnahmen am Bestand durchzuführen (Buchpflege, Schutzverpackungen). Getrennte Aufstellung und Kennzeichnung der Sonderbestände verhindert außerdem, dass Bände, die der Kategorie der schützenswerten Bestände zugerechnet werden, in die Buchbinder-Routine geraten oder bei der Ausstattung für die EDV-Ausleihsysteme mit Selbstklebeetiketten versehen werden, die gerade bei historischen Beständen schnell zu irreparablen Schäden führen. Man sollte keinen unnötigen Aufwand treiben, aber die Ausstattung eines Bandes mit einem Strichcode auf säurefreiem Papier, das mit Kleister auf den vorderen Spiegel geklebt wird, dauert nur wenig länger als das Einkleben eines Selbstklebeetiketts, hat aber den Vorteil, das es ohne Rückstände wieder herausgelöst werden kann. Ebenso müssen Signaturschilder und weitere Kennzeichnungen auf Originaleinbände nur mit Kleister aufgeklebt werden. Gerade im Umgang mit dem historischen Altbestand muss man langfristig denken, d.h. da der Bestand für eine unbegrenzte Speicherung vorgesehen ist, sollten nur absolut unschädliche Materialien verwendet werden.

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehört die Verfilmung [12] von den Stücken des Bestands, die entweder auf Grund ihrer häufigen Benutzung oder wegen eines schlechten Erhaltungszustandes oder weil sie von auswärtigen Bibliotheken angefordert werden einer Schutzverfilmung unterzogen werden müssen. Die Maßnahmen der Schutzverfilmung können und sollten regional und auch überregional koordiniert werden, um Doppelverfilmungen zu vermeiden. Zu den selbstverständlichen Maßnahmen der Vorbeugung in der Benutzung gehört die Bereitstellung von Schaumstoffkeilen für Bände, die sich nur schwer öffnen lassen oder die wegen Ihres Gewichtes und Ihrer Größe ein Stütze bedürfen. Auch die regelmäßige Schulung des Personals, das mit den historischen und schützenswerten Beständen umgeht, zu Themen des Umgangs mit dem alten Buch, konservatorischen Maßnahmen und Fragen der Sicherheit im Benutzungsbereich gehört zu den Aufgaben der Bestandserhaltung.

 

6. Sondergeschäftgang für Sonderbestände

Ausgehend von den betriebswirtschaftlichen Überlegungen, die eine begrenzte Bestandsgröße und einen überschaubaren, möglichst oft umsetzbaren Grundbestand als das Ideal einer kostengünstig arbeitenden Bibliothek vorstellen, habe ich deutlich zu machen versucht, dass der Altbestand in einer wissenschaftlichen Universalbibliothek nicht nur eine wichtige Funktion hat, sondern dass er das eigentliche Kapital darstellt, mit dem eine wissenschaftliche Bibliothek durchaus eine große Attraktivität für die Forschung erwirbt. Dieser historische Altbestand ist vor allem für die historisch philologisch interessierte Benutzerklientel attraktiv, was zu einem betriebswirtschaftlich nicht überprüfbaren Nutzen führt. Der historische Altbestand kann aber auch öffentlichkeitswirksam z.B. bei Ausstellungen genutzt werden. Hierdurch wird die über die rein wissenschaftliche Nutzung hinausgehende kulturelle Aufgabe der modernen wissenschaftlichen Bibliothek mit einem historischen Altbestand deutlich sichtbar gemacht. Auch beim Umgang mit dem historischen Altbestand sind Rationalisierungen möglich und diese Möglichkeiten sollten auch genutzt werden. Auf Grund der völlig anderen Benutzungsstruktur müssen aber für diese Bestände Sonderbedingungen geschaffen werden. Mit der Erschließungstiefe wächst die Attraktivität des Bestandes. Man könnte es vielleicht auf die laienhafte Formel bringen: Der historische Altbestand einer Bibliothek ist ihr Kapital Die Erschließung bedeutet eine Wertsteigerung in der Benutzung jeder Art ist die Realisierung des Wertes zu sehen, "leider" ist dieser Wert kultureller Art, das heißt nicht messbar und nicht direkt vorzeigbar, es muss aber möglich sein, diese Werte zu vermitteln und als Berechnungsfaktor in die betriebswirtschaftlichen Überlegungen einzubeziehen.

 

 
Anmerkungen
[1] Hans-Gerd Happel: Was ist eine Lean Library? In: ZfBB 43 (1996), S. 9-21. zum Text
[2] Paul Raabe: Das alte und kostbare Buch - eine bibliothekarische Zukunftsaufgabe. In: Das Buch und sein Haus. Festschrift. Gerhard Liebers gewidmet zur Vollendung des 65. Lebensjahres. Wiesbaden 1979. Bd. 1, S. 164-188. Wieder abgedruckt in: Paul Raabe: Bücherlust und Lesefreuden. Stuttgart 1984, S. 267-286. zum Text
[3] Raabe wie Anm.1, Stuttgart 1984, S. 270 zum Text
[4] Wissenschaftsrat. Empfehlungen zum Magazinbedarf wissenschaftlicher Bibliotheken. (Köln 1986), S. 32 und S. 36 Abs. b) zum Text
[5] Ideell in dem Sinne, dass wir unsere Gesellschaft als eine durch die Schriftlichkeit definierte Kultur auffassen und darum die Bibliotheken als Wissensspeicher oder Gedächtnis dieser Kultur zu bewerten sind. zum Text
[6] Recherchen nach Druckorten, Erscheinungsjahren, Stichworten in Titeln u.s.w. zum Text
[7] Klaus Ceynowa: Geschäftsprozessmanagement für wissenschaftliche Bibliotheken. In: ZFBB 44 (1997), S. 241-264 zum Text
[8] Ausnahmen müssen ähnlich wie bei Handschriften beantragt und begründet werden. zum Text
[9] European Register of Microfilm Masters, weitere Informationen: EROMM/GEROMM Verfilmen, Nachweisen, Tauschen. In: ABI-Technik 14 (1994), S. 65-66. zum Text
[10] Als Beispiel: Man könnte bei einer Pauschalgebühr von DM 30.- auf die Rücksendung von Filmduplikaten bis zu 150 Aufnahmen verzichten. zum Text
[11] Ich denke hier vor allem an die natürliche Klimatisierung in alten Ziegelbauten (Klöster, Kirchen), die über Jahrhunderte hinweg Bibliothekbestände in hervorragendem Zustand bewahrt hat. zum Text
[12] Bodo Uhl: Die Verfilmung als Mittel der Bestandserhaltung. In: Bestandserhaltung: Herausforderung und Chancen. Hrsg. von Hartmut Weber. Stuttgart 1997, S. 339-351. Marianne Dörr, Hartmut Weber: Digitalisierung als Mittel der Bestandserhaltung. In: ZfBB 44(1997), S. 53-76 zum Text

 
 
Zum Autor:
Dr. Gerd Brinkhus, Leiter der Abteilung Bestandserhaltung, der Restaurierungswerkstatt sowie der Abteilung Handschriften, Alte Drucke, Rara an der Universitätsbibliothek Tübingen
E-mail: gerd.brinkhus@ub.uni-tuebingen.de

Geschäftsstelle:
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