Spalten oder nicht spalten?
Diese Frage bewegt seit einigen Jahren die Gemüter von Bibliothekaren, Archivaren, Restauratoren, Sponsoren und auch von Unterhaltsträgern unserer Bibliotheken mit älteren, wertvollen und schützenswerten Beständen. Dabei geht es in der Debatte oftmals ausgesprochen emotionsgeladen zu - jedenfalls im Vergleich zu sonstigen bibliothekarischen Sachauseinandersetzungen. Alte Ost-West-Gegensätze, durch die Tagespresse (Der Tagesspiegel) oder die Wochenzeitungen (Spiegel, Focus, Die ZEIT) noch pointierter überzeichnet, scheinen dabei ebenso zu Tage zu treten wie eine gewisse Aktionseuphorie am Ende des Milleniums. Die ganze Diskussion kulminiert noch einmal im gerade ausgebrochenen "Bachjahr 2000": Dürfen die Handschriften des genialen Musikers Johann Sebastian Bach und seiner Familie gespalten werden oder nicht, müssen sie sogar schleunigst gespalten werden oder bleibt uns für die Rettung der Autographen noch genügend Zeit zum Nachdenken und Handeln (in dieser Reihenfolge)?
Die günstige Gelegenheit, bei all der Bachjahr-Euphorie auch etwas für die Bestandserhaltung der wertvollen und schützenswerten Objekte zu bewirken, ist also da: Wir haben nun einmal ein Bachjahr, es handelt sich bei diesen Handschriften unbestritten um ein Kulturgut ersten Ranges, eine Zukunftstechnologie steht zur Verfügung, hohe Preise auf dem Antiquariatsmarkt für Bachhandschriften (die Ersteigerung einer Kantate vor einigen Jahren kostete 1,3 Millionen DM) garantieren ein zumindest oberflächliches Medienecho.
Damit sind natürlich die Probleme nicht wirklich gelöst: "Zwei Restauratoren - drei Meinungen" umschreibt ein Artikel in dem vorliegenden Band das Dilemma, welches darin besteht, dass die Fachexperten, welche den unter Handlungszwang stehenden Bibliothekaren und Archivaren Handlungsvorschläge und Problemlösungen unterbreiten sollen, unter sich methodisch zerstritten sind oder zumindest die heute noch weitgehend unbekannten Spätfolgen infolge von konservatorischen und restauratorischen Eingriffen unterschiedlich beurteilen. Dies wurde auch auf den beiden Kolloquien (10/1997; 3/1998) von Expertengremien an der Staatsbibliothek zu Berlin festgestellt. Hier wurden der Schadensbefund der durch Tintenfraß geschädigten Werke, der Forschungsstand und die Restaurierungsmethoden breit diskutiert. Die Ergebnisse liegen erfreulicherweise ebenfalls im Druck vor [1].
Der ausschließliche Blick auf die Bachhandschriften und ihren in der Tat außerordentlich kritischen Zustand schmälerte lange Zeit jedoch eher den Blick für die Tatsache, dass Tintenfraß ein Alltagsproblem (übrigens eins unter vielen anderen) der Bestandserhaltung in Bibliotheken und Archiven darstellt. Dies gilt natürlich in besonderem Maße für Archive, aber auch für diejenigen Bibliotheken, die umfangreiche Sondersammlungen (Nachlässe, Autographen, Handschriften, handgezeichnete Karten) verwalten. Deshalb kann die vorliegende Fachpublikation, an der namhafte Experten aus dem Restaurierungsbereich mitgewirkt haben, nur nützlich sein und ist als solche dankbar zu begrüßen.
Tintenfraß:
Tintenfraß bewirkt einen Abbau des Schriftträgers (in der Regel also des Papiers), auf den Eisengallustinte, also die "Standardtinte" von der Antike bis hinein ins 20. Jahrhundert, verschrieben worden ist. Tintenfraß entsteht durch zwei Faktoren: Zum einen durch die saure Hydrolyse der Cellulose, welche eine Depolymerisation des Papiers und damit einen Festigkeitsschwund bewirkt. Zum zweiten findet eine durch Eisen-Ionen katalysierte Oxidation der Cellulose statt, die ebenfalls zum Abbau des Papiers führt. Man beobachtet zunächst eine Fluoreszenz und Verbräunung, dann eine dunkelbraune Verfärbung auf der Schriftrückseite und im finalen Stadium dieses Prozesses den Verlust durch ausbrechende Papierteile.
Der vorliegende Sammelband stellt eine Art Zwischenbilanz langjähriger Forschungsarbeiten dar und wird von zwei ausgewiesenen Experten herausgegeben: Gerhard Banik ist langjähriger Leiter des Studiengangs "Restaurierung und Konservierung von Graphik-, Archiv- und Bibliotheksgut" an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, Hartmut Weber war in der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg lange Jahre u.a. zuständig für die Werkstätten in Ludwigsburg, bevor er im vorigen Jahr Präsident des Bundesarchivs in Koblenz wurde. Beide Herausgeber sind auch bisher schon mit zahlreichen Einzelpublikationen an die (Fach-)Öffentlichkeit getreten. Der Band, an dem ein gutes Dutzend ausgewiesene Fachleute aus Bibliotheken, Archiven, Restaurierungswerkstätten sowie aus der Forschung mitgewirkt haben, stellt somit eine zusammenfassende Information dar und ist allen an dem Thema Interessierten nachdrücklichst zur Lektüre empfohlen.
Verwirrende Vielzahl von Einzelaspekten:
Inhaltlich verteilen sich die Beiträge auf folgende Einzelaspekte:
Skepsis oder Hoffnung?
Es gibt zu wenig Prophylaxe im Bereich der Bestandserhaltung, in vielen Bereichen wird noch allzu sorglos mit dem materiellen Erbe unserer Kultur umgegangen - dies stimmt den Rezensenten eher skeptisch. Dies gilt auch für den weitgehenden Einsatz von Umweltpapier in vielen Behörden, oftmals sogar für archivwürdiges Schriftgut als auch für die Verwendung von nicht säurefreiem und nicht alterungsbeständigem Papier für den Buchdruck insbesondere bei Eigen- und Kleinverlagen und Publikationen von Behörden. Auch kommt der Bestandserhaltung in vielen Bibliotheken nicht der gebührende Platz zu, weil sie sich nicht so spektakulär "vermarkten" lässt.
Hoffnung gibt die Tatsache, dass die Bestandserhaltung in den letzten Jahren offenbar z.T. auch "Chefsache" geworden ist - zumindest in unseren beiden wichtigsten Bibliotheken, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Bayerischen Staatsbibliothek in München, deren Generaldirektoren sich in der letzten Zeit wiederholt zu diesem Thema geäußert haben [4]. In diesen beiden Bibliotheken nimmt die Bestandserhaltung sogar den Rang einer Hauptabteilung ein. Ähnliches lässt sich auch im Archivwesen sagen, wo im vorigen Jahr einer der profiliertesten "Bestandserhalter" und Mitherausgeber dieses Bandes zum Leiter des Bundesarchivs ernannt worden ist. Die Sensibilisierung der Berufsöffentlichkeit, aber auch der allgemeinen Öffentlichkeit ist also da.
Fazit:
Trotz vieler positiver Aspekte legt man den Band mit einer gewissen Enttäuschung aus der Hand: Die Theorie ist vorzüglich dargestellt, die Fachleute aus der Praxis haben ihre Karten offen gelegt. Spalten oder nicht spalten der Bachhandschriften- diese entscheidende Frage wird jedoch nicht beantwortet, kann vielleicht auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt gar nicht beantwortet werden.
Leider sind in dem vorliegenden Werk nur die Befürworter des Spaltverfahrens, nicht aber die Kritiker vertreten. Gerne hätte man den Beitrag "Geist und Seele sind verwirret..." (sic!) im vorliegenden Sammelband abgedruckt gesehen [5]. Dieser Beitrag geht auf die Spaltproblematik schonungslos ein und konstatiert Forschungsbedarf in Fragen der Vitriolzusätze zur Tinte, zur Entchiffonierung und zur Stabilisierung des Papiers und der Tintenpartikel. Angesichts der Tatsache, dass durch zahlreiche flankierende Maßnahmen wie Sperren der Originale für die Benutzung, qualitativ gute Farbfilme als Benutzungsmedium [6], Einlegen in säurefreie, gepufferte Mappen und auch durch die Chiffonierung die gravierenden Schäden nicht in den letzten Jahrzehnten aufgetreten sind und der Tintenfraß in diesem Zeitraum nicht zugenommen hat, plädieren die Autoren für "die Entwicklung eines optimalen restauratorischen Konzeptes" -, auch sie leider ohne konkrete Vorschläge.
Anmerkungen |
| [1] |
Wettlauf mit der Zeit. Bestandserhaltung in wissenschaftlichen Bibliotheken. Hrsg. von Antonius Jammers. - Berlin: SBB 1998, v.a. S. 118-181  |
| [2] |
Vgl. auch: Birgit Reißland: ....... In: Restaurator 20 (1999) S. 167-178  |
| [3] |
Vgl. auch: Hartmut Böhrenz: Die konservatorische und restauratorische Behandlung der Bach-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 34 (1997) S. 261-271  |
| [4] |
Antonius Jammers: Bestandserhaltung eine zentrale Aufgabe der Staatsbibliothek In: Staatsbibliothek zu Berlin. Mitteilungen N.F. 8 (1999) S. 115-121; Hermann Leskien: Erhltung, Archivierung und Aussonderung von Druckschriften in Bayern. - Berlin 1998 (dbi-materialien; 174); Idem: Bestandserhaltung, Archivierung und Aussonderung als Mangagementaufgabe. In: Grenzenlos in die Zukunft. Hrsg. von M. Rützel-Banz. - Frankfurt: Klostermann 2000, S. 253-263; Weber, Hartmut: Bestandserhaltung als Fach- und Führungsaufgabe. In: Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken. Hrsg. von Hartmut Weber - Stuttgart 1992, S. 135-155  |
| [5] |
Robert Fuchs; Oliver Hahn; Doris Oltrogge: "Geist und Selle sind verwirret...". Die Tintenfraß-Problematik der Autographen Johann Sebastian Bachs. In: Restauro Heft 2/2000, S. 116-121. Aus musikwissenschaftlicher und theologischer Sicht sei noch korrigierend angemerkt, daß es am Anfang der zitierten Kantate (BWV 35, Uraufführung am 8.9.1726, 12. Sonntag nach Trinitatis) heißt: "Geist und Seele wird verwirret...". Dem ist aus restauratorischer und bibliothekarischer Sicht an dieser Stelle nichts mehr hinzuzufügen.  |
| [6] |
Leonhard Penzold: Die Mikroverfilmung der Musikhandschriften der Staatsbibliothek zu Berlin. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 34 (1999) S. 272-277  |