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Rezension
Eine Zukunft für saures Papier
Reinhard Altenhöner, Agnes Blüher, Andreas Mälck, Elisabeth Niggemann, Antje Potthast, Barbara Schneider-Kempf (Hrsg.): Eine Zukunft für saures Papier. Perspektiven von Archiven und Bibliotheken nach Abschluss des KUR-Projekts „Nachhaltigkeit der Massenentsäuerung von Bibliotheksgut“, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Hrsg. G. Ruppelt, Sonderband 106, Frankfurt am Main 2012, 241 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISSN 0514-6364, ISBN 978-3-465-03728-6.
Eine Rezension von Helge Kleifeld (München)

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Der vorliegende Band ist als aktuelles Grundlagenwerk zur Problematik des Zerfalls von säuerehaltigem Papier gedacht. Im ersten Abschnitt beschäftigt er sich mit den Ursachen des Papierzerfalls und "Gegenmaßnahmen". Der zweite Abschnitt beinhaltet zahlreiche interessante Erfahrungsberichte aus Archiven und Bibliotheken Deutschlands sowie aus der Schweiz und Polen. Unterschiedliche "Strategien und Sichtweisen" werden im dritten Abschnitt gegenübergestellt, wobei neben Beiträgen aus Deutschland auch die Situation in den USA und Forschungen zur Massenentsäuerung in der Slowakei berücksichtigt werden. Im vierten Abschnitt werden die bisherigen Versuche einer Koordination der "Gegenmaßnahmen" – quasi das Networking – und die Lobbyarbeit bzgl. der Einwerbung von Finanzmitteln in Deutschland geschildert. Vor dem abschließenden Resüme (Abschnitt sechs) beschäftigt sich der Abschnitt fünf mit der Qualitätssicherung der Massenentsäuerung vor dem Hintergrund der DIN Empfehlungen und den Qualitätsrichtlinien aus der Schweiz. Am Ende des Buches finden sich die sogenannten "Frankfurter Thesen zur Massenentsäuerung" und ein Beispiel für einen Rahmenvertrag zur Vergabe von Massenentsäuerungsaufträgen.

Grundsätzlich ist der Band ein wichtiger Beitrag zur dringend notwendigen weiteren Etablierung der Erhaltungsmaßnahmen von schriftlichem Kulturgut durch die Massenentsäuerung! Für alle, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, ist er ein unverzichtbares Standardwerk. Die Kernaussage, dass die Massenentsäuerung von säurehaltigem Papier zu einer nachhaltigen Verbesserung der Haltbarkeit der betroffenen Papiere führt, ist zwar nicht neu (Der Archivar 3/2008, S. 163-166), aber erstmals mit sehr großem technischen Aufwand auch für Blockentsäuerungsverfahren nachgewiesen worden.

Kern des Buches ist der Beitrag "Nachhaltigkeit in der Massenentsäuerung von Bibliotheksgut" von Kyujin Ahn, Gerhard Banik, Ute Hennigs und Antje Potthast, der die Untersuchungsmethoden und Untersuchungsergebnisse des KUR-Projektes auf gut 50 Seiten schildert. Untersucht wurden Bücher aus der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig und der Staatsbibliothek zu Berlin, die mit drei Entsäuerungsverfahren, dem papersave®-Verfahren des Zentrums für Bucherhaltung, dem CSC Booksaver®-Verfahren der Preservation Academy und dem Libertec®-Verfahren des Libertec Bibliotheksdienstes entsäuert worden waren. Hierbei stehen als Ergebnis drei Aussagen im Vordergrund:
 
1. Die "Effektivität der Massenentsäuerung in Bezug auf die gewünschte chemische Stabilisierung" ist für die drei untersuchten Verfahren "wissenschaftlich belegt" worden. (S. 66)
 
2. 84% (Leipzig) und 73% (Berlin) der Bücher haben einen Oberflächen-pH-Wert größer oder gleich 7 (Seite 47, 65). Anders ausgedrückt: 16% (Leipzig) und 27% (Berlin) haben einen Oberflächen-pH-Wert unter 7 und verfehlen somit die DIN-Empfehlungen.
 
3. "Wenn man versucht, zunächst die […] am meisten versäuerten Bücher einer Entsäuerungsbehandlung zu unterziehen, dann wird man mit großer Wahrscheinlichkeit den geringsten Behandlungserfolg erzielen." Stattdessen soll man die Bücher behandeln, die auf saurem Papier gedruckt sind aber "noch keine besonderen Verfallserscheinungen aufweisen". (S. 68f)
 

Darüber hinaus wurden Tendenzen für eine Inhomogenität der Verteilung des Oberflächen-pH-Wertes bezogen auf das Gesamtbuch gemessen, wenn auch insgesamt festgestellt wurde, dass die Entsäuerung der drei untersuchten Verfahren "prinzipiell homogen" verläuft. (S. 54) Leider wird die detaillierte Auswertung der ermittelten Werte in eine andere Publikation ausgelagert und darauf verwiesen.

Diese Aussagen müssen sich naturgemäß auf die drei untersuchten Massenentsäuerungsverfahren beschränken.

Bzgl. der Methodik des Projektes ist anzumerken, dass die Messung des Oberflächen-pH-Wertes weniger genaue Werte liefert, als die Messung des pH-Wertes im Kaltextrakt. Dies wird in der Studie angemessen thematisiert (S. 34) und die Messung der Oberflächen-pH-Werte war wohl auch alternativlos. Das grundsätzliche Problem wird dadurch jedoch nicht aufgehoben. Zudem ist die Einbeziehung der Nitrochemie Wimmis AG, eines Dienstleisters im Bereich Massenentsäuerung, in die Messreihen aufgrund des Neutralitätsgebotes bei der Erlangung der notwendigen Messwerte problematisch.

Die Darlegung von Agnes Blüher über die Qualitätskontrollen der Massenentsäuerungsarbeiten in der Schweiz sind sehr hilfreich und die Kontrollarbeiten vorbildlich. Andererseits liegen die Qualitätsanforderungen der schweizerischen Qulitätsstandards unterhalb denen der bundesdeutschen DIN Empfehlungen (Qualitätsstandards, Version 18. Mai 2004, S. 5: "Als nachweislich vollständig entsäuert gilt Item, [wenn] seine Oberflächen-pH-Reaktion zwischen 5.0 und 7.0 liegt und bei nass-Spektroskopie eine behandlungsbedingte Zunahme von >= 0.5 % MgCO3 gefunden wurde (zerstörungsfreie Prüfung, anwendbar auf Originalmaterial)"). Leider funktionieren die angegebenen Links zu den schweizer Qualitätsstandards nicht. Vor dem Hintergrund der Ausführungen von Anna Haberditzl, die im selben Band schreibt: "Ein wichtiges Element der Entsäuerungsmaßnahmen stellt die Absicherung der Qualitätskontrolle durch die seit 2007 publizierten DIN Empfehlungen dar." (S. 217), ist die Hervorhebung der in der Schweiz angewendeten Qualitätsstandard im vorliegenden Band zu hinterfragen. Blüher ist zuzustimmen, wenn sie schreibt: "Grundsätzlich erhält man gute Qualität nur dann, wenn man sie einfordert." (S. 205).

Die oben unter 3. dargelegte besonders wichtige Auswahl vor allem nicht stark geschädigter Bestände für die Massenentsäuerung wird mehrfach betont und als besonders bedeutendes Forschungsergebnis des KUR-Projektes dargeboten (S. 11, 68f, 231). Lediglich Anette Gerlach schreibt abweichend: "Denn es war ja auch schon früher klar, dass der Erfolg der Massenentsäuerung umso größer ist, wenn die Behandlung in einem Stadium einsetzt, in dem die Schäden möglichst gering sind." (S. 122). Im Resümee von Reinhard Altenhöner, Andreas Mälck und Elisabeth Niggemann wird die Problematik der Beständeauswahl sogar noch kräftiger formuliert: "Für ältere Bestände allerdings mit bereits sichtbaren Vorschädigungen heißt dies wohl, dass die Massenentsäuerung als Mittel der Wahl ausscheidet […]." (S. 226).

Diese Aussage führt zu einer weiteren kritischen Frage bzgl. des vorliegenden Bandes: Es wird der Anspruch erhoben ein umfassendes (S. 14) Projekt zur Erfolgskontrolle von Massenentsäuerungarbeiten durchgeführt zu haben und damit der Anschein erweckt, die Schlussfolgerungen hätten Gültigkeit für die Massenentsäuerung insgesamt. Um diesen Anspruch zu stützen bemühen sich die Herausgeber darum möglichst auch die bundesdeutschen Archive mit in die Publikation zu integrieren: "in besonderer Weise das Bundesarchiv" (S. 14). Die gemeinsame "Sichtung der Ergebnisse des KUR-Projektes aus der Perspektive von Bibliotheken und Archiven" wird im Resümee auf der Seite 226 nochmals hervorgehoben. Man vergisst jedoch dabei, dass im Archivbereich die Verwendung eines wässrigen Einzelblatt-Verfahrens bevorzugt wird und gerade das Bundesarchiv bisher noch keine der im KUR-Projekt untersuchten Entsäuerungsverfahren für sein Archivgut angewendet hat. Zudem stellt sich die Frage, wie eine Untersuchung von nur drei Entsäuerungsverfahren zu Ergebnissen führen kann, die auch für alle anderen Verfahren gelten sollen. Tatsächlich können die Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Projektes ausschließlich für die untersuchten Verfahren gelten.

Wie die Auswahl der bewerteten Verfahren des KUR-Projektes zustande kam, wird auf Seite 32 erläutert. An dieser Stelle ist es ausreichend, darauf hinzuweisen, dass seit dem Frühjahr 2009 ein Kooperationsangebot vorlag, dass eine Einbeziehung auch des in der bundesdeutschen Archivwelt bevorzugten Verfahrens ermöglicht hätte. Dieses Angebot wurde jedoch von den Verantwortlichen nicht angenommen.

Bezogen auf die aus dem KUR-Projekt abgeleiteten Forschungsdesiderata scheint man den Weg eingeschlagen zu haben, die Anforderungen und Verfahrensweisen der Auswahl des Bibliotheksgutes den beschränkten (s. o. unter Punkt 2.) Fähigkeiten der drei untersuchten Entsäuerungsverfahren anzupassen und sich auf die Weiterentwicklung von "Qualitätssicherungsverfahren" konzentrieren zu wollen (S. 226, 233). Dieser Ansatz greift zu kurz! Eine stete Weiterentwicklung der untersuchten Entsäuerungsverfahren scheint vor den oben unter Punkt 2. aufgeführten Ergebnissen nicht nur wünschenswert, sondern geboten. Lediglich Annette Gerlach formuliert dies klar und deutlich: "Die weitere Forschung wird die Verfahren weiter optimieren, dazu hat das KUR-Projekt einen wesentlichen Beitrag geleistet." (S. 129). Vor dem Hintergrund von 16% bzw. 27% behandelter, aber nicht entsäuerter Bücher hat sie wohl recht.

Es ist erneut Annette Gerlach, die ganz grundsätzlich die richtige Frage zum KUR-Projekt stellt: "Kann es sein, dass die Verantwortlichen in den deutschen Bibliotheken und Archiven, die seit vielen Jahren Aufträge zur Massenentsäuerung durchführen, tatsächlich unsicher waren, ob die Finanzen gut angelegt waren und die Maßnahmen sich verantworten lassen?" (S. 119). Die Antwort gibt sie auf der selben Seite: "Das Geld war sinnvoll angelegt, es gibt die nachgewiesenen Erfolge und Verbesserungen."

Andererseits: Seit Mitte der 1980er Jahre wurde im Bereich der Massenentsäuerungsverfahren viel positives erreicht und Archivare und Bibliothekare können auf zahlreiche grundsätzlich nachhaltig funktionierende Entsäuerungsverfahren zugreifen. Dies hat diese Studie nochmals deutlich gemacht. Doch auf diesen Lorbeeren solle man sich nicht ausruhen und die Perfektionierung der Verfahren durch intensive Forschung weiter vorantreiben!

Fazit: Für den erfahrenen "Massenenentsäuerer" auf der Kundenseite, der sich mit den Fallstricken der Branche auskennt, ist der vorliegende Band ein Wissensschatz und eine unverzichtbare Lektüre – mit allen Fragen, die oben aufgeworfen wurden. Für den Laien unter den Kunden ist der Band eher eine "Wissensfalle", wird er doch mehr oder weniger zwangsläufig die pauschalisierten Urteile und Schlussfolgerungen bezogen auf ein Forschungsprojekt, dass nur drei Entsäuerungsverfahren untersucht und ausschließlich mit Bibliotheksgut gearbeitet hat, für bare Münze nehmen. Nur mit bereits vertieften Kenntnissen könnte er die richtigen Fragen stellen.

 
 

Zum Autor:
Dr. Helge Kleifeld, Assessor des Archivdienstes, Leiter des Archivs des Instituts für Zeitgeschichte München
 
Zum Artikel:
6. August 2012
 
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