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Thema im Fokus August 2012
Fachchinesisch!
Deutsch – chinesisch – englisches Glossar zur Papierrestaurierung erschienen
Ein Beitrag von Reinhard Feldmann, Münster

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Dieser Beitrag liegt auch in chinesischer Übersetzung vor.

Chinesisch Kurzzeichen: 纸张修复德语-汉语-英语专业词汇表的出版

Chinesisch Langzeichen: 紙張修復德語-漢語-英語專業辭彙表的出版

 

Die Erfindung und Verbreitung des Papiers weist untrüglich nach China: Dort wird es im Jahre 105 von Tsai-Lun erfunden, findet seinen Weg über die innerasiatischen und arabischen Handelswege zunächst in den arabisch-islamischen Kulturraum (Schlacht bei Samarkand 751), danach weiter in die arabischen Kernländer, an die Universitäten von Bagdad, Damaskus und Kairo, bevor es über Spanien, Katalonien und Norditalien nach Deutschland kommt. Die erste Papiermühle in Deutschland datiert auf das Jahr 1390 und steht in Nürnberg. Damit steht ein neuer Beschreibstoff und später dann auch Bedruckstoff zur Verfügung, der jedoch ob seiner Qualität zunächst noch skeptisch betrachtet wird, doch schließlich setzt sich das Papier doch durch, auch aufgrund des günstigen Preises gegenüber der Konkurrenz, dem noch viele Jahrzehnte parallel dazu genutzten Pergament.

Es erscheint daher nur konsequent, wenn deutsche und chinesische Restauratorinnen und Restauratoren ein langes Desiderat realisieren und ein Glossar zur Papierrestaurierung vorlegen. Dies geschieht zunächst einmal in den Sprachen der beiden alten Kulturnationen selbst, erweitert um die "lingua franca" des 20. und 21. Jahrhunderts. Was dann beim Betrachten so leicht, so selbstverständlich, so logisch und folgerichtig erscheint, war aber nicht wirklich leicht zu leisten. Daher seien die Vorgeschichte und das Zustandekommen kurz erläutert:

Es beginnt, wie so viele Aktivitäten im Bereich der älteren, wertvollen und schützenswerten Bestände mit einem scheinbar harmlosen Anruf eines Goethe-Instituts, diesmal des Goethe-Instituts Hongkong. Die dortige Leiterin des Bereichs "Bibliothek und Information", Gabriele Sander, fragt einen Vortrag an – so weit, so gut. Eine Zusage ist schnell gegeben, ein zweiter Referent (Thomas Stäcker von der HAB Wolfenbüttel) wird gefunden, beide ergänzen sich gut und harmonieren: Analoge Bestandserhaltung ergänzt um Fragestellungen der Digitalisierung, auch der Langzeitarchivierung digitaler Daten, das gesamte Spektrum des Bestandserhaltungsmanagements soll angesprochen werden.

Zusätzlich zu den Vorträgen werden Arbeitsgespräche anberaumt: Besuch der Bibliothek und Sichtung der Sondermagazine, Diskussionen über Lagerbedingungen für ältere, wertvolle und schützenswerte Handschriften, Drucke und Sondermaterialien. Es schließen sich an Besichtigungen der Werkstätten und Diskussionen über Papierqualität, nationale und internationale Normen, verwandte Materialien und ihre Alterungsbeständigkeit, Finanzen, den "Code of Ethics" und vieles mehr.

 

 

Lebhafte Diskussion um Schimmel und Staub

 

Dass es gewaltige Unterschiede bei der Papierherstellung in China und in Deutschland gibt, war natürlich bekannt, trotzdem überraschen immer wieder Details. Auch dass die Druckprozesse in China und Deutschland sich ganz unterschiedlich entwickelt haben, überrascht nicht. Hat jedoch auch gewisse Vorteile beim Restaurieren: Da in China das Blatt meist einseitig bedruckt wird, kann im Falle einer Schädigung sehr viel häufiger mit rückseitigen Kaschierungen restauriert werden.

Im Jahre 2012 kann somit auf eine fünfjährige, vertrauensvolle, intensive und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Goethe Institut Hongkong und der Sun Yat-sen Universität Guangzhou zurückgeblickt werden.

Begonnen hatte es 2008 mit einem zweitägigen Workshop "Bestandserhaltung und Digitalisierung", dem rasch eine Serie von Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Bestandserhaltung mit einem Schwerpunkt auf der Einzelrestaurierung und zum Thema Digitalisierung folgten, wobei Digitalisierung immer im umfassenden Sinne verstanden wird, nämlich einmal als Instrumentarium für den schnellen Zugriff, aber auch als Instrumentarium zum Schutz des fragilen Originals. Der Arbeitsbericht wurde 2009 publiziert
(http://www.zlb.de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2009/Ausland020309BD.pdf).

Es lohnt sich, hieraus ausführlicher zu zitieren, denn die damals gegebenen Prognosen und Wunschvorstellungen sind mittlerweile Realität geworden:

"Die deutschen Gäste hatten Gelegenheit, sich in einem Gespräch mit dem Direktor, Prof. Cheng, und einer sich anschließenden Führung ein Bild von der Bibliothek und Ihren Aufgaben vor allem unter dem Kriterium der Bestandserhaltung zu machen. Die Universität in Guangzhou besitzt vier Standorte mit insgesamt rund 50.000 Studenten, nach europäischen Maßstäben eine relativ große Einrichtung. Die Bibliothek ist modern ausgestattet und braucht den Verglich mit westlichen Einrichtungen nicht zu scheuen. Sie besitzt eine Reihe kostbarer chinesischer Drucke, die klimatisiert in besonderen Schränken aufbewahrt werden, überraschenderweise aber auch tausende von westlichen Drucken vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, schwerpunktmäßig englischsprachige, vereinzelt auch deutsche Drucke, z.B. für die Zeit typische Klassikerausgaben.

 

 

Restaurierungsbedürftige Bände westlicher Provenienz in der Sun Yat-sen Universitätsbibliothek

 

Während für die chinesischen Handschriften und Drucke gut gesorgt ist – die Bibliothek besitzt eine modern ausgestattete Restaurierungswerkstatt und Personal mit einschlägigen Erfahrungen im Umgang mit chinesischen Materialien-, besteht in der Behandlung der europäischen Drucke Unsicherheit. Gerade für die europäischen Einbände gibt es in China bislang kein kundiges Personal. Die Sammlung ist zwar heute gut untergebracht, doch vermutlich durch unsachgemäße Lagerung in früheren Zeiten stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Papier ist teilweise brüchig, viele Drucke weisen Fraßspuren von Insekten oder Schimmelspuren auf.

Nach Auskunft des Direktors sollen diese Drucke in den nächsten Jahren systematisch konservatorisch behandelt werden. Hierfür möchte die Universitätsbibliothek in Zusammenarbeit mit deutschen Partnern Personal schulen, um die dafür erforderlichen restauratorischen Kompetenzen zu erwerben. Dies steht auch im Zusammenhang mit dem geäußerten strategischen Wunsch der Bibliothek, die örtliche Restaurierungswerkstatt zu einem Kompetenzzentrum der Region auszubauen. Im Bereich der Digitalisierung steht man noch am Anfang. Die Bibliothek besitzt zwar einen Hochleistungsscanner aus Deutschland doch gibt es bislang kein Archivierung- und Präsentationskonzept. Digitalisiert wurden in jüngerer Zeit kostbare Reiberdrucke, die von Steinen als Druckmedium angefertigt wurden und von der frühen Entwicklung der chinesischen Schriftkultur zeugen. Die Bibliothek zeigt in einem eigenen Museumsbereich diese kostbaren Steine in einer Dauerausstellung.

 

 

Digitalisierung von Reiberdrucken

 

Insgesamt muss man den Verantwortlichen hohes Lob zollen. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine bibliothekarische Infrastruktur geschaffen, die den Vergleich mit westlichen Einrichtungen nicht zu scheuen braucht. Im Gegenteil, es wird sehr deutlich gesehen, dass Bildung eines der wichtigen Momente in der Entwicklung einer Gesellschaft ist und dass Bibliotheken darin eine zentrale Rolle spielen. Entsprechend gut ist auch die Einrichtung dotiert und wird mit erstaunlicher Gründlichkeit und Systematik auf- und ausgebaut. Für den westlichen Blick interessant ist, dass auch von ideologischer Einflussnahme nach außen hin in Guangzhou nichts mehr zu spüren ist. Den Campus könnte man so auch an einer amerikanischen Universität antreffen. Man spürt die Dynamik, mit der sich das Land entwickelt."

Dieser Workshop war das Startsignal für weitere, modulförmig aufgebaute Kurse. Schon ab dem Jahr 2009 wurde auch die Chinesische Nationalbibliothek (Peking) ein Partner der Veranstaltungsreihe. Ebenfalls 2009 schloss sich ein einwöchiger Workshop an (Reinhard Feldmann / Monika Schneidereit-Gast) an. Neben theoretischen Erläuterungen vor allem zur Restaurierungsphilosophie und zu Fragen der Authentizität stand die Demonstration westlicher Papierrestaurierungsmethoden, Reparaturtechniken sowie die Restaurierung eines Gewebebandes auf dem Programm.

Ab 2010 wird die Restaurierungswerkstatt der Sun Yat-sen Universität zum "National Conversation Centre" durch die Nationalbibliothek Chinas akkreditiert und erhält den Auftrag, als einziges Bestandserhaltungszentrum in China, landesweite Schulungen zur Erhaltung westlichen Schrifttums zu organisieren. Folgerichtig können im gleichen Jahr (Monika Schneidereit-Gast) dann in einem zweiwöchigen Kurs bereits wesentlich anspruchsvollere Arbeiten in Angriff genommen werden: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, knapp zwanzig Papierrestauratoren aus öffentlichen Institutionen aus ganz China einschließlich Hongkong und Macao verfügen über solide und umfassende Kenntnisse chinesischer Restaurierungsmethoden und werden nunmehr mit den Kenntnissen westlicher Methoden für westliche Bücher vertraut gemacht: Zunächst erarbeitet man einen Musterband: Ausgeführt wird er als Halblederband mit Marmorpapierbezug. Danach geht es an die Restaurierung eines Halblederbandes. Theoretische und praktische Grundlagen der Papierrestaurierung, der Einbandtechnik und Lederbearbeitung schließen sich an.

 

 

 

 

Impressionen aus der praktischen Arbeit (Monika Schneidereit-Gast)

 

2011 wird erstmals ein 2-monatiges Schulungsprogramm zur Bestandserhaltung westliches Schrifttum von der Sun Yat-sen UB, im Auftrage der NB China mit eigenem Personal durchgeführt. Es handelt sich um einen Grundlagenkurs "Westliche Papier- und Buchrestaurierung", welcher die Module "Buchgeschichte", "Theorie der Bestandserhaltung und Restaurierung" sowie praktische Elemente "Erstellung von Musterbänden" beinhaltet. Die deutsche Restauratorin Barbara Hassel unterrichtet im Rahmen dieses Workshops die Teilnehmer zwei Wochen mit einer Einführung in die europäische Einbandgeschichte und im praktischen Teil mit der Erstellung eines Halbledermusterbandes und der Restaurierung eines Gewebebandes.

Die besten Teilnehmer aus dieser Grundlagenschulung wurden dann wiederum zu einem weiteren Workshop 2011 mit Frau Monika Schneidereit-Gast für fortgeschrittene Restauratoren eingeladen, die die schon bestehende Gruppe ergänzten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, knapp zwanzig Papierrestauratoren aus öffentlichen Institutionen aus ganz China einschließlich Hongkong und Macao verfügen über solide und umfassende Kenntnisse chinesischer Restaurierungsmethoden und werden nunmehr mit den Kenntnissen westlicher Methoden für westliche Bücher vertraut gemacht: Wieder wird zuerst ein Musterband gefertigt, diesmal ausgeführt als Holzdeckelband mit zweifachen Kapitalen. Des Weiteren sieht das Programm verschiedene Reparaturtechniken an Ledereinbänden sowie weiterführende Techniken der Papier- und Einbandrestaurierung westlicher Bücher vor. Die Teilnehmer des Kurses hatten die nötigen Grundkenntnisse der westlichen Papier und Einbandrestaurierung bei einem der vorher stattgefundenen workshops erworben.

 

 

Restaurierungsbedürftiger Ganzlederband

 

Zunächst erschien es mehr als kühn, einer alten Kulturnation, die das Papier schließlich erfunden hat (vgl. oben), noch etwas auf diesem Gebiete zu lehren. Dies soll und kann nicht geschehen, denn das Restaurieren der chinesischen Objekte hat eine lange Tradition und ist in der Restaurierungswerkstatt der Sun Yat-sen University als Bestandserhaltungszentrum für China (seit 2010) in den allerbesten Händen und erreicht, auch im internationalen Vergleich, Spitzenniveau.

Das vorliegende Glossar entstand also in mehreren Jahren als ein fortlaufendes Projekt ambitionierter Bibliothekare, Restauratoren und Übersetzer. Die Federführung und Koordination oblag dabei dem Goethe-Institut Hongkong (Gabriele Sander). Das entstandene Netzwerk ermöglichte den dazu nötigen Austausch auch zwischen den Workshop-Perioden. Der Wille und das Berufsverständnis aller Beteiligten, ihr Know-how einem weiteren Interessentenkreis zur Verfügung zu stellen, machte dieses Glossar möglich.

Ein ausdrücklicher Dank ergeht an die Beteiligten: LIN Ming (Stellvertretender Direktor der Sun Yat-sen Universitätsbibliotheken), YU Andy (Restaurator am Historischen Archiv Macao), CHAN Francisco (Präsident des Macao Institute of Conservation and Restoration of Cultural Relics / MICRCR, Monika Schneidereit-Gast (Papierrestauratorin Solingen), Barbara Hassel (M.Sc. Diplomrestauratorin in Frankfurt) sowie Eva Tang-Michael (Bibliotheksassistentin am Goethe-Institut Hongkong).

 
Glossar: Deutsch – Englisch – Chinesisch
Glossar: Englisch – Deutsch – Chinesisch

 

 
Nützliche Links:

Goethe-Institut Hongkong, Bestandserhaltung Glossar:
http://www.goethe.de/ins/cn/hon/wis/bes/deindex.htm

Sun Yat-sen University Libraries:
http://library.sysu.edu.cn/web/EN

National Library of China:
http://www.nlc.gov.cn/newen

The Macao Institute of Conservation and Restoration of Cultural Relics (MICRCR):
http://micrcr.blogspot.hk

 

 
Zum Autor:
Reinhard Feldmann
Leiter des Dezernats Historische Bestände
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
 
Zum Artikel:
Stand: August 2012

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