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Thema im Fokus Mai 2012
Welche Schachteln und Mappen sind konservatorisch geeignet?
Vorstellung der neuen Norm DIN ISO 16245
Ein Beitrag von Anna Haberditzl, Ludwigsburg

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Der Beuth-Verlag hat im Mai 2012 eine neue DIN-Norm veröffentlicht, die Anforderungen an Schutzverpackungen für Geschriebenes und Gedrucktes zusammenstellt. Der Text ist die deutsche Übersetzung der bereits seit Dezember 2009 gültigen internationalen Norm ISO 16245 und trägt den Titel: "Information und Dokumentation – Schachteln, Archivmappen und andere Umhüllungen aus zellulosehaltigem Material für die Lagerung von Schrift- und Druckgut aus Papier und Pergament".

Wenngleich sich die Norm eher an Archive richtet, die nicht erst nach den schmerzlichen Erfahrungen der Kölner Katastrophe sondern bereits seit vielen Jahrzehnten Akten verpacken, kann eine Auflistung von Beständigkeits-Kriterien für die Beschaffung von Verpackungsmaterial auch für Bibliotheken nützlich sein, und zwar nicht nur zum Verpacken von Büchern, sondern auch von ungebundenem Material, etwa aus Nachlässen, Sammlungen etc. In Ermangelung einer eigenen Norm für Verpackungen wurde bisher meist mit der Norm DIN ISO 9706 gearbeitet, die alterungsbeständige Schreib- und Druckpapiere definiert. Es gab bei der Anwendung allerdings manchmal Probleme, weil für Verpackungen und Beschreibstoffe eben unterschiedliche Eigenschaften wichtig sind. Die jetzt verfügbare Norm DIN ISO 16245 ist qualitativ etwas ganz Neues und soll als Handwerkszeug für die Beschaffung von Schachteln, Mappen, Umschlägen etc. dienen. Sie geht weit über eine simple Materialbeschreibung hinaus – so berücksichtigt sie etwa auch die Konstruktion einer Schachtel sowie die eingesetzten Klebstoffe, Metallteile und Farben.

Für Schachteln bzw. Boxen, also für die sog. Außenverpackung, können laut DIN ISO 16245 alternativ zwei Typen (A oder B) von Pappe verwendet werden:

Typ A besteht aus Pappe, die nachweislich alle chemischen Anforderungen der bekannten DIN ISO 9706 erfüllt. Dies sind ein neutraler bzw. leicht alkalischer pH-Wert zwischen 7,5 und 10,0, eine minimale alkalische Reserve entsprechend 2% Calciumcarbonat und eine maximale Kappazahl von 5 (damit wird ein Höchstwert an unerwünschten oxidierbaren Substanzen wie dem im Holzschliff enthaltenen Lignin sichergestellt). Pappen des Typs A sind daher ligninfrei und dürfen auch ohne zusätzliche Innenverpackung in direktem Kontakt zu den zu schützenden Unterlagen eingesetzt werden.

Eine qualitativ schwächere, aber meist etwas preiswertere Pappe vom Typ B unterscheidet sich vom Typ A ausschließlich durch die fehlende Begrenzung der Kappazahl bzw. des Lignins: Pappen des Typs B sind chemisch nicht beständig. Die Norm lässt solche Pappen unter der Bedingung zu, dass das in Typ B-Schachteln verpackte Schriftgut durch einen zusätzlichen Umschlag oder eine Mappe geschützt wird. Auch für diese sog. Innenverpackung definiert die Norm bestimmte Anforderungen, u.a. die Ligninfreiheit.

Zur Unterscheidung der beiden Typen soll jede Schachtel deutlich als "ISO 16245 – A" bzw. "ISO 16245 – B" gekennzeichnet werden.

Abgesehen von diesen Materialanforderungen schreibt DIN ISO 16245 für alle Schachteln, egal ob Typ A oder B, weitere Untersuchungen vor, deren Ergebnisse ebenfalls in einem Prüfbericht zu dokumentieren sind. Dies sind das Wasseraufnahmevermögen (maximaler Cobb-Wert von 25), das Öffnungsverhalten (mindestens 300-faches Öffnen und Schließen) und die Festigkeit bei Stauchbelastung (Mindestwert 20 kPa). Farbige Schachteln müssen zusätzlich einen Test auf Ausbluten der Farbe bei Wassereinwirkung bestehen. Schließlich gibt die Norm noch Hinweise für die Verwendung von Klebstoffen und mechanischen Verbindungselementen.

Die Anforderungen an die Innenverpackungen, also an Archivmappen und –umschläge, folgen dem Gesamtkonzept sinnvoll aufeinander abgestimmter Außen- und Innenverpackungen. Chemisch muss das hierfür verwendete Papier bzw. der Karton konform mit DIN ISO 9706 sein, also dem Typ A der Schachtel entsprechen: Für pH-Wert, alkalische Reserve und maximale Kappazahl sind die oben genannten Werte vorgegeben. Mechanisch soll das Material eine Mindestgrammatur von 100 g/qm und eine Mindestdoppelfalzzahl von 1,9 (Schopper-Tester) bzw. 1,7 (MIT-Tester) aufweisen. Man erkennt hier deutlich, dass die Verpackungsnorm inhaltlich von der Norm für Beschreibstoffe DIN ISO 9706 abweicht, die statt der Doppelfalzzahl den Durchreißwiderstand prüfen lässt. Selbstverständlich müssen farbige Mappen und Umschläge auch einen Test auf Ausbluten bei Wassereinwirkung bestehen.

Die neue Norm wurde – auch schon vor der Übernahme ins deutsche Normenwerk – von Anbietern auf dem deutschen Markt aufgenommen. Inzwischen sichern die meisten Firmen für ihre Produkte die Konformität mit ISO 16245 zu. Dies wertet der zuständige Normausschuss NABD 14 beim DIN als Erfolg für seine Arbeit, denn nur Normen, die auch genutzt werden, sind sinnvoll.

Die Kunden sollten allerdings berücksichtigen, dass eine einfache Information "Produkt entspricht Norm XY" allein nicht sehr aussagekräftig ist. Es ist immer hilfreich, sich vom Anbieter den Prüfbericht nach DIN ISO 16245 Ziff. 6 vorlegen zu lassen bzw. das Bestehen der vorgeschriebenen Prüfungen im Einzelnen zusichern zu lassen. Dies gilt analog auch für andere Normen, wie etwa bei der Papierbeschaffung die DIN ISO 9706.

Während der Einführungsphase der Norm durch die Veröffentlichung eines Normentwurfs im Jahr 2011 wurde von einigen Anbietern kritisiert, dass die Festigkeitsprüfung jedes einzelnen Schachteltyps und –formats zu teuer würde. Es ist in der Tat so, dass das Ergebnis des in der Norm vorgeschriebenen Stauchtests nicht nur vom Material, sondern auch von der Konstruktion und Größe der Schachtel abhängt. Je größer die Grundfläche einer Schachtel, desto mehr Belastung muss sie aushalten. Diese Anforderung ist allerdings verständlich, wenn man berücksichtigt, dass Schachteln häufig übereinander gestapelt werden und die untere unter der Last der oberen nicht zusammenbrechen soll. Der Normausschuss trug den vorgetragenen Bedenken dadurch Rechnung, dass im neuen nationalen Vorwort vorgeschlagen wird, auf die Festigkeitsprüfungen von (nach Länge, Breite und Höhe) kleineren Schachteln eines bestimmten Konstruktionstyps verzichtet werden kann, wenn das Bestehen des Stauchtests für eine große Schachtel dieses Typs aus identischem Material im Prüfbericht nachgewiesen wurde. Die genannten Schachteln dürfen dann alle die Bezeichnung "ISO 16245 – A" bzw. "ISO 16245 – B" tragen. Diese Regelung macht die Norm möglicherweise auch für Anbieter von individuell ausgemessenen Buchverpackungen interessant, da es nunmehr ausreicht, nur die jeweils größte Schachtel eines Konstruktionstyps dem Stauchtest zu unterziehen.

Die Realisierung der Norm DIN ISO 16245 ist ein großer Fortschritt in den Bemühungen der Archive und Bibliotheken um die präventive Konservierung ihrer Bestände. Die Entwurfsfassung (hier fehlt allerdings das Nationale Vorwort der jetzt erschienenen endgültigen Version) ist enthalten in der dritten Auflage des unentbehrlichen Praxishandbuchs "Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken", herausgegeben von Rainer Hofmann und Hans-Jörg Wiesner (Beuth Verlag 2011), S. 89-99.

 

 

 
Zur Autorin:
Dr. Anna Haberditzl
Landesarchiv Baden-Württemberg
Institut für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut
 
Zum Artikel:
Stand: Mai 2012

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