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Der Einsturz des historischen Archivs der Stadt Köln – logistische Probleme der Bestanderhaltung
Ein Beitrag von Robert Fuchs, Köln

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Am frühen Nachmittag des 3.3. 2009 bildete sich unterhalb des Archivgebäudes des Historischen Archivs der Stadt Köln eine Öffnung in der das historische Erbe der Stadt im Untergrund versank. Ein Trichter von 12 m Durchmesser und 25 m Tiefe brachte die Betonkonstruktion zum Einsturz und so stürzte das fünfgeschossige Gebäude in den Untergrund und die daneben liegende U-Bahnstation. Die ungeheure Wucht des Sturzes riss noch vier weitere Häuser der Nachbarschaft mit - zwei junge Männer, die im Nachbargebäude schliefen wurden verschüttet und starben. Glücklicherweise konnten sich die Besucher des anliegenden Lesesaals des Archives und die Mitarbeiter rechtzeitig ins Freie retten. Auch wurde die benachbarte Schule nicht zum Einsturz gebracht und die Schüler konnten ohne weiteren Schaden aus dem einsturzgefährdeten Gebäude evakuiert werden. Die Arbeiter der U-Bahnstation retteten sich rechtzeitig und wie durch ein Wunder waren auch keine Fußgänger oder fahrende Autos auf der Straße unterwegs. So waren neben den beiden Toten keine weiteren menschlichen Opfer zu beklagen.

Dennoch ging - nachdem sich der Staub gelegt hatte - die Suche nach weiteren Verletzten los und die schon nach 5 Minuten anwesende Kölner Feuerwehr sicherte die Einsturzstelle und organisierte die Rettungssuche.

Die noch stehen gebliebenen Archivteile am Kraterrand durften nicht mehr betreten werden und die Räumung von Archivgut aus den hinteren, stabil gebliebenen Räumen wurde schnellstens organisiert. Man musste schnell lernen, dass jegliche Rettung von Archivgut aus der unmittelbaren Einsturzstelle nur durch die Feuerwehr oder die technischen Hilfsdienste möglich war. Dies blieb auch so während der gesamten Bergung während der nächsten zwei ein halb Jahre. Der Notfallplan befand sich im Direktoratszimmer, das nicht mehr betreten werden durfte, da es über dem Einsturztrichter in der Luft hing… So musste improvisiert werden.

In den ersten zwei Wochen standen die Suche nach Verschütteten und die Sicherung der Einsturzstelle sowieso im Vordergrund. Dabei mussten schwere Hauswandteile gehoben und entfernt werden wozu man schwere Maschinen benötigte, die immer wieder drohten am Rand des Einsturztrichters einzubrechen. Dadurch war der Einsturz weiterer Häuser und vor allem die Aula und das Verwaltungsgebäude der gegenüberliegenden Schule gefährdet worden. Bei dieser Suche kamen auch Archivalien zum Vorschein, die dann geborgen und versorgt werden mussten. Ab dem zweiten Tag begann es zu regnen und die Sorge, dass die bedeutenden Handschriften und Archivalien durch Wasser geschädigt würden war sehr groß. Nachdem die notdürftig ausgebreiteten Plastikplanen an den scharfkantigen Gebäudeteilen und durch den Wind immer wieder zerissen wurden, konnte eine große Zeltplane über die riesige Einsturzfläche gebreitet werden. Doch bald wurde klar, dass nur ein riesiges Dach die Einsturzstelle ausreichend vor Regen schützen könnte. Jegliche Notfallmaßnahmen wurden im weiteren Verlauf in täglichen Sitzungen mit der Feuerwehr besprochen und die Bergung an der Einsturzstelle wurde nur von ihren Mitarbeitern durchgeführt.

Ich befand mich am 3. 3. 2009 auf einer Tagung in Bamberg und hätte am 4.3. einen Vortrag zu halten gehabt. Die Leiterin des Archivs Frau Dr. Schmidt-Czaia informierte mich noch am Einsturztag, weshalb ich den nächstmöglichen Zug nach Köln zurück genommen habe.

Am Mittag des 05.03. fanden sich die ersten Hilfskräfte für die Bergung, Sicherung und Sortierung der Archivalien am Heumarkt ein. Trotz der Ferienzeit war es mir möglich, einige Mitarbeiter, Kollegen und Studenten unserer Schriftgutrestaurierungsausbildung zu organisieren. Der Einsatz fand direkt an der Einsturzstelle in der Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums statt.

Hier wurden immer wieder von den Feuerwehrmännern aus den Trümmern Archivalien geborgen und durch das Fenster in die Aula gereicht. Dort wurden sie zunächst auf Tischen und dem Boden ausgelegt, grob vom Schutt gereinigt und anschließend in trockene und nasse Konvolute sortiert. Dies ist notwendig, um das nasse Gut für das Einfrieren und anschließende Gefriertrocknen zu separieren. Die überwiegend gut erhaltenen Archivalien packte man in Papier und legte sie in Blechcontainer. Die nassen Konvolute wurden in Folie gepackt und in Container für das Einfrieren eingebracht. Eine Firma fuhr die Container zu den Bestimmungsorten, wo eine Gefrieranlage stand. Langsam konnte so zusammen mit den Mitarbeitern des Archivs eine Versorgungslogistik aufgebaut werden. Hierbei halfen auch freiwillige Helfer, die aus dem ganzen Land herbeikamen: von anderen Archiven und von den Landschaftsverbänden, Restauratoren und viele private Personen.

Die Feuerwehrleute standen im strömenden Regen und bargen aus dem Schutt diverse Archivschachteln und Bücher, zum Teil direkt von der Baggerschaufel! Sie sammelten wirklich jeden Schnipsel aus dem nassen Geröll. In einer Kette wurden die Archivalien vom Schuttberg weg und hin zum Gymnasium gebracht, wo sie dann von den Zivilkräften empfangen und in die Aula weitergereicht wurden. Die Arbeit ging recht zügig voran und die freigelegten Archivalien konnten schnell weiterverarbeitet werden.

Der immer wieder „gute“ Erhaltungszustand konnte auf die wenig gebrochene Decke des Archivgebäudes zurückgeführt werden, unter der sich relativ große Hohlräume befanden. Schlimmer wurde es in den zerquetschten und zusammengepressten Bereichen der tieferen Schichten und speziell als dann die Objekte aus dem Grundwasser geborgen werden mussten.

Schon am 6. 5. wurde eine riesige Halle in Urbach, auf der rechten Rheinseite, gefunden, in die man die geborgenen Objekte und auch den Schutt fuhr. Unter einem riesigen Dach war man zwar vor dem Regen geschützt, doch es war zugig, kalt, staubig und durch die Bagger laut. Auch musste während der nächsten beiden Wochen rund um die Uhr, d.h. 24 Stunden lang gearbeitet werden, da immer noch Menschen gesucht wurden.

Zu den Kollegen und Angestellten aus den Landschaftsverbänden Westfalen und Rheinland, vom Landesarchivverband, aus einzelnen Archiven, weiteren Einrichtungen kamen immer mehr andere Freiwillige, die die drei Schichten gestalteten.

Schnell wurde klar, dass sich die Bergung von Archivgut von 30 laufenden Regalkilometern und das Entfernen von riesigen gebrochenen Gebäudeteilen noch lange hinziehen würden und dass dafür eine neue Arbeitsstätte für die Sicherung des Archivgutes nötig wurde, die weniger laut und staubig war. Nach einigem Suchen wurde Platz in einem Lagerhaus einer Möbelfirma in Porz gefunden, wo jedoch die Gegebenheiten durch Umbau dem Archivgut angepasst werden musste. Es war nicht einfach die Wassersprinkler, die in einem Möbellager vorgeschrieben sind, für die Archivbergung abzuschalten. Dazuhin musste das Möbellager sicherheitstechnisch Tag und Nacht überwacht werden.

Die Beaufsichtigung von so vielen freiwilligen Helfern war eine schier nicht zu bewältigende Aufgabe. So sehr die vielen Helfer aus Nah und Fern willkommen waren, so schwierig war es, sie immer wieder einzulernen und zu prüfen, ob ihre Hilfe nicht auch Schaden könnte. Sehr schnell waren historisch gebildete Helfer dazu bereit, ihnen unwichtig erscheinende Objekte wie bspw. Zeitschriften einfach wegzuwerfen. Diese jedoch konnten ja speziell aufbewahrte Zeitschriften mit Artikeln eines Kölner Autors sein, die in einem Nachlass lagen. Immer wieder musste deutlich gesagt werden, dass keine Kassation von nicht Archivangestellten durchgeführt werden darf. Auch waren manche Helfer schnell bereit, die Umstände der Bergung im Versorgungszentrum selbst negativ zu sehen und sich über Staubbelästigung zu beklagen. Anstatt sich an die Verantwortlichen der Bergung zu wenden, wurde so das Gesundheitsamt benachrichtigt, die dann zu Kontrolle kamen und die Bergung zur Begutachtung vorübergehend schlossen.

Dazu kamen – je länger die Bergung dauerte – Vorschriften zur Geltung, die nur in Notfällen umgangen werden durften. So musste das neue Versorgungszentrum getrennte Toiletten und getrennte Waschräume für die Helfer beiderlei Geschlechts ausweisen. Diese Anforderung wurde besonders ungeschickt am Gründonnerstag (9.4.2009) gestellt und der Betrieb völlig geschlossen. Dennoch geschah durch den Einsatz der Archivdirektion und der Feuerwehr ein kleines Wunder: am Osterdienstag waren die zusätzlichen Aufenthaltsräume mit Wasseranschluss gebaut und sogar von den Dekorateuren des Möbelhauses mit aufmunternden Sprüchen bemalt. Beispielsweise:

Drei Wünsche: Die Gabe nie zu vergessen was du warst,
den Mut das zu sein was du bist
Die Kraft das zu sein, was du sein möchtest.

Schnell wurde den Archivaren klar, dass das geborgene Gut in weiteren Arbeitsgängen näher untersucht, bestimmt und zugeordnet werden musste, damit es später wieder zu Beständen vereinigt werden kann. Bei vielen freiwilligen Helfern ein schwieriges Unterfangen. Es mussten Schichten mit jeweils zwei bis drei Archivaren und zwei bis drei Restauratoren gebildet werden, die den Helfern zur Hand gingen und die halfen die Objekte nach Zustand (nass oder trocken) und nach Zugehörigkeit grob zu erfassen. Schnell wurde deutlich, dass dies der am schwierigsten zu beurteilende Zustand war. Viele Menschen beurteilen eine nur klamm feuchte Akte als „nass“. Das würde bedeuten, dass diese eingefroren und gefriergetrocknet werden würde – ein sehr teures Verfahren. Andere beurteilten eine nasse Akte als feucht und packten sie mit trockenem Gut in eine Plastikbox, wo sich nach zwei Wochen Schimmel bildete. Um solches zu verhindern mussten Trockenkammern gebaut werden.

Hierzu wurden vor Ort mit Plastikfolien Räume geschaffen, in die starke Lufttrockner eingestellt wurden. Die Zelte waren so konstruiert, dass die klamm bis feuchten Akten auf Böden von Rollwägen des Möbelhauses - sogenannten Corletten - aufgeklappt ausgelegt wurden und dann direkt in die Trockenzelte gefahren werden konnten. Dort wurden sie für ein bis zwei Tage gelagert und trockneten völlig ab und konnten dann in die Umzugskartons verpackt werden. So konnte verhindert werden, dass feuchtes Archivgut in Boxen verpackt wurde und dort schimmelte. Wirklich nasse Objekte wurden nachwievor zum Einfrieren separiert.

Am 26.4. war das U-Bahn Bauwerk leer geräumt. Dazu muss man sich die Situation folgendermaßen vorstellen: Unter dem Archivgebäude bildete sich ein etwa 25m tiefer und 12m im Umfang großer Trichter. Dort hinein war das Archivgebäude hineingefallen, indem es mehrfach brach. Etwa die Hälfte des Gebäudes fiel auf die Severinstrasse. Die Trümmer durchbrachen die Straßendecke der U-Bahnstation und kamen auf der Decke zum zweiten Untergeschoß zum Stillstand. Diese Betondecke hielt glücklicherweise dem Druck stand. Das Grundwasser drang von der U-Bahn Sohle von unten knapp bis unter diese Decke durch und wurde dort ständig abgepumpt. Daher lagen der Schutt und das Archivgut auf der ersten Betondecke zwar zertrümmert und beschädigt, aber nicht im Grundwasser. Diese Masse war nun geborgen und verpackt, doch keiner wusste, wie groß die Masse im Trichter daneben war.

Die „Trichtermasse“ wurde bis zum 20.5.2009 abgearbeitet, doch dann drang man bis zu 1 m in das Grundwasser ein. Die Objekte wurden nun völlig nass und eingeschmutzt geborgen und konnten so nicht verpackt werden. Die Technik der Aufarbeitung musste völlig verändert werden.

Nasses und schmutziges Archivgut muss vor dem Einfrieren gereinigt werden, anderenfalls ist der Schmutz nicht mehr entfernbar. Daher mussten Wasserbrausen aufgebaut werden, unter denen Helfer das frisch geborgene verdreckte Archivgut möglichst schnell, d.h. bevor der Schmutz eingetrocknet ist, abgewaschen wurde. Danach mussten die nassen Bündel in Kunststofffolie gewickelt, damit sie nicht eintrocknen und möglichst schnell tiefgefroren. ‚

Da dieser neue Ablauf unbefangenen freiwilligen Helfern schwer vermittelbar war, waren wieder die Studenten des CICS der FH Köln gefragt. Die Restaurierungsstudenten sollten erstmals den Ablauf optimieren und die Ratschläge anderen Helfern weitergeben. Aber auch die sensitiv geschulten Studenten hatten mit den nassen Akten ihre Probleme. Es musste ja verhindert werden, dass beim Abspülen nur Schmutz entfernt wurde und keine Papierfetzen in den Abfluss geschwemmt werden. Nach zwei Wochen spielte sich die neue ungewohnte Spülung von Archivalien ein und die Arbeit konnte von vielen freiwilligen Helfern übernommen werden.

Nun eröffnete sich ein weiteres Problem: oft wurde mehr Archivgut geborgen, als an den Brausen verarbeitet werden konnte und es war im Mai 2009 relativ warm. Immer wieder trockneten die Archivalien ein und konnten dann schlecht gereinigt werden. Sie mussten in kühlen Räumen gelagert und unter Plastikplanen geschützt gelagert werden. Auch tauchte immer wieder Fotomaterial in Form von Negativen, Positiven, Dias und Mikrofilmen auf. Sie waren völlig nass und verschmutzt, zusätzlich empfindlich beim Berühren.

Kurzerhand improvisierten wir in unserem Studienbereich „Restaurierung und Konservierung von Schriftgut, Grafik, Foto und Buchmalerei“ am CICS einen neuen Restaurierungskurs zur Reinigung von Mikrofilmen und Negativen. Die vorhandenen bis zu 10m langen und etwa 9cm breiten Mikrofilme waren auf breite Spulen gewickelt und völlig durchnässt und verschmutzt. Beim Transport der Objekte von der Bergungsstelle zum nur etwa 1000m entfernten Institut zeigte sich, dass diese Filme beim Eintrocknen einen irreparablen Schaden davontrugen. Die Gelatineschicht der Filme schrumpfte beim Eintrocknen und riss. Die Filme waren von einem dichten Netz von Rissen spinnwebartig überzogen und somit zerstört. Es mussten daher zwei Probleme gelöst werden: das Eintrocknen der Filme musste bis zur Reinigung verhindert werden. Die Filme mussten daher möglichst schnell gewaschen und konserviert werden. Letzteres erwies sich als nicht einfach. Wenn man versuchte, die Filme in Wasser zu waschen, löste sich die Gelatineschicht partiell ab und schwamm davon. Der Betonstaub des zermalmten Gebäudes war zu alkalisch (pH 12) und erweichte die Gelatine so stark, dass sie sich im Wasser teilweise auflöste. Es musste vor dem Waschen eine chemische Härtung erfolgen. Zuerst versuchten wir die Schicht mit Formalindampf zu härten - eine Maßnahme, die ein Fotorestaurator üblicherweise anwenden würde. Dies brachte nicht den erforderlichen Erfolg. Glücklicherweise fanden sich in unseren Sammlungen auch historische Rezepte zur Bearbeitung von Filmnegativen. Die Anwendung eines dieser Rezepte (Kodak) aus den 1950er Jahren brachte den Durchbruch. Die konservierende Härtung war in einem Bad möglich. In diesem Bad härtete die Gelatineschicht sehr schnell und konnte dann auch darin gewaschen werden. Ein weiteres Problem war jedoch die große Länge der Mikrofilme, die zum Trocknen aufgehängt werden mussten. Doch eine gespannte Wäscheleine in den großen Werkstatträumen am CICS ermöglichte dies schließlich.

Zurück blieb das Problem der verschmutzten Dias und Papierbilder. In deren Oberfläche saß der spitzen Baustaubsand so verbacken, dass er mit den üblichen Reinigungstechniken nicht entfernt werden konnte oder dass er die Oberfläche beim reinigenden Reiben verkratzte. Dieses Problem konnte erst 2010 in einer Masterarbeit gelöst werden (Bert Jacek). Darin konnte gezeigt werden, dass eine völlig neu erarbeitete Abstrahltechnik: das Abstrahlen der empfindlichen Oberflächen mithilfe einer Suspension von harten Cellulosefasern in Wasser die Oberfläche ohne Verletzung gründlich reinigt.

In derartigen Forschungsprojekten, die leider von keiner Stiftung gefördert werden, sieht sich das CICS in der Pflicht zu helfen. Es können in einer Einrichtung der Hochschulausbildung keine dauerhaften umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen durchgeführt werden, doch dort könnten maßstäbliche neuartige Restaurierungen erarbeitet, durchgeführt und evaluiert werden. Diese können anschließend auf andere Restaurierungswerkstätten übertragen werden.

Die Bergung der im Grundwasser lagernden Archivobjekte kam Ende 2009 zunehmen ins Stocken. Bis zu einer Tiefe von 5m konnte mit dem Bagger geborgen werden, doch dann wurden die Ränder des Trichters instabil und man musste ein Stabilisierungsbauwerk errichten. Die Errichtung dieser Stabilisierung zog sich über ein Jahr hin, so dass mit der weiteren Bergung erst im November 2010 begonnen werden konnte. Ausgerechnet in der Kälte und bei Schnee wurden weitere Materialien per Bagger aus der Grube herausgeholt. Immer wieder behinderten querliegende Betonpfeiler oder Platten die Bergung. Sie mussten mit Tauchern geortet und am Kran angehängt werden, damit sie herausgezogen werden konnten.

Aus der Vergangenheit wurde die Lehre gezogen, dass die ständig wechselnden Helfer manchmal hinderlich waren, vor allem wenn die Bergung immer wieder unterbrochen werden musste. Daher wurden Billigkräfte (1 Euro-Job) angeworben, die ihre Arbeit sehr ordentlich und kontinuierlich durchführten. Sie waren trotz nasser Kälte erstaunlich motiviert und fleißig.

Es wurde bis zu einer Tiefe von 25 m geborgen und erstaunlich war, dass manche Ordner durch den Pressdruck mit den Betonteilen trotz der zweijährigen Lagerung im Wasser zwar am Rand völlig durchnässt aber im Kern jedoch noch „trocken“ waren. Sie wurden auf der Bergungsstelle wie Wunder ungläubig entgegengenommen.

Die letzte Bergung erfolgte im Juli 2011. Nun wird nur noch das Bauwerk entlang der Wand der U-Bahn in die Tiefe getrieben, um zweifelsfrei die Ursache der Undichtigkeit festzustellen und um die Schuldigen des Wassereinbruchs, der wiederum den Trichter erzeugte haftbar machen zu können. In der Zwischenzeit wurden in den 20 Asylarchiven ein Drittel Pappboxen systematisch von Archivaren geöffnet und mit neuer Software der Inhalt umfassend erfasst. Für die zukünftige Zusammenführung bzw. Rekonstruktion der Bestände ist diese Erfassung eine wichtige Voraussetzung. Auch wurde in Köln Lind ein neues Restaurierungs- und Digitalisierungzentrum des Archivs mit ca. 10 000 qm errichtet. Es finden sich dort Büros, Lagerfläche für 20 km Archivalien, Werkstätten für die Vorbereitung der Restaurierung und für die Digitalisierung. In dieses Zentrum sollen die Archivalien wieder zurückgebracht werden, um die Teile der Bestände zusammen zu führen und um die künftigen Restaurierungen zu koordinieren. In einem provisorischen Lesesaal kann der mit Mikrofilm erschlossene Teil der Sammlung kann dort eingesehen werden.

Von unabhängigen Gutachtern wurde für die Restaurierung ca. 400 Mio € angesetzt. Für den Wert des Bestandes eine Teilsumme. Es werden für die Restaurierung voraussichtlich 30 bis 50 Jahre veranschlagt – eine für Menschen schwer überschaubare Zeit. Das bedeutet, dass zukünftig pro Jahr Aufträge im Umfang von 10 Mio € getätigt werden müssen. Wenn man bedenkt, dass eine große Restaurierungswerkstatt ein Auftragsvolumen von ca. 100 000 bis max. 200 000€ bewältigen kann und die meisten Werkstätten so klein sind, dass sie höchstens Aufträge von 10 000 bis 50 000€ verkraften, kommt man zur Vergabe von mindestens 200 bis 300 Aufträge pro Jahr. Sie müssen ausgeschrieben, vergeben, bewertet und bezahlt werden. Ein logistisches Problem, das bisher im Archiv-/Bibliothekswesen noch niemand bewältigen musste. Ein weiteres Problem konnte bisher noch nicht gelöst werden: die Zusammenführung von Milliarden von zerrissenen Papierschnipseln. Etwa ein Fünftel der Archivalien sind in viele Bruchstücke zerrissen, zerknüllt und verdreckt. Die Teile einer Archivalie sind evtl. verteilt auf hunderte verschiedene Kartons. Trotz aller Anstrengungen seitens der TU Berlin, des Archivs und der FH Köln konnten keine Forschungsmittel eingeworben werden. Diese Gigantenarbeit benötigt dringend Unterstützung durch moderne Computertechnik. Dagegen ist die Zusammenführung der zerschnittenen Stasi-Aktenschnipsel ein Kinderspiel, sind doch nicht zerknüllt und verschmutzt und wenigstens größtenteils ortsnah in einem Sack verteilt…

Die weltweit größte logistische Herausforderung der Bestandserhaltung ist noch nicht ausreichend in das Bewusstsein der Politik und Förderinstitutionen gelangt und so sinkt der Mut das historische Erbe der alten Stadt Köln einmal wieder im vollen Umfange erstanden zu sehen.

 
Verzeichnis der Abbildungen (© R. Fuchs)
Die Abbildungen finden Sie hier.
1: Aus dem Schutthaufen des Archivgebäudes ragen erste Archivboxen <5.3.09>
2: Die ersten Boxen werden im strömenden Regen durch die Feuerwehr geborgen <5.3.09>
3: In der Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums werden die ersten Funde gelagert <5.3.09>
4: In der Aula des gegenüberliegenden Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums müssen die geborgenen Archivalien erst auf dem Boden gelagert werden <5.3.09>
5: In der riesigen, zugigen Umwelthalle von Köln-Urbach wurden provisorische Bearbeitungsplätze für das Fundgut errichtet <7.3.09>
6: Auch die letzten Schnipsel werden aus dem Schutt gerettet <7.3.09>
7: Zum Eifelwall wurden die großen Betonteile des Archivs gebracht. Auch hier wurden die kleinsten Schnipseln aus dem Schutt geborgen <6.3.09>
8: Es tauchen immer wieder mit Regenwasser durchtränkte Bücher auf, die zur Gefriertrocknung aussortiert werden mussten <7.3.09>
9: Im 2. Untergeschoss des U-Bahn-Baues würde das Grundwasser bis unter die Decke reichen, wenn nicht ständig abgepumpt werden würde. Über der Decke liegen die Trümmer des Archivgebäudes mit den Archivalien <21.3.09>
10: Endlich wurde in Porz-Lind ein neues Bearbeitungszentrum errichtet mit Fenster. Hier war es nicht so staubig und lärmig als in Urbach <11.3.09>
11: Versorgungszentrum Porz Lind <13.3.09>
12: Manche Archivalien wurden nur mechanisch geschädigt; sie sind aber sonst intakt aber staubig. <7.3.09>
13: Eines der wertvollen Schreinsbücher (Nr. 167/2) aus dem 18. Jh. lag mehr als sechs Wochen im Wasser. Die Pergamentblätter sind zusammengeklebt und durch die Gefriertrocknung aufgequollen. <6.4.09>
14: Ein wenig geschädigtes Schreinsbuch des 13. Jh., Nr. 45 (rechts) und daneben das aufgequollene Buch (Nr. 167/2), das zuvor etwa die gleiche Größe hatte (links). <5.3.09>
15: Aus dem nassen Schreinsbuch (Nr. 167/2) kamen bei der Gefriertrocknung mehr als 2 l Wasser zum Vorschein.
16: Die Pergamentoberfläche ist mit dem Bauschutt verklebt. Die Reinigung gestaltete sich sehr schwierig
17: Ein Stahlträger hatte sich beim Zusammensturz durch das Buch gebohrt.
18: Nach mehr als zwei Jahren wurde das Schreinsbuch (Nr. 167/2) in einer Diplomarbeit an der FH Köln restauriert. Die Blätter wurden gereinigt, geglättet, repariert und in ein Papierbuch eingebunden. Dadurch muss man die Seiten beim Umblättern nicht mehr am brüchigen Pergament anfassen, sondern kann an den Papierblättern umklappen. <31.5.11>
19: Einer der beiden Aufenthaltsräume, die über Ostern eingebaut werden mussten. <21.4.09>
20: Schnell aufgebaute Trockenräume für feuchtes Archivgut. Die aufgeklappten Bücher liegen in den Corletten. Diese können in die Trockenzelte gefahren werden <1.4.09>
21: Großformatige Plakate haben teilweise großen Schaden genommen. <21.4.09>
22: Manche der wertvollen Handschriften haben Regenwasser abbekommen. Sie wurden schnellstens am CICS getrocknet und behandelt. <9.3.09>
23: Das Wasser drohte die Malereien in einem der schönsten Psalter/Lektionare vom Ende des 15. Jh. (W94) zu beschädigen. Es wurde noch in der Fundnacht gerettet. <9.3.09>
24: Das Wasser drohte die Malereien in einem Psalter/Lektionar (W94) zu beschädigen. Es wurde noch in der Fundnacht gerettet.
25: Das Psalter/Lektionar (W94) wurde noch in der Nacht in die Gefriertrocknung gegeben. Die Trocknungsparameter mussten der wertvollen Malerei angepasst werden.
26: Nach der Trocknung ist die Gefahr der Wasserschäden gebannt aber die Oberfläche ist mit stark alkalischem Baustaub überzogen. Das Buch muss sorgfältig restauriert werden.
27: In einer Diplomarbeit an der FH Köln gelang die schwierige Restaurierung, bei der der die einzelnen Blätter gereinigt, geglättet und repariert wurden, ohne die mittelalterliche Bindung zu beschädigen. Auch der geprägte Einband wurde wieder instand gesetzt. <31.5.11>
28: Die mittelalterliche Handschrift wurde durch einen Stahlträger schwer beschädigt.
29: Die Handschrift aus dem 16. Jh. wurde mechanisch schwer beschädigt. Ob die abgefallenen Teile je gefunden werden können ist noch nicht sicher.
30: Die Bergung am den steilen Schuttkanten war lebensgefährlich <21.3.09>
31: Die technischen Hilfsdienste bergen die Archivalien aus scharfkantigen Schuttteilen und spitzen verbogenen Stahlteilen des Schutthaufens <21.3.09>
32: Die technischen Hilfsdienste bergen die Archivalien aus scharfkantigen Schuttteilen und spitzen verbogenen Stahlteilen des Schutthaufens <21.3.09>
33: Das Archivgebäude legte sich beim Einsturz über die Kante des U-Bahnbaues <21.3.09>
34: Das riesige Schutzdach wurde innerhalb von 14 Tagen errichtet <21.3.09>
35: Die geborgenen Schnipsel wurden nach Vermögen sortiert. Ob sie je wieder zusammengefügt werden können ist nicht klar <19.3.09>
36: Die geborgenen Mikrofilme (bsw. Personallisten der Stadt Köln) waren stark verkratzt und mit Baustaub überzogen und verklebt. <11.3.09>
37: Nach zwei Monaten werden die Kellerräume sichtbar. Nun kam die Bergung in den Bereich des Grundwassers (dunkelbraune Erdschichten) <15.5.09>
38: Erste Funde aus dem Grundwasserbereich <27.7.09>
39: Die Archivalien werden stark verschmutzt und völlig nass geborgen <14.5.09>
40: Die Archivalien müssen vor dem Einfrieren nass gereinigt werden. An schnell errichteten Duschanlagen wurde eine neue Bergungslogistik aufgebaut <20.5.09>
41: Die gereinigten Archivalien werden nass in Folie eingepackt und schnellstens eingefroren, damit sie später gefriergetrocknet werden können <22.7.09>
42: Aus dem Grundwasser wurden am Anfang ironischerweise die Trümmerakten Köln aus der Nachkreigszeit geborgen <21.3.09>
43: Für die aus dem Grundwasser geborgenen Mikrofilme wurde im CICS ein Reinigungsverfahren erarbeitet <18.6.09>
44: Bei der Nassbergung stellt sich ein neues Problem heraus. Die nassen Negative durften nicht eintrocknen, da sonst die Gelatineschicht mit anderem Material verklebt und rissig wird. Sie müssen unmittelbar nach der Bergung in einem Kühlraum feucht gehalten werden. <3.7.09>
45: Nach einem halbe Jahr wurde alles bis 2 m in das Grundwassers geborgen. Nun muss für den Trichter ein Stützbauwerk gebaut werden. <22.7.09>
46: Nach mehr als einem Jahr ist das Stützbauwerk gebaut und es kann mit Baggern und Tauchern bis in 28 m Tiefe im Grundwasser geborgen werden <27.11.10>
47: Neue Waschstationen müssen für diese Grundwasserbergung am Trichterrand errichtet werden <27.11.10>
48: Selbst aus dieser Tiefe werden noch Archivmaterialien geborgen <27.11.10>

 

 
Zum Autor:
Prof. Dr. Robert Fuchs
Leiter des Instituts für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft
Studienrichtung: Restaurierung von Schriftgut, Grafik und Buchmalerei,
Fachhochschule Köln
 
Zum Artikel:
Der Beitrag wurde als Vortrag beim 100. Deutschen Bibliothekartag am 9. Juni 2011 in Berlin gehalten.

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