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Thema im Fokus März 2009
Zum Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln
Ein Beitrag von Marcus Stumpf, Münster

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"Ich habe vor einem Jahr eine Führung im Stadtarchiv besucht. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was da gelagert wurde (kein Vergleich mit der Anna-Amalia-Bibliothek). Selbstverständlich gehen Menschenleben über alles. Trotzdem, unsere ganze Stadtgeschichte..., Dokumente; fast 1000 Jahre alt, noch auf Kuhhaut geschrieben... Alles weg!"

Kommentar einer Bloggerin zum Einsturz des Historischen Archivs in Köln am 3.3.2009, 21.29 Uhr


 
Abb.1: Eingestürztes-Magazingebäude
Foto: Matthias Frankenstein

 

Die Kölnerin, die am Abend des 3. März ihre Betroffenheit der Tastatur ihres Computers anvertraute und im Blog des WDR zum Einsturz des Stadtarchivs öffentlich machte, hat im Grunde alles gesagt. Unter den durchnässten Trümmern in der Kölner Serverinstraße liegen die Bestände eines der bedeutendsten Archive nördlich der Alpen und werden, wie man befürchten muss, teilweise nicht mehr zu retten sein.


 
Abb.2: Bergung von Pergamenturkunden
Foto: Matthias Frankenstein

 

Was passiert ist, wurde in der Presse ausführlich berichtet: Durch Wassereinbrüche im Erdreich unterhalb des Stadtarchivs, deren mutmaßliche Ursache in den unter der Severinstraße stattfindenden U-Bahntunnelarbeiten zu suchen ist, wurde das Fundament des Stadtarchivs so sehr unterhöhlt, dass die sechs Geschosse des Magazinbaus erst nach vorne und dann, sich leicht dabei drehend, in den Untergrund gestürzt sind. Zwei Wohnhäuser wurden mitgerissen, zwei Bewohner des Nachbarhauses sind verschüttet worden und wahrscheinlich ums Leben gekommen, der gesamte Untergrund ist derart destabilisiert, dass weitere Gebäude einzustürzen drohen.


 
Abb.3: Notdürftige Abdeckung mit einer Plane (Schutz vor Regen)
Foto: Matthias Frankenstein

 

Was in den nächsten Tagen und Wochen an Archivgut gerettet werden kann, wird zum Teil massive Schadensbilder aufweisen, und es werden jahrzehntelange Anstrengungen nötig sein, um die geretteten Archivalien zu konservieren, zu restaurieren, vielleicht auch wieder eines Tages nutzbar zu machen. Alle Anstrengungen richten sich in den nächsten Wochen darauf, die Bestände so weit möglich zu retten!

 

Achtung!

Neben den vielen Hilfsangeboten aus der Bevölkerung ist nun für die Bergungsmaßnahmen besonders wichtig, dass sich Archivarinnen und Archivare, Restauratorinnen und Restauratoren und andere fachkundige Kolleginnen und Kollegen möglichst mit Unterstützung ihres Dienstherren für Arbeitseinsätze in Köln zur Verfügung stellen.

Zwei Koordinierungsstellen sind inzwischen eingerichtet worden, wo freiwillige Meldungen zu Arbeitseinsätzen gebündelt werden. Der Einsatz erfolgt dann auf Abruf.

Archivmitarbeiterinnen und -mitarbeiter:
E-Mail: rwwa@koeln.ihk.de

Restauratorinnen und Restauratoren:
E-Mail: bert.jacek@fh-koeln.de

 
Bitte möglichst folgende Daten angeben:
Ort
Name
Dienststelle
Telefon & Mobil
E-Mail
Qualifikation z.B. Papierrestaurator, Restaurierungstechniker
Zeitraum des Einsatzes (außer Raum Köln: mindestens drei Tage am Stück)

 
Die Übernachtungskosten trägt die Stadt Köln.

 

Ausblicke

Ein zentraler Erinnerungsort der Kölner, der deutschen und europäischen Geschichte ist buchstäblich in der Erde versunken. Was die Ursachen waren, darüber wird nun notwendigerweise spekuliert und vor Ort ermittelt.

Was aber sind die Konsequenzen, welche Entwicklungslinie ist zu ziehen vom Elbhochwasser über den verheerenden Brand der Anna-Amalia-Bibliothek zu den Trümmern des Historischen Archivs der Stadt Köln?

Katastrophen lassen sich nicht grundsätzlich ausschließen! Es hat sie immer gegeben und wird sie immer geben. Doch wir können und müssen unsere Bemühungen weiter verstärken, in möglichst allen Belangen vorzusorgen.

1. Vorsorge ist zu treffen, dass Archiv- und Magazingebäude den Anforderungen an die Aufbewahrung von Archiv- und Bibliotheksgut (DIN/ISO 11799: 2003) so weit wie möglich genügen! Die Norm muss bei Neu- und Umbauten die Richtschnur und Grundlage der Bauplanung und Kalkulation sein. Damit wäre sicherzustellen, dass das Archiv nicht „auf Sand gebaut“ ist, sondern dass Lage, Beschaffenheit, Gliederung und Stabilität der Archiv- und Magazinbauten dauerhaft und stabil sind.
Nur zu oft wurden und werden hier aus Sparsamkeitsgründen Abstriche gemacht!
2. Vorzusorgen ist ferner, dass Archivgut angemessen aufbewahrt und gelagert wird. Auch das ist Bestandteil der DIN/ISO 11799, doch scheitert oft selbst die elementare vorbeugende Maßnahme, Archivgut angemessen zu verpacken, an den zu geringen Budgets der Archive für Bestandserhaltung. Und gerade in Köln hat sich gezeigt, dass in Archivkarton verpacktes Archivgut weitaus bessere Überlebenschancen hat!
3. Vorsorge ist auch und vor allem im Sinne einer umfassenden Notfallvorsorge erforderlich. Dies machen gerade die Kölner Ereignisse ganz besonders sinnfällig! Schadensereignisse bis hin zu Katastrophen wie in Köln und Weimar werden auch künftig nicht immer abwendbar sein. Aber es muss alles getan werden, um die Folgen eintretender Schadensereignisse zu minimieren! Hierfür ist zwingend erforderlich, dass jede Kulturgut verwahrende Institution aktive Notfallvorsorge betreibt, indem sie:
eine klare Organisationsstruktur für Schadensereignisse und Krisen aufbaut, d.h. vor allem eine/n im Notfall mit allen nötigen Befugnissen ausgestattete/n Notfallbeauftragte/n bestimmt und entsprechend fortbildet,
gebäudebezogene Notfall- und Alarmierungspläne entwickelt und stets aktuell hält,
alle erforderlichen Materialien für den Notfall an einem zugänglichen und zentralen Ort der Institution vorhält (Notfallboxen, Schutzkleidung),
und vor allem sich mit allen anderen Kulturgut verwahrenden Institutionen vernetzt, indem diese sich in einem Notfallverbund zusammenschließen. Denn bei größeren Schadensereignissen, das haben bereits das Elbhochwasser und der Brand in Weimar erwiesen, müssen alle Maßnahmen nicht nur eilig, sondern vor allem möglichst koordiniert ablaufen, d.h. alle Institutionen eines Notfallverbundes brauchen einen gemeinsamen Alarmierungsplan und eindeutige Regelungen, wer im Notfall für welche Maßnahmen zuständig ist.
Last but not least: Regelmäßig müssen in der eigenen Institution und im Notfallverbund Szenarien von Notfällen geübt werden!
4. Massiv verstärkt werden müssen schließlich die Bemühungen der Sicherungsverfilmung des Bundes, deren wahre Bedeutung gerade in Anbetracht der Ereignisse in Köln zum Vorschein kommt! Bisweilen als Relikt des Kalten Krieges und als "alter Zopf" belächelt, ist sie nun von unschätzbarem Wert!

Denn seit 1961 wurden bedeutende Bestände des Kölner Stadtarchivs sicherungsverfilmt. Aus dem Oberrieder Stollen bei Freiburg wird so zumindest ein Teil des möglicherweise verlorenen Archivs wieder zugänglich gemacht werden können, auch wenn dies den Verlust der Originale niemals ersetzen kann. Über die Bemühungen des Bundes hinaus muss darüber nachgedacht werden, ob sich die Länder und Kommunen stärker mit eigenen Mitteln in der Herstellung von Sicherungsmedien engagieren!

 

 
Zum Autor:
Dr. Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamt für Westfalen
 
Zum Artikel:
Stand: März 2009

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Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
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