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Thema im Fokus August 2007
Kolloqium zum DFG-Projekt der Universitätsbibliothek Marburg
Restaurierung der durch Tintenfraß beschädigten Handschriften des Savigny-Nachlasses. Anwendung der Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung und partieller Stabilisierungsmethoden in der Praxis
Ein Beitrag von Ulrike Hähner, Marburg

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Vom 26. bis 27. Juni 2007 stellte die Universitätsbibliothek Marburg ihre Forschungsergebnisse zur Problematik tintenfraßgeschädigter Autographen vor. Das Projekt verfolgte verschiedene interdisziplinäre Fragestellungen. Sie betrafen neben der Wirkungsweise der Behandlung und der Entwicklung eines geeigneten Ablaufes auch wissenschaftliche Benutzungsanliegen für die Arbeit an Editionen oder im Rahmen von Urheberforschungen. In der Vergangenheit wurden von wissenschaftlicher Seite im nachhinein restauratorische Behandlungen beklagt, die den originalen Charakter der Schriftstücke zu stark verändern, beispielsweise bei Bachautographen.

Der Savigny-Nachlass zählt zu den wertvollsten Beständen der Universitätsbibliothek. Eine Restaurierung der tintenfraßgeschädigten Handschriften muss daher der Schadensbehebung und der Informationserhaltung der Originale gerecht werden.

Die Förderung der DFG erfolgte für drei Jahre. Sie stellte u.a. die Finanzierung einer Diplom-Restauratorin und einer Chemikerin sicher. Die Universitätsbibliothek Marburg arbeitete darüber hinaus mit verschiedenen weiteren Institutionen zusammen. Kooperationspartner waren u.a. die Staatliche Akademie der Bildenden Künste (SABK) Stuttgart, der Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universität Marburg, die Bundesanstalt für Materialprüfung und -forschung (BAM) Berlin, das Mannheimer Handschriften- und Urkundenlabor (MSU), die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) München, das Netherlands Institute for Cultural Heritage (ICN) Amsterdam und die Hochschule für Bodenkultur Wien.

Die Ergebnisse des Projektes werden in Form eines Abschlussberichtes voraussichtlich zum Ende des Jahres 2007 von der Universitätsbibliothek Marburg ins Netz gestellt und allen Interessenten zugänglich sein.

Zu einer ersten Information über die Tagungsinhalte dienen die nachfolgenden Zusammenfassungen der Vorträge, die während der zweitägigen Tagung vor etwa 80 Teilnehmern aus Bibliotheken, Archiven sowie verschiedenen Forschungsinstitutionen gehalten wurden. Die Tagung wurde von Dr. Ralf Goebel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und von Hubertus Neuhausen, dem Leiter der Universitätsbibliothek Marburg eröffnet. Die Vorträge werden in der international erscheinenden Zeitschrift Restaurator publiziert.

Zusammenfassungen der Vorträge
Ulrike Hähner
Das DFG-Projekt Restaurierung tintenfraßgeschädigter Handschriften aus dem Nachlass Friedrich Carl von Savigny. Einführung in die Projektaufgaben und die Tagung.

Restauratorische Maßnahmen werden zur langfristigen Erhaltung der Benutzbarkeit von Bibliotheksgut eingesetzt. Wissenschaftliche Benutzungsanliegen an Handschriften gehen über das Lesen der reinen Textinformation hinaus und können ergänzend äußere formale Merkmale des Papiers, der Tinte und/oder historischer Bearbeitungsspuren betreffen. Auch diese forschungsrelevanten Informationen müssen nach einer Restaurierung erkennbar bleiben. Um gleichbleibende qualitativ hochwertige Behandlungsergebnisse für unikates Schriftgut sicher zu stellen, sind standardisierte Schadens- und Materialbewertungen sowie darauf abgestimmte Behandlungsabläufe notwendig. Bei einem gravierenden Schadensbild wie Tintenfraß sind zudem Aussagen zur Effektivität der jeweiligen Behandlung eine Voraussetzung. Der Vorzustand sowie die Behandlungsmethoden müssen fachgerecht dokumentiert werden. Diese Anforderungen wurden im Rahmen der Handschriftenrestaurierung bisher nur in wenigen Teilaspekten und nach überwiegend individuellem Kenntnisstand realisiert. Die nachfolgend vorgestellten Ergebnisse beruhen auf einer interdisziplinären Projektarbeit.

Gerhard Banik
Umsetzung naturwissenschaftlicher Forschungen in die restauratorische Praxis am Beispiel der Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung.

In der Praxis setzt die sichere Behandlung von Tintenfraß auf Papier komplexe naturwissenschaftliche Grundlagenforschung zum Verhalten der Materialien der Handschriften mit den möglichen Wirkstoffen voraus. Bei einer wässrigen Methode zur Behandlung tintenfraßgeschädigter Handschriften, die sich aus mehreren aufeinanderfolgenden wässrigen Behandlungsschritten zusammensetzt, spielen Aspekte der Wechselwirkung des Wassers mit Papier unterschiedlichen Abbaugrades auf engstem Raum eine bedeutende Rolle. Die praktische Umsetzung der Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung ist daher ein typisches „Wasser und Papier Problem“, in dem die Oberflächenspannung der Behandlungslösung, das Benetzungsverhalten der gefährdeten Positionen und das unterschiedliche Quellvermögen von Papier im Tintenauftragsbereich entscheidend sind. Lösungsansätze für die Reduzierung des Behandlungsrisikos und Modelle der prinzipiellen Mechanismen werden vorgestellt.

Antje Potthast
Charakterisierung des Schadensbildes Tintenfraß durch Erfassung des Oxidationszustandes und der Molmassenveränderung der Cellulose.

Der Einfluss von Tintenfraß auf die molekulare Struktur der Cellulose wurde mittels selektiver Fluoreszenzmarkierung und anschließender Bestimmung der oxidativen und hydrolytischen Veränderungen durch Größenausschlusschromatographie ermittelt. Dabei lassen sich sowohl hydrolytische als auch oxidative Abbauprozesse beurteilen. Es wurden natürlich gealterte Proben und Modellsysteme eingesetzt, um den Einfluss einzelner Tintenkomponenten näher zu untersuchen. Der Effekt einer Phytatbehandlung auf die Cellulose und ihre Alterungsbeständigkeit werden abschließend diskutiert.

Ulrich Hussong
Was ist ein Original? Die Interessen eines Historikers bei der Benutzung von Hand-schriften am Beispiel von Wilhelm und Jacob Grimm.

Der Historiker ist zunächst einmal an dem Inhalt der Texte interessiert. Er will sie lesen und verstehen. Zum Schriftstück gehören aber auch alle Bearbeitungsspuren auf dem Papier, wie Entstehungsstufen des Textes, Geschäftsvermerke der Behörde oder Notizen in privaten Nachlässen. Letztlich lässt sich nur am Original beurteilen, ob eine Fälschung vorliegt, und nur das Original vermittelt die Aura des Authentischen. Editionen oder Digitalisierungen machen den Rückgriff auf das Original in vielen Fällen entbehrlich, können es aber nie in allen Funktionen ersetzen.

Oliver Hahn
Veränderungen der Tintenzusammensetzung durch wässrige Behandlungen bzw. durch die Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung.

Zur exemplarischen Darstellung von Veränderungen der Tintenzusammensetzungen durch wässrige Behandlungsmethoden sowie der Einlagerung von Phosphor und Calcium aus den Behandlungschemikalien fanden Untersuchungen mittels Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) und Röntgenabsorptionsspektroskopie (XANES) an zwei zeitgenössischen Fragmenten aus den Jahren 1810-1850 an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) Berlin statt. Sie wurden vor und nach einer Behandlung mit Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat untersucht. Es erfolgte jeweils eine Quantifizierung von Eisen, Kupfer, Mangan und Zink um Veränderungen durch die Behandlung erkennbar zu machen. Die Proben nach der Behandlung wurden zusätzlich auf Phosphor und Calcium untersucht. Im Ergebnis verändert die Behandlung erwartungsgemäß die chemische Zusammensetzung der Tinten, indem Neben- und Spurenkomponenten ausgewaschen werden. Die Verteilung von Calcium und Phosphor korreliert dabei eng mit der räumlichen Anordnung der Eisengallustinten.

Gudrun Bromm
Authentizitätsmerkmale bei Handschriften. Analyse relevanter Merkmale vor und nach Nassbehandlungen und partieller Stabilisierung.

Anhand eines ausgewählten handschriftlichen Probenbestandes wurden mittels physikalisch-technischer und schriftvergleichender Verfahren einige charakteristische Authentizitätsmerkmale vor und nach Nassbehandlungen und partiellen Stabilisierungen untersucht. Dabei stand insbesondere im Mittelpunkt, ob sich möglicherweise Beeinträchtigungen aufgrund von restauratorischen Maßnahmen ergeben, die sich einschränkend auf nachfolgende wissenschaftliche Bearbeitungen – vor allem paläographische Fragestellungen – der Handschriften auswirken können.

Enke Huhsmann
Marburger Entwicklungen für einen standardisierten Ablauf der Calciumphytat-Calci-umhydrogencarbonat-Behandlung und der partiellen Stabilisierung.

Für eine gezielte und objektschonende Anwendung der wässrigen Tintenfraßbehandlung mit Calciumphytat und Calciumhydrogencarbonat und anschließender mechanischer Stabilisierung wurde ein standardisierter Behandlungsablauf für eine Einzelblattbearbeitung entwickelt. Der Standardablauf setzt sich aus den Bausteinen der Konditionierung, der Wässerung, der Komplexierung, dem Einbringen einer alkalischen Reserve, der Festigung und mechanischen Stabilisierung sowie der Trocknung zusammen. Einzelne Parameter, wie das Zeitintervall oder die Wahl der Hilfsmaterialien können an die jeweiligen Materialeigenschaften und den Erhaltungszustand der Handschriften angepasst werden, ohne dass sich die Effektivität der Behandlung verändert. Dennoch ist die wässrige Behandlung mit Risiken verbunden, die im Vorfeld der Restaurierung über die Ergebnisse der Zustandserfassung und der Voruntersuchungen aufgezeigt und bewertet werden müssen.

Rebecca Reibke
Untersuchungen zur Effektivität der Behandlung und Möglichkeiten der Prozesskon-trolle mit analytischen Methoden.

Die Überprüfung der Effektivität der Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung wurde mit Hilfe nasschemischer Verfahren der Titration durchgeführt. Im Zentrum des Interesses stand dabei die Effektivität des Behandlungsschrittes Calciumphytatbad, welches migrationsfähige Eisen-Ionen aus der Papiermatrix entfernen oder dort binden soll. Dazu wurden das Calciumphytat sowie die Eisen(II)- und Eisen(III)-phytatkomplexe hinsichtlich ihrer Komplexstabilitäten und ihres Löslichkeitsverhaltens untersucht. In einem weiteren Schritt wurde der Einfluss von Eisensalzen auf die Komplexstabilität und das Löslichkeitsverhalten von Calciumphytat beziehungsweise einem entstehenden Mischkomplex untersucht, um Aussagen über die Reaktion freier Eisen-Ionen mit dem Calciumphytatkomplex zu erhalten. Weiterhin gibt der Vortrag einen Überblick über im Rahmen des Projektes für die einzelnen Behandlungsschritte Wässerungsbad, Calciumphytatbad und Calciumhydrogenbad entwickelte Kontrollsysteme, welche dem Restaurator eine Entscheidungshilfe beispielsweise zur optimalen Behandlungsdauer an die Hand geben.

Johan G. Neevel
Eisen(II)/Eisen(III)-Ionen: Nachweismöglichkeiten mit Bathophenanthrolin. Störeffekte und Interpretation der Resultate in Bezug auf Eisengallustinten.

Nichtblutende Indikatortestpapiere zur Detektion von Eisen(II)-Ionen und Eisen(III)-Ionen sowie von Kupfer(II)-Ionen wurden entwickelt, um Restauratoren die Möglichkeit zu geben, Gefährdungen von Handschriften durch katalytisch wirksame Metall-Ionen in den Tinten- und Farbaufträgen zu erkennen. Zur Zeit ist nur der Eisentest kommerziell erhältlich.

Der Eisen-Ionen-Test dient jedoch auch der Überprüfung der Effektivität der Calciumphytat-Calciumhydrogencarbonat-Behandlung. Zur Anwendung der Teststreifen ist es erforderlich, die vorhandenen migrationsfähigen Eisen-Ionen durch Reduktion vollständig in Eisen(II)-Ionen zu überführen, da die Indikatorsubstanz Bathophenanthroline nur mit Eisen(II)-Ionen einen rot gefärbten Komplex bildet. Bei der Überprüfung der Behandlung ist zu beachten, dass die Stabilität des Calciumphytatkomplexes pH-abhängig ist. Der Test auf die Effektivität der Behandlung kann daher nicht im sauren Milieu durchgeführt werden. In der Präsentation werden die Möglichkeiten und Grenzen des nichtblutenden Eisentests für die Effektivitätsuntersuchung dargelegt und die Applikationsmethodik für sichere Messungen beschrieben.

Ulrike Hähner und Spaska Forteva
Zustandserfassung und -bewertung von Handschriften im Rahmen der Dokumentation mit Hilfe einer Software. Aspekte zur Risikoanalyse im Vorfeld wässriger Behandlun-gen.

Die Auswahl einer angemessenen Behandlung für beschädigte Handschriften ist schwierig. Der Erhaltungszustand einer Handschrift lässt sich durch eine optische Prüfung allein in seiner Komplexität nicht erfassen. Im Rahmen des Projektes wurden Kriterien zur Zustandserfassung festgelegt und verschiedene Voruntersuchungen im Rahmen der Dokumentation eingeführt. Mit Hilfe einer am Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universität Marburg erstellten Software ermöglichen diese Informationen eine Gesamtdiagnose. Sie sollte interdisziplinär bewertet und einer Behandlungsentscheidung als Grundlage dienen. Um vor wässrigen Behandlungen gefährdete Bereiche gegenüber Rissbildung und Ausbluten der Tinten besser zu erkennen, wurde zudem ein Evaluationssystem Tintenauftrag erstellt. Die Benutzung und der Ausbau der Software insgesamt könnten zukünftig auch der Erforschung von Tintenfraßschäden dienen, da sie vielfältige Daten zum Erhaltungszustand sammelt und spezifische Anfragen und damit einen Vergleich zu charakteristischen Merkmalen und zur Schadensentwicklung an Handschriften erlaubt.

Barbara Hassel
Vorbereitung der Briefe von Ludwig Börne und Jeanette Wohl für die Digitalisierung und Edition

Der Briefwechsel zwischen Ludwig Börne (1786-1837) und Jeanette Wohl (1783-1861) um-fasst ca. 1700 Blätter. Er wird in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt aufbewahrt. Durch die Philologische Fakultät der Universität Mannheim erfolgt derzeit die wissenschaftliche Bearbeitung und Edition. Hierzu sollen die Handschriften digitalisiert und verfilmt werden. Die Briefe waren jedoch in einem zu schlechten Zustand: Großflächige Überklebungen schränkten die Lesbarkeit erheblich ein und/oder verdeckten Textinformationen. Durch die bisher stehende Aufbewahrung der notdürftig zusammen gehefteten Briefe und durch eine relativ häufige Benutzung sind die Blattkanten beschädigt und gefährdet. Börne und Wohl nutzten ihr Briefpapier bis zu den äußersten Rändern. Selbst kleine Papierverluste führen vor allem bei Börnes kleinteiliger Handschrift schnell zu erheblichen Textverlusten. Die Verwendung einer nicht ausgewogenen Eisengallustinte verursachte zudem partiell Tintenfraß. Eine wässrige Tintenfraßbehandlung, die jeweils das gesamte Blatt betrifft, wurde nach gemeinsamer Sichtung des Bestandes mit den am DFG-Tintenfraßprojekt der Universitätsbibliothek Marburg Beteiligten zunächst nicht realisiert. Die Überklebungen wurden abgenommen und instabile Bereiche gesichert. Alle Informationen einschließlich der erhaltenen äußeren formalen Merkmale sollten den Wissenschaftlern für ihre Arbeit im Rahmen der Edition vollständig zur Verfügung stehen.

Andrea Pataki
Lokale Stabilisierung von Tintenfraßschäden. Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes traditioneller Klebstoffe.

Das Schließen von lokal begrenzten Fehlstellen an tintenfraßgeschädigten Blättern kann bei behandelten oder unbehandelten Blättern durchgeführt werden. Der Einsatz von wässrigen Klebstoffen kann bei unbehandelten Blättern jedoch zu Schwemmrändern oder zum Einleiten eines feuchtigkeitsinduzierten Tintenfraßschadens führen. Aus diesem Grund wird traditionell auf Klebstoffe zurückgegriffen, die mit nichtwässrigen Lösungsmitteln angesetzt sind. Die Verwendung von wiederbefeuchtbaren Papieren, die mit den unterschiedlichsten wässrigen und nichtwässrigen Klebstoffen beschichtet sind, soll als Technik näher beleuchtet und evaluiert werden. Im Zuge einer Bewertung dieser Technik schließt sich eine Diskussion über die Eigenschaften und Anforderungen an zu verwendende Klebstoffe an. Diese stammen aus der Gruppe der proteinhaltigen Klebstoffe, Polysaccharide und modifizierten Celluloseethern.

Anke Neumann
Herstellung und Einsatzmöglichkeiten von kupferbindenden Proteinen. Zukünftige For-schungsansätze im Rahmen der Tintenfraßrestaurierung.

Es konnte gezeigt werden, dass Gelatine, ähnlich wie beim Tintenfraß, auch beim Kupferfraß eingesetzt werden kann. Der positive Effekt beruht vermutlich, wie beim Tintenfraß auch, in einer Komplexierung der Metall-Ionen. Gelatine bindet Metall-Ionen aber eher unspezifisch. Im Gegensatz dazu gibt es eine ganze Reihe von Proteinen, die Metall-Ionen und im speziellen auch Kupfer-Ionen und Eisen-Ionen hochspezifisch binden. Mit Hilfe der Gentechnik könnte man versuchen, solche metallbindenden Proteine in ausreichender Menge herzustellen. Außerdem könnte untersucht werden, ob eine weitere Migration der komplexierten Metall-Ionen im Papier durch die Verwendung von Fusionsproteinen, bei denen neben der Kupfer-/Eisenbindedomäne auch eine Cellulosebindedomäne vorhanden ist, verhindert werden kann.

Bernhard Seeger
Möglichkeiten der Informatik in Bezug auf die Schadensanalyse und die Informations-erhaltung.

Die Verwendung von Analysetechniken aus der Informatik könnte helfen, die langfristig durch Tintenfraß gefährdeten Dokumente zu erkennen. Die Themengebiete des maschinellen Lernens und des Data Mining der Informatik würden diese Arbeiten unterstützen.

Die Grundlage wäre jeweils ein Datenbestand mit hoher Aussagequalität, beispielsweise anhand von Alterungsstadien des Tintenfraßes und der Einbeziehung exogener Schadensfaktoren. Zu erwartende Veränderungen der Handschriften unter verschiedenen Aufbewahrungsbedingungen könnten auf diese Weise simuliert werden, um die Entscheidungen der Behandlungsauswahl zu unterstützen. Zudem könnten durch maschinelle Lernverfahren Kriterien für Empfehlungen zusammengetragen werden, die für die Entscheidung, ob Schriftstücke restauriert werden sollten oder nicht, eine Grundlage bilden. Dafür müsste geprüft werden, welche Schadensstadien und Signalwörter der Datenbank als Schwellenwerte für diese Empfehlung dienen können und ob zusätzliche Merkmale zu den Handschriften, beispielsweise ihrem Wert, integriert werden sollten.

Eröffnung der Tagung:
Dr. Ralf Goebel
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Hubertus Neuhausen
Universitätsbibliothek Marburg
 
Vortragende:
Prof. Dr. Gerhard Banik
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (SABK)
Dr. Gudrun Bromm
Mannheimer Schrift- und Urkundenlabor (MSU)
Dipl.-Inf. Spaska Forteva
Fachbereich Mathematik und Informatik, Philipps-Universität Marburg
Dr. Oliver Hahn
Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Berlin (BAM)
Dipl.-Rest. Ulrike Hähner
Universitätsbibliothek Marburg
Dipl.-Rest. Barbara Hassel
Frankfurt am Main, selbständig
Dipl.-Rest. Enke Huhsmann
Universitätsbibliothek Marburg, DFG-Projekt
Dr. Johan G. Neevel
Netherlands Institute for Cultural Heritage Amsterdam, ICN (NL)
Dr. Ulrich Hussong
Stadtarchiv Marburg
Dr. Anke Neumann
Institut für Bio- und Lebensmitteltechnik, Universität Karlsruhe (TH)
Dr. Andrea Pataki
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (SABK)
Prof. Dr. Antje Potthast
Abteilung für organische Chemie, Universität für Bodenkultur Wien, BOKU (A)
Dr. Rebecca Reibke
Universitätsbibliothek Marburg, DFG-Projekt
Prof. Dr. Bernhard Seeger
Fachbereich Mathematik und Informatik, Philipps-Universität Marburg

 

Zur Autorin:
Dipl.-Rest. Ulrike Hähner, Zentraler Dienst Bestandserhaltungsmanagement der UB Marburg
Zum Artikel:
Stand: 18.7.2007. Originalbeitrag für das Forum-Bestandserhaltung

  

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