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Thema im Fokus November 2004
232º C
Ein Beitrag von Dr. Jürgen Weber

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Fahrenheit 451 (232° Celsius):
der Hitzegrad, bei dem Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt
(Ray Bradbury)
 

Es heißt, dass Bibliothekare nichts so sehr für ihre Bücher fürchten wie das Wasser; privat mag man dem Feuer das größere Zerstörungspotenzial zutrauen. Bei einem Bibliotheksbrand bekommt man beides, und die Kombination von Brand- und Löschmittelschäden macht die Bilanz für Gebäude und Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek so verheerend: die zweite Galerie des Rokokosaales mit den darüber liegenden Dach- und Spitzböden, 37 Gemälde und über 50.000 Bücher vorwiegend des 16. bis 18. Jahrhunderts sind verbrannt, weit über 60.000 Bücher sind wasser- oder schwer brandgeschädigt. Gemäuer und Gewölbe des Renaissanceschlosses sind durchnässt, die Holzkonstruktion des 1760/67 eingebauten Rokokosaales muss zu großen Teilen demontiert werden; es gibt Anzeichen von Schimmel und Mauerschwamm.

Noch immer ungeklärt ist die Ursache des Brandes. Fest steht lediglich, dass es auf dem Boden der zweiten Galerie des Rokokosaales eine Brandspur gibt und es sich um einen Schwelbrand gehandelt hat. Auf einer Grundfläche von 11 mal 22 Metern waren hier 26 Brandmelder installiert, die erst im Juli 2004 gewartet worden waren. Die Brandmelder der zweiten Galerie haben am 2. September auch als erste angeschlagen. Noch während der Öffnungszeiten der Bibliothek, um 20.26 Uhr, ging der Alarm der Brandwarnmeldeanlage bei der Feuerwehr ein, bereits um 20.31 Uhr traf der erste Löschzug am Gebäude ein. Es wurde Großalarm ausgelöst. Mehr als 950 Einsatzkräfte mit 74 Fahrzeugen waren bei Brandbekämpfung und Bergung im Einsatz, darunter vier Berufsfeuerwehren aus Weimar, Erfurt, Jena und Gera, außerdem 26 Freiwillige Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Polizei, Johanniter Unfallhilfe und 140 Bibliothekare, Archivare, Museumsmitarbeiter, Angehörige der Hochschulen; hinzu kommen in den nächsten Tagen weitere Freiwillige, z.B. das Personal der Stadtbibliothek.

Aus dem Fernsehen kennt man die Bilder von Flammen, die 20 Meter hoch aus dem Dach schlagen. Das ist der Moment der sog. Durchzündung des Feuers, das jetzt endlich genügend Sauerstoff bekommt und in seinem ganzen Ausmaß für die Feuerwehr sichtbar wird und damit eine gezielte Brandbekämpfung möglich macht. Während der Durchzündung sind im Saalinnern insbesondere die Bücher der ersten Galerie durch die starke Hitzeentwicklung beschädigt worden, Buchrücken sind regelrecht geschmolzen. Teile des Dachgeschosses stürzten durch die ovale Öffnung der Balustrade der zweiten Galerie auf die unterste Ebene des Saales. Hinter der äußerlich intakten Wandverkleidung liegende Balken sind bis in die unteren Ebenen des Saales verkohlt, was zu der enormen, anfangs unerklärlichen Hitzeentwicklung im Saal geführt hat. Bei der Brandbekämpfung wurden folgende Löschmittelmengen eingesetzt: 384.000 Liter Wasser, davon rund die Hälfte aus der nahen Ilm; 1500 Liter Schaum, der als Schwer-, Mittelschaum und Netzwasser aufbereitet war. Netzmittel sind Stoffe, die die Oberflächenspannung des Wassers herabsetzen. Das Löschmittel dringt so tiefer als Wasser in das Brandgut ein, der Wasserverbrauch wird verringert. Das Löschwasser hat sich zum Teil stark erhitzt und Mauerputz- und Rußpartikel über und in die Bücher geschwemmt. Die Feuerwehr hat das Feuer nach ca. 90 Minuten unter Kontrolle gebracht, es dauerte weitere 90 Minuten, bis es weitgehend gelöscht war. Zur Löschung aller Glutnester benötigte die Feuerwehr aber noch weitere fünf Tage.

Unmittelbar nach der Räumung des Gebäudes von Lesern und Personal begann die Bergung der ersten Bestände, die zunächst auf dem Platz vor dem Gebäude, dann mit Hilfe einer Menschenkette ins neue Tiefmagazin gebracht werden konnten, in das ein unterirdischer Verbindungsgang führt. Da das Magazin noch nicht komplett mit Regalen ausgestattet war, konnten auf den freien Flächen provisorische Arbeitsstationen aufgebaut werden, an denen in den nächsten 48 Stunden 25 Tonnen wasser- und rußgeschädigte Bücher versorgt wurden. Die nassen Bücher wurden einzeln in Stretchfolie, Plastiktüten oder Seidenpapier gewickelt und in Auslagerungs- und Umzugskisten verpackt. Mit Hilfe eines Speditionsunternehmens wurden noch in der Nacht mehrere Tonnen bepackte Kisten im Hauptstaatsarchiv zwischengelagert und früh morgens zum Zentrum für Bucherhaltung nach Leipzig transportiert. Hinzu kamen in den nächsten 14 Tagen 22 Tonnen stark brandgeschädigtes Material, das aus dem Brandschuttcontainern geborgen wurde. Die Container waren wegen der polizeilichen Ermittlungsarbeiten mehrere Tage nicht zugänglich; außerdem wurde der Schutt vor der Bergung auf gesundheitsgefährdende Stoffe untersucht, weil der Dachboden der Bibliothek stark mit DDT und Lindan belastet war. Schimmelschäden spielen übrigens so gut wie keine Rolle. Offenbar hatte der Rauch eine konservierende Wirkung auf das Papier, auf erste Anzeichen von Schimmel in den Containern sind wir erst nach gut zehn Tagen gestoßen.

Dass bei der Schadenseindämmung Fehler vermieden werden konnten, ist sicher auch dem Zusammenwirken des Notfallverbundes der Weimarer Kultureinrichtungen zu verdanken, der seit 2003 im Aufbau ist. Die Bergungsmaterialien waren in den Restaurierungswerkstätten der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen sowie dem benachbarten Thüringischen Hauptstaatsarchiv deponiert und konnten rasch für die Rettung herangeschafft werden. Außerdem waren in der Brandnacht zahlreiche Baufachleute vor Ort, die an den Planungen für die kurz bevorstehende Sanierung der Bibliothek beteiligt waren und die Feuerwehr nun in Fragen der Statik des Gebäudes beraten konnten.

Die Restauratorinnen und Restauratoren der Herzogin Anna Amalia Bibliothek werden in den langen Jahren der Beseitigung der Schäden auf fachlichen Rat und Hilfe angewiesen sein. Bevor die Logistik für die Auftragsvergabe der umfänglichen Restaurierungsarbeiten aufgebaut werden kann, stehen 2005 die Schadenserhebung und die Klärung wichtiger Fragen an. Noch ist völlig unklar, welche chemischen Reaktionen der Einsatz der Löschmittel in den Buchmaterialien ausgelöst hat und wie dem Brandgeruch, den die gefriergetrockneten Bücher verströmen, materialschonend begegnet werden kann. Die Erstversorgung der Bücher und erste Fragen der Restaurierung wurden in einem Expertengespräch Anfang Oktober in Leipzig erörtert, dessen Organisation die Staatsbibliothek zu Berlin mit Der Deutschen Bibliothek übernommen hatte. Im Juni 2005 wird die IADA im Auftrag der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eine internationale Tagung mit dem Schwerpunktthema der Restaurierung von Brandschäden ausrichten; der Call for Paper ist in Vorbereitung. Beide Veranstaltungen werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG gefördert.

 

Zum Autor:
Dr. Jürgen Weber
Stellv. Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar,
Dez.-Leiter Sondersammlungen und Bestandserhaltung
Zum Artikel:
Stand: November 2004

 
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