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Zeitungserhaltung – Gedanken über kulturpolitische Ansätze
Ein Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Wächter, Leipzig

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Nicholson Baker hat mit seinem Buch "Double Fold" (Random House, New York, 2001) gesellschaftliche Bewegung in einer solchen Größenordnung ausgelöst, daß sie national wie international erstaunlich breit reflektiert wird. Bakers Ansatz wird im Untertitel deutlich: "Libraries and the Assault on Paper" ("Die Bibliotheken und der Angriff auf das Papier"). Damit wird erklärbar, daß die abgehandelte problematische Praxis der Bestandserhaltung am Beispiel amerikanischer Bibliotheken durchaus nicht auf dieselben zu beschränken ist, wie Baker am Beispiel der British Library belegt. Baker geht als Laie von Überlegungen aus, die bei Laien erfreulicherweise weit verbreitet sind und in ihrer Logik überzeugen: Auch Zeitungen sind wichtiges Quellenmaterial und in Bibliotheken zu sammeln und aufzubewahren. Daß diese laienhafte Auffassung, so richtig sie im Grund ist, von Fachleuten völlig anders gesehen und gehandhabt wird, läßt Baker die Leser facettenreich miterleben und löst damit eine Fülle von Emotionen aus. Neben dem Lesevergnügen erfährt der Leser Hintergründe, Entwicklungen und wie grundsätzlich hier unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen.

Wenn es stimmt, daß Bibliotheken und Archive die Gedächtnisse der Nationen sind und in ihnen kulturelle Werte in entsprechenden Größenordnungen verwaltet werden, stellt sich die Frage nach dem Eigentum. Der Eigentümer müßte doch alles Erdenkliche dafür tun, daß die gesammelten Werte keinen Schaden nehmen, daß im Gedächtnis der Nationen keine Lücken entstehen. Wenn Bibliotheken zum Nationaleigentum zählen, hat jeder Bürger Ansprüche an seine gewählten Interessenvertreter, also die Regierung, delegiert. Regierungen scheinen aber zu Bibliotheken und Archiven ein eher ambivalentes Verhältnis zu pflegen. Einerseits wurde seit jeher der Zustand der Bibliotheken als Indikator des kulturellen und zivilisatorischen Status der Nationen bezeichnet, andererseits stellen Bibliotheken, wie auch alle anderen Kulturträger, für die Regierungen ein erhebliches Sparpotential dar. In der Bundesrepublik Deutschland geben die öffentlichen Hände jährlich etwa 0,3 Prozent des Staatshaushalts für "Kultur" aus. Es ist mühsam, daraus den finanziellen Anteil für Bibliotheken zu ermitteln. Diese Situation, der Widerspruch zwischen dem Anspruch auf den Status als Kulturnation und der mangelhaften materiellen Absicherung desselben, führt zu erheblichen Fehlentwicklungen mit gesellschaftlicher Relevanz. Letztlich können Bibliotheken und Archive ihre Funktionen nicht mehr erfüllen. Schon jetzt können Verantwortlichkeiten und Kernaufgaben nicht mehr im notwendigen Umfang wahrgenommen werden. Die Schere zwischen Bestandsaufbau und Bestandserhaltung etwa klafft immer weiter auseinander. Diese Realitäten versuchen versierte "Bibliotheksmanager ", nicht zu verwechseln mit Bibliothekaren, außer Kraft zu setzen mit Technikgläubigkeit und anderen, unwirksamen Modernitäten, indem sie Positionen des Minimalismus zur Tugend erheben, permanent die Frage nach der Wirtschaftlichkeit kultivieren. Die Ergebnisse dieser Praxis sind kontraproduktiv.
 

Bestandserhaltung – was wollen wir darunter verstehen?

Ursprünglich verstand man unter Bestandserhaltung alle Maßnahmen die geeignet schienen, Bibliotheksgut solange als möglich benutzbar zu halten und die Lebensdauer soweit als möglich auszudehnen. Grundsätzlich ist das auch heute noch so. Mit einem Unterschied: Am Anfang galt Bestandserhaltung dem Original – dem Buch, der Zeitung, der Musikalie, dem Atlas, der Inkunabel.

Fast ohne Widerstand wird heute akzeptiert, daß Bestandserhaltung realisiert ist, wenn ein Original verfilmt oder digitalisiert vorliegt.

Wie erklärt sich dieser Wandel des Wortsinns? Ein gut Teil der Erklärung ist begründet in ökonomischen Zwängen. Die "Überlieferung der gesammelten Informationen ohne Verluste an die zukünftigen Generationen" ist eine der moralischen Begründungen für Bestandserhaltung. Das Original zu erhalten, war immer eine aufwendige Maßnahme. Deshalb ist es bei knappen Mitteln ein Gebot der Vernunft, eine "wirtschaftliche Vorgehensweise" zu nutzen, die stillschweigend unterstellt, daß "Information" und "Original" das gleiche seien. Nach der Neuinstallation des Begriffs "Bestandserhaltung", die auch international Anerkennung und Verbreitung fand, konnte mit bewährtem Management "Bestandserhaltung" organisiert werden.

Allgemeiner Bekanntheit erfreut sich das System der "Öffentlichen Ausschreibung". Bibliotheken schreiben "Bestandserhaltung" aus. Das Wirksame dieses Systems besteht in zwei Aspekten. Entweder gibt die Bibliothek den Preis für die erwartete Leistung vor, oder der billigste Anbieter bekommt den Auftrag. Über die Zeit bedient diese Praxis zwei Ebenen. Zum einen führt sie zu einer Negativ-Auslese, zum anderen behindert sie die inhaltliche und formale Entwicklung zur effizienten Bestandserhaltung. Damit wird Bestandserhaltung zum Markt.

Doch jeder Markt weckt Begehrlichkeiten. Der Markt "Bestandserhaltung" erscheint besonders attraktiv für "Seiteneinsteiger" ohne jeglichen konservatorischen oder restauratorischen Hintergrund. Eine sicher nicht beabsichtigte Ergebnisebene dieser Realitäten wird von Nicholson Baker nachhaltig am Beispiel der Verfilmung abgebildet. Die "ökonomischste" (im Extremfall neun Pfennige pro Aufnahme), die "langlebigste" (Prognose für die Lebensdauer: 1000 Jahre), die "kompatibelste" (vom Film zum Digitalisat) Technologie der Bestandserhaltung zeigt nach 50 Jahren Praxis folgende Realitäten:
 

35 Prozent der getesteten Filme im Public Archiv von Kanada weisen Redox-Schäden auf.
50 Prozent der Mikrofilmmaster der Universität von Kalifornien sind von Mikroben geschädigt.
33 Prozent der verfilmten Zeitungen (8,4 Millionen Aufnahmen) Iowas müssten wegen Informationsverlusten neuverfilmt werden. Leider gibt es keine Vorlagen mehr.

Diese Beispiele bilden die Spitze des Eisberges. Damit sind die Verfilmungstechnologie und -praxis mitsamt ihrem verbalen Überbau ernsthaft beschädigt worden. Die bewußte und systematische Mißachtung der ansonsten akzeptierten Erfahrung, daß "Qualität ihren Preis hat", ist maßgebliche Ursache der Misere. Hat Baker Recht, wenn er die Meinung vertritt, daß "Nichtstun besser gewesen" wäre, als Millionen Dollar zu "verfilmen" und anschließend die Originale zu vernichten? Im konkreten Zusammenhang hat er recht! Die Fragestellung impliziert aber auch die Überlegung: Wie geht es weiter? Wo sind Alternativen zur heutigen Verfahrensweise? Gibt es überhaupt Alternativen oder wird die schon sichtbare "Digitalisierungswelle" zu weit schlimmeren Konsequenzen für Bibliotheken führen?

Bakers "Double Fold", eine äußerst gewissenhaft recherchierte und fast wasserdichte Darstellung, sollte neben allen anderen Reaktionen auch zu Besinnung und Neuanfang führen. Maxime der Bestandserhaltung muß wieder die Bemühung um das Original sein. Dabei gilt: "Jedes Buch ist wichtig." In dem Maße, wie Bestandserhaltung über Technologien und technisierte Abläufe verfügt, in dem Maße, wie der wissenschaftliche Erkenntnisstand die Praxis bestimmt, in dem Maße, wie Bestandserhaltung allgemein verfügbar ist, sinken die dafür notwendigen Aufwendungen und die Masse der geschädigten Objekte wird beherrschbar.

Rückbesinnung auf Positionen, die verloren gegangen sind, tut not. Niemand wird ernsthafte Argumente gegen Verfilmungen haben, wenn Verfilmung Verfilmung bleibt und nicht Bestandserhaltung sein will. Die Verabsolutierung der Digitalisation ist der Fehler, nicht die Digitalisierung. Es ist erforderlich, der Bestandserhaltung einen angemessenen Stellenwert in der Ausbildung zu sichern. Bibliothekare, Archivare, Restauratoren und Konservatoren sollten eine gemeinsame Sprache beherrschen, die Voraussetzung für die effiziente Bestandserhaltung ist.

"Double Fold" kann also weit mehr sein als eine realistische, literarisch hochstehende Darbietung. Es kann einen Neuanfang provozieren, der für alle Beteiligten notwendig und von vielen Interessierten erwünscht wäre. Oder sind wir doch schon weiter? Erhaltung der Originale in bezahlbaren Größenordnungen? So etwas kann die Massenentsäuerung doch! Unbenutzbares wieder benutzbar machen – mit der Papierspalt-Technologie! Große Mengen beherrschen mit industrieähnlichen Abläufen – heute gibt es ein ZFB – und morgen? Was ist also passiert? Das was immer passiert, wenn Lobbyisten generalisierend tätig sind. In diesem Sinn ein Gruß an Nicholson Baker.

 

Zum Autor:
Prof. Dr. Wolfgang Wächter,
Technischer Direktor des ZFB Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig
Zum Artikel:
Stand: Dezember 2001

 
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