Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Soziale Ordnung
3. Ländliche Gesellschaft
3.5. Sozialstruktur der ländlichen Gesellschaft

3.5.4. GESINDE

von Antje Flüchter

Gesinde, Dienstboten, Knechte, Mägde waren Teil fast jedes Lebensbereichs der ständischen Gesellschaft. Auf dem Land stammte das Gesinde meist aus klein- und unterbäuerlichen Familien, aber auch spätere Hofbauern/ -bäuerinnen mussten sich manchmal als Gesinde verdingen. Die Bedeutung von Dienstboten nahm vom Spätmittelalter zur FNZ zu; besonders wichtig waren Dienstboten in den Regionen, in denen die Viehzucht dominierte. Gesinde war ein flexibles Instrument zur Beschaffung zusätzlicher Arbeitskräfte und erlaubte dadurch kurzfristige Anpassungen an die Familienkonstellationen (z.B. kleine Kinder, nach Sterbefällen).

Als strukturelle Merkmale des Gesindes gelten (Literatur Eder, Gesindedienst, 41):

  1. Hohe regionale und soziale Mobilität
  2. Phasenzuschreibung im Lebenszyklus
  3. Charakter als Anschlussposition des Haushaltes
  1. Hohe regionale und soziale Mobilität:
    Der kontinuierliche Dienst des Gesindes auf einem Hof ist ein Klischee, gerade bäuerliches Gesinde wechselte häufig die Dienststelle. Ähnlich wie Handwerkergesellen gehört das Gesinde zu den mobilsten Gruppen der ständischen Gesellschaft. Die soziale Mobilität resultiert daraus, dass der Gesindestatus lange Zeit ein Durchgangsstatus war. Daher ist das Gesinde schwer in die klassischen Schichten oder das Ständemodell einzuordnen.
  2. Phasenzuschreibung im Lebenszyklus:
    Der Gesindestatus war lange Zeit ein Durchgangsstatus. Knechte und Mägde waren meist unverheiratet. Die ländliche Jugend verdingte sich als Gesinde, bevor sie selbst einen Haushalt gründete. Daraus resultierte eine relativ kompakte Alterstruktur dieser Gruppe. Der Dienst begann meist mit 10-15 Jahren, nur wenige waren älter als 24 Jahre. Dies änderte sich aber im Laufe des 18. Jh., der Gesindestatus wurde immer mehr zum Lebensschicksal. 
  3. Charakter als Anschlussposition des Haushaltes:
    Das Gesinde war ein Teil der bäuerlichen Hausgemeinschaft, partizipierte am Hausleben und hatte dabei einen ähnlichen Status wie die Kinder des Bauernpaars. Dementsprechend unterstanden sie der Herrschaft des Hausherren und der Hausmutter, die sich nicht nur auf die Zuweisung von Arbeit beschränkte, sondern auch ein Züchtigungsrecht beinhaltete. Körperliche Züchtigung ist dabei nicht nur als Strafe zu verstehen, sondern „bildete den genuinsten Ausdruck einer ständischen Verfassung, in welcher die herrschaftliche Ordnung die gesamte Person [...] erfaßte“ (Literatur Dürr, Dienstbothe, 124). Bei Mägden konnte dieses Verständnis der Herrschaft über den ganzen Körper in der Praxis zu sexuellen Übergriffen führen (vgl. weiterführend Literatur Gleixner, Mensch).
    Trotzdem hatte das Gesinde auch ein eigenständiges Leben. Die Knechte waren beispielsweise mit in den örtlichen Burschenschaften organisiert, die eine große Bedeutung für die soziale Kontrolle im Dorf hatten (Glossar Rügebrauchtum).
Wirtschaftlich war das Gesinde meist besser gestellt als Tagelöhner, dafür war ihre Zukunft noch ungewisser (durch den Anschluss an die Familie war beim Gesinde Kleidung, die tägliche Nahrung etc. gesichert, zudem hatten sie keine Familie zu versorgen). Gesinde verdingte sich für jeweils ein Jahr; der Dienstantritt erfolgte an festgeschriebenen Tagen (v.a. Mariae Lichtmeß, 2.2., Michaelis, 29.9.). Der Vertragsschluss erfolgte durch Handschlag. Der Jahreslohn wurde erst am Ende des Dienstjahres gezahlt, neben Geld bestand er aus Naturalien, Schuhen, Kleidung, Tuch etc.

Im Laufe der FNZ wirkte sich die allgemeine Verstaatlichung auch in diesem Bereich in Form von Gesindeordnungen aus. Als Beginn wird die Augsburger Polizeiordnung von 1530 angesehen, in der ein Maximallohn festgeschrieben und Gesindezeugnisse eingeführt wurden (vgl. Literatur Dürr, Dienstbothe). Gesindeordnungen können als staatliche Versuche, diese jugendliche Schicht zu disziplinieren, verstanden werden; vor allem festigten sie aber die bäuerlich-patriarchalische Herrschaft. Die rechtliche Position des Gesindes war schwach, die Ordnungen unterstützten vor allem die Interessen der Hausherren.

 

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