Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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1. Ständische Monarchie und Altes Reich
 
Glossar

 Glossar Appellation  
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Anrufung einer höheren gerichtlichen Instanz. Die Kurfürsten und die meisten großen Fürsten des Reiches erwarben sog. "Appellationsprivilegien" ("privilegia de non appellando"), d.h. der Kaiser verlieh ihnen das Recht, ihren Untertanen die Appellation an ein kaiserliches Gericht zu versagen. Darüber hinaus verlieh er "privilegia de non evocando", d.h. der Kaiser selbst durfte keine Prozesse vom Gericht des betreffenden Landesherrn mehr vor sein eigenes Gericht ziehen. Das machte die landesherrlichen Gerichte zu den höchsten Gerichtsinstanzen in dem betreffenden Land und war ein wesentlicher Schritt zur einheitlichen fürstlichen Territorialherrschaft.


 
 Glossar Gemeiner Pfennig  
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Auf dem Reichstag in Worms 1495 beschlossene allgemeine Steuer im Rahmen der dort verabschiedeten Reformen. Die Steuer war zunächst auf vier Jahre bewilligt und sollte zur Finanzierung der Türkenabwehr und vor allem zum Unterhalt des > Reichskammergerichts dienen. Sie folgte nach einem sehr modernen Konzept: Gedacht war der "(all)gemeine" Pfennig als eine von jedem Einwohner des Reichs über 16 Jahren erhobene Kopfsteuer, nach Vermögen gestaffelt; einzuziehen über die einzelnen Pfarreien, d.h. über die Köpfe aller territorialen und anderen Herrschaftsträger hinweg. Das scheiterte naheliegenderweise; die Finanzierung von Reichssteuern lief stattdessen die ganze FNZ hindurch über die Reichsstände nach der 1521 aufgestellten "Wormser Matrikel", nach der die Reichsstände ihre Beiträge aufbrachten, indem sie sie ihrerseits von ihren Untertanen erhoben. Es kam im Reich nie zu einer allgemeinen Steuer auf alle Untertanen; es gab in diesem Sinne nie einen Reichsuntertanenverband.


 
 Glossar Liste der Kaiser in der Frühen Neuzeit  
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1493-1519 Maximilian I.
1519-1556 Karl V.
1556-1564 Ferdinand I.
1564-1576 Maximilian II.
1576-1612 Rudolf II.
1612-1619 Matthias
1619-1637 Ferdinand II.
1637-1657 Ferdinand III.
1658-1705 Leopold I.
1705-1711 Joseph I.
1711-1740 Karl VI.
1742-1745 Karl VII.
1745-1765 Franz I. Stephan
1765-1790 Joseph II.
1790-1792 Leopold II.
1792-1806 Franz II.

 

 Glossar Kaiser Karl VII. (reg. 1742-1745)  
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Kurfürst Karl Albrecht von Bayern aus dem Hause Wittelsbach (* 1697, + 1745), einziger nichts-habsburgischer Kaiser der frühen Neuzeit. Karl Albrecht war verheiratet mit einer Tochter Kaiser Josephs I., hatte zunächst aber auf alle Erbansprüche aus dieser Ehe verzichtet. Nach dem Tod Kaiser Karls VI., der keine Söhne hatte, erbte dessen Tochter Maria Theresia die habsburgischen Länder aufgrund eines eigens dafür erlassenen Erbfolgegesetzes, der sog. "Pragmatischen Sanktion". Karl Albrecht verbündete sich mit Frankreich, Spanien, Sachsen und Preußen, um diese Erbfolge anzufechten, und eröffnete den "Österreichischen Erbfolgekrieg" gegen Maria Theresia. 1742 ließ er sich von den Kurfürsten, die mit ihm verwandt bzw. verbündet waren (der Kurfürst von Köln als sein Bruder, die Kurfürsten von Trier und Pfalz als seine Vettern) zum Kaiser wählen. Während seiner kurzen Regierungszeit als Kaiser war sein eigenes Kurfürstentum Bayern die meiste Zeit über von Österreich besetzt, er mußte in Frankfurt am Main residieren. Da er nur über eine geringe eigene Hausmacht verfügte, war er ganz von seinen Bündnispartnern abhängig. Um gewählt zu werden, mußte er in seiner verwandte Themen Wahlkapitulation zahlreiche Zugeständnisse machen, die die kaiserliche Position im Reich weiter schwächten.


 
 Glossar Korporation  
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Unter einer frühneuzeitlichen Korporation versteht man ganz allgemein eine Personengesamtheit, die zu einer handlungsfähigen Einheit zusammengeschlossen ist, meist um bestimmte gemeinsame Rechte und Privilegien auszuüben und aufrecht zu erhalten. Eine solche Korporation besteht über das Leben ihrer einzelnen Mitglieder hinaus fort.
Korporationen in diesem Sinne finden sich auf allen Ebenen, z.B. die römische Kirche als Ganze, aber auch ein Kloster oder geistliches Stift, die Ritterschaft eines Landes oder einer Region, eine Stadtgemeinde, eine Zunft usw. Die Juristen haben das seit dem Spätmittelalter theoretisch gefaßt, indem sie die Korporation ("universitas", "corpus") als künstlichen Körper oder als fiktive Person ("persona ficta") bezeichneten, die einen einheitlichen Willen hat und handlungsfähig ist wie eine natürliche Person, aber im Gegensatz zu dieser niemals stirbt. Zur Herstellung dieses einheitlichen Willens bedarf es bestimmter förmlicher Verfahrensweisen, die regeln, wie die Korporation repräsentiert wird, d.h. die dafür sorgen, daß das Handeln einzelner als Handeln der ganzen Korporation angesehen wird.
Organe, die die Handlungsfähigkeit einer Korporation herstellen, sind vor allem die Gesamtversammlung (z.B. ein Konzil, ein Landtag, ein Reichstag, die Bürgerversammlung einer Stadt etc.) und ein stellvertretendes Gremium von Vorstehern, die das "Haupt" der Korporation darstellen; z.B. im Reich die Kurfürsten, in der Kirche die Kardinäle, in der Stadt ein Stadtrat, in einer Diözese das Domkapitel (von lat.caput=Haupt) etc.
Die ständische Verfassung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Gemeinwesen beruht ganz wesentlich auf korporativen Zusammenschlüssen der Stände im Land; d.h. die darin angesessenen Gruppen, die über Herrschaftsrechte, Freiheiten und Privilegien verfügen, schließen sich zu Korporationen zusammen, um auf Ständetagen diese Rechte kollektiv auszuüben und sie unter Umständen gegenüber den Forderungen des Landesherrn zu verteidigen.


 
 Glossar Kurfürsten  
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Die Kurfürsten (von "Kur"=Wahl) galten als "Säulen des Reiches" und repräsentierten gemeinsam mit dem Kaiser das Reich. Das Kurfürstenkollegium war eine wesentliche Keimzelle des ganzen Reichstags; es konnte schon im SpätMA pars pro toto als eine repräsentative Korporation für das ganze Reich verbindlich handeln, indem es den Kaiser wählte.
Nach ursprünglichen Vorstellung vom Wahlrecht des ganzen "Volkes" verfestigte sich seit dem HochMA die Gruppe der Kurfürsten als alleinige Königswähler.
Nämlich: die drei rheinischen Erzbischöfe Mainz, Köln, Trier; der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg.
Die Herausgehobenheit wurde nachträglich begründet und legitimiert mit Erzämtertheorie: Die weltlichen Kurfürsten versahen am Königshof die Hofämter Mundschenk, Truchseß, Marschall, Kämmerer. Die drei geistl. Kurfürsten hatten die Ämter von Reichserzkanzlern inne: Mainz für Deutschland, Köln für Italien, Trier für "Gallien". Der Pfalz kommt im fränkisch-rheinischen, westlichen Teil des Reiches, Sachsen im östlichen Teil das sog. Reichsvikariat zu, d.h. das Recht zur Vertretung des Königs bei Thronvakanz. (Warum es genau diese Fürsten und keine anderen sind, die das Königswahlrecht monopolisieren konnten, darüber gibt es in der Forschung geteilte Meinungen. Fest steht aber: Das Ehrenvorrecht der Erstkurstimme führte auf Dauer zum Ausschluß aller anderen vom Wahlrecht.)
Diese Wählergruppe wurde in der Goldenen Bulle von 1356 als feste Korporation mit bestimmten gemeinsamen Privilegien endgültig festgeschrieben und entwickelte sich zums institutionellen Zentrum der Reichsverfassung. Die Goldene Bulle stellte sicher, daß es bei der Königswahl immer zu einer eindeutigen und sicheren Entscheidung kam. Dazu dienten Bestimmungen, die sicherstellten, daß sich die Zusammensetzung des Kollegiums nicht änderte (Festlegung des Erstgeburtsrechts und Unteilbarkeit der Kurländer), daß es nicht zu Rangkonflikten kam (Fixierung des zeremoniellen Rangs im Gehen, Stehen und Sitzen); daß die Kurfürsten sich allein versammeln durften, und - das wohl wichtigste - daß grundsätzlich das Mehrheitsprinzip galt. (Das war in der Vormoderne eher unüblich, weil es Zählbakeit und damit Gleichheit der Stimmen voraussetzte und weil es realen Konsens, "unanimitas", ersetzte durch das Prinzip, daß der Wille der Mehrheit als Wille der Gesamtheit gelte.)
 
Das Kurfürstenkollegium repräsentierte - nach der Lehre der spätmittelalterlichen Korporationstheorie (verwandte Themen Korporation) - das Reich als Ganzes in einem doppelten Sinne: Die Kurfürsten konnten verbindlich für das Ganze handeln (eben weil sie dieses moderne Verfahren ausgebildet haben); und sie repräsentierten das Reich gemeinsam mit dem Kaiser in dem Sinne, daß ihr gemeinsames, feierliches öffentliches Auftreten die Majestät des Reiches sichtbar zur Erscheinung brachte. Deshalb sind auf Abbildungen "des Reiches" sehr oft allein Kaiser und Kurfürsten dargestellt.
 
Bildquelle: Sitzordnung der Kurien auf den Reichstagen
Kupferstich von Peter Troschel, 1675

Veränderungen in der FNZ
Trotz der Vorkehrungen der Goldenen Bulle wurde die Zusammensetzung des Kurfürstenkollegs im Lauf der FNZ verändert.

Quellenedition und viele andere Informationen zur Goldenen Bulle:
zurück http://www.people.freenet.de/heckmann.werder/GoldeneBulleDeutsch.htm



 
 Glossar Das Reich als Lehnsverband  
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Das Reich blieb bis zu seinem Ende ein Lehnsverband mit dem Kaiser als Lehnsherrn an der Spitze, also ein Verband, der aus persönlichen Treueverhältnissen bestand. Alle Reichsfürsten waren direkte Vasallen des Kaisers. Bei jedem Tod eines Kaisers oder eines seiner Vasallen mußte dieses Treueverhältnis rituell erneuert werden in einem Akt der feierlichen Investitur, bei dem der Kaiser den Vasallen mit seinen Gütern und Herrschaftsrechten belehnte und der Vasall dagegen Treue zu Kaiser und Reich schwor (im Laufe der FNZ nicht mehr in Person, sondern durch Gesandte). Dieses Lehnsband bestand auch nach wie vor gegenüber vielen italienischen Fürsten, ja wurde nach dem Westfälischen Frieden sogar wieder intensiviert. In diesem Sinne gehörten zahlreiche italienische Fürstentümer auch in der FNZ noch immer zum Reich ("Reichsitalien"), obwohl sie sich an den anderen Reichsinstitutionen nicht beteiligten. Umgekehrt waren aber nicht alle Beziehungen zwischen Kaiser und Reichsgliedern lehnsrechtlicher Natur: so z.B. nicht die Herrschaft über die Reichsstädte, die zum Königsgut gehörten, oder die Herrschaft über viele geistliche Stifter.


 
 Glossar Lehnswesen  
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Das Lehnwesen war die Grundlage der mittelalterlichen Herrschafts- und Eigentumsordnung. Es beruhte darauf, daß die Vergabe von Land, Ämtern, Pfründen etc. vom Lehnsherrn an den Lehnsmann (Vasallen) mit einem persönlichen Treueverhältnis zwischen beiden verbunden wurde. Der Lehnsmann verpflichtete sich gegenüber dem Lehnsherrn durch das Ritual des Handgangs in umfassender Weise zu Rat und Hilfe. Lehnsbeziehungen bestanden auf allen Ebenen der Gesellschaft, vom Kaiser/König bis hinunter zum einfachen Freien. Das Lehnswesen bestand auch in der frühen Neuzeit fort.


 
 Glossar Libertät (libertas = Freiheit)  
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"Ständische" oder "fürstliche Libertät" (auch "teutsche Freiheit") ist ein zeitgenössischer Ausdruck für den Anspruch der Reichsstände auf eigene Herrschaftsausübung in ihren Territorien und auf zentrale Mitsprache bei allen Reichsangelegenheiten. In den Phasen der Reichsgeschichte, als die habsburgischen Kaiser ihre zentrale Herrschaft - letztlich mit militärischer Gewalt - auf Kosten der Reichsstände zu stärken versuchten, so vor allem Karl V. im Schmalkaldischen Krieg gegen die Protestanten und Ferdinand II. im Dreißigjährigen Krieg, wurde "fürstliche Libertät" zum protestantischen Kampfbegriff gegen die sogenannte "spanische Servitut" (mit der man die katholische, auch auf Spanien gestützte Macht der Habsburgerdynastie meinte). "Teutsche Freiheit" der Reichsstände galt als zentrales Kennzeichen der Reichsverfassung; Freiheitsliebe in diesem Sinne als Nationalcharakter der "Teutschen", wobei man sich auf Tacitus' "Germania" berief.


 
 Glossar Reichsdeputationshauptschluß (1803)  
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Nach der Niederlage im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich wurde 1801 im Frieden von Lunéville das linke Rheinufer an Frankreich abgetreten und ein "Entschädigungsplan" für die davon betroffenen weltlichen Reichsfürsten festgelegt. Unter französischer und russischer Regie wurde zur Ausarbeitung der Friedensbestimmungen eine Außerordentliche Reichsdeputation eingesetzt (d.h. eine Kommission des Reichstags), die 1802/3 tagte und aus Vertretern der Kurfürsten und Fürsten von Mainz, Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Bayern, Württemberg, Hessen-Kassel und dem Deutschordensmeister bestand. Diese Deputation nahm - in offiziellen reichsrechtlichen Verfahrensformen! - die Abwicklung elementarer Grundlagen der Reichsverfassung vor und schrieb die Rechtsbrüche offiziell fest, die die großen Reichsfürsten in ihren einzelnen Friedensschlüssen mit Frankreich teilweise schon vorweggenommen hatten. Am 25. Febr. 1803 wurde der förmliche "Reichsdeputationshauptschluß" verabschiedet, der den russisch-französischen Umverteilungsplan absegnete. Dabei ging man weit über die bloße Entschädigung der linksrheinisch begüterten weltlichen Fürsten hinaus; manche franzosenfreundlichen Gewinner (Bayern, Baden, Württemberg) - erhielten das 6-9fache dessen an Territorialbesitz, was sie vorher gehabt hatten. Die geistlichen Fürstentümer wurden für ihre linksrheinischen Veluste gar nicht entschädigt, sondern ganz beseitigt. Einzelne Regelungen:

Insgesamt verloren rund 110 rechtsrheinische Reichsstände ihre Existenz (neben den linksrheinischen, die von Frankreich annektiert worden waren. Die Reichsritter blieben im RDHS selbst noch verschont; im Herbst 1803 kam es aber zum sog. Rittersturm, d.h. die Reichsfürsten bemächtigten sich ohne Rechtsgrundlage der Kleinstterritorien und Güter der Reichsritter in ihren Gebieten.
Die neuen Großterritorien waren konfessionell gemischt; der Konfessionsstand von 1803 sollte als status quo garantiert werden; die Landesherren sollten ihren Untertanen Kultusfreiheit gewähren.
Der Rhein wurde die Grenze zu Frankreich; alle alten Rheinzölle wurden aufgehoben und sollten in Zukunft von Frankreich und dem Reich gemeinsam erhoben werden, wobei die Verwaltung der Zölle seitens des Reiches dem Kurerzkanzler zufiel.
Dem RDHS stimmten Kaiser und Reichstag förmlich zu. Durch kaiserliche Ratifikation wurde er zu Reichsgesetz.

Bedeutung:
Der RDHS bedeutete die völlige Umgestaltung des Reichsverbandes, der damit im Kern ausgehöhlt wurde; er nahm den Zerfall des Reiches in eine Reihe mittlerer souveränder Einzelstaaten um drei Jahre vorweg. Die Reichskirche als Adelskirche war damit abgeschafft, die Kirche verlor ihre Herrschaftsrechte und war in Zukunft allein zur Seelsorge da. Der RDHS führte eine "territoriale Revolution" herbei, die Voraussetzung für moderne Groß- und Mittelstaaten schaffte.


 
 Glossar Reichsgrundgesetze  
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Die Juristen des 17. und 18. Jhs., die den über die Jahrhunderte angewachsenen Bestand des im Römisch-deutschen Reich geltenden Rechts sammelten und systematisierten, stellten dabei eine Reihe von Gesetzen, Privilegien und vertraglichen Regelungen besonders heraus, die sie als "Reichsgrundgesetze" ("leges fundamentales") bezeichneten und dem sonstigen Recht überordneten. Zu diesen Reichsgrundgesetzen zählten vor allem die Goldene Bulle (1356), die die Königswahl regelte, die kaiserlichen verwandte Themen Wahlkapitulation, der verwandte Themen Augsburger Religionsfriede und der verwandte Themen Westfälische Friede.


 
 Glossar "Reichsreform"  
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Umstrittener Begriff für die stärkere Institutionalisierung des Reichsverbandes um das Jahr 1495 herum ("Reformreichstag" von Worms).

Strukturelle Wandlungen des 15. Jhs. hatten Probleme erzeugt, die von einzelnen Fürsten allein nicht zu lösen waren, und einen neuartigen, gemeinsamen politischen Handlungsbedarf hervorgebracht. Äußere Gefahren (Hussitenkriege, burgundische Expansion, Türkengefahr, französische Expansion in Italien etc.) erzwangen engere Kooperation der Reichsfürsten und -städte miteinander und mit dem Kaiser. Die Hauptaufgaben waren Herstellung des Reichslandfriedens, d.h. Durchsetzung eines allgemeinen Fehdeverbots; effiziente Gerichtsbarkeit gegen Friedenstörer; Aufbringung von Steuern für Verteidigungszwecke.

Unter der Herrschaft Maximilians I. wurden im Reich die Weichen für die strukturelle Entwicklung der nächsten 300 Jahre gestellt. Man spricht vom sog. Zeitalter der Reichsreform - was aber irreführend ist: es handelte sich nicht um eine Reform im modernen Sinne, reformatio verstand sich als Rückkehr zur guten alten Ordnung; es gab kein gezieltes, planmäßiges Vorgehen, sondern pragmatisches Handeln in der Auseinandersetzung mit den jeweils sich stellenden Problemen, Kompromisse von Tag zu Tag. Daraus erwuchsen in der Tat aber neue Strukturen, die einen Institutionalisierungs- und Verrechtlichungsschub des Reiches bedeuteten. Sie bewirkten im Kern, daß die Reichsglieder auf der zentralen Ebene des Reiches als Gesamtverband in relativ festen institutionalisierten Formen zusammenarbeiteten (aber nach wie vor dabei auch konkurrierende Partikularinteressen verfolgten).

Der Reichstag von Worms 1495 bildete den Kulminationspunkt dieses Verdichtungsprozesses. Hier taucht auch erstmals die Bezeichnung "Reichstag" auf. Maßgeblichen persönlichen Einfluß auf die dort beschlossenen Gesetze hatte der Erzbischof und Kurfürst von Mainz als Reichserzkanzler, Berthold von Henneberg. Kompromisse zwischen Kaiser (der vor allem Geld brauchte) und Reichsständen führten zu vier miteinander zusammenhängenden grundlegenden Reformgesetzen im "Reichsabschied" von 1495:

Bewertung: Das Ergebnis des Wormser Reichstags von 1495 waren nicht nur die vier Reformgesetze - zumal sie nicht alle von dauerhaftem Erfolg waren -, sondern: "vor allem das faktische Akzeptieren des funktionierenden RT durch den König und die Gewöhnung der politischen Elite an ein monatelanges politisch organisiertes beisammensein und Zusammenwirken" (Literatur Moraw, S.34). Die Reichsstände lernten immer mehr zwischen Reichs- und dynastischen Interessen zu unterscheiden und entwickelten damit die Reichsverfassung in der konkreten Praxis weiter, und zwar in kleinen Schritten und ohne vorherige Kenntnis des Endziels.


 
 Glossar Reichsregiment  
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Zu Beginn des 16. Jhs. Ansatz zu einer Art ständischer "Reichsregierung" in der Form eines Ausschusses der Reichstagsgesamtheit, ein permanent tagendes Regierungsorgan für das ganze Reich, das fürstlichen Einfluß auf höchster Ebene sicherstellen sollte. Betrieben wurde die Einrichtung vor allem vom Erzbischof und Kurfürsten von Mainz, Berthold von Henneberg. Geplant war sie als ständisch besetzte Kollegialbehörde unter Leitung des Erzkanzlers, als zentrales Regierungsorgan für das Reich jenseits des Kaisers und der Partikulargewalten.
Ein solches Reichregiment gab es zuerst 1500 - 1502, dann brach das Experiment ab: Niemand von den Reichsständen war auf Dauer bereit, seine Macht an ein solches überständisches Regiment abzugeben; das reichsständische Interesse am Ganzen war geringer als die Partikarinteressen der Landesherren.
Unter Kaiser verwandte Themen Karl V.wurde später ein zweitesmal ein Reichregiment eingerichtet (1521-1530), das nun aber den Kaiser selbst, solange er sich außerhalb des Reiches aufhielt, vertreten sollte, das sich aber gegenüber den Einzelständen ebenfalls nicht genügend Geltung verschaffen konnte.


 
 Glossar Reservatrechte  
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Diejenigen Rechte des Kaisers, die er in der FNZ ganz allein, d.h. ohne Zuziehung der Kurfürsten und/oder des ganzen Reichstags ausüben konnte. Mehr und mehr Mitwirkungsrechte ließen sich die Reichsstände in den Wahlkapitulationen von den Kaisern schriftlich zusichern. Als Reservatrechte blieben im wesentlichen die kaiserlichen Rechte zur Standeserhöhung übrig (Nobilitierung, Legitimierung unehelicher Kinder etc.). Im Gegensatz dazu nannte man die Rechte, die der Kaiser nur im Zusammenwirken mit dem Reichstag ausüben durfte, Komitialrechte (von comitia=Versammlung).


 
 Glossar Säkularisation  
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Enteignung von Gütern und Herrschaftsrechten der Kirche durch die weltliche Obrigkeit. Man unterscheidet "Herrschaftssäkularisation" (den geistlichen Fürsten werden ihre weltlichen Herrschaftsrechte genommen, ihre Territorien also aufgelöst,) von "Vermögenssäkularisation" (den geistlichen Fürsten, Stiftern, Klöstern etc. werden ihre Güter und Einkünfte genommen). Beiderlei Säkularisationen kamen im großen Ausmaß vor allem in Folge der Reformation vor. Luther hatte die Ausübung von weltlicher Herrschaft durch Geistliche grundsätzlich abgelehnt. Protestantisch gewordene Landesherren eigneten sich auf dieser Grundlage die Kirchenhoheit in ihren Territorien, übernahmen die Verwaltung des Kirchenvermögens und verleibten oft auch die Herrschaftsgebiete benachbarter Bistümer ihrem Territorium ein. Aber auch katholische Landesherren säkularisierten Kirchengut, so im großen Stil Kaiser Joseph II., der als österreichischer Landesherr zahlreiche Klöster auflöste und den Ertrag in die Staatskasse leitete. Der größte Säkularisationsschub erfolgte durch die Französische Revolution in Frankreich und in deren Folge dann auch im Reich. Im verwandte Themen Reichsdeputationshauptschluß von 1803 teilten - unter Napoleons Regie - die großen Reichsfürsten die Territorien der geistlichen Fürsten und die Güter der Kirche untereinander auf.
Von "Säkularisation" ist der weitere Begriff der "Säkularisierung" zu unterscheiden, der allgemein Prozesse der Verweltlichung, etwa des Denkens, der Mentalitäten etc. bezeichnet.


 
 Glossar Territorium  
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Ein Territorium ist ein Stück Land, über das sich eine einheitliche Herrschaftsgewalt erstreckt. Die Vorstellung territorialer Grenzen ist relativ modern. Moderne Karten von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ländern sind insofern irreführend. Vormoderne Herrschaft ist primär Herrschaft über Personen, nicht über ein festes Territorium mit linearen, womöglich sogar in der Landschaft sichtbar gemachten Grenzen. Herrschaft verteilt sich auf viele, hierarchisch abgestufte Träger. Mehrere Herren teilen sich womöglich verschiedene Herrschaftsrechte über dieselben Personen. Solche Verhältnisse lassen sich auf einer geographischen Karte nicht abbilden.
Im Laufe der Frühen Neuzeit vollzieht sich ein Prozeß zunehmender Territorialisierung; Herrschaft wird zunehmend als Herrschaft über einen Raum samt aller darauf wohnender Personen verstanden und als solche intensiviert. Alle möglichen Herrschaftsrechte erscheinen als "an dem Territorium hängend", d.h. ergeben sich aus der Herrschaft über das Territorium, werden also in einer Hand zusammengefßt, gebündelt und immer mehr als Einheit verstanden. Diese neuen, territorialen Herrschaftsstrukturen werden im Rahmen des Römisch-deutschen Reiches vor allem auf der Ebene der einzelnen Fürstentümer entwickelt und nicht oder kaum auf der Ebene des Reiches als Gesamtheit. Hier bleibt das alte Personen- und Rechtsverbands-Prinzip vorherrschend.


 
 Glossar translatio Imperii  
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Die Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto des Großen im Jahr 962 wurde als "Übertragung des (römischen) Reiches" auf die Deutschen aufgefaßt. Die Vorstellung von einer translatio Imperii von den Römern auf die Franken (Karl der Große 800) und dann auf die "Deutschen" war eine gedankliche Fiktion, mit deren Hilfe sich die deutschen Könige in die Tradition des römischen Imperiums einordneten und einen Anspruch auf universelle Schirmherrschaft über die gesamte Christenheit (drei Reichsteile: Deutschland, Italien und Gallien) begründeten. Damit traten sie zugleich in die heilsgeschichtliche Rolle des römischen Weltreichs ein: Nach der spätantik-mittelalterlichen Auslegung des biblischen Buches Daniel galt nämlich das römische Weltreich als das letzte der Weltgeschichte, und solange das römische Reich dauerte, so glaubte man, bleibe das Weltende mit dem Jüngsten Gericht noch aus. Aus diesem Grund nannte man das Reich das "Heilige römisch-deutsche Reich", und zwar bis weit ins 18. Jh. hinein. Das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser, das sich daraus ergab, war allerdings stets umstritten. In der Frühen Neuzeit wurde die Bindung des Kaisertitels an die Krönung durch den Papst endgültig aufgegeben (letzte päpstliche Kaiserkrönung: verwandte Themen Karl V. 1530).


 
 Glossar Türkensteuer  
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Das expandierende osmanische Reich (Untergang des oströmischen Reiches mit der Eroberung Byzanz' 1453, Höhepunkt unter Sultan Süleyman dem Prächtigen im 16. Jh., schrittweiser Niedergang seit dem ausgehenden 17. Jh.) bedrohte vom 15. bis ins 18. Jh. die südöstliche Flanke des Reiches, d.h. die Territorien der österreichischen Habsburger und damit des Kaisers (Höhepunkt: Belagerung Wiens 1683). Zur militärischen Abwehr dieser Bedrohung war der Kaiser auf finanzielle Unterstützung der Reichsstände angewiesen. Diese "Türkensteuern" konnte er nach frühneuzeitlichem Rechtsverständnis nicht einfach von ihnen erheben, sondern er mußte sie darum bitten; diese Bitte mußte er auf Reichstagen vortragen. Die Reichsstände konnten ihm die Hilfe nicht einfach verweigern; sie konnten sich dafür aber Zugeständnisse machen lassen. Auf diese Weise gelang es etwa den protestantischen Reichsständen auf den Reichstagen der 1520er Jahre, die Durchführung des verwandte Themen "Wormser Edikts" gegen Luther immer wieder zu verschleppen.


 
 Glossar Wahlkapitulation  
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Vertragliche Vereinbarung zwischen einem Wählergremium und dem zu wählenden Amtsträger, worin (in einzelnen "Kapiteln") die Bedingungen festgelegt sind, an die sich der Gewählte zu halten hat und nach denen er seine Herrschaft ausüben soll. Meist wurden in Wahlkapitulationen vor allem die Rechte und Freiheiten des Wählergremiums selbst festgeschrieben. Wahlkapitulationen gab es schon im Mittelalter zwischen Domkapitel und Bischof, seit 1519 (Kaiser Karl V.) auch zwischen Kurfürsten und zu wählendem Kaiser bzw. Römischem König. Die Wahlkapitulationen zählten zu den Grundgesetzen des Reiches; sie wurden von Wahl zu Wahl weiter fortgeschrieben und sicherten die zentralen Mitspracherechte der Reichsstände gegenüber dem Kaiser.
Die Bemühungen der Reichsfürsten, nach dem Westfälischen Frieden eine "Capitulatio perpetua", eine immerwährende Wahlkapitulation und damit so etwas wie eine schriftliche Verfassung des Reiches festzulegen, scheiterte, weil man sich über viele Einzelpunkte nicht einigen konnte und weil vor allem der Kurfürsten die Einbuße ihrer Vorrangstellung befürchteten.


 
 
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