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Strukturen von Recht und Herrschaft
6.Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre
6.5 Bürgerhumanismus und Tugendlehren
6.5.2 UTOPISCHES DENKEN (MORUS)
von Tim Neu
Zu Beginn der FNZ kam es zu einem folgenschweren Auseinandertreten von Fakten und Normen: Die scholastische Metaphysik des Mittelalters hatte die Natur noch teleologisch interpretiert (vgl.
Die Wissenschaftliche Revolution) und Sollendes und Seiendes nicht geschieden. In den kulturellen Umwälzungen, die
Renaissance und
Humanismus hervorbrachten, wurde diese Einheit jedoch aufgebrochen. Für die Politische Theorie bedeutete dies auf der Seite der Fakten den Durchbruch zum ‘politischen Realismus’, wie er sich in den
Staatsräsonlehren manifestierte. Aber auch in Bezug auf die Behandlung des Normativen begann mit der ‘Erfindung’ der Literaturgattung der ‘politischen Utopie’ "eine neue Phase des wirklichkeitstranszendierenden Denkens und der politisch-sozialen Idealbildung" (
Nipperdey, Morus, 181). Begründet hat diese neue Gattung der englische Humanist
Thomas Morus (1477/78-1535) mit seinem 1516 veröffentlichten Werk Utopia. Es handelt sich um ein aufschlußreiches Wortspiel: ‘Utopia’ setzt sich aus den griechischen Wörter für ‘nicht’ (ou) und ‘Ort’ (tópos) zusammen, meint also eigentlich ‘das Nirgendwo’. Damit wird der fiktive Charakter des utopischen Denkens deutlich, das durch "den Entwurf einer in sich geschlossenen möglichen anderen Welt" (
Reinhard, Humanismus, 264) das ideale Gemeinwesen zu beschreiben versucht.
Wie die politischen Klugheitslehrer, haben auch die utopischen Denker die
Wachstumsphänomene der werdenden Staatsgewalt wahrgenommen und verarbeitet. In den Utopien ist dieses Wachstum jedoch konsequent zu Ende gedacht und vorweggenommen: Die Staatsgewalt ist einheitlich, d. h. es gibt keine über autonome Herrschaftsrechte verfügenden Partikulargewalten mehr, sie agiert aktiv und steuernd statt nur ‘Friede und Recht’ wahrend und zwar umfassend in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Diese Kontrolle gilt insbesondere denjenigen Bereichen des Sozialen, die in der Moderne der Privatsphäre zugerechnet werden, wie Heirat oder Freizeit, so daß man von einer "Verstaatlichung der sozialen Kontrolle" (
Münkler, Humanismus, 597) sprechen kann.
Was die Utopie jedoch z.B. von dem
Reformabsolutismus, der ebenfalls umfassende Steuerung und Kontrolle der Gesellschaft anstrebte, unterscheidet und sie als tugendorientierten Ansatz kennzeichnet, ist die Tatsache, daß diesen ‘idealen’ staatlichen Institutionen nicht passive Untertanen, sondern ‘gute’ und ‘tugendhafte’, für das Gemeinwesen engagierte Bürger an die Seite gestellt wurden. Das utopische Denken vertraute - anders als der Humanismus - nicht auf moralische Appelle, sondern auf die Macht veränderter Strukturen: "Weil die Ordnung gerecht, vernünftig und gut ist, ist auch der einzelne gerecht, vernünftig und gut." (
Nipperdey, Morus, 183).
Utopien sind Krisenphänomene und realisieren daher einen kritischen Impuls. Abgelehnt wurden insbesondere das Privateigentum, der marktorientierte Frühkapitalismus und kriegerische Außenpolitik. Dagegen setzte man streng egalitäre Gesellschaftsformen mit Gemeinschaftsbesitz, Wahl der obrigkeitlichen Beamten und eine Betonung von Bildung und Wissenschaft.
| © 2003 by Barbara Stollberg-Rilinger • mail: fnz.online@uni-muenster.de | |