Einführung in die Frühe Neuzeit  
 
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Politische Ereignisse und Entwicklungen
4. RAHMENBEDINGUNGEN INTERNATIONALER POLITIK
4.2.3. Zeremoniell

 

  4.2.3. Zeremoniell  
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4.2.3.1. Zeremoniell und Souveränität
 
Die Völkerrechtslehre postuliert die prinzipielle Gleichheit der souveränen Akteure und den grundsätzlichen Ausschluß aller anderen - der Untertanen - aus den internationalen Beziehungen. Tatsächlich fügen sich allerdings bei weitem nicht alle Herrschaftseinheiten in Europa in dieses dichtotmische Schema. Außerdem sind die Macht der Staaten, ihre rechtliche Qualität und die soziale Rolle der Fürsten unter den europäischen Potentaten in der Praxis noch keineswegs so ausdifferenziert, wie die Theorie es verlangt. Die universale und hierarchische Rangordnung der res publica christiania, der traditionellen Ordnung Europas mit Kaiser und Papst an der Spitze, verschwindet erst allmählich zugunsten eines Systems souveräner Staaten. (Verwandte Themen 4.4.2 Souveränität)
Diese Verwandlung wird zu einem wesentlichen Teil im diplomatischen Zeremoniell vollzogen, dem System der außerordentlich aufwendigen und komplizierten Ehrbezeugungen, die sich die Diplomaten gegenseitig zukommen lassen. Ihnen wird eine großer Teil der Arbeit der Diplomaten und der bei weitem größte Teil des finanziellen Aufwands gewidmet. Sie sind keineswegs bloße Formalitäten oder Ergebnisse von Prunksucht, sondern ein wesentlicher Teil des politischen Handelns. (Literatur Stollberg-Rilinger)
 
4.2.3.2. Funktionieren des Zeremoniells
 
Das Zeremoniell erlaubt die für jedermann sichtbare Aufführung der Ordnung unter den europäischen Mächten und damit die Fixierung von Ansprüchen. Die grundsätzlich gewohnheitsrechtliche Struktur - erste Anspruchsgrundlage ist der sichtbare Besitz eines bestimmten Vorrechts bei vorhergehenden Anlässen - führt dabei gleichzeitig zu einer Logik der gegenseitigen Übertrumpfung wie zu einer tendenziellen Kontaktblockade.
Die Gesandten haben unterschiedliche Rangstufen. Nicht jedem Fürsten wird die Entsendung von Gesandten jeden Ranges zugestanden. Aber auch zwischen bei Diplomaten der gleichen Rangstufe lassen sich je nach "Würde" des betreffenden Fürsten feine Unterschiede in der Behandlung machen.
Einerseits erlaubt das Zeremoniell das Erfinden immer neuer subtiler Unterscheidungen, die bei vorhergehenden Anlässen noch nicht festgehalten wurden und für die daher keine gewohnheitsrechtliche Regelung existiert. Andererseits bleibt - falls man die erwünschte Behandlung nicht erhalten kann - nur der Abbruch offizieller Kontakte, um nicht einen Präzedenzfall zu schaffen.
Da nun zunehmend kategoriale völkerrechtliche Unterschiede im Zeremoniell ausgehandelt werden, entsteht ein hoher Handlungsdruck, keine zeremonielle Zurücksetzung zu akzeptieren. Für einen Kurfürsten kann ein zeremonielles Detail wie die Frage des sechsspännigen Einzugs seines Gesandten über seine Souveränität (Verwandte Themen 4.4.2 Souveränität) entscheiden. Für Herrschaftsträger mit unklarem Status steht im Zeremoniell die Rolle als anerkannte Teilnehmer an den internationalen Beziehungen grundsätzlich auf dem Spiel. Unwandlung von militärischer und ökonomischer Macht in zeremonielle Geltung ist unter diesen Umständen eine rationale Strategie. (Verwandte Themen Theorien der Frühen Neuzeit 5. Habitustheorie und Kapitalbegriff (Bourdieu) )
Im Zeremoniell wird gleichzeitig die soziale Rolle der Fürsten unter den europäischen Potentaten ausgehandelt. Sie wird nach wie vor als hierarchische Ordnung gedacht. Aber die etablierte Rollenverteilung besitzt keineswegs die Genauigkeit, die einen reibungslosen Kontakt aller mit allen im intensivierten diplomatischen Verkehr erlauben würde und ist zudem durch Machtverschiebungen immer wieder in Frage gestellt. Somit spielen Präzedenzstreitigkeiten auch unter den Gesandten der großen Monarchien eine wichtige Rolle.
Eine weitere Rolle des Zeremoniells ist die eines Gradmessers für den Zustand der Beziehungen zwischen den Mächten.
 
4.2.3.3. Funktionsverlust des Zeremoniells
 
Die zunehmende Ausdifferenzierung von völkerrechtlicher Qualität, Macht und sozialer Rolle der Fürsten sowie die deutliche Erkennbarkeit der souveränen Akteure führen ab Mitte des 18. Jh.s zum Bedeutungsverlust des diplomatischen Zeremoniells. Zudem geraten auch andere Formen des Zeremoniells, etwa zwischen Herrscher und Untertanen, zunehmend in die Kritik der Aufklärung. (Literatur Vec) Das diplomatische Zeremoniell wird auf seine Funktion als Beziehungsbarometer reduziert und als bloße Behinderung der "eigentlichen Geschäfte" kritisiert und zurückgedrängt. Schließlich setzen das Wiener Reglement und der Aachener Beschluß 1815/8 einen Schlußstrich unter die bisherige internationale zeremonielle Praxis, indem der Vorrang unter Diplomaten durch völkerrechtliche Verträge von der Würde der Souveräne gelöst wird. (Literatur Vec)
 
Quellen Quelle: Anonym [Gottfried Wilhelm Leibniz]: Germani curiosi admonites
Quellen Quelle: Lünig, Johann Ch.: Theatrum Ceremoniale Historico-Politicum oder historisch-politischer Schauplatz aller Ceremonien [...]

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