Das Parasurama-Kalpasutra – Übersetzung und Analyse

[abgeschlossenes Forschungsprojekt]

Vertextete Riten: Das Parasurama-Kalpasutra (Annot. Edition, Erstübersetzung, Ritualanalyse) und seine "Weiterschreibungen" in der Rezeptionsgeschichte

Das zwischen 2006 und 2009 von der DFG geförderte Projekt war einem Grundtext des wichtigen, aber noch wenig erforschten Genre hindu-tantrischer Ritualmanuale gewidmet und wurde von Dr. Claudia Weber und Prof. Dr. Annette Wilke bearbeitet (DfG-Förderung 200.000 Euro).
Erstmalig wurde das Paraśurāma-Kalpasūtra (PKS) übersetzt und kritisch annotiert, sowie ritualtheoretisch und religionsästhetisch analysiert und auf seine „Weiterschreibung" in späteren Ritualtexten und Kommentarwerken hin untersucht (Nityotsava, Kommentare Rāmeśvaras und Lakṣmaṇa Rāṇaḍes, Śrīvidyāratnākara, Editionen).
Das Manual ist der tantrischen Verehrung der großen Göttin Lalitā und der mit ihr verbundenen Göttinnen Śyāmā, Vārāhī und Parā (Lalitā's „Herz") und deren eigene Ritualzyklen gewidmet und vermutlich im 16. Jahrhundert in Tamilnadu entstanden. Obgleich als eminent erachtet, existierte bislang noch keine wissenschaftliche Untersuchung, vielleicht aufgrund der besonderen Schwierigkeiten dieses Forschungsfeldes. Das PKS ist in einer kryptischen Codesprache verfasst und die klärenden Kommentare sind ausgesprochen umfangreich. Die Projektbearbeitung leistete deshalb in zweierlei Hinsicht einen Beitrag zur Schließung einer Forschungslücke. Zum einen sind nun mit der Übersetzung von PKS und breiten Kommentarauszügen (Weber) ein bislang unerforschter und schwieriger Quellentext und die umfangreiche - im Fall Lakṣmaṇas nur in Manuskriptform existierende - Kommentarliteratur besser zugänglich gemacht. Dabei wurde mit der Herausarbeitung der Verschlüsselungstechniken der mythopoetischen Codesprache auch „Handwerkszeug" zum Verständnis weiterer Texte bereitgestellt. Zum anderen wurde mit der inhaltlichen und systematisch-analytischen Aufarbeitung (Wilke) ein anspruchsvoller Ritualtext überhaupt erst erschlossen und erstmalig wissenschaftlich bearbeitet. Drei umfangreiche Artikel bieten neue Erkenntnisse zu tantrischer Rhetorik, Geschichte und Praxis und leisten einen Beitrag zu Ritualtheorien und Religionsästhetik. In theoretischer Hinsicht leitend war die Frage nach der Handlungspragmatik, symbolischen Kommunikation und historischen Dynamik vertexteter Riten. Die Publikationen akzentuieren tantrische Wahrnehmungsräume und rituelle Prozesse in historisch-vergleichender, deskriptiver und theoretisch-analytischer Perspektive. Die Peer-Reviews zu den Artikeln und das Schlussgutachten der DFG zum Gesamtprojekt waren ausgezeichnet.

Aus dem Inhalt: Das PKS gehört der heute maßgeblichsten panindischen Tantratradition an: der Śrīvidyā (Kultus der Göttin Lalitā-Tripurasundarī, ihres fünfzehnsilbigen Mantras und ihres Sricakra-Diagramms). Im Unterschied zur üblichen „rechtshändigen" Śrīvidyā, die sich stark dem vedisch-brahmanischen Normsystem und Vedanta angeglichen hat, ordnet sich das PKS jedoch dem „linkshändigen" Kaula-Tantra zu. Es beinhaltet Alkohol- und Sexualriten, die das offizielle hinduistische Normsystem (Kasten- und Reinheitsregeln) überschreiten, aber streng regelgeleitet und ritualisiert vollzogen werden und sich stark mit Visualisierungen, Mantrapraxis, tantrischem Yoga, verinnerlichter Religiosität und non-dualer Kontemplation verbinden. Dieser extrem komplexe Ritualtext integriert tantrisches Gedankengut aus unterschiedlichen Texten und Regionen und repräsentiert eine „Kaula-Summa" und „Tantra-Kosmopolis" noch im 16. Jahrhundert, als die Blütezeit des Tantra eigentlich vorbei war. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein verteidigen die brahmanischen Kommentatoren die transgressiven Riten. Zur auffallendsten Typik der PKS-Tradition gehört das Aushandeln traditioneller Hierarchien, die Darstellung der Kaulariten als Veda-orthodox und das beständige Oszillieren zwischen Realität und Virtualität, d. h. zwischen Körperpraxis, aktiver Imagination und verbaler Sexualmetaphorik. Erst im 20. Jahrhundert findet sich eine Verschiebung zur „entkörperlichten" Seite der Rechtshänder, aber auch die linkshändige Kaula-Richtung ist noch lebendig, v. a. in Kerala.

Veröffentlichungen

  • 2015. Aktive Imagination im Tantra: Am Beispiel des Ritualmanuals Parasurama-Kalpasutra. In: Wilke, Annette und Lucia Traut (Hg.): Religion - Imagination - Ästhetik: Vorstellungs- und Sinneswelten in Religion und Kultur. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht, S. 155-193.
  • 2012. Re-coding the Natural and Animating the Imaginary: Kaula body practices in the Parasurama-Kalpasutra, ritual transfers and the politics of representation. In: István Keul (Hg.), Transformations and Transfer of Tantra in Asia and Beyond. Berlin/New York: de Gruyter, 19-76.
  • 2012. Negotiating Tantra and Veda in the Parasurama-Kalpa Tradition. In: Frank Neubert, Ute Hüsken (Hgg.), Negotiating Rites. New York: Oxford University Press, 133-160.
  • 2010. Basic Categories of a Syntactical Approach to Rituals: Arguments for a 'Unitary Ritual View' and the Parasurama-Kalpasutra as 'Test Case'. In: Axel Michaels, Anand Mishra (Hgg.), Grammars and Morphologies of Ritual Practices in Asia. Wiesbaden: Harrassowitz, 215-262.