D Das Paraśurāma-Kalpasūtra (Annot. Edition, Erstübersetzung, Ritualanalyse) und seine „Weiterschreibungen“ in der Rezeptionsgeschichte
Kurze Beschreibung
Das zwischen 2006 und 2009 DFG-geförderte Projekt (Bearbeiterinnen Dr. Claudia Weber u. Prof. Dr. Annette Wilke) ist dem wichtigen, wenig erforschten Genre hindu-tantrischer Ritualmanuale gewidmet und der Handlungspragmatik, symbolischen Kommunikation und historischen Dynamik vertexteter Riten.
Mit dem Paraśurāma-Kalpasūtra (PKS) wurde ein zentraler Ritualtext der heute maßgeblichsten panindischen Tantratradition – der Śrīvidyā – erstmals übersetzt, kritisch annotiert, ritualtheoretisch analysiert und auf seine „Weiterschreibung“ in späteren Ritualtexten hin untersucht. Das PKS, vermutlich im Tamilnadu des 16. Jh. entstanden, ordnet sich dem Kaula-Tantra zu und nennt sich „Upaniṣad“. Es beinhaltet Alkohol- und Sexualriten, die das offizielle hinduistische Normsystem (Kasten- und Reinheitsregeln) überschreiten, aber streng regelgeleitet und ritualisiert vollzogen werden. Das Reale und das Virtuelle gehen mit zahlreichen intensiven aktiven Imaginationen und Visualisationen ineinander über, da die esoterischen Ebenen des Rituals eng mit der psycho-physiologischen Anthropologie des tantrischen Yoga (yogische Leibzentren oder cakras) verknüpft sind und Körperlichkeit, Ritual und verinnerlichte Religiosität ein Kontinuum bilden. Auch die hochphilosophische nonduale Philosophie, Sprachmetaphysik und Kosmologie des kaschmirschen Śivaismus sind in den Text eingeflossen. Träger waren fürstliche Kreise und hochgebildete Städter – nicht zuletzt Brahmanen, die die Kommentare verfassten. Auffallend in der PKS-Tradition ist das Aushandeln traditioneller Hierarchien und religiösen Spezialistentums. Das PKS positioniert sich gegenüber dem Veda und anderen Wissenskulturen als das hervorragendste System und die machtvollste Soteriologie. In den Kommentaren wurden bis ins 19. Jh. die transgressiven Riten verteidigt. Der Ritualtext scheint eine wichtige Schnittstelle zwischen kaschmirischen und südindischen Formen der Śrīvidyā zu bilden und wird bis heute „weitergeschrieben“. Er erfährt u.a. im zeitgenössischen Varanasi eine Renaissance. Die Übersetzung (mit breiten Kommentarauszügen) soll den bislang unerforschten Text besser zugänglich machen. Mit der Herausarbeitung der Verschlüsselungstechniken seiner mythopoetischen Codesprache wird „Handwerkszeug“ zum Verständnis weiterer Texte bereitgestellt. Die Analyse zu Inhalt, Form und Funktion des rituellen Prozesses im PKS und seiner Spezifika wird ergänzt durch die Rekonstruktion seiner multiplen rezeptionsgeschichtlichen Fortschreibungen (Nityotsava, Kommentare Rāmeśvaras und Lakṣmaṇa Rāṇaḍes, Śrīvidyāratnākara, Editionen). Das Projekt bietet neue Erkenntnisse zu tantrischer Rhetorik, Ritualpraxis und Entwicklungen der Śrīvidyā und einen Beitrag zu Ritualstudien und Religionsästhetik.
Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
- Dr. Claudia Weber
- Prof. Dr. Annette Wilke
Veröffentlichungen
- Sanskrit-Text im Internet:
Sanskrit Text - [Forthcoming] Wilke, A.: Re-coding the Natural and Animating the Imaginary: Kaula body practices in the Parasurama-Kalpasutra, ritual transfers and the politics of representation. In: I. Keul (Hg.), Transformations and Transfer of Tantra in Asia and Beyond. Berlin/New York: de Gruyter (59 Seiten, Band in Vorbereitung).
- [Forthcoming] Wilke, A.: Negotiating Tantra and Veda in the Paraśurāma-Kalpa tradition. In: U. Hüsken und F. Neubert (Hgg.), Negotiating Rites. New York: Oxford University Press (37 Seiten).
- 2010 Wilke, A.: Basic Categories of a Syntactical Approach to Rituals: Arguments for a 'Unitary Ritual View' and the Parasurama-Kalpasutra as 'Test Case'. In: A. Michaels und A. Mishra (Hgg.), Grammars and Morphologies of Ritual Practices in Asia. Wiesbaden: Harrassowitz, 215-262.
- 2010 Weber, C. (Hg./Übers.): Das Paraśurāma-Kalpasūtra: Sanskrit-Edition mit deutscher Erstübersetzung, Kommentaren und weiteren Studien. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2010. 548 S., ISBN 978-3-631-60349-9. Siehe auch: http://indologica.de/drupal/?q=node/1221
- 2008/09 Weber, C.: Manuskripte des Paraśurāma-Kalpasūtra und seiner Kommentartradition", Münchener Indologische Zeitschrift 1, 2008/09: 186-207.


