Musliminnen in Deutschland und interkultureller Dialog

[abgeschlossenes Forschungsprojekt]

Die Dokumentation und rekonstruktive Analyse der Interaktionsprozesse zweier christlich-muslimischer Frauenarbeitskreise entstand im Rahmen des LAG-Projekts „Soziale Rollen von Frauen in Religionsgemeinschaften" (Landesarbeitsgemeinschaft Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie). Das Projekt, das vom Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW gefördert wurde (2000-2002), untersuchte Gesprächsmuster und Orientierungsrahmen gelingenden und misslingenden Dialogs. Nach 2002 wurde die Thematik in Einzelforschung weiter bearbeitet.

Christlich-muslimische Frauenkreise

In Münster bestanden in diesem Zeitraum zwei interkulturelle Frauenarbeitskreise, der "Christlich - Muslimische Arbeitskreis" und der "Deutsch - Türkische Arbeitskreis", in denen sich Musliminnen und Christinnen in regelmäßigen Abständen zu Gesprächen und gemeinsamen Aktionen (Feste usw.) trafen. Der Christlich-Muslimische Arbeitskreis besteht bis heute. Ziel war und ist, der je anderen Seite die eigenen Kulturmuster und Werte näherbringen, um sich besser verstanden zu wissen und um vorgeprägte (oft negativ konnotierte) Wahrnehmungsstereotypen zu brechen. Auf Seite der Musliminnen handelt es sich ausschließlich um Kopftuchträgerinnen, die in einer kulturvarianten Umwelt ihre Tradition leben möchten und ihr Kopftuch nicht im Widerspruch zur Moderne sehen. Einige nahmen an beiden Arbeitskreisen teil. Die beiden Arbeitskreise haben unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte und unterscheiden sich auch in der Gruppendynamik.

Der "Christlich - Muslimische Arbeitskreis" besteht seit Dezember 1998 und umfasst 23 Mitglieder, davon 14 Musliminnen. Man trifft sich i.d.R. einmal im Monat zu einem bestimmten religiösen Thema: Koran (Was bedeutet er für uns Musliminnen), Bibel / Jesus (Was bedeutet die Bibel und die Gestalt Jesu für uns Christinnnen), Prophet, Engel, Ordensleben, Ramadan (Sinn und Tradition des Fastenbrechens und gemeinsame Feier), Passion und Auferstehung usw. Der Arbeitskreis ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Die Musliminnen fühlen sich ernst genommen und schätzen es, sich nicht wegen ihres Kopftuchs ständig verteidigen zu müssen. Spannungen werden offen thematisiert. Oft gestaltet sich der Dialog zu einer Art von erweiterten Ökumene aufgrund der unterschiedlichen Reaktionen von katholischer und evangelischer Seite auf die Präsentationen und Stellungnahmen der Musliminnen.

Der "Deutsch - Türkische Arbeitskreis" entstand 1995 / 96, umfasste 9 Musliminnen und 7 deutsche Frauen und traf sich alle 6 - 7 Wochen. Es ging vornehmlich um lebenspraktische Dinge und kulturelle Themen, wie Sauberkeit, Kleidung (Wie werden wir durch Kleidung determiniert?), Esskultur. Anfangs nahmen Türkinnen daran teil, die die Initiantin des Kreises als "liberalisiert, modern und laizistisch" kennzeichnet. Als Kopftuchträgerinnen ("aktive, fromme" Musliminnen) dazu stießen, gestaltete sich die Interaktion als schwierig. Im Jahr 2002 waren nur noch die "aktiven, frommen Musliminnen" vertreten. Auch die Interaktion Musliminnen / Nicht - Musliminnen hat in jüngster Zeit aufgrund eines konkreten Konflikts (Kollision mit muslimischen Speisegeboten) zu Spannungen geführt, deren Austragung den weiteren Verlauf bestimmen sollte. Heute existiert der Kreis nicht mehr.

Im Rahmen des LAG-Projektes wurden die beiden Arbeitskreise dokumentiert und durch qualitative Interviews mit den beteiligten Frauen ergänzt. Neben der "bloßen" Dokumentation, die bereits aussagekräftig ist bezüglich unterschiedlicher Wert- und Dispositionsmuster, einem kulturvarianten Umgang mit traditionellen Vorgaben, Gesprächsverhalten, Rollenverständnis usw. wurden Gesprächsinhalte, die gruppendynamischen Prozesse, Rollenerwartungen und -verhalten auch theoretisch aufgearbeitet. Alle beteiligten Frauen waren bereit, einer Publikation ihrer Gespräche zuzustimmen.

Methodisches Vorgehen

  • Dokumentation: Protokollierung und Tonbandaufzeichnungen, Transkription, Reaktion, Absprache des Protokolls mit den Beteiligten, Überarbeitungen, Edition. Auf eine Tonbandaufzeichnung wurde anfangs verzichtet, um die Spontaneität nicht zu gefährden. Im Laufe der Zeit, aufgrund größerer Vertrauensbasis, konnten Tonbandaufzeichnungen gemacht werden.
  • Qualitative Interviews mit den Beteiligten zu Biographie, Sozialisation, Motivation zum Gespräch, etwaigem Wandel von Selbst- und Fremdwahrnehmung usw.
  • Analyse und theoretische Reflexion
  • Dokumentarische Methode und objektive Hermeneutik

Fragestellungen

Die Situation brachte es mit sich, dass in der theoretischen Reflexion unterschiedliche Gesichtspunkte fokussiert wurden:

  • Unseres Wissens war es die erstmalige wissenschaftliche Aufarbeitung eines "Dialogs von unten", wie er im "Christlich - Muslimischen Arbeitskreis" und schätzungsweise an vielen Orten Deutschlands stattfindet. Ein solcher Dialog scheint uns theologisch zukunftsweisend, blieb in der Fachliteratur aber bisher noch unsichtbar. Im Gegensatz zu einem rein akademischen Dialog auf Tagungen und an Hochschulen, steht nicht die Gelehrtenkultur, sondern das religiöse Selbstverständnis von Laien, der gelebte Glaube und der Einbezug von Emotionen im Zentrum. Die Gespräche vermitteln zwar nur persönliche, individuelle Standpunkte, sagen aber gleichwohl - oder gerade darum, weil sie eben authentische Zeugnisse sind - vieles an Allgemeingültigem, gelebter Frömmigkeit und Alltagsverhalten der jeweiligen Traditionen aus.
  • Mit einem Schwerpunkt auf Rollentheorien wurden Integrations- und Abgrenzungsmechanismen analysiert und systematisiert. Damit wurde nicht nur zur soziologischen und psychologischen Theoriebildung beigetragen, sondern auch ein Thema bearbeitet, das hohe gesellschaftliche Relevanz hat.

Beispiel: v.a. die nicht - muslimischen Frauen des "Deutsch - Türkischen Arbeitskreises" wünschten, intensiver gemeinsam nachzudenken, was Integration bedeutet, wo sie einsetzt, wo kulturelle Divergenzen an die Grenzen der Akzeptanz stoßen. U.a. wurde das Kopftuch als ambivalentes, Abgrenzung markierendes Symbol eingeschätzt, was den Darstellungen in Medien und z.T. in der Fachliteratur entspricht. Die Musliminnen andererseits verstanden ihr Kopftuch ganz im Sinne einer neueren Studie von S. Nökel. In Anlehnung an Bourdieu kennzeichnet die Soziologin S. Nökel in ihrer Studie zu Musliminnen in Deutschland das Kopftuch als symbolischen code für eine "Aristokratierung des Verhaltens" und "Ästhetisierung des Körpers" und als Mittel einer positiven Selbstbildproduktion. Es verbindet das image, lady - like und würdevoll zu sein, mit einer neuen religiösen Subjektwerdung der islamischen Frau. Diese religiöse Rollenbewusstsein der Frau als Traditionsträgerin verbindet sich mit der Forderung nach geschlechtlicher Gleichstellung hinsichtlich Bildung, Berufsausübung, Arbeitsteilung in Haushalt, Kindererziehung usw. Die Musliminnen wollen sozusagen das Beste aus beiden Welten schöpfen.

Die Thematik Integration - Abgrenzung und Gruppendynamik muss mithin auch in einem breiteren Horizont symbolischer Anthropologie und kollektiver Repräsentationen diskutiert werden, damit Rollenerwartung, Rollenwahrnehmung und Rollendistanz in ihrer Tiefengrammatik durchsichtig werden. Oft beruhen Probleme und Vorurteile gegenüber Fremdkulturen einfach auf Unkenntnis und Missverständnissen. Ein Kenntlichmachen der "Tiefengrammatik" ist deshalb ein wichtiger Schritt zu einem Verstehen, das zum Abbau gesellschaftlicher Konfliktpotentiale die Voraussetzung ist. Die Aufzeichnung und Analyse der Diskurse, Diskursebenen und Geltungsansprüche in der Interaktionen von Musliminnen und Nicht - Musliminnen am konkreten Beispiel der Arbeitskreise versteht sich als ein Beitrag dazu.

Veröffentlichungen

  • 2006. Wilke, Annette: Interreligiöses Verstehen: Rahmenbedingungen für einen gelingenden christlich-muslimischen Dialog. In: Doris Strahm, Manuela Kalsky (Hg.), Damit es anders wird zwischen uns: Interreligiöser Dialog aus der Sicht von Frauen. Mainz: Grünewald, 14-26.
  • 2005. Wilke, Annette: Interreligiöser Dialog und interkulturelle Kompetenz: Ein religionswissenschaftlicher Forschungsbeitrag zum Dialog der Religionen am Fallbeispiel eines christlich-muslimischen Frauenkreises. In: Thomas Bauer und Thorsten G. Schneiders (Hgg.), "Kinder Abrahams": Religiöser Austausch im lebendigen Kontext, Festschrift zur Eröffnung des Centrums für Religiöse Studien. Münster: Lit, 221-282.
  • 2003. Wilke, Annette und Regina Fries: Dialog von unten: Musliminnen und Christinnen im Austausch. In: Siri Fuhrmann, Erich Geldbach und Irmgard Pahl (Hgg.), Soziale Rollen von Frauen in Religionsgemeinschaften: Ein Forschungsbericht, mit CD-Rom, Münster: Lit, S. 269-302.
  • 2002. Wilke, Annette: Die Rolle der Religionswissenschaft im Kanon der theologischen Fächer. In: Theologische Revue, 2002/5, Sp. 385-391.
  • 2001. Wilke, Annette und Regina Kemper: Dialog von unten: Musliminnen und Christinnen im Austausch. In: Irmgard Pahl, Andrea K. Kaus (Hgg.), Landesarbeitsgemeinschaft Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie, Soziale Rollen von Frauen in Religionsgemeinschaften: Projektbericht I, Bochum, 123-142.
  • 2001. Wilke, Annette: Interesse an Religion: Die Aufgabe der Religionswissenschaft. In: Philosophie und Religion, ausgewählt und kommentiert von Volker Steenblock. Münster: Aschendorff, 102-128.