Wie viel genug ist

Erntedank A: 1 Tim 6, 6-11. 17-19 + Lk 12, 16-21

I
Der Schweizer Rolf Dobelli, zugleich Unternehmer und Philosoph, schreibt seit einiger Zeit in einer großen Tageszeitung eine wöchentliche Kolumne zu großen Lebensfragen. Manchmal etwas neunmalklug und für meinen Geschmack etwas zu wirtschaftsliberal, nicht selten aber hellsichtig und weise. Im vergangenen Juli ging es einmal ums Geldhaben.

II
Dobelli arbeitet gern mit Testfragen und Gedankenexperimenten. So fragte er, ab welchem Jahreseinkommen weiteres Geld keinen Einfluss mehr auf das empfundene Glück eines Menschen haben würde. Und er liefert eine klare, wissenschaftlich belegte Antwort: Ist jemand arm, so denkt er oder sie von früh bis spät ans Geld, verständlicherweise. Verdient jemand 50.000 € im Jahr, spielt weiteres Geld nur eine mäßige Rolle. Jenseits von 120.000 € pro Haushalt schmilzt das Glücksempfinden über weiteres Einkommen auf 0. Und bleibt dort selbst dann, wenn es zusätzliche Millionen wären. Trotzdem hecheln zahllose unserer Zeitgenossen den Millionen nach. Aber haben sie nicht nur die gleichen Sorgen wie andere auch, fürchten sich genauso wie die anderen vor Krankheit, Alter und dem Tod –  und brauchen zudem eine ganze Entourage, um den Reichtum zu verwalten und um sich Leute, die ihnen etwas abknöpfen wollen, vom Leib zu halten.

Der reiche Mann aus dem Gleichnis des heutigen Evangeliums ist da noch radikaler. Er hat hat das alles – und zumal das Sterben –  ausblenden, hat es verleugnen müssen, um sich seine Akkumulationslogik selbst glaubhaft machen zu können. Was muss der an Energie  aufgewendet haben, um sich derart belügen zu können. So etwas ist seelische Schwerstarbeit, so hart, dass ihm innerlich gar nichts mehr übrig bleibt, um seine Schätze zu genießen.

Der Ökonom Richard Easterlin hat einmal die Lebenszufriedenheit von Amerikanern im Jahr 1946 mit der von 1970 verglichen. Obwohl sich der Lebensstandard in dieser Zeit verdoppelte, war die Lebenszufriedenheit nahezu die gleiche geblieben. Wessen elementare Bedürfnisse gestillt sind, der oder dem bringt weiter wachsender Wohlstand nicht größeres Glück. Dobellis Beispiel:
Angenommen, Sie haben ein schönes Stück Land gekauft und ein Haus gebaut. Das Haus darf sich sehen lassen – mindestens drei Zimmer zu viel für Ihre Bedürfnisse. Ein Jahr später kauft jemand die Nachbarsparzelle und pflanzt eine Villa hin, die Ihr Haus wie eine Dienstbotenunterkunft aussehen lässt. Ergebnis: Ihr Blutdruck steigt, und Ihre Lebenszufriedenheit sinkt – obwohl Sie immer noch bestens wohnen.
Und noch ein anderes Beispiel, diesmal sozusagen seitenverkehrt: Ein Freund von Dobelli war so reich, dass er sich eine Luxusjacht leisten konnte. Nach einiger Zeit gestand er seinem Freund: Meine zwei glücklichsten Tage als Jachtbesitzer waren der Tag, an dem ich Schiff gekauft habe – und der Tag, an dem ich die Jacht endlich wieder verkaufen konnte.

III
Wie können solche Dinge überhaupt zustande kommen? Eine der schlüssigsten Antworten, die ich kenne, steht in der heutigen zweiten Lesung aus dem Ersten Timotheus-Brief: Wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts mit hinausnehmen. – Das wissen alle untrüglich. Man kann es nicht wissen wollen. Aber selbst dann wird man diese Wahrheit nicht los. Darum versuchen Menschen wie aus Panik den großen Reichtum, der ihnen zugefallen ist, in ihrem kleinen Leben unterzubringen, ihn sozusagen in ihre endliche Lebensphase hineinzustopfen. Und weil das mit normalen Mitteln nicht geht, verrenken sie sich dabei, nicht selten bis zur eigenen Zerstörung.
 
Dabei gäbe es einen Weg, die Güter, die man gewonnen hat, zu genießen und trotzdem nicht Schaden zu erleiden. Der Timotheus-Brief beschreibt ihn so: Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen. Und wer mehr als das hat, soll freigebig sein und andere an seinen Gütern teilhaben lassen. So jemand tut sich selbst Gutes, indem er sich mit dem bescheidet, was unserem Menschenmaß entspricht. Und wer gläubig ist, darf gewiss sein, durch sein Tun das zu vollbringen, was man früher „gute Werke“ nannte – und nicht selten dahingehend missverstand, dass man auf diese Weise seine ewige Seligkeit aus eigener Anstrengung verdienen könnte. Gleichwohl ist der Kern der Sache wahr: Wer freigebig zu sein vermag, wird im Maß des Menschlichen zu einem kleinen Sinnbild jenes gönnenden Gottes, den die Bibel verkündet – und verwirklicht darin etwas von jener Gottebenbildlichkeit, die nach der Überzeugung vieler geistlicher Meister das Seligsein der Erlösten ausmacht.

IV
Freilich haben über weite Strecken etliche Leute in ein paar wenigen reichen Ländern jenes Menschenmaß gänzlich aus den Augen verloren. Zwei Drittel der Bürger in Deutschland gehören auch dazu. Und das andere Drittel, das jeden Euro dreimal umdrehen muss, kann oft gar nicht anders, als nach derselben Logik des Immer-Mehr zu denken. Darum tun die einen bald gar nichts mehr anderes als zu investieren und zu spekulieren. Und die anderen kritisieren und fordern. Ein Wort kommt auf beiden Seiten fast überhaupt nicht mehr vor: Danke. Die Reichen haben es nicht mehr nötig, weil sie über mehr als genug verfügen und überzeugt sind, dass sie alles sich selbst, ihrer Leistung und Raffinesse verdanken. Und die anderen, die auf der Schattenseite, haben vor diesem Hintergrund auch keinen Anlass mehr zu danken, weil sie, was ihnen zugestanden wird, als schäbiges Almosen vom Tisch der Reichen empfinden.

V
Wo Menschen nicht mehr danke sagen, wird es roh im Umgang miteinander. Erinnerten sich die, die genug und mehr als genug ihr Eigen nennen, daran, dass sie nichts mitgebracht haben, dass ihnen im Letzten also alles geschenkt wurde, dann würden sie das „danke“-Sagen nicht vergessen. Wer aber selber dankt, kann nicht mehr eigensüchtig sein. Zu teilen und zu schenken, wird ihm oder ihr nicht schwer fallen. Denn zum Danken gehört wie von selbst, andere teilhaben zu lassen an dem Guten, das man geschenkt bekam. Und wer von einem Dankbaren beschenkt wird, kann einerseits dankbar sein, ohne seine Würde zu verlieren. Wird er doch nicht mit Almosen abgespeist, sondern als Teilhaber dessen anerkannt, was dem Geber ungeschuldet zufiel.
 
Heute am Erntedankfest denken wir daran, dass nicht einmal die einfachsten Dinge zum Leben, das tägliche Brot und ein bisschen was dazu selbstverständlich sind. Wer dankt dem noch dafür, der das Korn wachsen, der Äpfel und Trauben und das viele andere auch reifen lässt? Dass Menschen auch in unserem reichen Land hungern und wenige tausend Kilometer weiter östlich und südlich sogar verhungern, kommt einzig daher, dass die meisten hier zu wenig danken. Dankend würden sie an die denken, die Not leiden. Beiden wäre damit geholfen. Dem einen, dass er genug, dem anderen, dass er nicht zu viel hat. Beides schadet uns gleichermaßen.
 
Auch das will bedacht sein, wenn immer wieder einmal um die Frage gestritten wird, ob denn nicht die Ladenschließung an den Sonn- und Feiertagen ganz fallen sollte. Was steht dahinter? Die These, dass, je mehr konsumiert wird, es allen besser geht. Eine These, die man nur noch hirnrissig nennen kann. Denn Wohlstand durch Wachstum gibt es schon heute nur dadurch, dass viele ausgegrenzt werden, viele hier bei uns, die einfach nicht mithalten können, und noch viele mehr in der Ferne, die mit Mindestlöhnen ausgebeutet werden, um die Produkte ihrer Arbeit bei uns billig auf den Markt zu bringen. Der Markt ist totalitär geworden, allbeherrschend. Karl Marx, heute oft wie ein toter Hund behandelt, ist in manchem verdammt aktuell. Das wird sich binnen Kurzem bitter rächen. Und wer denkt an die künftigen Generationen, wenn wir alles auf Verbrauch stützen? Was ist mit denen, die auch ein Recht auf eine bewohnbare Welt und ein menschenwürdiges Leben haben?

VI
Das alles sind Fragen, drastisch genug. Von der geistlichen Seite unseres Lebens habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Aber sie ist genauso wichtig. Was passiert mit unserer Seele, wenn auch am Sonntag das Geben und Nehmen herrscht? Der Tag, der bisher Sinnbild für die Freiheit von den werktäglichen Zwängen für das Fest war, verdunstet – oder glauben Sie im Ernst, dass es bei den paar Ausnahmen bleibt, die derzeit genehmigt sind? Nur wenn der Sonntag Dank-Tag bleibt, kann er irdisches Sinnbild für das sein, was uns jenseits von Mühe, Pflicht und Leistung versprochen ist. Und nur so hat jene „Aufmerksamkeit des Herzens“ eine Chance, von der Simone Weil mehrfach gesprochen hat. Jener achtsame Umgang mit dem eigenen Leben, mit den Menschen und Geschehnissen ringsum, der mich vor einer Erstarrung im Selbstverständlichen und seiner Routine bewahrt.
 
Nicht umsonst danken jüdische Beter bis heute dreimal täglich – Zitat: „für die täglichen Wunder, die unaufhörlichen“. Das ist ihre Art, dem Vergessen und der Undankbarkeit des menschlichen Herzens zu widerstehen. Eine andere Form des Widerstands, die mich beeindruckt, hat ein geistlicher Meister unserer Tage, der Münchener Pfarrer Paul Ringseisen, gefunden: Er übt das rechte Achtsam sein dadurch ein, dass er das, was wie selbstverständlich daherkommt, laut beim Namen nennt: In der Frühe: Heißer Kaffee – wie gut! Beim Entzünden einer Kerze: Licht! Beim Aufdrehen der Heizung: Wärme! So geht er andächtig mit den Dingen um. Andacht hat mit Danken zu tun. Es hilft mir, schreibt er, wenn ich mich hörbar für die vielen Dinge bedanke, die mir wohl und gut tun. In Zeiten, die nicht leicht sind für ihn, führt er bewusst ein Tagebuch des Dankens, weil ihm – mit einem Wort Paul Celans gesagt – diese Aufmerksamkeit im alltäglichen Leben als „das natürliche Gebet der Seele“ gilt. In Rose Ausländers Gedicht mit dem Titel „Morgengedicht“ heißt es:
Du darfst die Dinge neu ordnen
Farben verteilen
Und wieder
„schön“ sagen
an diesem Morgen
du Schöpfer und Geschöpf.
Genau diese Gabe vergegenwärtigt uns der heutige Tag. Erntedank kommt uns Stadtmenschen im ersten Moment vor wie ein alter Zopf von gestern. In Wirklichkeit hängt unsere Zukunft von ihm ab.