Religion in Konflikt- und Versöhnungsprozessen

Obgleich die problematische ambivalente Rolle von Religion bei politischen und gesellschaftlichen Konflikten längst erkannt ist, wird der Rolle von Glaubensüberzeugungen bei der Konfliktbearbeitung noch zu wenig Beachtung geschenkt. Schwerpunkt dieses Forschungsfelds ist die Frage, welche Rolle religiöse Überzeugungen und religiöse Akteure in Versöhnungsarbeit spielen können und inwiefern politische Versöhnungsprozesse durch religiöse Elemente stabilisiert und bereichert werden können.

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

  • Thomas Bremer: Religion und Konflikt
      
  • Thomas Bremer, Stephanie van de Loo: Religion and Conflict (von der EU gefördertes Projekt zur Erarbeitung von Modulen eines europäischen Masterstudienganges, abgeschlossen)

  • Julia Sebastian: Woran Menschen ihr Herz hängen. Leitfiguren als Bausteine konfligierender Identitäten im nordirischen Friedensprozess. (Dissertationsprojekt, abgeschlossen 2007)
    Heldenfiguren als verallgemeinerte Darstellungen menschlicher Ideale und Ziele hat es zu allen Zeiten gegeben. In Nordirland begegnen uns verschiedene historische Persönlichkeiten in enger Verbindung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zielen. Mit ihnen scheint die Lagerbildung neben die diskursive Auseinandersetzung zu treten – oftmals mit gewaltreichen Konsequenzen. Und dies in einem stark christlich geprägten Land im 21. Jahrhundert.
    Die vorliegende Arbeit überprüft die These, dass konkrete Leitfiguren in der Gegenwart zur Vereinfachung komplexer Konfliktzusammenhänge verwendet werden. Sie fragt nach den Voraussetzungen, unter denen Heldenfiguren entstehen, nach den Funktionen von Heldenfiguren in Konflikten und macht den Umgang mit solchen Figuren im Nordirlandkonflikt der Gegenwart zum Schwerpunkt der Analysen. Dabei bewegt sie sich auf zwei Ebenen: der gesellschaftlich-politischen Ebene einerseits und der kirchlichen Ebene andererseits. Auf diese Weise wird aus theologischer Perspektive untersucht, ob sich der Umgang der Kirchen und ihrer Vertreter mit »Helden-« oder Leitfiguren wesentlich von dem allgemein gesellschaftlichen Umgang mit ihnen unterscheidet. Konkret untersucht die Arbeit, ob verschiedene historisch umstrittene Persönlichkeiten der (nord-)irischen Geschichte in der Gegenwart als Leitfiguren oder Orientierungsfiguren in Selbstbeschreibungen von Identität verwendet werden bzw. welche anderen Personen als solch positive Leitfiguren auf der gesellschaftlichen und kirchlichen Ebene in Erscheinung treten. Das hierfür gesichtete Material reicht von Parteiwebsites über säkulare und kirchliche Presse sowie Wandbilder bis hin zur Untersuchung exemplarischer Begräbnisansprachen und stellt die Ergebnisse auf eine hochaktuelle, informative und empirisch breite Basis. Untersucht wird zudem die Frage, ob bzw. inwiefern Frauen als Heldenfiguren im Konflikt etabliert werden und reflektiert die Konsequenzen des Umgangs mit Leitfiguren aus theologischer Perspektive.

  • Stephanie van de Loo: Wenn zwei sich streiten, versöhnen Dritte? Ein theologischer Rahmen für interpersonale und soziale Versöhnungsarbeit. (Dissertationsprojekt, abgeschlossen 2007)
    Versöhnungsprozesse zwischen Opfer- und Täterseite können in ihrem Verlauf und ihrem Gelingen durch die Versöhnungsarbeit einer dritten Partei beeinflusst werden. Die Dissertation fragt zunächst nach dem Versöhnungsprozess an sich: Welche Elemente sind notwendig, welche sind möglich? Wie verhalten sich interpersonale und gesellschaftliche Versöhnungsprozesse zueinander? Darauf aufbauend werden Ansätze und Grenzen für eine Versöhnungsarbeit durch Dritte bestimmt und exemplarisch verdeutlicht an Mediation als Konfliktbearbeitung für den interpersonalen Bereich sowie an einzelnen Initiativen für gesellschaftliche Versöhnung in Bosnien-Herzegowina. Durchgängig wird dabei die Frage verfolgt, welche Konsequenzen eine christliche Verankerung des – auch rein säkular verwendbaren – Versöhnungsbegriffs für seine inhaltliche Füllung und für das Verhältnis zu nicht religiös motivierter Versöhnungsarbeit birgt.

  • Andrea Claaßen: Die deutsche Sektion von Pax Christi und der Pazifismusstreit (1995-1997). Eine friedensethische Debatte. (Dissertationsprojekt, abgeschlossen 2015)
  • Im Sommer 1995 entbrannte in der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi der sogenannte „Pazifismusstreit“, der sich um die Frage drehte, ob eine Militärintervention der Nato in den Bosnienkonflikt kategorisch abzulehnen oder unter gewissen Umständen als legitimes Interventionsmittel zu betrachten sei. Indem der Geschäftsführende Vorstand ein militärisches Eingreifen unter bestimmten Voraussetzungen, z.B. in Ausnahmesituationen wie Völkermord, in Erwägung zog, löste er die Debatte aus, die eng mit dem Selbstverständnis von Pax Christi verbunden ist. Das Projekt beschäftigt sich mit dieser Debatte und konzentriert sich dabei auf die Entwicklungen der Jahre 1995 bis 1997. Es geht diskursanalytisch der Frage nach, wie sich Pax Christi Deutschland zur Frage nach militärischer Intervention verhalten hat. Dabei werden auf inhaltlicher Ebene die vorgebrachten Argumente, ihre Motive, die Brennpunkte der Debatte und das durch die Akteure artikulierte Selbstverständnis der deutschen Pax-Christi-Sektion herausgearbeitet. Zudem wird die Konfliktstruktur untersucht, indem kritische Punkte und dynamische Prozesse im Konfliktverlauf, auch mit Blick auf die systemtheoretischen Faktoren Macht und Identität, beleuchtet werden. Reflektiert werden schließlich die Nachwirkungen des Streits, die Tragfähigkeit der Argumente für zukünftige Diskurse und die konflikttheoretischen Implikationen der Debatte hinsichtlich der Herausbildung von Parteiungen.

  • Pavle Aničić: Die soziopolitische Dimension von Entschuldigung und Vergebung (Dissertationsprojekt, voraussichtlicher Abschluss: 2017)
    Entschuldigung und Vergebung bestehen auf der interpersonalen Ebene. Die Dissertation befasst sich mit der Frage, ob Entschuldigung und Vergebung als ursprünglich individuelle Kategorien auf die soziale Ebene übertragbar sind. Was sind Möglichkeiten und Schwierigkeiten dieses Transfers? Diese Grundfrage wird im besonderen Hinblick auf das Forschungsfeld von Transitional Justice behandelt. Transitional Justice stellt weder eine besondere Art von Gerechtigkeit dar noch bietet sie eine besondere Formel oder ein „one-size-fits-all“ Konzept an, das eine Gesellschaft oder einen Staat um der besseren Zukunft willen auf die bestmögliche Gegenüberstellung zur eigenen Vergangenheit hinweist. Es wäre angemessen, Transitional Justice als Ansatz der Genugtuung der Gerechtigkeit in der Zeit der Transition zu verstehen, wobei die Gerechtigkeit nicht nur in ihrem ausgleichenden Sinn (retributive justice) zu verstehen ist. Das Konzept von Transitional Justice scheint diskussionswürdig und kann einen guten interdisziplinären theoretischen Rahmen oder zumindest einen Anknüpfungspunkt für das Themenfeld Entschuldigung bzw. Vergebung bieten. Dabei drängt sich die Frage auf, ob Entschuldigung bzw. Vergebung im Konzept von Transitional Justice vorkommen? Wenn sie vorkommen, dann vor welchem Hintergrund und mit welchen Begriffen? Wenn nicht, mit welchen Elementen von Transitional Justice hängen dann Entschuldigung bzw. Vergebung aus theologischer Sicht zusammen?

Veröffentlichungen

  1. Julia Sebastian: Woran Menschen ihr Herz hängen. Leitfiguren als Bausteine konfligierender Identitäten im nordirischen Friedensprozess. Frankfurt a.M.: Lembeck 2009.
  2. Stephanie van de Loo: Versöhnungsarbeit. Kriterien - theologischer Rahmen - Praxisperspektiven. Stuttgart: Kohlhammer 2009.