Orthodoxie und europäische Integration

Forschungsprojekt: Alte Grenzen und neue Fronten - Die orthodoxen Kirchen und die europäische Integration (2008-2011)

Die Stellung der orthodoxen Kirchen im erweiterten Europa ist ein nach wie vor wichtiges und keineswegs gelöstes Problem. Die Haltung der verschiedenen orthodoxen Kirchen zu den säkularen Menschen- und Freiheitsrechten erscheint oft ebenso unklar wie ihr Verhältnis zum "Säkularen" in Staat und Gesellschaft bzw. zu den pluralen, modernen Gesellschaften, in denen sie jeweils wirken. Deshalb setzt sich das Projekt zur Aufgabe, anhand zentraler Leitfragen eine aussagekräftige kulturelle Landkarte des "orthodoxen Kulturraums" in Europa zu erstellen. Das geschieht im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit Partnern in Russland, Rumänien und den Niederlanden. Das Projekt wird von der VolkswagenStiftung gefördert.

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

  • Thomas Bremer

  • Julia Anna Lis: Antiwestliche Diskurse in der serbischen und griechischen Theologie. Zur Konstruktion des „Westens“ in den Schriften von Nikolaj Velimirović, Justin Popović, Christos Yannaras und John S. Romanides. (Dissertationsprojekt, abgeschlossen 2013)
    Im Rahmen dieses Promotionsprojekts soll die Beschäftigung mit Haltungen, Diskursen und Positionen im Mittelpunkt stehen, die Europa aus dem Blickwinkel anti-westlicher Stereotype betrachten. Dazu muss die Frage nach dem Europabegriff der orthodoxen Kirchen im Balkanraum gestellt werden und gezeigt werden, inwieweit dieser mit der Vorstellung einer dichotomischen Einteilung Europas in den Osten und den Westen verknüpft ist, die sich sowohl aus historischen Erfahrungen wie auch aus theologischen Konzepten speist.
    Die Stereotype sollen ferner auf ihre nationalen, religiösen und kulturellen Konstituenten hin untersucht werden, um so ihre Entstehungsgeschichte besser verstehen zu können. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf den transnationalen Rezeptionsprozessen, die bei der Bildung und Weitergabe von Stereotypen eine Rolle spielen. Ein weiterer Aspekt sind die Funktionen von anti-westlichen Stereotypen, etwa bei der Konstruktion nationaler Identitäten in doppelter Abgrenzung zum Osmanischen Reich auf der einen und dem westlichen Europa auf der anderen Seite. Schließlich soll der Wirkungsgeschichte der Stereotype im Balkan nachgegangen werden, um zu erkennen, welche Konsequenzen sie für Entwicklung der Beziehungen der orthodoxen Kirchen zu Europa hatten und haben.
  • Harutyun Harutyunyan: Die Einigung Europas - ein christliches Projekt? Die europäische Integration und die Haltung der Kirchen in ökumenischer Perspektive. (Dissertationsprojekt, abgeschlossen 2007)
    Die politische Einigung Europas hat in den letzten Jahrzehnten viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Trotz immer wieder auftauchender kritischer Stimmen und Skepsis entwickelt sie sich doch mit großen und kleinen Schritten weiter. Einer der Beweise dafür ist ihre Osterweiterung bzw. das große Interesse vieler ost- und südosteuropäischen Länder, dieser Union beizutreten. Was aber wird der Einigungsprozess für die Religion(en) bedeuten? Werden die Kirchen und andere Glaubensrichtungen in dem Gemeinschaftsrecht irgendwie besonders behandelt oder gemäß streng laizistischen Prinzipien abgelehnt? Welche (allgemeingültigen) Werte bzw. ethische Grundlagen können dann für die neu entstandene "europäischen Identität" gültig sein? Was sagen die Religionsgemeinschaften selbst dazu und was bedeutet das Ganze schließlich für die Ökumene? Diese Leitfragen sind die Schwerpunkte des Projekts. Nach der Bewertung der gegenwärtigen Situation werden abschließend mögliche Entwicklungsperspektiven für die Zukunft analysiert.
  • Alena Alshanskaya: Der Europa-Diskurs der Russisch-Orthodoxen Kirche (Dissertationsprojekt am Graduiertenkolleg "Die christlichen Kirchen vor der Herausforderung 'Europa'" des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Zweitbetreuung durch Prof. Dr. Thomas Bremer; abgeschlossen 2014)   

    Die westeuropäischen Kirchen erheben in verschiedenem Maße Anspruch darauf, den Referenzraum „Europa“ auf die eine oder andere Weise zu beeinflussen und mitzugestalten. Die Relevanz und Sachlichkeit solcher Ansprüche wird mit der Reaktion der europäischen politischen Institutionen belegt, die die europäischen Kirchen als zivilgesellschaftliche Partner wahrnehmen und ihre Mitwirkung begrüßen oder gar fördern. Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche sieht sich seit einigen Jahren in ihren Ansprüchen auf dem europäischen Gebiet als ein legitimer Repräsentant nicht nur der orthodoxen Gläubigen, sondern auch der Zivilgesellschaft Russlands und derjenigen EU-Bürger, die sich mit der russischen Kultur identifizieren, als berechtigter Ansprechpartner von europäischen Akteuren einbezogen zu werden, bestärkt. Die Untersuchung zielt darauf ab, den Europa-Diskurs der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich ausdrücklich auf die Integrationsprozesse der Europäischen Union und insbesondere auf die EU-Osterweiterung bezieht, seit dem Beitritt Russlands zum Europarat im Jahre 1996 bis zum Jahr 2011 aus der Forschungsperspektive der kritischen Diskursanalyse zu erfassen und zu analysieren. Das Projekt geht folgenden Leitfragen nach: Welche Strategien und Motive sind für die pro- und welche für die anti-europäische Seite des Europa-Diskurses der Russisch-Orthodoxen Kirche charakteristisch? Wie haben sie sich im Laufe der Herausbildung und Stabilisierung des Diskurses verändert und auf welche Weise werden sie von der Russisch-Orthodoxen Kirche mit ihren eigenen Ansprüchen auf der europäischen Ebene  kombiniert?

Veröffentlichungen

  1. Harutyun Harutyunyan: Die Einigung Europas - ein christliches Projekt? Die europäische Integration und die Haltung der Kirchen in ökumenischer Perspektive. Berlin: Logos Verlag 2008.