Die Orthodoxie in Russland und der Ukraine

Der Orthodoxie unter den slavischen Nationen wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wobei die russische Orthodoxie einen Schwerpunkt bildet, der historisch nicht ohne Bezug auf die Ukraine verstanden werden kann. Sowohl historische Fragen als auch die Gegenwartslage der Orthodoxie in den Ländern sind Gegenstand der Forschung. Die wenig bekannte Orthodoxe Kirche in Japan ist nicht ohne die russische Kirchengeschichte zu verstehen.

The Churches in the Ukrainian Crisis - Tagung der DGO-Fachgruppe Religion

27. - 29. November 2014
Kardinal-Döpfner-Haus, Domberg 27, 85354 Freising

In der politischen und militärischen Krise in der Ukraine sind auch die Kirchen im Lande in den Blick geraten. Traditionell ist die ukrainische Kirchenlandschaft sehr komplex, und die Beziehungen zwischen den Kirchen oft schwierig. Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Bei dieser Tagung wurden die Hintergründe des kirchlichen Handelns in der aktuellen Krise analysiert und die Handlungsmöglichkeiten von Religionsgemeinschaften in politischen Konflikten erörtert. Dazu sind renommierte Fachleute aus verschiedenen Disziplinen eingeladen worden.

Die Publikation mit den Konferenzbeiträgen in englischer Sprache ist erschienen.

Churches in the Ukrainian Crisis

  • Thomas Bremer, Filipp Simonov (Moskau) und Jennifer Wasmuth (Berlin): Zur Religiosität in Russland (Umfrage, 2009) (abgeschlossen)

    Es gibt eine Reihe von soziologischen Untersuchungen zur Religiosität in Russland, doch fragen sie meistens nach religiösem Verhalten, das stark auf die westlichen Konfessionen hin ausgerichtet ist (Gottesdienstbesuch, Bibellektüre). In diesem Projekt ist ein Fragebogen entwickelt worden, mit dem versucht wird, religiöse Praktik von orthodoxen Gläubigen zu erfassen. Die repräsentative Umfrage ist von einem russischen Meinungsforschungsinstitut im Februar 2009 durchgeführt worden. Die Ergebnisse sind hier zu finden und in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift OSTEUROPA analysiert.

  • Alfons Brüning: Bauern und kirchliche Obrigkeit in Russland und der Ukraine, 1667-1762 (gefördert von der Thyssenstiftung) (abgeschlossen)
    Das zunächst von Aleksandr Lavrov (jetzt Paris) konzipierte, später hauptsächlich von Alfons Brüning (jetzt Nijmegen) bearbeitet Forschungsprojekt untersucht das Verhältnis von orthodoxen Gemeinden zu den sich wandelnden Ansprüchen einer kirchlichen Obrigkeit im Zeitraum zwischen dem Anschluss der Ukraine an das russische Zarenreich, und den Reformen der Zarin Katharina II. Dabei richten sich die Forschungen vor allem auf freie Bauerngemeinden wie sie vor allem in den Gebieten Nordrußlands (Eparchien Novgorod, Vologda, Velikij Ustjug) und in der Ukraine (Kosaken- und Bauerngemeinden in den Eparchien Kiew und Pereiaslav) bestanden haben. Hier war einerseits das Verhältnis zur Kirche nicht gebrochen durch einen adligen Grundherrn, andererseits sorgte u.a. die Besiedlungsgeschichte dieser Gebiete für lange Zeit auch für einige Unabhängigkeit in religiösen Dingen. Es gehörte vor allem hier zur festen Tradition der Gemeinden, ihren Priester selbst zu wählen, und sich mit dem gewählten Kandidaten auf eine feste Form des Unterhalts zu einigen. Diese Vereinbarung wurden in Wahlurkunden (den sog. Izljuby) festgehalten: Aufgenommen wurden die Größe des dem Priester zuzuteilenden Landes (das er dann genauso wie die anderen Bauern zu bestellen hatte), sowie weitere Zahlungen in Naturalien oder Geld, und die Gebühren für die erwarteten rituellen Dienste, also Taufen, Trauungen, Begräbnisse etc. Häufig wurden faktisch die Priesterstellen vom Vater auf den Sohn oder Schwiegersohn vererbt, wobei letzterer beizeiten vom alten Priester in die nötigen Fertigkeiten eingewiesen wurde. Die Bischöfe segneten eine solche Wahl im allgemeinen unbesehen ab. Im Zuge der kirchlichen Reformen seit Mitte des 17. Jh. (Patriarch Nikon) und vor allem zu Beginn des 18. Jh. (Reformen Peters I.) veränderten sich allerdings die Ansprüche der kirchlichen Obrigkeit sowohl an die Qualitäten der Gemeindepriester als auch an das moralische Betragen der Gläubigen tiefgreifend. Priester hatten nun über ein Mindestmaß an theologischer Bildung zu verfügen; von den Gläubigen wurde mehr und mehr ein der kirchlichen Moral entsprechender Lebenswandel, und eine regelmäßige Praxis, also Kirchenbesuch, Sakramentenempfang etc., erwartet. Nun begannen die Bischöfe, gewählte Priester abzulehnen oder zumindest vor ihrer Zustimmung zur Ausbildung in neugegründete Seminare und Kollegien zu schicken. Visitatoren informierten sich über die Zustände in den Gemeinden, kirchliche Gerichte urteilten über Konfliktfälle in Familien, Erbstreitigkeiten, Priesterdisziplin, aber auch Magie, Aberglauben, Volksreligion. Die Folgen dieser Entwicklung waren vielfältig. Beide Regionen kennen heftige Aufstandsbewegungen in der 2. Hälfte des 17. Jh. (die sog. „Altgläubigen“ in Nordrußland, die Kosakenkriege in der Ukraine), die mindestens teilweise mit der „frei-bäuerlichen“ Opposition gegen die kirchlichen Reformen zu erklären sind. Dennoch hatten die Reformen auf lange Sicht eine veränderte, u.a. stärker reglementierte Religiosität, und andere Beziehungen zwischen Priester, Gemeinde und kirchlicher wie staatlicher Obrigkeit zur Folge. Mit Vorbehalten lässt sich dieser Prozess in Parallele setzen zu den Entwicklungen im Westen, die in den vergangenen Jahren weithin unter den Begriffen „Sozialdisziplinierung“ und „Konfessionalisierung“ untersucht wurden. Grundlagen der Forschung wie Erschließung des umfangreichen Quellenmaterials wurden hauptsächlich in den Jahren 2005-2007 gelegt, die Auswertung läuft seitdem. Publikationen der Bearbeiter erscheinen in loser Folge.

  • Berislav Zuparic: Das Missionsverständnis von Nikolai Kasatkin im sozio-religiösen Kontext der Meiji-Ära (Dissertationsprojekt, voraussichtlicher Abschluss: 2018) 

    Das Dissertationsvorhaben befasst sich mit den missionarischen Methoden und der Vorgehensweise Nikolai Kasatkins bei der Etablierung der Orthodoxie in Japan in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kasatkin reiste als Konsulatspriester nach Japan und bekleidete in den ersten Jahren ein Amt im dortigen russischen Konsulat in Hakodate, das einerseits (ähnlich wie die damalige Russisch Orthodoxe Mission in China) ursprünglich ein Desiderat politischer Prozesse war und andererseits mit unzureichender Unterstützung seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche auskommen musste, welcher zur damaligen Zeit eine tiefere Vision für die Mission in Japan noch fehlte. Nach wenigen Jahren verlagerte Kasatkin den Fokus seiner Aktivitäten vom Seelsorger der Konsulatsangestellten hin zum ersten aktiven orthodoxen Missionar in dem bis Dato für die äußeren Einflüsse abgeschotteten Land und widmete sich vollständig der missionarischen Tätigkeit unter den Japanern. Seine unermüdlichen Anstrengungen, beflügelt vom sichtbaren Erfolg und der allgemein herrschenden Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit ist bis ganz Japan christlich wird, fruchteten schließlich in der Formierung einer autochthonen Japanischen Orthodoxen Kirche. Anders als in der gängigen Literatur über das Leben und das Werk Kasatkins beschrieben, möchte diese Dissertation auch den durchaus kritischen Umgang Kasatkins mit den Religionen Japans als kompromisslose kasatkinsche Dekonstruktion der japanischen religiösen Welt zusammenfassen. Aus Kasatkins Sicht waren nämlich einerseits die Unzulänglichkeit sowohl des Shintō als auch des Buddhismus und die Verdorbenheit der anderen christlichen Konfessionen und andererseits die Unverfälschtheit und Vernünftigkeit der Orthodoxie, deren Überzeugungskraft sich der wache und wahrheitssuchende japanische Geist langfristig nicht würde entziehen können, die natürlichen Garanten für den Erfolg der Orthodoxie in Japan. Um diese selbst formulierte Gesetzmäßigkeit zur erhofften Vollendung zu bringen und wegen des Mangels an geeigneten Missionaren aus Russland entwickelte Kasatkin schon früh sein missionarisches Erfolgsmodell und bildete die einheimischen Katecheten und Priester zu Hauptträgern der Verbreitung der Orthodoxie in Japan aus. Als Glaubens-Multiplikatoren in der zum Teil noch xenophoben und antichristlichen Gesellschaft der Meiji-Zeit (1868-1912) konnten sie somit kerygmatisch versierter und unmittelbarer agieren, was letztendlich zu einer, im direkten Vergleich mit anderen in Japan missionierenden Konfessionen und ihren Ressourcen, erfolgreichen Ausbreitung der Orthodoxie führte.

  • Alena Kharko: Zur Theologie von Alexander Men' (Dissertationsprojekt, voraussichtlicher Abschluss: 2017)

    Die theologischen Ansichten von Alexander Men' (1935-1990), Priester der Russischen Orthodoxen Kirche, sind durch seine Offenheit dem Westen beziehungsweise dem Katholizismus gegenüber gekennzeichnet. Alexander Men' war Vertreter des religiösen Humanismus, dessen Grundlage der transzendentale Ursprung aller Menschen ist, das heißt die Gottesebenbildlichkeit und die daraus resultierende Würde jedes Menschen. Die Hervorhebung der aus der Transzendenz entstehenden Personalität (ličnost') jedes Einzelnen ist Ausgangspunkt, Grundlage und Kern der theologischen Werke von Men'. Sie bedingt für ihn die Würde Aller und ist zugleich Anspruch zu einer höheren Bestimmung, nämlich der Notwendigkeit zur geistlichen und schöpferischen Weiterentwicklung hin zu einer geistlichen Gemeinschaft. Da die Berufung des Menschen für Men' in seinem geistlichen Aufstieg zur Gemeinschaft im Urbild (Gottes) besteht, ist für ihn ein nächster möglicher Schritt die Schaffung einer gesamtökumenischen christlichen Kultur (vselenskaja hristianskaja kul'tura). Für die praktische Umsetzung dieses Schrittes bedarf es für ihn unter anderem der Ökumene (auf der Ebene der Gläubigen) mit einer gegenseitigen Durchdringung und Bereicherung von Ost und West. Die Dissertation möchte diese und andere theologische Ansatzpunkte in den Werken von Alexander Men' weiter erschließen und in ihrer Herkunft und Bedeutung analysieren.

  • Stepan Sharko: Die Eucharistiegedanken in den Werken von Alexander Schmemann (Dissertationsprojekt, voraussichtlicher Abschluss: 2018)
    In dem Dissertationsprojekt wird das Thema „Eucharistie“ bei dem orthodoxen Theologen Alexander Schmemann (1921-1983) behandelt. Schmemann, der in Frankreich und den USA wirkte, war einer der berühmtesten orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts. In seinem umfangreichen Werk beschäftigte er sich mit verschiedenen theologischen Themen, vor allem im Bereich der Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie. Ein besonders Anliegen war für Schmemann das Thema „Eucharistie“, mit dem er sich hauptsächlich in seiner Monographie „Eucharistie. Mysterium des Reiches“ befasst. Die Eucharistie wird von ihm als Kirche im Sinne der Versammlung der Gläubigen und als Reich Gottes auf Erden interpretiert. Die Aufgabe der Arbeit ist es, die Werke Schmemanns in Bezug auf das Thema „Eucharistie“ systematisch zu erforschen, die einzelnen Begriffe zu klären und ein theologisches Konzept zu entwickeln. 

Veröffentlichungen

  1. Thomas Bremer: Konfrontation statt Ökumene. Zur kirchlichen Situation in der Ukraine. Universität Erfurt: Erfurt 2001 (=Erfurter Vorträge zur Kulturgeschichte des orthodoxen Christentums; Bd. 1).
  2. Aleksandr Lavrov: Églises et identités en Moscovie du XVII siecle: l’exemple des dioceses de Vologda et de Velikij Ustjug, in: Istina 56, 2001, pp. 147-161.
  3. Thomas Bremer: Religion und Nation. Die Situation der Kirchen in der Ukraine. Wiesbaden: Harrassowitz 2003.
  4. Thomas Bremer: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland. Freiburg: Herder 2007.
  5. Alfons Brüning: Confessionalization in the Slavia Orthodoxa (Belorussia, Ukraine, Russia)? – Potential and Limits of a Western Historiographical Concept, in: Th. Bremer (ed.), Religion and the Conceptual Boundary in Central and Eastern Europe (London: Palgrave 2008), pp. 65-96.
  6. Aleksandr Lavrov: "Eparxial'nye vlasti i prizrenie sirot v Rossii v pervoj treti XVIII veka (k postanovke voprosa)" (Die bischöfliche Obrigkeit und die Waisenfürsorge in Russland im ersten Viertel des 18. Jh.
    (Problemaufriß), in: Otecestvennaja istorija, no. 3, 2008, pp.105-109.
  7. Thomas Bremer, Jennifer Wasmuth: Gott und die Welt. Kirche und Religion in Osteuropa. Berlin (BWV) 2009 [=OSTEUROPA 6/2009].
  8. Alfons Brüning: Religions Conversions in Early 18th Century Ukraine, in: N. Starchenko, M. Iaremenko et al. (eds.), Theatrum Humanae Vitae. Studii na poshanu Natalii Iakovenko (Kiev: Laurus, 2012) pp. 605-624.
  9. Thomas Bremer, Andrii Krawchuk (eds.): Churches in the Ukrainian Crisis, 2017. 225p.