Forschungsprofil der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster

Wissenschaft in Münster vollzieht sich

1. … auf höchstem Niveau

Das hohe Niveau der Forschung spiegelt sich in der Vielzahl und Vielfalt der an unserer Fakultät entstehenden Publikationen sowie der hier angesiedelten Reihen und Zeitschriften (z.B. Theologische Revue). Es zeigt sich auch an der großen Zahl und Bandbreite der Forschungsprojekte, die in allen Bereichen der Theologie – sowohl aus Eigenmitteln als auch auf der Basis von Drittmitteln – verfolgt werden. Im Zeitraum von 2009 bis 2014 wurden insgesamt 194 Projekte durch die DFG oder andere Drittmittelgeber gefördert. Das thematische Spektrum reicht dabei von der Erforschung des Monotheismus in der Antike über eine theologische Theorie des Bildes und die Bedeutung von Religion in postsozialistischen Staaten bis hin zur Wirksamkeit religiöser Bildung in den klassischen Lernorten der Gesellschaft. Besondere Aufmerksamkeit kommt den von der DFG geförderten Langzeitprojekten mit Laufzeiten von zwölf Jahren zur Buchzensur durch die Römische Inquisition und den beiden Online-Editionen zu den Nuntiaturberichten Eugenio Pacellis und den Tagebüchern von Michael Kardinal von Faulhaber zu.
Die theologische Forschung an unserer Fakultät zeichnet sich sowohl durch disziplinäre Tiefenschärfe als auch durch interdisziplinäre Vernetzung und Einbindung in größere Forschungszusammenhänge, z.B. durch die Beteiligung an dem Sonderforschungsbereich 496 (1999 - 2011) „Päpstliches Zeremoniell in der Frühen Neuzeit“ und am Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne“(seit 2007), aus. Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland nutzen gerne die Möglichkeit, an unserer Fakultät zu arbeiten; viele Male wählten exzellente WissenschaftlerInnen im Rahmen eines Alexander von Humboldt-Stipendiums die Theologische Fakultät Münster zum Ort ihres Forschungsaufenthaltes.
Die Bedeutung der Münsteraner Fakultät für die Forschung drückt sich auch in Einladungen verschiedener Fakultätsmitglieder zu Fellowships im In- und Ausland aus – u.a. am Wissenschaftskolleg in Berlin, am Historischen Kolleg in München, am Aleksanteri-Institute for Russian Studies in Helsinki, Finnland und an der Graduate Theological Union, Berkeley, CA, USA oder der Princeton University, NJ, USA. Preise, die Vertreter der Fakultät erhalten haben, wie beispielsweise die Vergabe des Leibnizpreises (2003), des Communicatorpreises (2004), des Preises „Geisteswissenschaften International“ (2009 u.2013) oder des Predigtpreises (2012) sowie Ehrendoktorate, die Mitgliedern der Fakultät verliehen wurden, dokumentieren die hohe Anerkennung der Forschungsleistungen, die an unserer Fakultät entstehen, ebenso wie Berufungen von Fakultätsmitgliedern in wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Gremien (Hochschulräte, Wissenschaftsrat, DFG-Gremien) sowie Beratungsorgane verschiedener gesellschaftlicher und kirchlicher Institutionen.

2. … unter inspirierenden Forschungsbedingungen

Das große Fächerspektrum innerhalb der christlichen Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an der gesamten Universität schaffen sehr günstige Forschungsbedingungen. Mit der großen Fakultät für Katholische Theologie, einer Evangelisch-Theologischen Fakultät, einem Lehrstuhl für Orthodoxe Theologie und dem noch verhältnismäßig jungen Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) ist Theologie als Wissenschaft in Münster in einer Breite und Differenzierung vertreten, die ihresgleichen sucht. Die Bibliotheken dieser Einrichtungen theologischer Forschung sowie die Münsterische Diözesanbibliothek verfügen gemeinsam über umfassende Bestände an Forschungsliteratur.
Zusammen mit den Fächern der Religions- und Islamwissenschaft als nicht bekenntnisgebundenen Auseinandersetzungen mit Religion und dem seit 2007 existierenden Exzellenzcluster „Religion und Politik“ unter Beteiligung der genannten Fächer und darüber hinaus u.a. der Geschichtswissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Politikwissenschaft und der Soziologie sowie der Philosophie und verschiedener Philologien ist ein interdisziplinärer Forschungszusammenhang entstanden, der es ermöglicht, Theologie in ihrer ganzen Breite und Tiefe in Kooperation und Vernetzung mit anderen Fächern zu erforschen. Die in den letzten Jahren gegründeten interdisziplinären Zentren, wie das „Centrum für die Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraumes“ (GKM), das „Centrum für Religion und Moderne“ (CRM), das „Centrum für religionsbezogene Studien" (CRS) oder das „Zentrum für Textedition und Kommentierung" (ZETEK), zu denen die Katholische Theologie jeweils als Gründungsdisziplin gehört, stellen als Verbünde über die Fachbereiche und Fakultäten hinaus die institutionalisierten Möglichkeiten einer interdisziplinären Vernetzung auch nach Abschluss der Laufzeit der Exzellenzinitiative sicher. Über diese Forschungszusammenhänge hinaus ermöglicht die Größe der Universität mit ihrer Fächervielfalt zudem vernetzte Forschung mit vielen anderen Bereichen der Universität wie z.B. mit Medizin und Naturwissenschaften.

3. … in großer Vielfalt

Die Forschung an unserer Fakultät basiert auf einem breit ausdifferenzierten Spektrum theologischer Fächer und Fachgebiete. Sechs Forschungsfelder sind hier mit exemplarischen Schwerpunkten zu nennen:

• Die Theologie und Praxis der Religionen und Konfessionen wird in ihrer ganzen Vielfalt wahrgenommen: In ökumenischer Perspektive werden Geschichte und Theologie sowohl der West- als auch der Ostkirchen erforscht. Außereuropäische Theologien und Forschungen zum weltweiten Christentum werden ins Gespräch mit den traditionellen Denkformen Europas gebracht und diese umgekehrt auf neue Zusammenhänge und Anforderungen einer globalen Theologie hin bedacht. Die Erforschung asiatischer Religionsformen weitet den Blick über die monotheistischen Religionen hinaus.

• Die Erforschung der biblischen Texte und der christlichen Traditionen wird in dreierlei Hinsicht betrieben: Die Exegese fragt nach den möglichen Bedeutungen der Texte, die Zeit- und Religionsgeschichte nach ihren historischen Bezügen, die biblische Didaktik nach ihrer Relevanz für die verschiedensten Lehr- und Lernprozesse. In vergleichbarer Weise erfolgt der Umgang mit den Zeugnissen der Theologie- und Kirchengeschichte.

• Religiöse Praxis und die Wechselwirkungen zwischen Religion, Politik und gesellschaftlicher Kultur werden in ihren konkreten gesellschaftlichen Umfeldern theologisch untersucht. So werden in einer sich ständig verändernden und zunehmend säkularen Gesellschaft die Bedeutung religiöser Bildung, der Religionsfreiheit und der Menschrechte immer wieder neu bestimmt. Die Untersuchung religiöser Einflüsse sowohl auf die Entstehung als auch auf die Überwindung von Konflikten steht im Mittelpunkt der Forschungen zu religiösen Potentialen im Kontext gewaltfreier Konfliktbewältigung. Theologische und kirchliche Kommunikation in der Gesellschaft werden angesichts der Herausforderungen durch die neuen Medien vertieft reflektiert. Der Wandel kirchlicher Gemeindestrukturen wird in der Wechselbeziehung mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen analysiert.

• Die Reflexion auf das Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube sucht die existentielle Entscheidung für das christliche Bekenntnis im Kontext anderer religiöser Optionen rational zu verantworten. Gesprächspartner der Theologie in systematischer Hinsicht sind dabei– bezogen auf die jeweilige Fragestellung – sowohl die weiteren Geisteswissenschaften als auch die Naturwissenschaften. Besonderes Augenmerk kommt in der Theologie dem Dialog mit der Philosophie zu.

• Religion sucht und findet verschiedene Formen des Ausdrucks. Eine Ästhetik des Religiösen erforscht diese Ausdrucksformen auf verschiedenen Feldern: Sie fragt grundsätzlich nach theologischen Konzepten der Ästhetik sowie nach der Medialität und Ambiguität religiöser Ausdrucksformen; sie untersucht in vergleichender Perspektive die Ästhetik der Religionen oder geht der Umsetzung biblischer Motive im Film nach. Im Horizont der Globalisierung der Religionen werden Formen der kulturellen Übersetzung und interkulturellen bzw. interreligiösen Kommunikation erforscht.

• Feministischer Theologie und Genderforschung wird in der eigenen Arbeitsstelle für Genderforschung, theologischer Ästhetik und Bilddidaktik in der Arbeitsstelle für christliche Bildtheorie und Themen der Entstehung und Geschichte christlichen Freiheitsdenkens in der Forschungsstelle Origenes nachgegangen. Insbesondere der kirchlichen Regionalgeschichte widmet sich das Institut für die Geschichte des Bistums Münster (IGBM).

4. … in wissenschaftlicher Verantwortung

Theologie als Wissenschaft ist reflektierte und begründete Rede von Gott, Mensch und Welt. Ausgehend von den Sprachangeboten und Denkmustern der Bibel und der christlichen Traditionen in einer Vielzahl von Kulturen, setzt sie sich mit deren Gehalten, Potentialen und Grenzen auseinander und arbeitet an „Übersetzungen“ in die Verstehenshorizonte der pluralen Gegenwartsgesellschaft. Dabei werden Deutungsmuster, Sinnstrukturen und Orientierungsangebote des Christentums auf der Grundlage der christlichen Glaubensüberzeugung erforscht und mit Anfragen aus der Wissen(schafts)entwicklung und den Denkstrukturen der Moderne für die biblische Gottesrede, einem christliches Menschen- und Weltverständnis und der Praxis des Glaubens konfrontiert.
In diesem Sinne verstehen wir katholische Theologie als kritische Reflexion christlicher Glaubenspraxis im Kontext religiöser, kultureller wie gesellschaftlicher Selbstverständigungspraktiken und -diskurse: Ihre Aufgabe ist es, Kriterien dieser Reflexion zu erarbeiten. Durch die Anwendung dieser Kriterien auf geschichtliche und gegenwärtige Entwicklungen können wir die Fruchtbarkeit wie die Ambivalenz christlicher Formen gläubiger Selbstverständigung aufweisen und an der Erkundung biblisch authentischer, kirchlich legitimer, rational verantwortbarer und gesellschaftlich weiterführender Ausprägungen christlichen Selbstverständnisses wie entsprechender Formen einer christlicher Zeugnispraxis mitwirken.
Den verschiedenen Zugängen in den biblischen, historischen, systematischen und praktischen Fächern der Theologie entspricht ein breites Spektrum von literaturwissenschaftlichen und historischen, kultur-, sozial- und humanwissenschaftlichen sowie juristischen Methoden, die wir im Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der jeweiligen Bezugsdisziplinen anwenden und weiterentwickeln. In unseren Fächern und an unseren Forschungsgegenständen arbeiten wir empirisch, hermeneutisch und normativ. Die Theologie profitiert von Erträgen anderer Wissenschaften und sucht aktiv Verknüpfungen zu human-, kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Bezugsdisziplinen; in interdisziplinären Forschungskonstellationen bringt sie ihrerseits die Dimension der Transzendenz in Prozessen menschlicher Selbst- und Weltdeutung sowie ethischer Orientierung zur Geltung.

5. … in kritischer Solidarität mit der Kirche

Das Fach Katholische Theologie steht als Wissenschaft, die aus der Perspektive des christlichen Glaubens betrieben wird, in einem besonderen Verhältnis zur katholischen Kirche als der geschichtlich entstandenen Sozial- und Ausdrucksform dieses Glaubens. Das impliziert ein Verhältnis kritischer Solidarität mit der Kirche. Wir beobachten und analysieren Prozesse und Vorgänge in Kirche und Gesellschaft, die wir mit unserer wissenschaftlichen Expertise und den Resultaten unserer Forschung begleiten. Das führt zu einem dynamischen, oft fruchtbaren, zuweilen auch spannungsvollen Verhältnis zu den Institutionen der Kirche. Diese Beziehung wird in einem dauernden und reziproken Prozess und unter den jeweils gegebenen Bedingungen immer wieder neu bestimmt.
Kritische Solidarität zur Kirche hebt die wissenschaftliche Distanz zu den Forschungsgegenständen nicht auf. Vielmehr legt sie, dem Gebot wissenschaftlicher Redlichkeit entsprechend, Rechenschaft über die unhintergehbare Standortgebundenheit der Forschung ab.