DFG-Forschungsprojekt: 'Bibelverständnis in Deutschland'

"Verstehst du auch, was du liest?" (Apg 8,30) - dieser hermeneutischen (Grund-)"Gretchen-Frage" muss sich jede Bibelleserin/jeder Bibelleser stellen und an diesem Punkt setzen die meisten Verstehensbemühungen unter folgenden Vorzeichen ein:

  1. Bloßes Lesen genügt nicht und "Gretchen" versteht (bibl.) Texte nicht selbstverständlich - wie könnte sie auch, wenn niemand da ist, der sie anleitet (vgl. Apg 8,31)?!
  2. Somit braucht es jemanden, der eben dies tut - am besten einen auch theologisch gebildeten "Dr. Faustus" - und hier sieht die exegetische Wissenschaft zumeist ihre Rolle: Exegese hat viel zu geben, "Gretchen" viel zu lernen/hören.
Ziel: (Richtiges) Verstehen ermöglichen.

"Wie verstehst du, wenn du liest?" - ein kleiner Formulierungsunterschied, aber mit bedeutenden Konsequenzen:

  1. Wenn "Gretchen" einen (bibl.) Text liest und einen (für sie) kohärenten Sinn zu konstruieren/produzieren in der Lage ist, dann findet (Text-)Verstehen statt - ohne Wenn und Aber.
  2. Die exegetische Wissenschaft - als "Dr. Faustus" - kann zwar viel geben, doch nur wenn "Gretchen" sie überhaupt hören will, verstehen kann und wenn sich die Anschlussfähigkeit immer wieder aufs Neue bewährt. Außerdem kann sich auch ein "Dr. Faustus" von "Gretchen" u.U. einiges abgucken - Geben und Empfangen statt "Einbahnstraßen-Denken"!
Ziel: Rekonstruieren und verstehen, wie alltagsexegetisch bibl. Texte verstanden werden.

Unter diesen veränderten Vorzeichen hatte sich ein Forschungsteam daran gemacht, dem "Bibelverständnis in Deutschland" (sozial-)empirisch und rekonstruktiv auf die Spur zu kommen - um im Bild zu bleiben: Dem "Gretchen" beim Bibellesen auf die Finger zu blicken.

Ziel des Projektes war es herauszufinden, in welchen Situationen und Kontexten Menschen heute biblischen Texten begegnen, welches (Vor-)Verständnis sie von der Bibel mitbringen, wie sie angesichts dieser Horizonte biblische Texte interpretieren und welche Relevanz/Autorität sie diesen Texten zuerkennen, also kurz:

Fragestellung:
Welches Verständnis von, welcher Zugang zu und welcher Umgang mit biblischen Texten lässt sich in der Alltagswelt rekonstruktiv erfassen?

Dabei hat sich die Vermutung bestätigt, dass Vorverständnisse und (davon abhängige) Textauslegungen milieuspezifisch variieren, weshalb 12 Gruppendiskussionen mit entsprechend unterschiedlichen Gruppierungen durchgeführt und anschließend rekonstruktiv ausgewertet worden sind.

Methodisches Vorgehen:
Datenerhebung mittels Gruppendiskussionsverfahren und Datenauswertung 1.) mittels der dokumentarischen Methode der Interpretation (soziolog.); und 2.) auf der Grundlage eines selbstentwickelten Verfahrens (exeget.)

Durch die Forschungen ist es gelungen, "Alltagsexegesen" methodisch kontrolliert empirisch zu rekonstruieren. Auch konnten einige grundlegende Lesestrategien identifiziert werden. Die Forschungserkenntnisse sind darüber hinaus für die wissenschaftliche Exegese fruchtbar gemacht worden, denn universitäre Exegese kann auch von alltagsweltlich praktizierten Bibelzugängen Einiges lernen.

Zugehörige Publikationen: