Mehrere hundert Besucher verfolgten die Rede des Großscheichs. Foto: ZIT / Peter Leßmann

Religionskonferenz mit dem Kairoer Großimam

Katholisch- und Evangelisch-Theologische Fakultäten engagiert im interreligiösen Dialog

Ranghohe Vertreter von Christentum und Islam haben am 17. März 2016 eine Religionskonferenz an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) für einen wortstarken Friedensappell an die Länder und Glaubensgemeinschaften der Welt genutzt. "Wir alle müssen uns gegen den Terrorismus als den schlimmsten Auswuchs politischer Krisen stellen - alle Muslime sind zum Frieden aufgerufen", betonte der Großimam der Kairoer al-Azhar-Universität, Scheich Ahmed Mohammad al-Tayyeb. "Der Dialog der Religionen ist eine heilige Pflicht", sagte der Hamburger Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke. Dabei dürfe es nie das Ziel sein, Unterschiede einzuebnen, vielmehr müsse man Vielfalt als Bereicherung wahrnehmen. "Es kann keinen Frieden ohne umfassende Gerechtigkeit geben", ergänzte der Schweizer Pfarrer und ehemalige Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, Thomas Wipf. Auch in einem weiteren Punkt bestand Einigkeit: Der Glaube dürfe nicht für Gewalt und Terrorismus instrumentalisiert und missbraucht werden.

Dekanin Prof. Dr. Judith Könemann Foto: ZIT / Peter Leßmann

Auch die Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät, Prof.in Dr. Judith Könemann, und der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Hermut Löhr, sprachen auf der Konferenz der Weltreligionen „Friede sei mit euch“. Könemann erläuterte in ihrem Vortrag die spezifische Aufgabe der Theologie als Wissenschaft im Friedensprozess und betonte dabei vor allem auch die Rolle der (religiösen) Bildung für die Fähigkeit zum Frieden. Löhr hob die Notwendigkeit hervor, sich als Theologinnen und Theologen auf die Fremdheitserfahrung der Heiligen Schriften einzulassen - auch daran könne der Umgang mit Fremdheit und Anderssein gelernt werden.

Der Deutschland-Besuch des Großimams geht auf eine Initiative der Universität Münster zurück. Scheich Ahmed Mohammad al-Tayyeb hatte bei einem Besuch des Leiters des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, in Kairo seine Absicht bekundet, vor dem Hintergrund der zahlreichen Gewalttaten im Namen des Islams eine globale Friedensbotschaft zu verkünden. Zugleich hatte er sich gewünscht, neben politischen Gesprächen in Berlin Münster als Stadt des Westfälischen Friedens und als Standort des größten universitären Islamzentrums in Deutschland zu besuchen. Daraufhin hatten ihn Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe und WWU-Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles eingeladen. Für die nordrhein-westfälische Landesregierung begrüßte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze die Gäste.

Großscheich Ahmed Mohammad al-Tayyeb Foto: Peter Grewer

Der Scheich, eine der höchsten Autoritäten des sunnitischen Islams, nutzte die Religionskonferenz, um auf die Friedfertigkeit seiner Religion zu verweisen. "Islam und Salam [Frieden] sind zwei Seiten einer Medaille", sagte er und verwies darauf, dass der Begriff Frieden 140 mal, das Wort Krieg dagegen nur sechs Mal im Koran vorkomme. Er warnte eindringlich vor "Barbarei und Chaos". "Für die Hölle der Kriege" dürften allerdings nicht der Islam und Religionen allgemein verantwortlich gemacht werden, die für politische Absichten missbraucht würden. Der Großscheich wies schließlich auch auf die "beispielhafte Arbeit" am ZIT hin, die weltweit Anerkennung genieße.

Hans-Jochen Jaschke, der an dem Austausch in seiner Funktion als Vorsitzender der Unterkommission für den interreligiösen Dialog der Deutschen Bischofskonferenz teilnahm, wertete den Besuch des Großscheichs als ein "starkes Zeichen". Der Hamburger Weihbischof betonte in seiner Rede vor allem den freiheitlichen Charakter der Religionen. Diese Freiheit gelte für jeden einzelnen und damit auch für nichtgläubige Menschen, sagte er. "Die Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht und entspricht in diesem Sinne dem Willen des Schöpfers."
Thomas Wipf, der WWU und Münster als "eine der europäischen Hauptstädte für den interreligiösen Dialog" bezeichnete, beschrieb die Instrumentalisierung der Religionen für Gewalt als "großes Übel der Gegenwart". Er erinnerte gleichzeitig daran, dass es in vielen Krisenregionen der Welt eine Vielzahl von Beispielen der gelebten Toleranz und Solidarität gebe. "Wir sind viel zu sehr auf das Negative und auf Extreme fokussiert. Wir sollten uns viel intensiver den Orten und Menschen zuwenden, die trotz aller Unterschiede sehr selbstverständlich miteinander auskommen." Niemand dürfe darauf pochen, die eine religiöse Wahrheit zu kennen. "Diese Haltung ist für das Zusammenleben oft und nachweislich schädlich."

Am Mittwoch hatten der Großimam und die Deutsche Bischofskonferenz die gemeinsame Verantwortung der Religionen für den Frieden angemahnt. In einer gemeinsamen Erklärung betonten sie, dass Christen und Muslime verpflichtet seien, sich öffentlich und entschieden gegen jede Form von Gewalt auszusprechen.

Die al-Azhar-Universität in Ägyptens Hauptstadt Kairo gehört als eine der ältesten Bildungsstätten zu den einflussreichsten Wegweisern in der islamischen Welt. Sie wurde im 9. Jahrhundert als eine Zentralmoschee mit anliegenden Lehrkapazitäten gegründet. Später wurde die Moschee zu einer sunnitischen Lehreinrichtung. Im Laufe der Jahre weitete die al-Azhar-Moschee ihre Kompetenzen soweit aus, dass sie spätestens seit dem 19. Jahrhundert als religiöse Institution mit universitärer Struktur gilt.

Scheich Ahmad Mohammad al-Tayyeb, geboren 1946 im ägyptischen Luxor, war als Theologe und Philosoph unter anderem in Islamabad (Pakistan) und an der Sorbonne-Universität in Paris tätig. Seit 2010 ist er Großimam der al-Azhar-Universität. Auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Weisenrats der Muslime setzt er sich immer wieder für interreligiöse Dialoge ein.


[Pressestelle der Uni Münster / Katholisch-Theologische Fakultät]