Die Mission
 

Die Mission

 


 

Für den nächsten Fernurlaub ist dieser Ort nicht zu empfehlen: Heftige Staubstürme brausen monatelang über das Land. Auch im Sommer wird es selten wärmer als minus 60 Grad. Die dünne Luft gleicht einer Ansammlung von Autoabgasen.

Doch der Besucher, der am Freitag dieser Woche auf dem Wüstenplaneten Mars landet, ist hart im Nehmen. Schnell wie eine Gewehrkugel stürzt der Flugroboter vom lachsfarbenen Himmel herab, Prallsäcke dämpfen den Aufschlag. Schon kurz nach der Ankunft beginnt die Bordkamera, die Umgebung zu fotografieren.

Anflug und Landung der Mars-Sonde Pathfinder

Die amerikanische Forschungssonde "Pathfinder" hat modernste Geräte im Marschgepäck, darunter ein schuhkartongroßes Elektromobil, das mehr kostet als ein Rolls-Royce. Wie ein Modellauto soll dieser "Sojourner" auf dem fremden Planeten umherfahren - per Funk gelenkt von Technikern, die 170 Millionen Kilometer entfernt in ihrem Kontrollraum hocken.

 dpa

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Bei der Auswahl des Landedatums 4. Juli beweisen die Missionsplaner der US-Weltraumbehörde Nasa Humor: Der Kundschafter von der Erde erreicht den Mars pünktlich am amerikanischen Unabhängigkeitstag - an jenem Tag, an dem im letztjährigen Kinohit "Independence Day" blutrünstige Außerirdische die Menschheit überfallen.

"Wir haben uns überlegt", scherzte US-Präsident Bill Clinton, "drehen wir den Spieß einfach um und besuchen sie zuerst."

Ziele und Aufgaben

Eine Invasion starten die Erdenmenschen mit dem Pathfinder in der Tat. Eine ganze Armada von unbemannten Spähsonden wird ihm in den nächsten Jahren zum fernen Wüstenplaneten folgen - das größte Erkundungsprogramm seit den Mondflügen beginnt.

Die Geschichte der Marseroberung

Die Marsmännchen müssen schockiert sein: Ufos gibt es wirklich - sie kommen von der Erde.

Allein die Nasa will alle zwei Jahre neue automatische Sonden auf den Weg bringen. Der Forschungsangriff ist total: Navigationssatelliten werden den Mars umkreisen und ihn kartieren; intelligente Roboter wühlen sich durch den rostfarbenen Boden und entnehmen Gesteinsproben; Wetterballons vermessen das Klima.

Bis 2010 soll auf dem Marsboden nach und nach ein internationales Netzwerk aus automatischen Meßstationen entstehen. Russen, Europäer und Japaner wollen sich mit eigenen Landevehikeln beteiligen.

"Nie zuvor stand ein Planet so sehr im Mittelpunkt wie derzeit der Mars", sagt Gerhard Neukum vom Institut für Planetenerkundung in Berlin, das an der Auswertung der Pathfinder-Bilder beteiligt ist. Und Neukum fügt hinzu: "Aber er ist ja auch unser Nachbar im All, erdähnlicher als alle anderen Himmelskörper."

Beflügelt wird der Aufbruch zum Mars durch einen Sensationsfund, der die Planetenkundler seit einem Jahr bewegt. Auf einer weltweit übertragenen Pressekonferenz gaben Nasa-Forscher im letzten Sommer bekannt, sie hätten erstmals Spuren von außerirdischem Leben gefunden.

Als Beweisstück präsentierten die Wissenschaftler einen kartoffelgroßen Stein, der vor Jahrmillionen vom Mars abgesplittert, durchs Weltall getrudelt und dann in die Antarktis gestürzt war. In dem Mars-Steinbrocken entdeckten die Forscher organisches Material und fossilartige Strukturen - versteinerte Überreste von bakterienähnlichen Lebewesen, so ihre Deutung.

 Kartoffelgroßer Splitter vom Mars (AP)

 Kartoffelgroßer Splitter vom Mars (AP)
Kartoffelgroßer Splitter vom Mars (AP)

Doch die Fachwelt hat sich über den Brocken mittlerweile heftig zerstritten. Etliche Geologen widersprechen dem Nasa-Befund: Die vermeintlichen fossilen Lebensspuren im Marsgestein, so die Skeptiker, können genausogut auch durch nichtbiologische Prozesse entstanden sein.

Gab es wirklich in grauer Vorzeit einmal Leben auf dem Mars, primitive Pflanzen oder Tiere? Haben einige bizarre Kreaturen gar in Höhlen unter der Marsoberfläche bis heute überlebt? Alle Fachleute sind sich einig: Eine endgültige Antwort auf dieses Rätsel ist nur auf dem Planeten selbst zu finden.

Vor seinem Start im letzten Dezember haben die Nasa-Ingenieure den Pathfinder deshalb mit trickreichen Meßapparaten ausgerüstet. Sie bauten in das Elektromobil eine Art elektronische Nase ein, die exakt die chemische Zusammensetzung von Bodenproben zu bestimmen vermag. Konstruiert wurde das Spürgerät am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie.

Für die High-Tech-Schnüffelei ist der Pathfinder-Landeplatz namens Ares Vallis bestens geeignet: Vor langer Zeit muß diese geröllhaltige Ebene das Überschwemmungsgebiet eines mächtigen Flusses gewesen sein. Im Boden der Flutebene könnten sich noch Spuren einstigen Lebens verbergen.

Vom Jagdfieber ergriffen, hat die Nasa die Fahndung nach außerirdischem Leben inzwischen zu ihrer wichtigsten Aufgabe für das nächste Jahrhundert erklärt. "Was für eine Offenbarung wäre das!" schwärmt Nasa-Administrator Dan Goldin. "Es würde das Streben und Denken der Menschen tief im Innern aufwühlen."

Aber noch für einen anderen Lebenstraum kämpft der Nasa-Chef mit großer Leidenschaft: Er will das irdische Leben auf einen anderen Planeten bringen - geplant wird die Landung von Menschen auf dem Mars.

Als junger Nasa-Ingenieur half Goldin in den sechziger Jahren am Apollo-Programm mit. Wie Wernher von Braun, der deutschstämmige Mondraketenbauer, ging er damals davon aus, daß anschließend eine bemannte Marsmission folgen würde - als nächster logischer Schritt des Menschen auf dem Weg ins All.

Doch nach der Mondlandung kam die Ernüchterung: Die Mittel wurden knapper und flossen größtenteils in das Raumfähren-Programm. Mars war auf einmal ganz weit weg.

Der Rückschlag hing nicht zuletzt damit zusammen, daß nach den damaligen Nasa-Plänen Großraumschiffe zum Mars geschickt werden sollten, fliegende Städte, deren Bau astronomische Summen verschlungen hätte. Noch vor knapp zehn Jahren entwarfen Nasa-Ingenieure ein Mega-Marsprojekt für 500 Milliarden Dollar.

Erst in jüngster Zeit dämmerte den Raumfahrtplanern, daß es auch einfacher und billiger gehen könnte. Verschiedene Arbeitsgruppen haben jetzt realistische und detaillierte Konzepte für eine bemannte Mission entwickelt. Der Nasa-Chef ist begeistert.

"Bis 2010 können wir auf der Marsoberfläche stehen, viele Jahre früher, als wir bisher dachten", verkündete Goldin vor wenigen Wochen überraschend auf einem National Space Symposium in Colorado Springs. Möglich werde dieses kühne Vorhaben, prophezeite Goldin, weil neue moderne Trägersysteme den Startpreis ins All von derzeit 10 000 Dollar pro Kilogramm bald auf unter 300 Dollar drücken würden.

Gleich nach Inbetriebnahme der internationalen Raumstation ISS, die in den nächsten Jahren für über 40 Milliarden Dollar in der Erdumlaufbahn zusammengebaut wird, sollen die Vorbereitungen für den Marsflug anlaufen. Goldin: "Wir werden starten."

Die Flotte der unbemannten Forschungssonden dient deshalb auch als eine Art Vorhut, um die spätere Landung von Menschen vorzubereiten. So soll das im September am Mars eintreffende Raumvehikel "Global Surveyor" den roten Planeten umkreisen und ihn mit Hochleistungskameras ablichten - auf eineinhalb Meter genau. Mit dieser präzisen Kartierung könnte ein sicherer Landeplatz für Astronauten ausgewählt werden.

Aufbruchstimmung herrschte Anfang Juni auch auf einem internationalen Mars-Kongreß in Berlin-Adlershof. "Im nächsten Jahrhundert werden Menschen auf dem Mars unter Plastikdomen leben und lustwandeln", prognostizierte Nasa-Planungsmanager Jesco von Puttkamer in seinem Vortrag.

Pathetisch formulierte der weißhaarige Apollo-Veteran, den Wernher von Braun einst zur Nasa geholt hat: "Kein anderes Ziel der Menschheit reicht an die Erforschung und Besiedlung des Mars heran."

 

 

DER PLANET   TERRAFORMING   SPACE ODYSSEE

Pathfinder landing on the 4th of July 1997

DER SPIEGEL 27/1997 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags