Von Nicole Hein , Karen Rosenwerth, Barbara Wittenhövener
Bedingt durch weitreichende Veränderungen in Informations- und Kommunikationstechnologien sind neue Formen und Möglichkeiten innerhalb der Beziehungen zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen entstanden. Die in der Entstehung begriffene Informationsgesellschaft, die sogenannte "Lerngesellschaft", braucht Innovationen in den Funktionsbereichen der einzelnen Subsysteme. Bedeutend sind hierbei vor allem das Bildungssystem mit seiner zunehmenden gesellschaftlichen Relevanz, die Wissenschaft als gesellschaftlich bedeutsamer Faktor sowie das System der Massenmedien. Die Überschneidung dieser drei Subsysteme ist ebenfalls in den Wandlungsprozeß betroffen.Campus-TV soll auf diese neuen Möglichkeiten in der Form gestaltend einwirken, so daß die Wissenskluft zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit eingeebnet und ein effizienter Informationsfluß geschaffen wird.
Wichtig ist es hierbei zunächst, die Vorbedingungen für alternative Berichterstattungsformen wie Campus-TV bei Universität und Massenmediensystem zu überprüfen. Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit bilden die Pressestellen der Universitäten, die es in Deutschland seit den 70er Jahren gibt. Ihre Aufgaben liegen vor allem in der Informationsweitergabe nach innen und außen, in der Produktion einer unabhängigen Hochschulzeitung und in ihrem Wesen als Instrument der Informationspolitik der Universitätsspitze, also als Pressereferat des Hochschulrektors. Damit liegen die Aufgaben der Universitätspressestelle in den Bereichen Meinungsbildung und der Förderung des Dialogs mit der Öffentlichkeit. In den letzten Jahren denkt man jedoch an einer Neuorientierung der Pressestellen nach, beispielsweise möchte man Informationssendungen über Wissenschaft und Lehre produzieren. Daneben gibt es an immer mehr Universitäten Kontaktstellen zwischen Theorie und Praxis, bei denen der Wissens- und Technologietransfer gefördert werden soll und Kooperationen Zwischen beiden Stellen intensiviert werden sollen.
Die Zunahme des Informationsangebotes als Folge technischer Entwicklungen wie Breitband-, Satelliten- oder Digitalisierung eröffnet entscheidende neue Möglichkeiten zur Erweiterung des Programmangebotes. Ganz besonders förderungswürdig ist hier in den Augen des Gesetzgebers die Verbesserung der Programmvielfalt. Diese Vielfalt wird insbesondere für das Angebot von Minderheiten von Rezipientengruppen mit unterschiedlichen spezifischen Interessen eingefordert. Übertragen auf mögliche Innovationen im Programmangebot kann dies nur heißen, daß auf der einen Seite der Bedarf an aktuellen Informationen stark ansteigt, auf der anderen Seite jedoch besonders in den Bereichen Bildung und Wissenschaft entschieden höhere Präsentationskapazitäten entstanden sind.
Die hier skizzierten Entwicklungstendenzen zeigen deutlich, daß es zu einer Wende innerhalb der Medienkommunikation gekommen ist. Zukünftig wird dabei wohl eher ein verändertes Verständnis von Medienkommunikation in Richtung öffentliche Dienstleistung geben müssen, wobei das Entstehen qualifizierter und gut informierter Teilöffentlichkeiten besser berücksichtigt werden können. Voraussetzung für die Realisierung dieser Entwicklung ist die Einrichtung kooperativer Formen der Publikation.
Das grundlegende Problem wissenschaftlicher Kommunikation liegt ohne Frage in der Komplexität der zu vermittelnden Inhalte. Allein diese ist der Grund für ein relativ niedriges Interesse der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Themen. Campus-TV sieht gerade diese Problematik als Aufforderung zur Aufbereitung des Informationstransfers und dessen Optimierung. Basierend auf den Ergebnissen der Wissenskluft-Forschung geht man davon aus, daß die Motivation für die Informationsverarbeitung und ihre Ausweitung eng mit dem Wissensstand einher geht. Komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen oder die eigene soziale Situation zu erkennen, gilt nur dann als möglich, wenn man einen bestimmten Wissensstand innehat. Dieser Wissensstand setzt sich zusammen aus dem institutionell erworbenen Wissen, und aus dem, was man im Alltag unter Zuhilfenahme des Vorwissens erlernt hat.Die Basis der hier beschriebenen Verständlichkeitsproblematik stellen die folgenden drei Punkte dar:
- das Angebot an Information
- die Darstellung von Information
- die Aufbereitung der Information
Das Campus-TV zielt nicht auf eine Teilöffentlichkeit sondern auf ein disperses Publikum ab, d.h. eine Vielfalt von Publika. Die Verbreitung dieses Informationsangebotes durch das System der Massenkommunikation erlaubt allen gesellschaftlichen Gruppen den Zugang und entspricht daher den allgemein geltenden Demokratisierungsanforderungen.Das Publikum ist nicht als konstant sondern als kontingent anzusehen, weil es sich in einem beständigen Wandel befindet. Die Themenauswahl bezieht sich deswegen auf die potentiellen Publika.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung zu einer Informationsgesellschaft wachsen die Anforderungen an die Integrations- und Orientierungsleistungen der Wissenschaft und des Mediensystems. Das Ziel besteht darin, einer zunehmenden Segmentierung unserer Gesellschaft entgegenzuwirken. Deswegen gilt für die Themenauswahl: "...den potentiellen Rezipienten müssen Inhalte angeboten werden, die für ihn aus seiner sozialen Situation heraus und bezüglich seiner sozialen Probleme wirklich Entscheidungs- und Handlungsrelevanz haben..." (Harms-Emig (1993), S. 85).
Die Leitidee des Campus-TV besteht deswegen vor allen Dingen darin, das Informationsbewußtsein zu wecken und zu verstärken. Die Universität soll dabei sowohl als eine informationsgenerierende Institution als auch als soziale Einrichtung verstärkt in das Bewußtsein der Gesellschaftsmitglieder gebracht werden. Integration wird in diesem Sinne auch als Lebenshilfe verstanden. Das bedeutet: Die Vorstellung universitärer Forschungsbereiche und Kontaktstellen dient z.B. der Lösung spezifischer Fragestellungen. Insgesamt biete sich dabei eine Aufarbeitung in Form eines Magazins an, in dem wissenschaftliche Themen dargestellt werden könnten. "Universitäts-Nachrichten", ein Veranstaltungskalender sowie kulturelle Informationen könnten eine stärkere Anbindung an die Bevölkerung schaffen.
Das Campus-TV soll das Informationsbewußtsein des Rezipienten schärfen. Aus diesem Grund werden Fach- und Sozialinformationen bereitgestellt, die die Möglichkeit bieten, an die soziale Situation der Nutzer anzuknüpfen. Das heißt, die Präsentation wissenschaftlicher Inhalte muß vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Relevanz erfolgen. Deswegen sollte keine isolierte Darstellung von Forschung und Lehre sondern deren Einordnung in gesellschaftliche Zusammenhänge angestrebt werden.
Wichtig ist bei der Themenauswahl ebenfalls die Einbindung von Inhalten aus der Soziologie, der Psychologie und der Politik, da diese in Wissenschaftssendungen im Fernsehangebot der öffentlich-rechtlichen Anstalten und der privaten Sender im Gegensatz zu den Fächern der Physik, Mathematik, Astronomie oder Biologie etc. unterrepräsentiert werden.
Die Idee des Campus-TV zielt darauf ab, daß der Wissenstransfer dort beginnt, wo er auch von der Definition seines Begriffes zu suchen sein sollte, nämlich beim Träger des Wissens, der Universität. Es sollte nicht dem Wissenschaftsjournalismus, der mehr oder weniger zufällig auf ein Thema stößt, obliegen, über die gesellschaftliche Relevanz dieser Inhalte zu entscheiden. Diese Befugnis sollte vielmehr der Fachkompetenz des Wissenschaftlers zukommen. Dieses Recht, den Zeitpunkt einer Publikationsreife eines Forschungsergebnisses zu bestimmen, ist neben der Pflicht der Offenlegung von Forschungsergebnissen der Wissenschaftler in der Bundesrepublik Deutschland in einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes festgelegt.
Wünschenswert wäre insgesamt eine Zusammenarbeit des Wissenschafts- und des Massenkommunikationssystems. Der Wissenschaftler verfügt zwar über die Kompetenz, Themen zur öffentlichen Diskussion bereitzustellen, aber es fehlen ihm in der Regel die Voraussetzungen, diese entsprechend der journalistischen Standards umzusetzen. Dennoch sollten die Produktionen der Wissenschaftsthemen im audiovisuellen Bereich den professionellen Anforderungen genügen. Der Sinn einer Kooperation liegt in der Zusammenführung von der Kreativität und vom Wissen der Universität mit dem Produktions-Know-How des Rundfunks, was vor allem für den Bereich der Hardware gilt.
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß die technologische Entwicklung die Bereitstellung eines Campus-TV-Programms ermöglicht. Die Informationsgesellschaft, die als "informierte" Gesellschaft verstanden wird, stellt eine Herausforderung an die soziale Verantwortung von Bildungssystem, Wissenschaft und Mediensystem -Funktionsbereiche, die sich in der modernen Gesellschaft überschneiden. Das Campus-TV trägt dabei den erforderlichen Integrations- und Orientierungsleistungen Rechnung und verfolgt das Ideal, die Kontakte zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu intensivieren und ein breites Informationsangebot bereitzustellen.
Hinzugefügt werden soll, daß das Campus-TV, wie es in den verschiedenen Ländern praktiziert wird, durchaus auch den im Rahmen des uses-and-gratifications-approach aufgedeckten Funktionen, nämlich der Identifikation mit dem Gezeigten, dem Eskapismus und dem Prinzip der Unterhaltung folgt.
Vgl. Harms-Emig, Ilse (1988): Pilotprojekt Campus-TV, Die Universität als kommunikativer Handlunsgträger, Bochum.