Direkt zum Inhalt
Startseite Universität Münster
 

Institut für Ethnologie


Navigation


Hilfsnavigation>

Servicenavigation:


 

Hauptnavigation:

 

Bereichsnavigation:

 

Forschungsprojekte

Projekte

abgeschlossene Projekte

 


 

Konfessionelle Koexistenz in Südthailand

Projekthomepage: The South Thailand Homepage

Für das Forschungsprojekt Bedingungen und Auflösung konfessioneller Koexistenz: Ritueller Austausch, Transformation und die Reproduktion sozialer Beziehungen in Südthailand wurden Dr. Alexander Horstmann, Institut für Ethnologie, Universität Münster, Fördermittel der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung bewilligt.

Weitgehend unbemerkt von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit leben thaisprachige Buddhisten und Muslime in der Region am Taleesap Songkla friedlich in gemischt-konfessionellen Dörfern. Angesichts der sich bürgerkriegsähnlichen Zuspitzung der Konflikte in den malaiischsprachigen Gebieten um Patani bekommt diese Fähigkeit der Integration des Fremden in das eigene lokale System eine aktuelle, wenn auch traurige, Realität. Es ist bezeichnend, dass die islamischen Gemeinden um den Taleesap Songkla weitgehend resistent für die Konflikte sind und zeigt die Beständigkeit ihrer zivilgesellschaftlichen Institutionen.

In den thaisprachigen Niederlassungen unterscheiden die Bewohner nicht zwischen der Religionszugehörigkeit ihrer Ahnen und weisen eine hohe Flexibilität im Umgang mit Verschiedenheit auf. Die Konversion der Mehrheit der Thai zum Theravada Buddhismus und der Malaien zum Islam hat die lokale Kosmologie in keiner Weise vollständig ersetzt. Die lokalen Gemeinden verfügen über ein integratives Potential, der es ihnen erlaubt, die Weltreligionen in ihre lokalen Systeme zu integrieren und ihren sozialen Bedürfnissen anzupassen.

Im Zentrum der Erhebung in zwei Niederlassungen in Songkla und Nakhon Si Thammarat stehen die lokalen Mechanismen und kulturellen Institutionen der Koexistenz. In Nakhon Srithammarat und Songkla werden die Struktur und die Kosmologie buddhistisch-islamischer Beziehungen in lokalen und globalen Kontexten und ihre Vitalität im Spannungsfeld nationaler Integration und religiöser Orthodoxie untersucht.

Von der historischen Entwicklung her gliedert sich die Kulturlandschaft Südthailands in einen thaisprachigen und in einen malaiischsprachigen Teil. In diesen voneinander getrennten Kulturräumen verlaufen interkonfessionellen Beziehungen unterschiedlich:

Während Buddhisten und Muslime in den Provinzen Nakhon Si Thammarat, Songkla, Patthalung, Trang and Satun harmonisch koexistieren und es zu gegenseitiger Durchdringung, Vermischung und Annäherung kommt, sind die Beziehungen im malaiischsprachigen Teil durch Distanz und Feindseligkeit gekennzeichnet.

Buddhisten und Muslime in den thaisprachigen Gebieten Südthailands teilen eine homologe Sozialstruktur und unterscheiden sich weder im sozialen, politischen noch im wirtschaftlichen Bereich. Die sozialen Beziehungen sind über lokale Institutionen der Reziprozität und Redistribution geregelt, wobei die Entleihung des Fremden und seine Integration in lokale Systeme einen fundamentalen Mechanismus der Auseinandersetzung des Fremden mit dem Eigenen darstellen. Eine wichtige Funktion übernimmt dabei in den Dorfgemeinschaften der gemeinsame rituelle Austausch, durch den die soziale Solidarität immer wieder neu zum Ausdruck gebracht wird. Diese Form der Vermischung hat in Patani, Yala und Narathiwat nie stattgefunden, da die buddhistischen Siedler hier im Zuge der territorialen Durchdringung Siams angesiedelt wurden.

Die Konvertierung der großen Mehrheit der Thai zum Buddhismus und der Malaien zum Islam hat hier keineswegs die lokale Kosmologie ersetzt. Die lokalen Gemeinschaften haben Weltreligion vielmehr in ihre lokale Struktur integriert und relativiert. Positionen im Dorf wurden kosmologisch zugewiesen bzw. legitimiert. Die Häuser haben dasselbe Design, unterscheiden sich nur durch Details, z.B. Koranzitaten. Von außen lässt sich die Konfessionszugehörigkeit nicht identifizieren.

Im malaiisch-dominierten kommunalen Diskurs werden dagegen thaisprachige Muslime als minderwertig gesehen, da sie unreines Essen zu sich nähmen, nicht die Moschee aufsuchten und die Gebete nicht einhielten. Thaisprachige Muslime werden daher auch nicht als vollwertige Mitglieder der umma anerkannt. Sie werden von den Malaien in Patani bezichtigt, von thailändischen kosmologischen Einflüssen verunreinigt zu sein und die islamische Literatur nicht in den heiligen Schriften (Arabisch oder Jawi) wahrzunehmen.

In den achtziger und neunziger Jahren scheint auch das lokale System in den gemischtkonfessionellen Gebieten Südthailands Risse bekommen zu haben. Die religiöse Unterscheidung wird stärker betont. Rituelle Praktiken werden unter dem Druck religiöser Purifizierung überprüft und die Teilnahme an den Festen der jeweils anderen wird beendet. Verantwortlich für den Druck auf der lokalen Kosmologie ist die ausschließende, essentielle Definition von Identität und ethnischer Grenzziehung aus den Händen religiöser Orthodoxie von beiden Seiten.

Der Staat geht Hand in Hand mit der Legitimation des Theravada-Buddhismus, dem eine Schlüsselstellung in der Definition nationalistischer Identität zufällt. Islamische transnationale Missionsbewegungen propagieren die Idee eines universalistischen Islams. Beide Seiten sehen politische Vorteile in einer exklusiven Interpretation von Identität und Religion.

Im Rahmen des Projekts soll untersucht werden, wie es zu einem Wechsel von Koexistenz zur sozialen Konstruktion von Antagonismus kommt, welche Ideen, Werte und soziale Handlungsmuster die Interaktion von Menschen unterschiedlicher Konfessionen bestimmen und unter welchen Bedingungen diese Interaktionen einen antagonistischen Charakter zeigen.

Die Antworten auf diese Fragen liegt – so die These – im Kollaps der auf Integration des Fremden basierenden lokalen kosmischen Systeme durch staatliche Einflüsse, die Kräfte der Marktausdehnung und durch Integration in Prozesse kultureller Globalisierung. Das soziale System bricht zusammen, wenn die Integration des Fremden in lokale Institutionen außer Kraft gesetzt wird und in der Interaktion Tausch und Solidarität aufgekündigt werden.

Bei Feldstudien in Südthailand wird die lokale Geschichte der Dörfer und ihre Integration in größere Zusammenhänge aus den Erzählungen der Dorfbewohner rekonstruiert. Methodisch wird sich die Forschungsarbeit auf die Schnittpunkte konzentrieren, d.h. nachbarschaftliche und familiäre Beziehungen, religiöse Rituale und Mythen sowie gemeinsame Feste der gemischt-konfessionellen Bewohner.

Während orthodoxe Reinigungskampagnen des Theravada-Buddhismus und des transnationalen Islams als Faktoren der Auflösung der Koexistenz ausgemacht werden können, findet der alltägliche Widerstand gegen die Orthodoxie, und die Fähigkeit, die Lehre der Weltreligion gemäß lokaler Bedürfnissen anzupassen, als Basis der Wiederherstellung gebrochener sozialer Bindungen neue Verwendung.


 

Weitere Links:

TOP-LINKS IfE

Schwerpunkte in Lehre & Forschung

TOP-LINKS Ethnologie


 


 

Institut für Ethnologie
Studtstr. 21 · 48149 Münster
Tel.: +49 251 83-27311 · Fax: +49 251 83-27313
E-Mail: ifethno@uni-muenster.de

Diese Seite: