Arbeitsfeld "Solidarität in der Bioethik"
Der Solidaritätsbegriff hat trotz seiner relativ kurzen Präsenz in akademischen und öffentlichen Debatten (weitgehend erst seit dem 18. Jahrhundert) eine sehr bewegte und heterogene Geschichte. Seine Anwendung umspannt ein weites politisches Spektrum und reicht von der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhundert bis zum europäischen Faschismus des 20. Jahrhundert; (theoretische) Disziplinen die sich mit seiner Bestimmung, Begründung und seinem Einsatz in normativen und politischen Debatten befasst haben und noch befassen sind – neben anderen – die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Theologie, die Rechtswissenschaft und die politische Philosophie.
In den letzten zwei Jahrzehnten taucht der Begriff zunehmend auch in bioethischen Debatten auf, insbesondere in der begründenden Anwendung auf den Public Health-Kontext oder das allgemeinfinanzierte Gesundheitswesen. Oft wird Solidarität dabei in deutlich unterbestimmter Weise für Argumentationen herangezogen und bleibt vage. Es werden Rufe nach genauerer Bestimmung von Inhalt und normativer Reichweite des Begriffs im konkreten Gebiet der Bioethik lauter.
Hier bietet sich die Analyse aktueller Debatten in der politischen Philosophie an. In der Literatur ist etwa kontrovers, ob Solidarität ein notwendig normativer Begriff ist oder ob es deskriptiv-empirische Konzeptionen geben kann. Ebenso umstritten ist nach wie vor, ob er notwendig partikular ist und sich immer auf eine (Identitäts-)konstitutive Gruppe oder Gemeinschaft bezieht, deren Mitglieder sich, je nach Ansatz, gegenseitig Solidarpflichten schulden. Und sowohl jene, die letzteres bejahen, als auch Proponenten nicht-partikularer Solidaritätskonzeptionen streiten darüber, ob es Solidarität außerhalb von Nationalstaaten, also etwa intergovernmental oder global solidarity, geben kann.
Eine eingehendere Beschäftigung mit diesen verschiedenen Konzeptionen von Solidarität, die in der Emmy Noether-Gruppe erfolgt, wird auch die begriffliche Klärung von Solidaritätsanwendungen in der Bioethik erleichtern. Ziel ist es, ein Solidaritätsverständnis für die Bioethik zu entwickeln und in verschiedenen Regulierungskontexten auf seine Tauglichkeit zu überprüfen, um darauf gestützte Lösungsvorschläge zu entwickeln. Gegenwärtige Problemstellungen, die davon profitieren werden sind etwa die governance von großen (internationalen) Biobanken, die zur Zeit keinen Raum für Hilfsverhalten ihrer Teilnehmer bietet und einer Korrektur bedarf; oder Strategien zur Eindämmung von medical brain drain in der erweiterten EU, deren Begründung und Etablierung noch am Anfang stehen.

Das Projekt baut auf Vorarbeiten der Gruppenleiterin auf und entwickelt diese weiter. Im Rahmen ihrer vorherigen Tätigkeit beim Nuffield Council on Bioethics hat die Gruppenleiterin, gemeinsam mit einer Kollegin, eine Monographie vorgelegt, in der die aktuelle englischsprachige Bioethik-Literatur mit Blick auf verwendete Solidaritäts-Konzeptionen analysiert wird. Darauf aufbauend entwickeln die Autorinnen eine erste Arbeitsdefinition ihres Solidaritätsverständnisses, das sie in drei Fallstudien (Biobanken, Pandemien, lifestyle diseases) zur Anwendung bringen. Auf der zugehörigen Projektseite finden Sie weitere Informationen und die Veröffentlichung Solidarity – reflections on an emerging concept in contemporary bioethics zum kostenlosen Download.
