Arbeitsfeld "Public Health Ethik"
Im letzten Jahrhundert haben sich bedeutsame epidemiologische Verschiebungen im Krankheitsspektrum der Bevölkerung entwickelter Länder ergeben. Die Bedeutung von Infektionskrankheiten für die Morbidität und Mortalität der Population ist deutlich geringer geworden, während chronische Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselkrankheiten stark zugenommen haben. Von nach wie vor wichtigen Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsschutzes abgesehen (Impfungen, Hygieneüberwachung, Arbeitsschutz usw.), hat sich entsprechend der Aufgabenbereich von „New Public Health“ gewandelt: Die aktuellen Herausforderungen sind insbesondere der Umgang mit verhaltensassoziierten (Adipositas, verschiedene Krebsarten, Diabetes, HIV/AIDS etc.) bzw. demographisch bedingten Erkrankungen (vor allem Demenzen).
Dadurch hat die Public Health- Praxis zugleich neue ethische Aspekte gewonnen. Konnten früher Eingriffe in die Handlungsfreiheit bzw. in die informationelle Selbstbestimmung von Individuen/Patienten über den Schutz der Allgemeinheit gerechtfertigt werden (Quarantäne, Schutzimpfungen, meldepflichtige Krankheiten), so wird gegenwärtig kontrovers diskutiert, ob und wie weitgehend der Staat zur Beförderung öffentlicher Gesundheit Einfluss in den Bereich des privaten Gesundheits- und Freizeitverhaltens von Individuen oder bestimmten Populationen nehmen darf.
Die im Arbeitsfeld "Gerechtigkeit im Gesundheitswesen" ebenfalls verhandelten Fragen danach, wann Eingriffe in die gesundheitliche Eigenverantwortung gerechtfertigt sind, stellen sich hier in einem deutlich anderen Handlungskontext. Politisch-philosophische Theorien können zum Autoritätsverhältnis zwischen staatlichen Institutionen und Individuen interessante Analyseschemata bereit stellen und in ihrer Anwendung auf den konkreten Public Health-Kontext neue Lösungsansätze zu finden helfen. Hier besteht aktueller Forschungsbedarf: In den Debatten zur Begründung von Stewardship-Modellen staatlicher Public Health-Einrichtungen etwa, in denen die Kombination von liberalen individuellen Grundfreiheiten mit solidaritätsbegründeten staatlichen Schutzaufgaben versucht wird, werden solche Überlegungen angedeutet (siehe auch Arbeitsfeld "Solidarität in der Bioethik"). Alternative Ansätze, wie der aktuell von Verhaltensökonomen vorgeschlagene libertäre Paternalismus, benutzen zwar eine dezidiert politisch-philosophische Terminologie, lassen jedoch noch viel Raum für eine begründende Analyse des gewählten Theorierahmens; auch die Tauglichkeit des Ansatzes für die Übertragung auf den Public Health-Kontext muss noch genauer überprüft werden.
Ein weiteres wichtiges Gebiet der modernen Public Health-Ethik-Debatten sind gesundheitliche Ungleichheiten, deren Existenz – in allen modernen Gesellschaften – zunehmend gut belegt ist. Wann Unterschiede in der Mortalität und Morbidität verschiedener Gruppen innerhalb eines Landes bzw. zwischen den Bevölkerungen unterschiedlicher Länder ungerecht sind, wird gegenwärtig kontrovers diskutiert. Die Problemlage lässt sich dabei unter Rückgriff auf die Diskussionslinien der bekannten „Why equality?“ und „Equality of what?“- Auseinandersetzungen der modernen Egalitarismustheorie beschreiben, ohne dass bisher im konkreten Anwendungskontext politischer Regelungen eine konsequente Operationalisierung der verhandelten Argumente erfolgt wäre.
Die bisher entwickelten Ansätze zur normativen Analyse gesundheitlicher Ungleichheiten, die sich politisch-philosophischer Konzepte und Argumente bedienen, sind liberal-egalitaristischer bzw. (implizit) glücks-egalitaristischer Natur. Sie fordern insbesondere eine Abflachung des sozioökonomisch bedingten Gesundheitsgradienten, während andere gesundheitliche Ungleichheiten – etwa genetisch bedingte – weniger Aufmerksamkeit erfahren. Deshalb, aber auch aufgrund der aus ihnen eventuell resultierenden Konflikte in der gesundheitspolitischen Ressourcenverteilung, sind sie nicht unwidersprochen geblieben. Hier ist eine kontroverse Debatte im Gange, zu der beizutragen die Emmy Noether-Gruppe beabsichtigt, indem alternative politisch-philosophische Positionen in die normative Analyse der gesundheitlichen Ungleichheiten einbezogen werden. Dabei handelt es sich zum Beispiel um egalitaristische und nichtegalitaristische Suffizienzansätze. Die Verantwortungs- und Solidaritätsbegriffe, die in Public Health- Kontexten zum Tragen kommen, werden ebenfalls untersucht (siehe auch Arbeitsfeld Solidarität in der Bioethik).
Frühere Arbeiten der Gruppenleiterin zu diesem Arbeitsfeld sind im Publikationsverzeichnis im CV ausgewiesen. Im Artikel "Wie gleich kann Gesundheit sein? Ethische und gerechtigkeitstheoretische Aspekte gesundheitlicher Ungleichheiten" findet sich eine Analyse von Ansätzen der Public Health-Ethik vor dem Hintergrund der why equality/equality of what?-Debatten.
