Arbeitsfeld "Gerechtigkeit im Gesundheitswesen"
Naturgemäß ist die Anwendung von Theorien der politischen Philosophie auf Fragen und Probleme der Biomedizinethik dort besonders weit gediehen, wo es um die Auseinandersetzung mit Herausforderungen geht, denen moderne Gesundheitswesen bei der gerechten Allokation zunehmend knapper medizinischer Ressourcen gegenüberstehen.
Hier treten klassische Fragen der politischen Philosophie – Wie viel Anspruch hat der Einzelne auf Hilfe durch die Allgemeinheit? Welche Theorie der Verteilungsgerechtigkeit ist die normativ plausibelste? etc. – in aktueller praktischer Zuspitzung zutage, etwa wenn es um die Bestimmung des Umfangs solidarisch finanzierter Krankenversorgung oder um die gerechte Zuteilung knapper medizinischer Leistungen geht (siehe auch Arbeitsfeld "Solidarität in der Bioethik").
Entsprechend haben in diesem Bereich biomedizinethischer Auseinandersetzung politische Philosophen bzw. Bioethiker mit dezidiert politisch-philosophischer Ausrichtung eine wichtige Rolle gespielt. In den letzten drei Jahrzehnten sind beispielsweise zahlreiche Vorschläge für die Begründung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung aus der Sicht verschiedener politisch-philosophischer Theorien entwickelt worden. Wichtige theoretische Elemente, die dabei aus liberaler, liberal-egalitaristischer, libertaristischer oder kommunitaristischer Perspektive analysiert und angewendet wurden, sind etwa:
- die (gesundheitsbezogene) Chancengleichheit;
- Überlegungen zu einer Theorie des guten Lebens mit Blick auf Lebensdauer und -qualität;
- Art und Umfang von Anspruchsrechten des Individuums auf allgemeinfinanzierte Gesundheitsversorgung; sowie
- Konzeptionen der Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen.
Gegenwärtig wird nach wie vor darum gestritten, wie eine Ziel- und Prioritätenbestimmung in modernen Gesundheitswesen aussehen könnte und nach welchen Kriterien medizinische Leistungen verteilt bzw. ggf. aus einer Regelversorgung ausgeschlossen werden sollen. Eine kontroverse Debatte kreist um die Auswahl der einzusetzenden Zielgrößen und Verteilungskriterien – etwa wenn zwischen Effizienz und Chancengleichheit abgewogen wird oder wenn die Bedeutung von Eigenverantwortung in der Gesundheitsversorgung und ihre Eignung als Verteilungskriterium bestimmt werden soll.
Andere lehnen die Bestimmung materialer Zielvorstellungen und Verteilungskriterien in der Medizin grundsätzlich ab oder halten sie in pluralistischen Gesellschaften für nicht konsensfähig. Sie erachten daher die Debatte um materiale Kriterien für überflüssig oder ergänzungsbedürftig und entwickeln alternative oder ergänzende prozedural-deliberative Vorschläge für die gerechte Verteilung knapper Gesundheitsressourcen, die ohne inhaltliche Zielvorstellungen und Verteilungskriterien auskommen sollen.
Noch sind die Debatten um materiale Zielgrößen und Kriterien wie Gleichheit, (Kosten-) Effektivität, Dringlichkeit/Notwendigkeit, Verantwortung, Alter etc., ihre Begründung sowie ihr jeweiliges Verhältnis bzw. ihre Rangordnung innerhalb einer Prioritätensetzung im Gesundheitswesen ebenso wenig entschieden wie der Streit zwischen den Verfechtern solcher materialen Kriterien und den Proponenten rein prozeduraler Alternativen. Sie werden regelmäßig – und oft implizit – unter Rückgriff auf verschiedene Kernpositionen und -begriffe der modernen politischen Philosophie ausgetragen.
In einigen Teilbereichen ist dies bereits expliziert und fruchtbar analysiert worden – etwa bei der Erörterung der Bedeutung von Gleichheit in der Gesundheitsversorgung oder in der kontroversen Auseinandersetzung um gesundheitliche Eigenverantwortung oder das Lebensalter der Patienten als Ein- oder Ausschlusskriterien. Die Debatte um Verteilungskriterien wie Kosten-Effektivität und Wirksamkeit hat eine solche Analyse bisher nur in Ansätzen erfahren.
Ein Teilprojekt der Emmy Noether-Gruppe ist die Analyse, wie sich die unterschiedlichen Bewertungen der Zulässigkeit von Kosten-Effektivitäts/Wirksamkeits-Schwellen in der Gesundheitsversorgung (u.a.) den ihnen zugrunde liegenden, teils nicht explizierten politisch-philosophischen Positionen verdanken. In einem weiteren Schritt wird dieses argumentative Fundament auf sein problemlösendes Potential hin untersucht, um neue, konsensfähige Vorschläge sowohl für die theoretische Diskussion als auch für die praktischen Politik-Debatten zu entwickeln.
Dieser Projektteil nimmt seinen Ausgang von früheren Arbeiten der Gruppenleiterin, etwa zur Eigenverantwortung im Gesundheitswesen (siehe Publikationsverzeichnis im CV) oder zur marginalen Wirksamkeit als Priorisierungskriterium (als Fellow im Projekt von Prof. Bettina Schöne-Seifert). Kürzlich ist dazu im BMJ der Artikel "Ethics and effectiveness: rationing healthcare by thresholds of minimum effectiveness" erschienen.
