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CiM/SiS

„Sigma-Rezeptoren sind ungewöhnlich!“

Im Labor mit Prof. Bernhard Wünsch
Der Medizinische Chemiker Prof. Dr. Bernhard Wünsch ist CiM-Gruppenleiter am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie.
© Dziemba

Herr Prof. Wünsch, mit welcher wissenschaftlichen Frage beschäftigen Sie sich aktuell?

Wir entwickeln sogenannte Rezeptor-Liganden. Solche chemischen Verbindungen können Rezeptoren in der Zellmembran aktivieren, dann spricht man von Agonisten. Sie können Rezeptoren aber auch blockieren, das sind dann Antagonisten. Dieser Prozess wiederum löst in Zellen unterschiedliche Reaktionen aus. Wir haben dabei besonders kappa-, sigma- und NMDA-Rezeptoren im Blick. Sie spielen bei verschiedenen Krankheiten des Zentralen Nervensystems (ZNS) eine entscheidende Rolle, bei Depressionen, Psychosen, neuropathischen Schmerzen, bei der Multiplen Sklerose oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz. Unsere Forschung ist allerdings getrieben von den Rezeptoren selbst. Wir schauen sie uns genau an, versuchen, sie zu aktivieren oder zu blockieren, und untersuchen, welchen Effekt das für den Verlauf verschiedener Erkrankungen hat.

Was macht Sie als Wissenschaftler persönlich aus?

Die Pharmazie begeistert mich täglich. Sie bringt die Chemie, Biologie und Medizin zusammen und verfolgt zudem noch das Ziel, Therapien für Patienten zu verbessern. Unsere Stoffe landen nicht in der Tonne, sondern im günstigsten Fall in der Behandlung von Patienten. Außerdem macht mir die Lehre Spaß. Ich will jungen Leuten nicht nur Wissen vermitteln, sondern ihnen auch meine Begeisterung für die Pharmazie und besonders für die Medizinische Chemie weitergeben.

Was ist Ihr großes Ziel als Wissenschaftler?

Ich will sigma-Rezeptoren besser verstehen lernen. Diese Rezeptoren sind so ungewöhnlich! Wir forschen bereits lange und viel an ihnen. Es gibt aber immer noch viele Geheimnisse, die wir nicht gelöst haben. Daneben würde ich gerne ein Graduierten-Kolleg ins Leben rufen, am besten an der Schnittstelle zwischen der Medizin und der Medizinischen Chemie. Dadurch könnte ich nicht nur den Nachwuchs fördern, sondern auch die Translation von der Laborbank im Chemielabor zum Tierexperiment.

Was ist Ihr liebstes technisches Forschungsspielzeug und was kann es?

Ich bastle gerne Molekül-Modelle aus einfachen Stäbchen. Mit diesen Stäben aus Plastik kann man sehr gut die Stereochemie nachbilden, also die dreidimensionale Struktur eines Moleküls. Natürlich nutze ich dafür auch Computerprogramme. Aber ich baue sie gern mit den Plastikbauteilen nach. Dann kann ich das Molekül in meinen Händen drehen und wenden, es von allen Seiten anschauen, Bindungen lösen und neu knüpfen und mir überlegen, welche alternativen Anknüpfungen möglich und sinnvoll wären.

Erinnern Sie sich an Ihren größten Glücksmoment als Wissenschaftler?

Mein erster Habilitand, Ralph Holl, hat vor kurzem einen Ruf an die Universität Hamburg erhalten. In der Pharmazie ist der Qualifizierungsverlauf zu so einer Professorenstelle nicht einfach. Es gibt nur 23 Pharmaziestandorte mit Medizinischer Chemie in Deutschland, entsprechend wenige Stellen werden in jedem Jahr frei. Außerdem hat man im öffentlichen Dienst nur zwölf Jahre Zeit, um eine Professur zu erreichen. Dann greift das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Umso mehr freue ich mich, dass es für Ralph Holl geklappt hat.

Welches wissenschaftliche Phänomen begeistert Sie heute noch regelmäßig?

Die Mikroelektronik ist für mich faszinierend. Wie bringt man etwa so viele Informationen auf einen so kleinen Chip? Außerdem interessieren mich neurodegenerative Prozesse. Die Ursachenforschung gleicht der Frage: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?