|
CiM/sr

„Die Heilung des Knochens ist faszinierend“

Im Labor mit Prof. Richard Stange
Unfallchirurg Prof. Dr. Richard Stange ist neuer Professor am Exzellenzcluster „Cells in Motion“.
© CiM - Sylwia Marschalkowski

Herr Prof. Stange, mit welcher wissenschaftlichen Frage beschäftigen Sie sich aktuell?

Ich beschäftige mich mit der Regeneration in muskuloskelettalem Gewebe. Dabei schaue ich mir vor allem an, wie Knochen heilen, beziehungsweise was passiert, wenn die Heilung nicht funktioniert – vor allem unter speziellen Bedingungen wie bei Entzündungen, im Alter oder nach einem Unfall. Meine Arbeitsgruppe untersucht das auf molekularer Ebene, in Zellen, aber auch in ganzen Organismen. Das Besondere ist eigentlich, dass wir immer eine medizinische Fragestellung im Hinterkopf haben, und dass unsere Ergebnisse möglichst wieder dem Patienten zugutekommen sollen. Momentan arbeiten wir zum Beispiel an einem Wirkstoff gegen die Osteoporose. Unser Ansatz basiert dabei auf einem neu entdeckten molekularen Mechanismus. In einem anderen Projekt möchten wir sichtbar machen, ob der Heilungsprozess richtig funktioniert – ob zum Beispiel knochenaufbauende Zellen dorthin wandern, wo sie benötigt werden, oder ob zu viele knochenabbauende Zellen da sind.

Was macht Sie als Wissenschaftler persönlich aus?

Ich bin forschender Mediziner. Die enge Verbindung zwischen Patientenversorgung und Wissenschaft ist mir ganz wichtig. Dabei bin ich sehr neugierig, möchte mir anschauen, was hinter Krankheiten steckt. Als Unfallchirurg kann ich außerdem sehr ungeduldig sein. Das liegt in der Natur der Sache, denn im klinischen Alltag müssen wir sehr schnell entscheiden und handeln. In meiner Forschergruppe sind viele Mitglieder Naturwissenschaftler, die ganz anders an die Sache rangehen. Die mich zum Glück auch immer wieder erden und auf die Zwischenschritte hinweisen, wenn ich schon ans Ziel will. Das ergänzt sich gut und ist extrem inspirierend.

Was ist Ihr großes Ziel als Wissenschaftler?

Mein großes Ziel ist es, durch Erkenntnisse aus der Wissenschaft auch wieder Dinge für den Patienten zu verbessern. Ich möchte zum Beispiel „biologische“ Therapien entwickeln, bei denen man quasi das eigene System des Menschen für die Heilung nutzt. Wirklich zu erkunden, warum etwas heilt oder nicht, und wenn etwas falsch läuft, frühzeitig eingreifen zu können – das steht sozusagen am Horizont, den wir erreichen wollen.

Was ist Ihr liebstes technisches Forschungsspielzeug und was kann es?

Eigentlich sind es immer viele Methoden, die man zusammenführt, um ein Ziel zu erreichen. Was ich total spannend finde, sind die neuen Möglichkeiten genetischer Manipulation – dass wir zum Beispiel mit Crispr/Cas9 gezielt Gene in Zellen an- und ausschalten können, um deren Funktion zu untersuchen. Auf der anderen Seite haben wir auch viele Methoden, um Vorgänge im Körper und in einzelnen Zellen sichtbar zu machen. Wir nutzen dabei sehr viel optische Mikroskopie, aber auch radiologische Verfahren. Zum Beispiel entwickeln wir Implantate aus Keramik, mit denen wir mithilfe der Magnet-Resonanz-Tomografie Strukturen und Gewebe untersuchen können. Früher waren die Implantate aus Metall, unter dem MRT war nur ein großer schwarzer Fleck zu sehen. Wir haben also viele „Spielzeuge“ zur Verfügung.

Erinnern Sie sich an Ihren größten Glücksmoment als Wissenschaftler?

Man investiert ja immer viele Stunden Arbeit, steckt Rückschläge weg und denkt wieder um. Wenn das dann irgendwann von Erfolg gekrönt wird – das ist wissenschaftlich der größte Glücksmoment. Aber es gibt eben auch diese Momente in der Klinik. Ich hatte mal eine Patientin, die 37 Jahre lang mit einem nicht geheilten Oberarmknochen gelebt hat. Wir haben bei ihr eine spezielle Therapie angewandt, und nach einem viertel Jahr konnte sie ihren Arm wieder voll bewegen, und der Knochen war verheilt. Das sind Glücksmomente, die letztendlich auch aus der Wissenschaft kommen: Wenn wir es schaffen, etwas, das wir im Tiermodell herausgefunden haben, auf den Menschen zu übertragen.

Und wie sah Ihr größter Frustmoment aus?

Frustmomente gehören natürlich immer dazu. Ich würde aber nicht sagen, dass es einen größten Frustmoment gab. Ich glaube, man muss als Unfallchirurg sowieso eine relativ hohe Frustrationstoleranz haben, weil man mit viel Leid zu tun hat. Aber ich bin ein sehr optimistischer Mensch, insofern ist Frust für mich eher ein Ansporn weiterzumachen. Und vielleicht mal um die Ecke zu denken, wenn man auf dem geraden Weg nicht zum gewünschten Erfolg kommt.

Welches wissenschaftliche Phänomen begeistert Sie heute noch regelmäßig?

Das ist die Heilung und Regenerationsfähigkeit des Knochens. Er ist eins der wenigen Organe, die in der Lage sind, sich komplett zu regenerieren – und zwar so, dass man später nicht mehr sieht, wo der Bruch eigentlich gewesen ist, weil wirklich neues Knochengewebe entsteht. Er ist zudem in der Lage, sich jeden Tag aufs Neue an die wechselnden Belastungen anzupassen und zu verändern. Das ist eines der spannendsten Phänomene auf meinem Gebiet.

Auf welche große ungelöste wissenschaftliche Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Das sind solche Fragen wie: Warum heilen manche Dinge und manche nicht? Aber es gibt natürlich noch viele andere spannende Fragen, die nichts mit meinem Forschungsgebiet zu tun haben. Zum Beispiel: Warum altern wir? Wie hängen Bewusstsein und Psyche mit somatischen Erkrankungen zusammen? Je mehr man in der Wissenschaft arbeitet und in die Tiefe geht, desto mehr entdeckt man, wie wenig man weiß.

Wie viel Kunst, Kreativität und Handwerk steckt in Ihrer Wissenschaft?

Als Chirurgen sehen wir das Werk unserer Hände eigentlich täglich. Und das hängt nicht nur von Wissen ab, sondern auch von der ganz persönlichen Kreativität. Das Ergebnis muss einem gewissen Bild entsprechen, man möchte möglichst den Körper so hinterlassen, wie er einmal war. Das wiederum hat mit Kunst und auch mit Schönheit zu tun. Denn jeder Mensch ist anders, jeder Mensch ist in sich schön. Da finde ich, muss man als Arzt auch sehr viel Respekt haben. Was die wissenschaftliche Seite angeht, spielt Handwerk natürlich auch immer eine Rolle. Man muss viele Methoden beherrschen und sie zusammenbringen können. Wenn man das falsche Handwerkszeug nimmt, dann kann das in die Hose gehen, obwohl die Hypothese vielleicht gut war.