Friedrich Karl Dörner

(* 28. Februar 1911 in Gelsenkirchen; † 10. März 1992)

 

 Doerner Portrait

 F.K.Dörner 1961

Friedrich Karl Dörner gründete 1968 als Althistoriker, Altphilologe, Epigraphiker und Archäologe in Münster die Forschungsstelle Asia Minor um seine althistorischen und archäologischen Arbeiten in Kleinasien auf institutionelle Füße zu stellen bevor er 1976 als Professor in den Ruhestand ging.

An dieser Stelle bilden wir mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen sehr gelungenen Nachruf auf Prof. Dr. Dörner von Gerhard Dobesch ab.

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Friedrich Karl Dörner, Nachruf von Gerhard Dobesch erschienen im Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 142. Jahrgang (1991/1992).

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Am 10. März 1992 verlor die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Friedrich Karl Dörner eines ihrer namhaftesten korrespondierenden Mitglieder im Ausland. Besonders schmerzlich ist dies für die Kleinasiatische Kommission dieser Akademie. Er hat früher persönlich an ihr gearbeitet, hat Wesentliches in ihrem Rahmen publiziert und war durch seine international berühmt gewordenen Forschungen in Kleinasien als Mitglied eine Zierde der Kommission. Als er 1959 zum Akademiemitglied gewählt wurde, hat er, wie es der Brauch vorschreibt, einen Lebenslauf eingesandt. So ist es uns möglich, ihn Elternhaus und Kindheit mit eigenen Worten schildern zu lassen:

„Am 28. Februar 1911 wurde ich in Gelsenkirchen als Sohn
des Grubenbeamten Karl Dörner und seiner Ehefrau Klara,
geb. Franke, geboren. Gelsenkirchen liegt inmitten des Ruhrgebietes
und erlebte zur Zeit meiner Geburt einen großen
Aufschwung als Hauptzentrum des Kohlenbergbaues. Aufstrebenden
Talenten boten sich hier gute Möglichkeiten des Vorwärtskommens.
Mein Vater sollte eigentlich den kleinen väterlichen
Hof in Ostpreußen übernehmen. Pfarrer und Lehrer
aber hatten meinem Großvater nahegelegt, seinen Sohn als
Lehrer ausbilden zu lassen. Ein Patenonkel, der schon im Industriegebiet
Fuß gefaßt hatte, war der Grund, daß mein Vater
bald die begonnene Ausbildung aufgab und ins Industriegebiet
ging, wo er im Bergbau ein reiches Tätigkeitsfeld fand.
Im Schatten der Fördertürme wuchs ich auf. Meine erste
Schulausbildung jedoch erhielt ich in der ostpreußischen Heimat
meines Vaters, wohin meine Mutter 1917 mit mir und meiner
im Jahre 1914 geborenen Schwester für kürzere Zeit übersiedelte,
als die Lebensverhältnisse sich im Ruhrgebiet sehr verschlechterten.
Mein Vater war zum Heere eingerückt, kehrte
aber glücklicherweise 1918 wieder wohlbehalten zurück. Ich
setzte dann den Besuch der Volksschule in Gelsenkirchen fort
und wurde 1921 auf das dortige Gymnasium aufgenommen.
Als Belohnung erhielt ich von meinem Vater ein Buch geschenkt,
das großen Einfluß auf meine spätere Entwicklung
ausgeübt hat: ,Die Sagen des klassischen Altertums' in der
Ausgabe von Gustav Schwab. Diese erste Lektüre über das
klassische Altertum erweckte meine Wißbegierde, mehr über
die Welt der Griechen und Römer zu erfahren. Tüchtige Lehrer
führten mich auf dem Gymnasium in die antike Welt ein,
während mein Vater seine eigenen historischen Interessen, die
er bei mir wiederfand, durch gute Anleitung bei mir weiterbildete.“

Als Friedrich Karl Dörner 1930 sein Studium an der Universität
Greifswald begann, blieb er der Altertumswissenschaft
treu. Im Besonderen wandte er sich der Alten Geschichte zu,
wie er selbst schreibt, "auf das stärkste angezogen und beeinflußt
von der Persönlichkeit des damaligen Ordinarius für Alte
Geschichte in Greifswald, Josef Keil." Bei ihm hat er nach
einem zweisemestrigen Zwischenspiel in Münster (1932) im
Jahre 1935 promoviert, ihm blieb er sein Leben lang auch persönlich
eng verbunden. Unmittelbar danach berief ihn die
Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts nach
Berlin. "Die Verleihung des archäologischen Reisestipendiums
für 1936/1937 brachte mir dann den ersten Kontakt mit den
Ländern des Altertums. Der Eindruck war so stark, daß er
seitdem alle meine Arbeiten bestimmte und die Erforschung
der antiken Geschichte und Kultur auch heute noch im Mittelpunkt
meines Lebens steht." 1938-1940 war er wissenschaftlicher
Referent bei der Istanbuler Abteilung des oben genannten
Institutes. Diese Zeit brachte ihm nicht nur die Teilnahme bei
den Ausgrabungen in Bogazköy, sondern auch schon erste
Forschungsexpeditionen nach Bithynien und Kommagene.
Damit war wieder eine endgültige Entscheidung gefallen: seine
wissenschaftliche Tätigkeit blieb nun mit Kleinasien und besonders
mit diesen beiden Landschaften verbunden, so wie andererseits
die Erforschung jener Gebiete für die Zukunft unlösbar
mit seinem Namen verknüpft sein wird. 1940 holte ihn
der inzwischen nach Wien berufene Keil als wissenschaftlichen
Assistenten an die Kleinasiatische Kommission zur Bearbeitung
des Schedenapparates und Fortführung der epigraphischen
Sammelarbeit, besonders für Bithynien. Freilich mußte
er sein erfolgreiches Wirken wegen der Einberufung zum
Wehrdienst 1942 unterbrechen; zu Kriegsende wurde er in
Ostpreußen verwundet. Da es Josef Keil trotz aller Anstrengungen
nach Kriegsende nicht gelang, ihm eine dauernde Stellung
in Wien zu schaffen, war er 1945-1950 Lehrbeauftragter
für Alte Geschichte und Epigraphik an der Universität Tübingen.
1950 habilitierte er sich für Alte Geschichte an der Universität
Münster, wurde 1963 apl. Professor und 1965 Ordinarius
für Alte Geschichte, wobei die griechische und römische
Epigraphik ein Zentrum seiner Interessen bildete. Hier schuf
er sich 1971 mit der "Forschungsstelle Asia Minor" ein wertvolles
Forum und Instrument seines Wirkens. 1976 trat er in
den Ruhestand ein, 1983 übersiedelte er nach Nürnberg, um der
Familie seiner Tochter nahe zu sein und sich an dem Heranwachsen
der Enkel zu freuen. Auch im Ruhestand blieb Dörner
seiner alten Liebe, den Reisen zu den Stätten der antiken
Kultur, treu, er verband dies, wie schon vorher, mit der Führung
von Studienreisen für den 1967 von ihm begründeten
"Historisch-Archäologischen Freundeskreis". Auch seine rastlose
Vortragstätigkeit in Deutschland, Österreich, der Schweiz
und Holland diente dem Ziel, dem gebildeten Publikum die
Welt der Antike nahezubringen.

Schon 1948 hatte er die Sammelarbeit an den Inschriften
Bithyniens für die Kleinasiatische Kommission wiederaufgenommen,
seit 1951 setzte er auch seine Tätigkeit in Kommagene fort.
Als Leiter der deutschen Ausgrabungen gelang ihm einer
der großen Erfolge der kleinasiatischen Archäologie, die Entdeckung
und Freilegung der Königsresidenz Arsameia am
Nymphaios, wobei besonders auch der Fund der großen Inschrift
mit dem Nomos des Königs Antiochos 1. für das Hierothesion
seines Vaters Mithradates Kallinikos hervorzuheben
ist. Als Mitdirektor arbeitete er an den amerikanischen Ausgrabungen
auf dem Nemrud Dag bei der Erforschung des Hierothesions
dieses Antiochos 1. mit. Er war auch Leiter der
Restaurationsarbeiten auf dem Nemrud Dag.
Auch seine reiche Publikationstätigkeit als Autor vieler Bücher
wie Fachartikel und als Herausgeber stand vorwiegend im
Zeichen Kleinasiens, und hier wieder vor allem Bithyniens
und Kommagenes. Wir können nur auf das Allerwichtigste
hinweisen. Den Bericht über seine im Jahre 1948 in Bithynien
durchgeführte Reise veröffentlichte er 1952 in den Denkschriften
der phil.-hist. Klasse unserer Akademie; auch seiner Aufsätze
im Anzeiger sei dabei gedacht. Die Krönung dieser Forschungen
stellte der Bithynien geltende Faszikel lVII der Tituli
Asiae Minoris über Nikomedia und Umgebung dar, der 1978
erschien und mit dem die Reihe der TAM nach längerer Unterbrechung
eine dankenswerte Fortsetzung erfuhr. Als Herausgeber
betreute er zwei Bände "Forschungen an der Nordküste
Kleinasiens" im Rahmen der "Ergänzungsbände zu den
Tituli Asiae Minoris". Gemeinsam mit R. Merkelbach und
S. Sahin erarbeitete er in der Reihe "Inschriften griechischer
Städte aus Kleinasien" den Band über Kalchedon (Bonn
1980). Schon 1939 waren im Zusammenwirken mit R. Naumann
"Forschungen in Kommagene" erschienen. Danach hat Dörner
seine Grabungen in Kommagene der wissenschaftlichen Welt
in wichtigen Publikationen erschlossen, so vor allem, zusammen
mit Th. Goell, 1963 in dem grundlegenden Werk "Arsameia am
Nymphaios. Die Ausgrabungen im Hierothesion des Mithradates
Kallinikos von 1953-1956". Nicht nur an den Fachmann,
sondern zugleich auch an ein allgemeineres interessiertes Publikum
wandte sich sein Buch "Der Thron der Götter auf dem Nemrud
Dag. Kommagene - das große archäologische Abenteuer in
der östlichen Türkei" (3. Auf!. 1987, erstmals 1981 unter dem
Titel "Kommagene" erschienen). Der Wissenschaftsgeschichte
galt 1989 (2. Auf!. 1991) die Monographie "Von Pergamon
zum Nemrud Dag. Die archäologischen Entdeckungen Carl
Humanns", die er gemeinsam mit seiner Gattin Eleonore verfaßte.
Auch der Sammelband kleinasiatischer Forschungen
"Vom Bosporus zum Ararat" verlangt gesonderte Erwähnung;
Dörner gab ihn nicht nur heraus, sondern bereicherte ihn auch
durch eigene Beiträge (1981, schon 1984 in 2. Auf!. erschienen).
Sowohl das Österreichische wie das Deutsche Archäologische
Institut zählten Friedrich Karl Dörner zu ihren Mitgliedern.
Im Jahre 1938 heiratete er die Germanistin Dr. Eleonore
Benary, mit der er mehrfach auch wissenschaftlich zusammen
publizierte. Er selbst sagt von ihr: "In meiner Frau fand ich
die verständnisvolle Lebensgefährtin, die allen meinen Forschungen
lebendige Teilnahme entgegenbrachte und nie zögerte,
auch persönliche Opfer zu bringen, wenn es die Arbeit erforderte.“

Welch tiefe Bedeutung diese schönen Worte haben, zeigen
einige Sätze, die wir einem kurzen Erinnerungsporträt entnehmen,
das uns Frau Eleonore Dörner zur Verfügung gestellt
hat. Wir können nichts Besseres tun, als mit ihnen diesen
Nachruf abzuschließen:


"Jeden Morgen ging er fröhlich auf sein Tagewerk zu. Es
war ihm stets ein tiefer, erquickender Schlaf geschenkt, und
beim Erwachen folgten rastlos tätige Stunden. Für ihn gab es
keinen Unterschied zwischen Alltag und Ferien, es gab keinen
Achtstundentag und kein sogenanntes Abschalten, das aus
Nichtstun bestanden hätte. Er sah seine Erholung in der Abwechslung
seiner Aktivitäten.

,Ich konnte mein Leben lang das tun, was ich am liebsten tat', sagte er.

Brachten Reisen und Entdecken, Forschen und Lehren manche
Unruhe in sein Leben, widmete er sich regelmäßig am Abend mit
gespannter Aufmerksamkeit, mit Geduld und Beharrlichkeit dem Studium
von Texten oder der Entzifferung griechischer und lateinischer
Inschriften. Er verließ seine Schreibtischarbeit ungern, ging
selten in ein Konzert oder ins Theater. Er rauchte nicht, er
trank, besonders nach seinem Leberleiden im Krieg, nur selten
und wenig Alkohol. Aber auf seinem Schreibtisch und neben
dem Führersitz im Auto lag seine Mundharmonika. Er fuhr
leidenschaftlich gern Auto, und am Steuer des Wagens sang
er. Ebenso liebte er es, im Ausgrabungslager am Lagerfeuer
mit den Freunden zu singen. In England und Amerika nahm
er zum ersten Mal die Gelegenheit zum Volkstanz wahr. Er
liebte das Zusammensein mit Gleichgesinnten, die seine Interessen
teilten. Sein Lehramt machte ihm besondere Freude,
und er versuchte, seinen Studenten seine eigene Begeisterung
für das Altertum und seine eigene, gewissenhafte Arbeitsleistung
zu vermitteln.
Selbst streng erzogen und darauf angewiesen, sich den größten
Teil seines Studiums selbst zu verdienen, indem er Nachhilfestunden
gab und regelmäßig Fleißprüfungen ablegte, verlangte
er von seinen Schülern Ähnliches. Obwohl mancher
von ihnen seinem Herzen sehr nahe stand, wahrte er doch immer
eine gewisse Distanz. Es zeigte sich, daß ihn diese reservierte
Haltung nicht unbeliebt machte. In den schweren Tagen
der Studentenunruhen stand der Kreis seiner Schüler treu zu
ihm." -
"Seine türkischen Arbeiter gingen für ihn durchs Feuer. Es
kam wohl daher, daß er jeden von ihnen als gleichwertigen
Mitarbeiter behandelte, daß sie eine gerechte Behandlung erfuhren
und auf seine Hilfe rechnen konnten, wenn in ihren
Familien die Not zu groß war." -
"Immer wieder zog es ihn in die Türkei, trotz der schweren
Malariaanfälle, die er sich dort geholt hatte. Auf Reisen entfaltete er die schönsten Talente. Er fand den besten Weg, den
besten Rastplatz, und überschlug am Anfang seine Ausgaben,
sodaß er am Ende immer auf Heller und Pfennig auskam." -
"Die Ärzte, denen er sich mit seinem Herzleiden anvertraute,
setzten alles daran, ihm zu helfen. Die Schwestern im Krankenhaus
weinten, als sie mit uns an seinem Sterbebett standen.
Er lebte so gern und hätte auch gern noch länger gelebt.
Aber da die Kräfte nicht mehr reichten, ergab er sich tapfer
in sein Schicksal und starb in Würde."

GERHARD DOBESCH


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