Englische Philologie in Münster
bis zur Gründung des
Englischen Seminars
im Jahre 1905

1780

In der 1780 auf Betreiben des Ministers und Generalvikars Freiherr Franz von Fürstenberg gegründeten Landesuniversität des Fürstbistums Münster mit vier Fakultäten waren "aus dem Gardefond" zwei zusätzliche Stellen für einen "Französischen Sprachmeister" und einen "Englischen Sprachmeister" vorgesehen. Fürstenberg schreibt in einem undatierten Brief an den Fürstbischof: "Englische Sprachmeister sind zwei hier, man rühmt sie beide, einer ein Deutscher, der andere Engländer; letzteren kenne ich. Er hat eine gute Aussprache; spricht gut französisch, wenig deutsch, sein Name ist Gardiner." (Zitat aus Esser 1842.133-134)

Von Fürstenberg ist aber auch der Ausdruck "zweckwidrigen Belletristerei" belegt; literarische Studien wird es daher kaum gegeben haben. Der Landesuniversität war keine Kontinuität beschieden. General Blücher besetzt am 2.8.1802 Münster. Der nach dem Wiener Kongress bestätigte neue Landesherr Preußen hob 1818 die Universität zugunsten Bonns auf.

1828          

privatissime wird erstmals an der damaligen Katholischen und Theologischen Akademie Münster von dem außerordentlichen Professor für "alte und neue Literatur" Wilhelm Heinrich Grauert im Sommersemester 1828 im Index Lectionum angeboten: Shakespearii tragoediam aliquam explicandam offert, velut eam, quae inscribitur Romeo and Juliet. In der Folgezeit bietet er sporadisch weitere derartige Lektüreübungen an.

1839

Regelmäßig werden "Vorlesungen über neuere Sprachen" ab 1839 durch den Lektor Dr. Leopold Schipper angeboten, der hauptamtlich Lehrer, ab 1860 Oberlehrer, ab 1866 Professor am Gymnasium Paulinum war.

Schipper liest während seiner langjährigen Lehrtätigkeit zur englischen Literatur allerdings nur anfänglich über Byrons Bride of Abydos, und Manfred, über Popes Essay on Man und — in der Originalankündigung — über "Ossiani poema 'Fingal'". Ab dem Sommersemester 1841 bietet er nur je eine Shakespeare Veranstaltung an: Hamlet, Julius Caesar, Macbeth, Merchant of Venice, Merry Wives of Windsor, Othello, Richard III, Romeo and Juliet.

Die Schriften Schippers reichen ganz im Muster seiner Zeit noch von der klassischen Philologie über romanistische Themen bis zur Englischen Philologie. Unter anderem publiziert er: Irland's Verhältnis zu England: geschichtlich entwickelt, und O'Connells Leben und Wirken, 1844; The modern orator: Eine Sammlung der besseren englischen Parlamentsreden zur Privatlektüre und für höhere Bildungsanstalten, Heft 1, Chatham: Pitt, 1849; Shakespeare's Hamlet. Ästhetische Erläuterung des Hamlet nebst Widerlegung der Göthe'schen und Gervinus'schen Ansicht über die Idee und den Haupthelden des Stückes, 1862

Schipper erreicht 1863 nicht, zum außerordentlichen Professor ernannt zu werden, und verläßt die Akademie. In der Folgezeit bleiben in den Philologien allgemein die engen personellen Verbindung zwischen Gymnasium und Universität noch über weitere Generationen bestehen. Ein Großteil der frühen anglistischen wissenschaftlichen Publikationen wird von Gymnasiallehrern verfasst.

1864

Die erste "besoldete Docentenstelle für neuere Sprachen" wird vom preußischen Kultusministerium an der Königlich Theologischen und Philosophischen Akademie Münster eingerichtet. Bis zu einer Stellenbesetzung werden jedoch noch weitere 9 Jahre vergehen und erst ab 1876 wird es eine kontinuierliche und längerfristige Vertretung der "neueren Sprachen" an der Akademie geben. Im Münsterland sind dies bewegte Zeiten. Kleriker und Bischöfe werden verhaftet oder gehen ins Exil. Militär wird wegen Unruhen eingesetzt. Später wird das Wort von Rudolf Virchow"Culturkampf" mit dieser Zeit verbunden bleiben.

Im gleichen Jahr wird die Deutsche Shakespeare Gesellschaft gegründet, die mit ihrer Denkschrift an die deutschen Regierungen von 1865 auch allgemein "die Nothwendigkeit" darlegt "für die Hebung des Studiums der neueren Sprachen, namentlich der englischen Sprache und Literatur, auf den Gymnasien und Universitäten ... Sorge zu tragen". In England gründet der Privatgelehrte Frederick Furnivall die Early English Text Society. Viele deutsche Anglisten verdanken ihm eine herzliche Aufnahme und Einführung in England. Die Ehrendoktorwürde der Berliner Universität bestätigt später seine Wertschätzung in Deutschland.

1865

Vertretungsweise liest der Privatdozent Dr. Wilhelm Treitz über Shakespeares Julius Caesar und "Geschichte und Grammatik der englischen Sprache", nachdem er sich Ende 1864 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für romanische und englische Philologie habilitiert hatte. Seine akademischen Lehrer in Bonn waren unter anderen der seit 1821 zunächst mit einem "Lektorat für die südwesteuropäischen Sprachen" betraute Ordinarius Friedrich Diez und Nikolaus Delius, der ab 1852 das englische Lektorat wahrnahm und zum Extraordinarius ernannt worden war. Diez wird als Begründer der romanischen Sprachwissenschaft 1866 in den preußischen Orden Pour le mérite aufgenommen.

Treitz verläßt 1866 die Akademie, nachdem er als Privatdozent mit besoldetem Lehrauftrag nicht die in Aussicht gestellte Ernennung zum Extraordinarius erhält, und wird 1868 Ordinarius für neuere Sprachen und abendländische Literatur an der Philipps-Universität Marburg, der ältesten protestantischen Universität.

Einige anglistische Veröffentlichungen von Treitz: Über die Sprache des Orrmulum (Habilitationsschrift); "Gothische und angelsächsische Etymologie", Verhandlungen der 25. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Halle vom 1. - 4. Oktober 1867. De vocalibus neoanglosaxonicis, Marburg 1869.

1866

Der in Amsterdam geborene Bernard ten Brink, der 1861 in Essen das Abitur gemacht hatte und 1865 in Bonn bei Delius promoviert wurde (Coniectanea in historiam rei metricae franco-gallicae) habilitiert sich am 6.11.1866 in Münster für "neuere Sprachen" mithilfe der Bonner Fakultät mit einer romanistischen Arbeit (Kritische Untersuchungen über den Roman de Rou) und einem anglistischen Probevortrag (Über die Metrik Chaucers) und hält in Münster seine Antrittsvorlesung zur altfranzösischen Epik: Adeneti promovendam antiquam francogallorum poesiam epicam et auctoritate.

Da auch ten Brink in Münster nur mit besoldetem Lehrauftrag lehrt (Shakespeares Hamlet, Macbeth, Merchant of Venice und Byrons Childe Harold) und erst für das Jahr 1871 mit einer Einstellung als außerordentlicher Professor rechnen kann, folgt er Treitz Ende 1869 nach Marburg auf eine ordentliche Professur für abendländische Sprachen und Literaturen. Die Verbindungen zwischen Münster und Marburg bleiben auch in der Folgezeit bestehen.

Später wird ten Brink 1872 als erster ordentlicher Professor für Englische Philologie an die Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg durch das Berliner Reichskanzleramt ernannt und steht ab 1874 dort dem ersten eigenständigen Englischen Seminar an einer deutschsprachigen Universität vor. Ten Brink ist somit eine wichtige Gründergestalt in den Anfängen der deutschen Anglistik. 1890 übernimmt er das Straßburger Rektorenamt und hält seine Rektoratsrede Über die Aufgabe der Literaturgeschichte.

Die umfangreichen Schriften insbesondere zur englischen Literaturgeschichte und zu Chaucer erscheinen auch in Übersetzung in England: Specimen of a Critical Edition of Chaucer's Compleynte to Pite, with the genealogy of its MSS, Chaucer Society, 2nd Series, Part 2, 1874 (deutsch 1871); Early English Literature translated by H. M. Kennedy, 1883 (deutsch 1877); The Language and Metre of Chaucer translated by M. Bentinck Smith, 1901 (deutsch 1884, 1899, 1920)

1871          

Im Haushalt der Akademie ist 1871 das Extraordinariat für neuere Sprachen erstmals vorgesehen. Die Position bleibt vakant.

1872          

Der Münsteraner Carl Horstmann, der nach seinem Abitur am Gymnasium Paulinum an der Akademie die Fächer Deutsch, Französisch, Geographie, Geschichte, Griechisch und Latein studiert hatte und nach Examen und Promotion (De veterum tragicorum Romanorum lingua) im Jahre 1870 am Gymnasium Paulinum sein Probejahr als Lehrer ableistete, konnte nach einem Habilitationsverfahren in Münster Anfang 1872, das von ten Brink von Marburg aus betreut wurde (Leben Jesu, ein Fragment, und Kindheit Jesu: zwei altenglische Gedichte aus Ms. Laud 108) und einer dreisemestrigen Lehrtätigkeit als Privatdozent nicht die erhoffte Einstellung als Extraordinarius erreichen und übernahm daher 1873 eine Stelle als Lehrer an der Provincial-Gewerbeschule in Liegnitz, Provinz Schlesien.
      In der Forschertätigkeit Horstmanns kann man zum einen die staatliche Förderung von Auslandsaufenthalten, die großzügig gewährt wurde (Reise nach England im Kriegsjahr 1871), die enge Zusammenarbeit mit englischen Kollegen und die Mitarbeit in englischen Projekten in der noch jungen deutschen Anglistik beobachten, die erst durch den Weltkrieg verloren geht, aber auch die Schwierigkeiten einer beruflich gesicherten Existenz in der damaligen Universitätslandschaft.
      Horstmann ist geschätzter Herausgeber mehrerer Texte der Early English Text Society (z.B.: The Early South-English Legendary or Lives of Saints, 1. Ms. Laud, 108, in the Bodleian Library, London: Trübner, 1887. (Early English Text Society: Orig. Ser. 87). Er publiziert wiederholt auch in der Anglia, die Richard Paul Wülker, seit 1876 Leipziger Extraordinarius, im Jahre 1878 als unabhängiges Publikationsorgan für Anglisten in Deutschland gegründet hatte und die später viele Jahre in Münster herausgeberisch betreut wurde. Nach verschiedenen Zwischenstationen als Lehrer läßt er sich 1883 an die Berliner Universität umhabilitieren, gibt aber 1889 seine Oberlehrerstelle am dortigen Königstädtischen Realgymnasium auf und geht nach England.

1873          

Die Ernennung des Privatdozenten Dr. Eduard Mall zum außerordentlichen Professor für das Wintersemester 1873/1874 ist nur von kurzer Dauer. Bereits ein Jahr später wechselt er auf eine ordentliche Professur für neuere Sprachen an der Julius-Maximilians Universität in Würzburg. Malls akademischer Werdegang zeigt den damaligen Verbund der deutschen Universitäten untereinander und die Auffassung des Fachs "Neuere Sprachen", die jeweils in ihrer Breite zu berücksichtigen war: Studium ab 1863 in Bonn und Berlin, Promotion 1867 in Halle (De aetate rebusque Mariae Franconiae nova quaestio institultur), Habilitation 1871 in Breslau für "romanische und englische Philologie" (The harrowing of hell: Das Altenglische Spiel von Christi Höllenfahrt mit dem Probevortrag Das altfranzösische Volksepos und seine Bedeutung für die allgemeine Literaturgeschichte).


1875       

Nachdem in den Jahren 1874 und 1875 die Akademie "konfessionell simultan" reorganisiert und der Philosophischen Fakultät sieben neue Lehrstühle zugewiesen worden waren, tritt zum Sommersemester 1875 Dr. Hermann Suchier seinen Dienst als erster Ordinarius für neuere Sprachen an der Akademie an. Schon ein Jahr später nimmt er jedoch ähnlich wie sein Vorgänger einen Ruf auf eine Professur für romanische Sprachen und Literatur in Halle an. Dieser Wechsel kann auch als Teil des sich herausbildenden Spezialisierungsprozesses und der Etablierung der eigenen Fächer Anglistik und Romanistik verstanden werden, der in Münster allerdings erst 30 Jahre später institutionell vollzogen wird.
      In Halle ist Suchier wiederholt Dekan und 1901 auch Rektor der Universität. Sein Studium hatte er in Marburg begonnen. 1871 war er bei dem Germanisten Zarncke in Leipzig promoviert worden (Über das niederrheinische Bruchstück der Schlacht bei Aleschanz). Er habilitierte sich 1873 wiederum bei ten Brink noch in Marburg (Über die Quelle Ulrichs von dem Türlin und die älteste Gestalt der Prinse d'Orenge) für "romanische und englische Philologie" und war vor seinem Wechsel nach Münster für ein Semester in Zürich als Extraordinarius tätig gewesen.


1876    

Mit der Berufung des "Schulmannes" Dr. Gustav Körting zum ordentlichen Professor der "romanischen und englischen Sprachwissenschaft" zum Wintersemester 1876 beginnt eine Zeit der Konsolidierung und des Aufbaus. Körting kann bereits 1878 erreichen, daß eine Lektorenstelle eingerichtet wird und übernimmt 1885 das Rektoramt der Akademie. In diesem Amt kann er mit Nachdruck die Einrichtung einer weiteren Professur und damit die Trennung von Anglistik und Romanistik und eine offizielle Gründung des Romanisch-englischen Seminars ein Jahr später begleiten.
      Seine Leipziger Dissertation von 1867 über die Quellen des Roman de Rou betrifft den Gegenstand der Habilitationsschrift von ten Brink im Jahr davor. Er ist an verschiedenen Gymnasien in Sachsen tätig, zuletzt als "ordentlicher Oberlehrer" an der Kreuzschule in Dresden. Körting bietet in seinem Lehrprogramm in Münster auch Anfängerübungen und Grammatikkurse an und liest "Über den Unterricht in den neueren Sprachen an den höheren Schulen." Er macht sich als Autor von Grammatiken, Wörterbüchern, Satzbaulehren und literaturgeschichtlichen Handbüchern, Grundrissen und Enzyklopädien einen Namen: Encyklopaedie und Methodologie der englischen Philologie. 1888; Grundriss der Geschichte der englischen Literatur von Ihren Anfängen bis zur Gegenwart. 1893. Insgesamt behandelt er gleichermaßen französische, italienische, lateinische, griechische, auch neugriechische und englische Themen.
      Als Körting 1892 Münster verläßt und die ordentliche Professur für romanische Sprachen in Kiel übernimmt, ist dies ein weiterer Hinweis auf die sich abzeichnende Spezialisierung. Auch in Münster wird es in der Nachfolge Körtings keine Professur für "neuere Sprachen" mehr geben. Körting war der letzte Fachvertreter gewesen.

1878          

Körting gelingt es, eine neu eingerichtete Lektorenstelle mit dem Lektor Carl Deiters zu besetzen, der Sprachübungen und Grammatikveranstaltungen anbietet, aber auch neuere englische Literatur behandelt, wie Palgrave Simpsonis comoediam "Heads or Tails" im Wintersemester 1882/83. John Palgrave Simpson war ein noch lebender Autor, der heute jedoch nur Spezialisten bekannt geblieben ist. Die "Gegenwartsliteratur" hatte wohl damals wie heute ihre Bewertungsproblematik. Krankheitsbedingt kann Deiters in der Folgezeit seinen Lehrverpflichtungen nicht mehr nachkommen.


1883          

Körting betreut 1883 das erste eigenständige Habilitationsverfahren an der Akademie mit einer venia "Englische Philologie". Der Habilitand ist sein Landsmann Dr. Eugen Einenkel aus Leipzig, der bei Trautmann Über die Verfasser einiger neuangelsächsischer Schriften 1881 promoviert worden war und 1882 und 1883 in Bibliotheken in England geforscht hatte. Das Verfahren selbst ist in einer modernen Ausdrucksweise "kumulativ": Aufsätze und Rezensionen zumeist in der Anglia, sowie Vorarbeiten einer Ausgabe des Life of St. Katherine für die Early English Text Society. Ab 1886 ist Einenkel Leiter der englischen Abteilung, 1892 wird er zum ersten außerordentlichen Professor für Englische Philologie ernannt. Sein Lehrangebot deckt gleichermaßen die englische Literaturgeschichte bis zur Gegenwart und die englische Sprachgeschichte ab. Daneben hält er regelmäßig "englische Conversationsübungen" ab.
      Über viele Jahre betreut er von 1893 bis zu seinem Tod 1930 die Herausgabe der Anglia in der auch zahlreiche Beiträge von ihm selbst erscheinen. Seine Historische Syntax der englischen Sprache wird in einer zweiten und dritten Auflage in den renommierten Grundriß der germanischen Philologie aufgenommen. Auch nach seiner gesundheitlich bedingten vorzeitigen Emeritierung im Jahre 1904 arbeitet er intensiv an größeren Projekten mit, wie dem geplanten, aber nicht verwirklichten, großen Chaucer Wörterbuch von Ewald Flügel und ist international als Pionier der Erforschung der mittelenglischen Syntax geachtet.

Romanisches -Englisches Semianr

1886 Gründung des Romanisch-englischen Seminars am 1. April.

Körting hatte in einer Eingabe vom 8. 2. 1885 (Universitätsarchiv Münster, Film 52) auf andere deutsche Universitäten, die bereits zwei Professuren etatisiert hatten hingewiesen und die Arbeitsüberlastung für nur eine Professur in den Vordergrund gestellt, die schwere gesundheitliche Schäden (hochgradige Nervosität) nach sich ziehen könne. Bei der Seminargründung ging es um den Raum für eine Seminarbibliothek in der gleichzeitig "seminaristische Übungen" abgehalten werden konnten. Die seit dem Wintersemester 1886/87 in der Chronik der Königlichen Akademie festgehaltenen Belegzahlen und die entsprecehnden Vorgaben über Aufnahmezahlen müssen aus heutiger Sicht geradezu unwirklich erscheinen: 8 ordentliche, 12 außerordentliche Mitglieder und eine Anzahl Hospitanten sind zugelassen. Das gemeinsame Seminar wird in den Folgejahren kaum mehr als drei Dutzend Studenten gehabt haben. Der erste Jahresetat beläuft sich auf 600 Mark. Gemäß preußischer Verwaltungspraxis war bereits im Vorjahre ein "Reglement für das romanisch=englische Seminar der Königlichen Universität zu Münster" erlassen worden, das neben sprachlichen Besonderheiten (Es gibt bereits die "Studirenden", nicht die erwarteten "Studenten".) damalige Vorstellungen zum Universitätsstudium offenbart:

Reglement1885 A

1892          

Die Ernennung Einenkels zum außerordentlichen Professor und Fachvertreter für englische Philologie zieht auch eine Namensänderung in "Romanisches und englisches Seminar" nach sich.

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1900

Der Privatdozent Dr. Otto Luitpold Jiriczek aus Breslau vertritt als "kommissarischer Fachvertreter für englische Philologie" zunächst für zwei Semester Einenkel, der sich "zur Ausführung einer größeren wissenschaftlichen Arbeit" hatte beurlauben lassen. Zur Vorbereitung auf seine englische Lehrtätigkeit in Münster verbringt Jiriczek im Sommer 1900 einige Wochen in Oxford, um bei Henry Sweet phonetische Übungen zu machen. Um diese Zeit ist das eine fast schon traditionelle Schulung für deutsche anglistische Nachwuchswissenschaftler geworden. Die "gute Aussprache", die schon in der fürstbischöflichen Universität eine Rolle spielte, wird auch in die ministeriellen Ernennungsschreiben aufgenommen. Jiriczek ist später verpflichtet "ein um das andere Semester eine Vorlesung in englischer Sprache zu halten".
      Einenkel wird aus Krankheitsgründen seinen Dienst jedoch nicht mehr aufnehmen können. Gerüchte, daß Einenkel als Protestant aus Gründen konfessioneller Diskriminierung nicht mehr auf seine Professur zurückkehrt, beschäftigen den Landtag und müssen eigens von den Münsteraner Stellen zurückgewiesen werden. Jiriczek gründet einen "Akademischen Englischen Lesezirkel", der auch Bücherkäufe für die Seminarbibliothek tätigt, die sich bis heute im Bestand befinden. Sein Lehrauftrag wird nach der vorzeitigen Emeritierung Einenkels 1905 in eine Nachfolge auf der außerordentlichen Professur umgewandelt. Zum 1. April 1908 wird er der erste ordentliche Professor für Englische Philologie in Münster. Aber schon ein Jahr später folgt er wie Eduard Mall eine Generation vor ihm einem Ruf nach Würzburg wo er bis zu seiner Emeritierung 1934 tätig ist.
      Im akademischen Werdegang von Jiriczek läßt bereits in der Gymnasialzeit in Brünn, Mähren, englischer Sprachunterricht nachweisen. In Wien studiert er Germanistik und promoviert Ende 1890 mit einer Arbeit über Die Innere Geschichte des Alphartliedes. Nach Reisen durch die skandinavischen Länder fölgt 1893 die Habilitation in Breslau für "deutsche und nordische Philologie" mit einer Arbeit Zur Geschichte der Bósa-Saga. In Breslau lehrt er sehr erfolgreich und hat 1899 Rufe auf germanistische Professuren in Breslau, Prag und Basel in Aussicht.

1902          

Die Akademie wird feierlich in den Rang einer Universität erhoben.

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1905

Gründung des Englischen Seminars am 3. Juni
      Jiriczek gelingt es, den Personalbestand zu mehren. Bereits im Februar 1905 habilitiert sich Dr. Wilhelm Heuser, der 1886 in Göttingen promoviert wurde, in Münster und lehrt als Privatdozent am Seminar. Lehraufträge haben Professor Dr. Holtermann vom Städtischen Realgymnasium und der Lektor Professor Hase. Jiriczeks Lehre ist wohlorganisiert. Über drei Semester liest er über historische Grammatik der englischen Sprache, aber auch über "Neuenglische Formenlehre, historisch erklärt" und über "Elemente der Phonetik mit besonderer Rücksicht auf die englischen Sprachlaute". Seine Vorlesungen zur "Geschichte der Englischen Literatur" gehen ebenfalls über mehrere Semester und werden durch Einzelthemen wie "A Midsummernight's Dream" und Seminare zu Morris und Rossetti ergänzt.
      Jiriczek gibt ab 1906 die Münster'schen Beiträge zur englischen Literaturgeschichte heraus, die ab 1911 in Würzburg weitergeführt werden. Erst 1937 gibt es mit den Münsterer Anglistischen Studien von Wolfgang Keller wieder eine lokale Schriftenreihe.

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Quellen         

Alois Brandl, 1936. Zwischen Inn und Themse, Lebensbeschreibungen eines Anglisten.
      Berlin
Anton Eitel, 1953. "Von der Alten zur Neuen Universität in Münster", Schriften der
      Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität, H. 31, Münster.
Wilhelm Esser, 1842. Franz von Fürstenberg. Münster
Thomas Finkenstaedt, 1983. Kleine Geschichte der Anglistik in Deutschland, Eine
      Einführung. Darmstadt.
Gunta Haenicke, 1976. "Chronik des Englischen Seminars der Westfälischen Wilhelms-
      Universität von den Anfängen bis zur Übernahme des Lehrstuhls durch Edgar
      Mertner. 1. Chronologischer Überblick, 2. Bio-Bibliographien der Fachvertreter,
      3. Frühe Statuten und Jahresberichte 1905/ 1906" in: Edgar Mertner, eine
      akademische Chronik. herausgegeben von Bernhard Fabian. Münster, als
      Manuskript gedruckt, nicht für den Handel bestimmt.
Gunta Haenicke, 1979. Zur Geschichte der Anglistik an deutschsprachigen Universitäten,
      1850 - 1925. [Augsburger I & I Schriften, Band 8]
Gunta Haenicke, 1981. Biographisches und bibliographisches Lexikon zur Geschichte
      der Anglistik an deutschsprachigen Universitäten, 1850 - 1925. [Augsburger I & I
      Schriften, Band 11]
Alwin Hanschmidt, 1967. Franz von Fürstenberg als Staatsmann, Die Politik des
      Münsterschen Ministers 1762 - 1780. Dissertation, Münster.
Hans-Joachim Hermes, 1977. "Aus der Geschichte der Anglistik in Münster. Von den
      Anfängen bis zum 'Romanischen und englischen Seminar'." Bibliotheksnachrichten
      Hg. Universitätsbibliothek Münster, Heft 197.3-9.
Otto Luitpold Jiriczek, 1906. "Englisches Seminar", Chronik der Königlichen Universität
      zu Münster für das Jahr vom 1. April 1905 bis 31. März 1906, 20,21-22.
Helga Oesterreich u. a. 1988. (Hg.), Bibliothek in vier Jahrhunderten. Jesuitenbibliothek
      Bibliotheca Paulina / Universitätsbibliothek in Münster 1588-1988. Münster.
Ludwig Wiese, 1906. "Münster. Von den Anfängen bis 1908/09." Kritischer
      Jahresbericht über die Fortschritte der romanischen Philologie 10.IV.145-155.
Hideo Yamaguchi, 1956. A Reader's Guide to Anglia. Tokio.